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Thema des Tages Blick. Richtung. Zukunft.

Die Heeresfliegerwaffenschule Bückeburg heißt ab 2015 Internationales Hubschrauberausbildungszentrum. Bereits heute werden dort Piloten aus anderen Nationen geschult. Außerdem steht eine Verzahnung in die zivile Wirtschaft im Fokus.

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Major Alexander Stehl (links) und Oberstleutnant Ecki Paulick sind zum Abflug mit einem EC 135 Helikopter bereit.

Quelle: js

Von Jan Schaumburg

Die Heeresfliegerwaffenschule Bückeburg bietet jungen Flugschülern bereits seit mehr als 50 Jahren die Möglichkeit, den Traum vom Fliegen Realität werden zu lassen. Grundlegend wird sich daran auch 2015 nichts ändern, wenn die Institution im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr unter dem Namen Internationales Hubschrauberausbildungszentrum firmiert.

Denn bereits heute arbeitet die Heeresfliegerwaffenschule Bückeburg mit zivilen Firmen zusammen, die sich beispielsweise um die Wartung der Helikopter kümmern. Seinem zukünftigen Namen wird der Standort Bückeburg ebenfalls schon gerecht. Auf dem Gelände in Achum werden Piloten aus Spanien, Schweden und Norwegen ausgebildet.

Bevor ein Flugschüler der Bundeswehr aber in den Genuss der Fliegerei kommen kann, muss er eine harte Aufnahmeprüfung bestehen. Die Aspiranten müssen ihr Abitur bestanden haben und während des Auswahlverfahrens verschiedene Testphasen durchlaufen, bei denen rechnerische Fähigkeiten, Leistungsbereitschaft sowie Führungsfähigkeit geprüft werden. Schließlich werden alle Piloten auch zu Offizieren ausgebildet. Anschließend müssen die Kandidaten eine fünftägige medizinische Untersuchung bestehen, in der die körperliche und psychische Eignung für den harten Job als Helikopterpilot festgestellt wird.

„Wir möchten nicht in jemanden investieren, der die fordernde Ausbildung am Ende nicht packt“, kommentiert Presseoffizier Michael Baumgärtner das Prozedere. Je intensiver die Testphase, umso wirtschaftlicher die Ausbildung, argumentiert der Oberstleutnant. Untermauert wird das durch die Abbruchquote. Bei den jährlich 80 bis 90 Offiziersanwärtern, die sich in den Auswahlverfahren durchsetzen konnten und die 15-monatige Helikopterausbildung starten, liege sie bei deutlich unter einem Prozent.

Schon während des dreimonatigen Theorieteils zu Beginn der Ausbildung dürfen sich die zukünftigen Piloten in ein Cockpit wagen. Allerdings hebt dieses nicht ab, sondern ist Teil eines Simulators, mit dem die Schüler virtuell den Boden unter den Füßen verlieren.

Nicht ohne Stolz führt Oberstleutnant Thomas Mallwitz vor dem Simulatorgebäude in die Materie ein. „Wir haben in Bückeburg die derzeit weltbesten Hubschraubersimulatoren“, sagt er. Über 14 Projektionsdome verfügt die Heeresfliegerwaffenschule. Acht für den Schulungshelikopter EC 135, vier für den Transporthubschrauber CH 53 und zwei für den NH 90 – ebenfalls Transporthubschrauber – in einem anderen Gebäude. „Wir können die gesamte Bandbreite des Flugbetriebes darstellen“, erklärt Mallwitz.

Jeder einzelne Dom wiegt 13 Tonnen und hat sechs hydraulische Beine, die durch ihre Bewegungsmöglichkeiten realistische Bedingungen im Simulatorcockpit schaffen. Damit dort ein homogenes Bild entstehen kann, sind acht Projektoren nötig, um die Simulation, die das gesamte Blickfeld umfasst, möglichst lebensnah wirken zu lassen. Dafür ist eine enorme Rechenleistung notwendig. Sieben Terabyte Datenumfang werden benötigt, um Deutschland komplett und realitätsgetreu überfliegen zu können.

„Man kann problemlos von Innsbruck bis Helgoland fliegen“, führt Mallwitz aus. Von einer Kontrollstation aus kann der Ausbilder die Bedingungen für den Simulatorflug einstellen. Wetter, der Stand der Sonne, Windstärke, Lautstärke und Vibrationen – je nach Voreinstellungen kann der Hubschrauber von einem Anfänger geflogen oder hochkomplexe Übungen für Fortgeschrittene einstudiert werden, wie etwa das Fliegen bei Unwetter oder das Brown-Out-Szenario. Dabei trainieren die Flugschüler eine Landung in Nordafghanistan (das ebenfalls kartografiert vorhanden ist) unter realen Bedingungen – einschließlich der immensen Staubaufwirbelung, die die Sicht stark behindert.

Von der Kontrollstation beobachtet der Ausbilder die Flugschüler bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Kameras im Inneren des Cockpits nehmen jede Regung der Piloten wahr – die im Nachgang in der Debriefing Station ausgewertet werden. „Hier wird so lange geübt, bis alles sitzt“, stellt Mallwitz klar.

