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Obernkirchener Sandsteinbrüche GmbH Bröckelndes Geschäft

Der Obernkirchener Sandstein gilt als erstklassiges Baumaterial. Er ist viel fester als andere Steine und soll ewig halten. Und doch hat die Obernkirchener Sandsteinbrüche GmbH in der vergangenen Woche einen Antrag auf Insolvenz gestellt. Ein Blick auf den umkämpften Markt deutet auf die Gründe hin, warum das Unternehmen in Schieflage geraten ist.

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Gemischte Energie

Von Arne Boecker

Wenn Insolvenzverwalter einen Betrieb übernehmen, schließen sie als erstes alle Türen, damit sie in Ruhe die Bücher studieren können. So geht auch Stephan Höltershinken aus Minden bei der Obernkirchener Sandsteinbrüche GmbH vor. Was Höltershinken nach draußen gibt, ist kaum aussagekräftiger als das, was Bundesligatrainer vor wichtigen Spielen sagen: Die Mannschaft zieht mit, alles wird gut.

Das ist nicht zu kritisieren, schließlich sollen wilde Spekulationen nicht befördert werden, wie sie derzeit durch Obernkirchen und den Landkreis Schaumburg ziehen. Was sich durchaus lohnt, ist ein Blick auf den Markt, auf dem sich die Obernkirchener Sandsteinbrüche GmbH behaupten muss. In Kurzfassung: Die Sache ist höchst schwierig.

Der Sandstein besteht zu 90 Prozent aus Quarz

Das Produkt, das Klaus Kösters Firma anbietet, ist hervorragend. Darin sind sich alle einig. Selbst so jemand wie Rudi Tietz, der bis zu seiner Pensionierung fast fünfzig Jahre im Steinbruch auf dem Bückeberg gearbeitet hat, kann noch ins Schwärmen geraten wie ein Schuljunge: „Die Festigkeit des Obernkirchener Sandsteins ist unübertroffen, weil er zu 90 Prozent aus Quarz besteht – dieser Stein hält ewig.“

Reiner Krug, Geschäftsführer im Deutschen Naturwerkstein Verband (DNV), stimmt Tietz zu: „Der ,Obernkirchener‘ ist ein derart hochfester Sandstein, dass er sogar als Pflasterstein verwendet werden kann.“ Die Obernkirchener Sandsteinbrüche sind Mitglied des Verbandes, der in Würzburg sitzt.

Wer heutzutage in Deutschland Naturstein verkauft, hat vor allem mit zwei Problemen zu kämpfen. Erstens: Die „öffentliche Hand“ – also vor allem Bund, Länder sowie Städte und Gemeinden – hat ihre Haushalte heruntergewirtschaftet, nicht zuletzt die Stadt Obernkirchen ist ein Beispiel dafür. Viele Minister und Bürgermeister können sich repräsentative Bauten schlicht nicht mehr leisten. Noch viel besser lässt sich die Not aber am Bestand erkennen, wie Verbands-Geschäftsführer Reiner Krug sagt: „Früher hat man Fassaden, Treppen und Fenster alle fünf bis zehn Jahre restauriert, heute wird so lange gewartet, bis es wirklich gar nicht mehr geht – und dann wird geflickt.“

Zweitens: Die Globalisierung hat ausländischen Naturstein auf den Markt gebracht, vor allem aus Polen und Indien. Wenn man Volker Rethmeier, der in Obernkirchen als Friedhofsgärtner arbeitet, auf das Thema anspricht, greift er ins Regal nach einem Buch namens „Der letzte Wagen ist immer ein Kombi“, das er selbst geschrieben hat. „Seite 73“, sagt er und liest vor: „Rund 60 Prozent aller Grabsteine auf deutschen Friedhöfen stammen aus Indien.“ In Indien wird Naturstein unter Bedingungen verarbeitet, mit denen deutsche Unternehmen nicht mithalten können. „Das gilt nicht nur für den Stundenlohn, sondern auch für Umweltschutz und Arbeitsschutz“, sagt DNV-Geschäftsführer. Er fährt fort: „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kennt man in Indien natürlich auch nicht.“

Auf dem Obernkirchener Friedhof wurde gerade eine Gedenkstätte für „Sternenkinder“ eingeweiht. Das sind Kinder, die kurz vor oder kurz nach der Geburt gestorben sind. „Wir haben in die Ausschreibung aufgenommen, dass Obernkirchener Sandstein verwendet werden muss“, sagt Volker Rethmeier. Das klappt nicht immer. Eigentlich zwingt das Vergaberecht Bund, Länder und Gemeinden, sich für das günstigste Angebot zu entschieden – sonst gibt es Zoff mit den Rechnungshöfen. „Allerdings gibt es die Tendenz, so etwas wie Nachhaltigkeit stärker zu berücksichtigen“, sagt Reiner Krug, „das wird unseren Mitgliedern auf lange Sicht helfen.“

Steine aus Polen kosten etwa nur ein Fünftel

Einstweilen liegt eine aufwendige Fassade aus polnischem Sandstein preislich etwa bei einem Fünftel dessen, was der Bauherr für Obernkirchener Sandstein bezahlen müsste. Klaus Kösters Firma ist nicht die einzige, die unter Druck geraten ist. So hat in diesem Jahr unter anderem Naturstein Krause aus Hannover Insolvenz angemeldet, einer der größten Sandstein-Verarbeiter in Niedersachsen. Das mehr als hundert Jahre alte Unternehmen war gerade dabei, die Fassade des neuen Landtags mit Granit auszukleiden, als der Insolvenzverwalter klingelte.

