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Blut geleckt

Blutegel-Behandlung Blut geleckt

300.000 Blutegel verschickt allein die Biebertaler Blutegelzucht jedes Jahr in Deutschland. Selbstbehandlung mit den kleinen Beißern steht im Trend. Zur Schmerzlinderung, zur Heilung von Entzündungen und zur Durchblutungsförderung sollen sie  einsetzbar sein. Doch wer kommt überhaupt auf die Idee, sich die unappetitlich aussehenden Tiere auf die Haut zu setzen?

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Von Claudia Masthoff

Da wird in kleiner Frauenrunde an einem Dienstagabend im Rintelner Ortsteil Hohenrode eine ganz neue Idee geboren: Tupperpartys werden für out erklärt, ab sofort sollen Egelpartys gefeiert werden. Die seien weitaus nützlicher und genauso gesellig, so der Tenor der Anwesenden.
Die ganze Geschichte fing mit einem begeisterten Hufschmied an, der von der Blutegeltherapie schwärmte. Am Pferde, wohlgemerkt. Und es gab einige Menschen, die neugierig wurden. Wo kommen die denn her, die Blutegel? Und wobei sollen die helfen?
Die Frage der Herkunft war leicht zu klären. Im schönen Biebertal nahe Gießen gibt es eine bundesweit einmalige Einrichtung: die Biebertaler Blutegelzucht (bbez). Die haben als ganz kleiner Betrieb im Rahmen öffentlicher Förderung von Langzeitarbeitslosen die Nische der Egelvermarktung entdeckt. Mit einer Produktion von 5 000 Egeln im Jahr hat das Projekt 1989 begonnen.
Dank der eigenen Begeisterung, die die Biebertaler bald auch teilen wollten – innerbetrieblich wurde das zweite Standbein Seminarwesen aufgebaut – hat es der Egel heute bundesweit zu einer kleinen Renaissance gebracht. Derzeit werden jährlich 300 000 Egel vom bbez verschickt. Jedes Jahr besuchen etwa 700 Ärzte, Heilpraktiker und interessierte Laien die Kurse rund um die Behandlung mit Blutegeln. „Für Therapeuten und Patienten gilt es, eine gewisse Hemmschwelle zu überwinden. Da können Ängste, Ekel und schlicht die Unsicherheit ‚Wie macht man das eigentlich?‘ im Spiel sein“, berichtet Michael Aurich, Biologe und Seminarleiter in Biebertal. „Aber Sie würden staunen, wenn Sie sehen, wie schnell sich unsere Teilnehmer mit den Blutegeln anfreunden“, sagt der promivierte Wissenschaftler
Das können die Anwesenden des kleinen Egeltreffens in Hohenrode nur bestätigen. Kaum hat Martina Sanders, Fachärztin für Neurologie in der Laßbrucher Oberbergklinik und Absolventin vieler Biebertaler Seminare, ihr Glas mit Egeln ausgepackt, wird es von allen Anwesenden sehr neugierig beäugt. Einige schlanke Egel, dunkel gefärbt, mit einem feinen Streifen an der Seite, schlängeln sich lebhaft im klaren Wasser. Andere haben sich an Glas und Deckel fest gesogen und „hängen erst mal ab“. „Ach, die sehen ja recht hübsch aus“, lautet ein Kommentar, und auch die Patientin, die sich als Versuchskaninchen für die Gruppe zur Verfügung gestellt hat, findet die Tierchen eher possierlich und interessant.
An das Knie von Carla Friedrich sollen die Egel heute angesetzt werden. Das macht ihr nämlich schon seit vielen Jahren zu schaffen. Mit einem Unfall in der Jugend fing die Krankengeschichte an, und heute ist für die 61-Jährige daraus eine ausgewachsene schmerzhafte Arthrose geworden.
Egeltherapeutin Sanders erklärt, Arthrosen, und damit entzündliche und schmerzhafte Prozesse, würden zu den Haupteinsatzgebieten der Blutegelbehandlung gehören. Die Tiere würden bei ihrem Biss über den Speichel medizinisch wirksame Substanzen an den „Wirt“ abgeben.
Auch Sanders, die den Neugierigen beim dörflichen Treffen gern Rede und Antwort steht, hat bereits viel mit den Egeln experimentiert, vorzugsweise an sich selbst. Herpes, Halsschmerzen und Nebenhöhlenvereiterung seien bei ihr nach einer Egelbehandlung schon praktisch im Handumdrehen verschwunden, so die Neurologin.