Dass sich die 200 Millionen Euro, die vor einigen Jahren in den Gebäudekomplex investiert wurden, gelohnt haben, zeigt Mallwitz auf. „Wir konnten in den letzten zehn Jahren 500 Millionen Euro einsparen, da weit weniger Realflugstunden für die Ausbildung nötig sind.“ Damit dies auch in Zukunft so bleibt, kümmert sich eine 15-köpfige Mannschaft der Canadian Aviation Electronics mit Firmensitz in Montreal um die Wartung der Simulatoren.

Während die Bundeswehr jene acht EC 135- und vier CH 53-Simulatoren ihr Eigen nennt, unterhält im Gebäude gegenüber die Helicopter Flight Training Services GmbH (HFTS) die verbliebenen zwei Projektionsdome für den Helikopter NH 90. Hauptabnehmer dieser Simulatoren ist freilich die Bundeswehr, aber auch andere europäische Streitkräfte oder Institutionen wie die Bundespolizei oder die ungarische Luftrettung können dort Flugstunden buchen.

Internationalität ist auch ein Stichwort während der Ausbildung der Helikopterpiloten in Bückeburg. In den Hörsälen wird seit einigen Jahren ausschließlich Englisch gesprochen. Grund sind unter anderem die Schweden: „Seit 2008 stellt die Heeresfliegerwaffenschule einen internationalen Hörsaal für zwölf Flugschüler zur Verfügung. Diese Ausbildungsplätze werden derzeit vorrangig durch Flugschüler der schwedischen Streitkräfte genutzt“, führt Baumgärtner aus. „Außerdem ist die internationale Arbeitssprache in der Fliegerei ohnehin Englisch.“

Freie Ausbildungsplätze in diesem Hörsaal werden auch durch andere Nationen, wie etwa Spanien oder Norwegen, genutzt. „Betriebseigene Ausbildungseinrichtungen lohnen sich für diese Streitkräfte aufgrund der geringen Stückzahl eigener Helikopter einfach nicht“, sagt Oberstleutnant Rudolf Fendt, der sich für den Ausbildungsbereich NH 90 verantwortlich zeichnet. Auch für die Zukunft spielt die Flexibilität der Ausbildung eine große Rolle. Beispielhaft erwähnt Baumgärtner die Zusammenarbeit mit der belgischen Luftwaffe. Der Simulations- und Theorieteil fand in Bückeburg statt, im Anschluss gingen deutsche Fluglehrer ins Nachbarland, um dort belgischen Flugschülern auf belgischen NH 90 Helikoptern das Fliegen beizubringen.

Normalerweise lernen die Auszubildenden in Bückeburg das Fliegen zunächst auf dem Schulungshelikopter EC 135. „Dieser bietet mit seiner modernen computergestützten Instrumentierung, dem sogenannten Glascockpit, beste Voraussetzungen, um nach der grundlegenden Ausbildung unmittelbar auf die modernen Einsatzhubschrauber wie Tiger und NH 90 umgeschult werden können“, sagt Baumgärtner.

Die zwölfmonatige praktische Ausbildung auf dem Schulungshelikopter wird ausschließlich in Bückeburg absolviert. Auf eigens angefertigten Übungsplätzen rund um das Stadtgebiet proben die Flugschüler verschiedene Szenarien, etwa das Landen auf hügeligem Terrain oder das Formationsfliegen im Luftraum.

Auch beim Schulungsbetrieb mit dem EC 135 ist eine zivile Firma beteiligt. 14 Maschinen stehen in Bückeburg zur Verfügung, sie sind alle im Besitz der Bundeswehr. Die Wartung und Instandsetzung übernimmt allerdings Airbus Helicopters, die ihren Firmensitz in     Marignane, Frankreich, hat. Dies hat einen einfachen Grund: „Der Schulungshelikopter EC 135 wird nicht im militärischen Einsatz verwendet, entsprechend macht es keinen Sinn, Soldaten für die Instandsetzung auszubilden“, erklärt Oberstleutnant Fendt. 15 Mitarbeiter kümmern sich vor Ort darum, dass jeden Tag elf Maschinen einsatzbereit sind. Außerdem übernehmen sie die Wartung vor und nach jedem Flugeinsatz.

An Beschäftigung mangelt es ihnen nicht, da jeder Pilotenanwärter mindestens 92 Stunden Realflug (neben 100 Stunden im Simulator) hinter sich gebracht haben muss, bevor er die Ausbildung in Bückeburg abschließen kann. Nach bestandener Prüfung folgt die Weiterschulung im größeren und schwereren NH 90 Helikopter in Bückeburg. Zukünftige Kampfpiloten des Helikoptertyps „Tiger“ werden in Frankreich geschult.

Daran wird auch die Neuausrichtung der Bundeswehr nichts ändern. Baumgärtner sieht das künftige Internationale Ausbildungszentrum für die kommenden Aufgaben gewappnet, denn „für unsere qualitativ hochwertige Ausbildung und effiziente Ausbildungsprogramme sind wir seit Jahren weltweit anerkannt. Das macht uns als Kooperationspartner für die Ausbildung von Hubschrauberpiloten für die Streitkräfte anderer Nationen attraktiv.

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