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Britischer Botschafter im SN-Interview

„Natürlich gibt es Klischees“ Britischer Botschafter im SN-Interview

Der britische Botschafter Sir Simon McDonald hat seinen Aufenthalt in Stadthagen auch für einen Redaktionsbesuch bei den Schaumburger Nachrichten. Dort stand der Diplomat den SN-Redakteuren Rede und Antwort zu Fragen rund um die Themen Euro-Krise, dem Deutschlandbild in seiner Heimat und der Flüchtlingspolitik.

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Mann der klaren Worte: Seit fünf Jahren vertritt Sir Simon McDonald die Interessen seiner Regierung und der Queen in Deutschland. Im Oktober endet seine Zeit als Botschafter in Berlin.

Quelle: rg

Stadthagen. Herr McDonald, wenn Sie die Diskussion um den Austritt Griechenlands aus der Eurozone verfolgen: Wie froh sind die Briten, dass sie keinen Euro haben?
Froh ist, glaube ich, das falsche Wort. Grundsätzlich gibt es eine geringe Unterstützung für eine britische Mitgliedschaft im Euro. Diese liegt zwischen vier und fünf Prozent. Es ist unwahrscheinlich, dass England der Eurozone beitritt. Ich glaube, dass das auch mittel- und langfristig so bleibt. Als größter Handelspartner der Eurozone haben wir aber Interesse an einem starken Euro. Die Lage ist derzeit heikel, die jüngste Abstimmung im Bundestag deutet in Richtung Fortschritt. Die Haltung bei den Briten ist, dass sie nicht für die griechischen Schulden zahlen wollen. Sie meinen, dass sie nur für das Pfund zuständig sind. Vor fünf Jahren hatten wir selbst riesige Probleme. Deren Lösung hat den britischen Steuerzahler 60 Milliarden Pfund gekostet.

Gibt es in Großbritannien mehr EU-Kritiker als in Deutschland?
Ich glaube nicht. Bei der jüngsten Europawahl hatten die EU-Skeptiker auch in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland Erfolg. Europakritische Gefühle gibt es überall. Das Neue ist, dass es mittlerweile auch eine Feindlichkeit gegenüber der EU gibt. Das ist kein britisches Phänomen. Ich hoffe, dass es nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist. Wir müssen aber mit diesen Menschen diskutieren.

In Großbritannien steht ein Referendum zum EU-Verbleib an. Halten Sie dies für notwendig und richtig?
Es gibt eine andere Perspektive von Großbritannien auf die EU als von Deutschland aus. Für die Briten ist die Gemeinschaft in der Vergangenheit nur ein ökonomisches Projekt gewesen. Während der Krise und der Rezession war die Begeisterung für die Europäische Union niedriger, weil ein wirtschaftliches Projekt ohne Wachstum ein Problem hat. Aber wir wissen als Briten, und Premierminister David Cameron weiß, dass Großbritannien ein Teil der EU ist und nicht ein ausschließlich wirtschaftlicher. Die Europäische Union ist gleichzeitig eine Wertegemeinschaft, die für alle Menschen wichtig ist. Kurz gesagt: Wir brauchen in Großbritannien eine Debatte, damit wir über die Alternativen nachdenken. Hoffentlich wird das Referendum den Anstoß für diese tiefere Debatte geben. Normalerweise gibt es nur eine knappe Mehrheit pro Europa. Aber wenn die Frage lautet: Soll Großbritannien in einer reformierten EU bleiben, dann sind 70 Prozent dafür. Es braucht aber Reformen.

Welche Reformen in der EU sind aus Ihrer Sicht wichtig?
Die EU soll bürgernaher werden. Die nationalen Parlamente haben bisher wenig Einfluss auf die Europäische Union. Deren Rolle sollte ausgebaut werden. Auch das Verhältnis von Euro-Staaten und den Ländern, die keine Gemeinschaftswährung haben, sollte sich ändern. Mittlerweile haben 19 Staaten den Euro. Damit gibt es eine sogenannte qualifizierte Mehrheit der Eurozone. Diese kann alles entscheiden. Wir müssen aber die Interessen der Nicht-Euro-Länder wie Polen, Dänemark und Großbritannien schützen.

Wie sieht es mit der Flüchtlingspolitik aus, die in den vergangenen Monaten ein beherrschendes Thema war?
Die Migrationspolitik ist ein umstrittenes Thema. Das Problem ist nicht die Migration selbst. Früher hat die Regierung in Westminster alles kontrolliert, jetzt liegt die Verantwortlichkeit in Brüssel. Die Briten wollen aber wieder mehr Kontrolle für die nationale Ebene, auch um dem Missbrauch vorzubeugen. Im Moment können wir nichts dagegen machen. So wie es jetzt ist, ist es für die Briten inakzeptabel. Wir brauchen eine langfristige nachhaltige Migrationspolitik. Es ist nicht nur eine Frage der Verteilung der Flüchtlinge in der EU. Was wir brauchen, ist eine gute Entwicklungshilfe in Afrika und im Nahen Osten. Die jungen Menschen brauchen eine Zukunft zu Hause, nicht in Deutschland, Italien oder Großbritannien. Da Großbritannien als einziger G-7-Staat die versprochenen 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe zahlt, fordern wir dafür einen größeren Etat. Zweitens darf es keinen Automatismus mehr geben, dass das Verlassen Afrikas zur Aufnahme in der EU führt. Derzeit wissen die Flüchtlinge: Wenn ich auf einem Boot im Mittelmeer bin, komme ich in die EU. Vor etwa zehn Jahren gab es eine Flüchtlingswelle auf den Kanarischen Inseln. Damals gab es diesen Automatismus nicht. Wenn ein Flüchtling die Kanarischen Inseln erreichte, wurde er umgehend nach Mauretanien gebracht. Dort geschah die Prüfung, ob die Personen Flüchtlinge waren oder nicht. Wir brauchen einen solchen Prozess in Nordafrika, dann reißt die derzeitige Flüchtlingswelle auch ab, denn es gibt kein sicheres, attraktives Ziel für die Flüchtlinge. Ein Teil sind derzeit echte Flüchtlinge, aber nur ein Teil.