Sanders möchte Mut zur Selbstbehandlung an alle Anwesenden der „Egelparty“ weitergeben. „Man kann die Egel in der Apotheke kaufen. Und nach dem heutigen Abend wird jede hier wissen, wie man ihn ansetzt. Das ist eine wunderbare Methode der Selbstbehandlung. Große Chance auf Wirksamkeit und keine gefährlichen Nebenwirkungen“, erläutert die erklärte Anhängerin der sogenannten Empowerment-Idee.
Doch heute soll Carla Friedrich erst einmal in der Sicherheit der anwesenden Expertin die Egeltherapie kennenlernen. „Mach es dir bequem“, lautet die erste Anweisung an die Patientin, denn für die Behandlung braucht es Zeit und Ruhe. „Und nach der Behandlung ist Schonung angesagt, denn die Bissstellen bluten noch eine Weile nach“, hat Sanders schon im Vorhinein klar gemacht. Deshalb trifft man sich am frühen Abend, wo die Möglichkeit zur notwendigen Erholung und Entspannung am ehesten gegeben ist. Das zu behandelnde Bein wird hochgelegt, ein Handtuch darunter ausgebreitet, und dann kann es losgehen.
Vorsichtig fischt Sanders die Egel mit einem Teelöffel aus dem Glas und platziert sie am Knie. Zwei an die linke Seite, zwei an die rechte. Neugierig und kein bisschen beunruhigt beobachtet die Patientin das Geschehen. Ein kleines „Autsch, jetzt beißt er“, entfährt ihr schließlich doch, als der erste Egel sich an die Arbeit macht. Doch schlimm sei es nicht, meint sie. „Etwa so wie, wenn man in eine Brennnessel fasst“, erklärt Friedrich weiter, während sie versucht die saugenden Egel mit dem Handy zu filmen. Egel leisten echte Schwerstarbeit bei der Nahrungsaufnahme, das kann man sehen.
„Sie sammeln in den Verzweigungen ihres Darms die Blutplättchen und scheiden das Serum über die Haut sofort aus“, weiß Egeltherapeutin Sanders. Das erklärt den feuchten, tropfenden Film, der die heftig pumpenden und immer dicker werdenden Egel überzieht. Bis sie gesättigt und offensichtlich völlig erschöpft loslassen, haben sie ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Größe erreicht. Doch bis es so weit ist, braucht es Geduld. Bei Friedrich dauert es zwei Stunden, bis auch der letzte Egel satt geworden ist. Gut für die Egel: zum Verdauen haben sie jetzt ein halbes Jahr Zeit. Erst dann meldet sich der nächste kleine Hunger wieder.
Für diesen Zeitraum können die Patienten ihre Egel auch als Haustiere im Glas halten, um sie dann gegebenenfalls wieder einzusetzen. Oder man gibt sie der Therapeutin mit. Wenn diese tierlieb ist, schickt sie die kleinen Helfer gegen eine geringe Gebühr zurück ins Biebertal, wo sie in die Rentnerbecken, eine Reihe von vormaligen Fischteichen, gesetzt werden. Die Egel ein zweites Mal an einem anderen Patienten einzusetzen, kommt aus hygienischen Gründen nicht infrage, und so werden doch auch viele Egel nach dem Einsatz getötet. Man tut sie in die Gefriertruhe und hofft, dass sie bei dieser Methode einfach sanft einschlafen.
Die Plaudereien in Friedrichs gemütlichem Wohnzimmer sind beendet. Der Tee ist ausgetrunken. Die Keksschüssel leer. Langsam löst sich die kleine Gesellschaft auf. Für Patientin Friedrich steht jetzt noch die Versorgung der Bisswunden auf dem Programm. Da reichen ein wenig gefaltetes Küchenrollenpapier und ein Tuch, das für den Halt dort herum gebunden wird. So kann es ins Bett gehen. Gespannt wartet Friedrich, was die nächsten Tage bringen werden. „Jetzt tut mein Knie erst mal weh. Das lange ausgestreckte Liegen mag es nämlich gar nicht“, meint sie beim Abschied. Doch schon am nächsten Morgen schickt sie eine WhatsApp-Nachricht herum: „War heute Morgen Pferde füttern. Ohne Schmerzen im Knie. Ausrufezeichen und dicker lachender Smiley.“

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