Die Geiz-ist-geil-Mentalität mindert natürlich die Qualität der Produkte. Ein erfahrener Steinbildhauer spitzt dies so zu: „Wenn man Billigbillig-Sandstein tüchtig mit ’nem Hochdruckreiniger bearbeitet, schmilzt der gleich mal um zwei Zentimeter.“ Fahren Auftraggeber also besser mit einem Stein, der in der Anschaffung etwas teurer ist, aber dafür „30 bis 50 Jahre“ (Reiner Krug) hält?

„Die meisten denken nicht so weit“, sagt Friedhofsgärtner Volker Rethmeier, „heute will man für ein Grab erst nicht viel Geld ausgeben und dann nicht viel Arbeit haben – deswegen die vielen Feuerbestattungen und Urnengräber.“

„Wer sich heute auf dem Markt durchsetzen will, muss Service vorhalten, den Billiganbieter nicht leisten können“, sagt Verbandsgeschäftsführer Krug. Er meint damit maßgeschneiderte Produkte mit kurzen Lieferfristen. „Früher kam der Kunde aufgeregt auf den Hof gefahren und suchte sich den Stein aus“, sagt Krug, „heute muss man aktiv und mit modernen Mitteln nach draußen gehen und um den Kunden werben“.

Reiner Krug lässt keinen Zweifel daran, dass „Mittelstand“ und „modernes Marketing“ oft nicht recht zueinanderpassen: „Wer modernes Marketing nicht versteht, nimmt dafür auch kein Geld in die Hand.“ Die Lage hat verschärft, dass ausgefuchste Händler im Vergleich mit Herstellern immer wichtiger geworden sind. „Die Baumärkte zum Beispiel sind auch beim Naturstein inzwischen ein wichtiger Faktor“, sagt Krug.

Für die 34 Mitarbeiter ist zu hoffen, dass Insolvenzverwalter Stephan Höltershinken recht behält, wenn er sagt: „Es sieht gut aus.“

Der Obernkirchener Sandstein gilt als erstklassiges Baumaterial. Er ist viel fester als andere Steine und soll ewig halten. Und doch hat die Obernkirchener Sandsteinbrüche GmbH in der vergangenen Woche einen Antrag auf Insolvenz gestellt. Ein Blick auf den umkämpften Markt deutet auf die Gründe hin, warum das Unternehmen aktuell in Schieflage geraten ist.

Ein Stein mit Geschichte

Obernkirchener Sandstein behauptet sich ausgezeichnet gegen Frost, Regen und Hitze, weswegen man ihn auch in Ländern wie Norwegen oder Russland schätzt. Es handelt sich um einen besonders feinkörnigen Stein, der in den Farbtönen Weiß, Grau und Gelb vorkommt, durchzogen von braunen Bändern. Gelegentlich finden sich im Stein Reste von Muscheln oder Knochen. Als Baumaterial eignet er sich sowohl für Fassaden, Wände und Böden als auch für filigrane Steinmetzarbeiten.
Bis zu 20 Meter sind die horizontal verlaufenden Schichten dick, die Sandstein im Bückeberg bildet. Er stammt aus der unteren Kreidezeit, die etwa 140 Millionen Jahre zurückliegt. Stürme und Fluten überspülten damals die Region mit Sand, der mit der Zeit versteinerte. Aus dieser Zeit stammen auch spektakuläre Dinosaurier-Spuren.
Wie lange Sandstein schon aus dem Bückeberg gebrochen wird, kann man am Wiederaufbau des Mindener Doms nachweisen, den im Jahr 1062 ein Feuer zerstört hatte. Die Sandstein-Arbeiten sind heute noch zu bewundern. Dementsprechend gilt der Steinbruch im Bückeberg unter denen, die heute noch bewirtschaftet werden, als einer der ältesten der Welt.
Vor allem die Baumeister des Mittelalters erkannten die Qualität, die in dem Bückeberg-Sandstein steckt. Weil er über die Weser nach Bremen gebracht und von dort in alle Welt verschifft wurde, heißt er mancherorts irrtümlich auch „Bremer Stein“. Obernkirchener Sandstein findet sich unter anderem am Schloss Rosenborg in Kopenhagen, am Katharinenpalast in St. Petersburg, an der Berliner Siegessäule und am Kölner Dom. ab

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