Zum Lokalen: In Bad Nenndorf wird seit Jahren Anfang August von Neonazis ein sogenannter Trauermarsch abgehalten. Sie wollen damit an Verfehlungen der britischen Armee in den ersten Monaten nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Wie bewerten Sie das?
Ich glaube, dass die Aussöhnung zwischen Großbritannien und Deutschland eine riesige Errungenschaft ist. Ich kenne die Vorgänge in Bad Nenndorf zwar nicht, aber ich glaube, dass die Demokratie in Deutschland wichtig ist. Die Bürger sind sehr engagiert und ich bin überzeugt, dass die Anhängerschaft dieser Entwicklung viel größer ist als die kleine Minderheit, die sich für solche Episoden interessiert.

Sie haben vor 25 Jahren schon einmal in der britischen Botschaft gearbeitet. Wie sehr hat sich Deutschland seitdem verändert?
1990 gab es nur ein Thema: die Wiedervereinigung. Selbst der WM-Sieg ist zur Nebensache geworden. Mittlerweile gibt es eine beeindruckende Vielfalt in der Politik. Deutschland spielt eine wichtige Rolle auf der internationalen Bühne. In Bezug auf die Ukrainepolitik ist Deutschland zum wichtigsten und entscheidenden Partner Großbritanniens geworden. Die gemeinsame Politik wird in Berlin gemacht. Das ist etwas Neues. Deutschland war vor 25 Jahren der kleinste der Partner. Mittlerweile ist es auf Augenhöhe, manchmal sogar ein Erster unter Gleichen.

Was gefällt Ihnen an Deutschland?
Ich schätze den Fußball in Deutschland. Ich wohne in Berlin, aber Hertha BSC ist nicht so stark wie der FC Bayern München. Ich mag auch die deutschen Autos. Privat fahre ich einen Audi, davor hatte ich einen Mini. Und das Leben in Berlin! Es ist zu einer der Kulturhauptstädte Europas geworden.

Vermissen Sie etwas aus Ihrer Heimat?
Ich glaube, dass ich vieles, was ich mag, auch in Deutschland habe. Meine Lieblings-TV-Serien kann ich über das Internet sehen. Aber meine vier Kinder wohnen nicht hier. Das ist ein Dauerthema für Diplomaten.

Wie erklären Sie sich das Deutschlandbild in Großbritannien? In den Boulevard-Zeitungen wird immer noch das Bild mit der Pickelhaube gepflegt.
Natürlich gibt es Klischees. Aber dieses ist ein altes. Ich denke, dass das Bild positiver geworden ist. Die Briten bewundern Deutschland für seine Technologie, seine Autos, den Fußball und die Politik. Die Kanzlerin ist in Großbritannien genauso populär wie in Deutschland.

Thema Royals: Wird Prinz Charles jemals König werden?
Wie die Deutschen legen die Briten viel Wert auf Regeln. Und die Formalitäten sind klar: Wenn der Prince of Wales die Queen überlebt, ist er der neue König. Ich habe Elisabeth II. vor zwei Wochen bei ihrem Berlinbesuch begleitet und ich muss sagen: Mit ihren 89 Jahren ist sie total fit. Ihre Mutter ist immerhin 101 Jahre alt geworden. Also bin ich mir sicher, dass die Queen noch eine Weile bleibt.

Sie sind noch bis Oktober in Deutschland und bekommen dann ein neues Zuständigkeitsgebiet. Wissen Sie schon, wohin es geht?
Nein, leider nicht. Das ist eine schwierige Frage. Meine Mutter fragt mich jede Woche. Ich hoffe noch auf eine andere interessante Stelle. Wenn ich Glück habe, ist es genauso interessant wie Deutschland. Ich stehe am Ende meiner Karriere als Diplomat. Also, ich hoffe auf die wichtigste Stelle meines Dienstes.

Sie haben vorhin gesagt, dass die Briten die Deutschen des Fußballs wegen bewundern ...
Ja. Ich stamme aus Manchester und vor Kurzem ist Bastian Schweinsteiger zu Manchester United gewechselt. Das ist sehr wichtig.

Soll er also die Briten fit machen, damit sie in drei Jahren Weltmeister werden? Sogar im Elfmeterschießen gegen Deutschland im Finale?
Ich erinnere mich, dass bei der Frauen-WM die Engländerinnen die Deutschen besiegt haben. Es gibt also etwas Positives. Schauen wir mal. Die Deutschen sind derzeit die beste Mannschaft der Welt. Die Engländer sind kämpferisch und ehrgeizig. Wir hoffen aber erst mal auf die Qualifizierung für die WM. Der Erfolg kommt schrittweise.

Die Briten sind für ihre Wettleidenschaft bekannt. Wollen wir wetten, auf welche englische Mannschaft der FC Bayern im Champions-League-Finale trifft?
Ich bin in Manchester geboren, von daher hoffe ich, dass es Manchester United ist. Aber die Spanier sind immer sehr stark, besonders Real Madrid und der FC Barcelona.

Zum Schluss eine Glaubensfrage: Wer war der beste James Bond?
Der Erste: Sean Connery.

Interview: Stefan Rothe, Jan-Christoph Prüfer, Benjamin Schrader

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