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Chateau Weserblick

Weinanbau im Weserbergland Chateau Weserblick

Der Klimawandel kennt viele Verlierer – aber auch einige Gewinner. Wärmere Temperaturen sowie neue EU-Richtlinien sollen den Weinanbau zwischen Weserbergland, Harz und Küste ermöglichen. Ab 2016 ist dort die kommerzielle Weinlese erlaubt. Kommt der „Grand Cru“ des Nordens?

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Weinanbau in Niedersachsen: Klaus Wieczorek kontrolliert in Hitzacker Weinreben auf ihren Zustand.

Quelle: dpa

Von Ralf E. Krüger

Der Blick ist traumhaft. Das Auge wandert über die Dächer von Höxter, weit über das idyllische Tal der Oberweser, über eine sanft hügelige Landschaft. Von hier oben, dem Räuschenberg über der Weser, schweift der Blick unwillkürlich nach Nordosten und bleibt an den hoch aufragenden Türmen des Corveyer Schlosses haften. Die ehemalige Reichsabtei mit ihrer 1200-jährigen Geschichte hat zum Räuschenberg eine ganz besondere Beziehung: Vor Jahrhunderten wurde der Hang von in Corvey regierenden Fürstäbten zum Weinberg erkoren. Leider nur mit mäßigem Erfolg, denn die barocken Herrscher hatten kein glückliches Händchen beim Weinbau. Als zu schlecht, zu sauer und zu berauschend galt der Corveyer Wein. Doch genau dort, wo die Sonne ein wenig mehr wärmt und der Wind etwas sanfter weht als anderswo im Weserbergland, ist nun 300 Jahre später ein idealer Platz, um die Weinträume von einst zu erfüllen. Der Corveyer Wein ist nicht in Vergessenheit geraten, er erlebt seit einiger Zeit eine Renaissance. Unter Federführung des Weinfachmanns Michael Rindermann von der Corveyer Domäne war es Bürgern aus Höxter im Jahr 2014 gelungen, mit 100 Rebstöcken sowie robusten Phönix- und Regenttrauben ein neues Kapitel in der Corveyer Weingeschichte aufzuschlagen.
Auch in den Hildesheimer Weinbergen stehen Schere und Eimer bereit. Immerhin rund 300 Flaschen ergab die Lese 2014. „Dieses Jahr wird es wohl ähnlich werden, die Trauben sehen gut aus“, sagt Mirco Weiß. Der Hobbywinzer ist einer von sieben Pächtern des bischöflichen Weinbergs mitten in der Innenstadt, der 1995 für 50 Jahre verpachtet wurde. Ein Zehntel der Ernte geht als Pachtzins zum Bischof. „Ein schöner trockener Weißwein“, schwärmt Weiß, der zum 1200. Jubiläumsjahr von Hildesheim auch einen Jubiläumssekt plant.
Ab Anfang 2016 droht ihm jedoch Konkurrenz. Denn in Niedersachsen hat dank der Europäischen Union und auch des Klimawandels das Hoffen auf einen „Grand Cru“ der Nordlichter eingesetzt. Der Traum von möglichen Top-Gewächsen wird befeuert von einer EU-Regelung. Wenige Wochen nach der Klimakonferenz in Paris, bei der Ende dieses Jahres zahlreiche Staaten um das Weltklima ringen werden, erlaubt sie ab dem 1. Januar den kommerziellen Weinanbau im klassischen Agrarland Niedersachsen. Auch wenn es offiziell zunächst nur fünf Hektar sind: Agrarminister Christian Meyer (Grüne) spricht von einem Neubeginn. „Wenn selbst Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern kommerziellen Weinbau haben, dann sind wir als südlicheres und bergigeres Land sicherlich auch geeignet“, meint er. „Von lieblich bis trocken scheint vieles möglich.“ Vor allem Steillagen im Weserbergland oder im Harz hält er für geeignet – „Château Weserblick“ also eher als „Château Wattblick“.
Immerhin gibt es bereits das erste Harz-Weingut. „Auf längere Sicht wird der Weinbau als Folge des Klimawandels voraussichtlich immer weiter nach Norden rücken“, heißt es aus Meyers Haus. Das sieht auch Frank Schulz vom Deutschen Weininstitut so: „Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen. Von daher sind auch die Voraussetzungen gegeben, Weine in nördlicheren Gefilden herzustellen.“
Auch in Dänemark, Teilen Englands und Skandinavien gebe es ähnliche Versuche – nur in Holland mache die Staunässe die Ansätze zunichte. Zudem be- günstigt der Klimawandel neue Rebsorten – wie etwa in Südafrika den Viognier, der dort zunehmend populär wird.
Winzer aus traditionellen Weinbaugebieten bleiben angesichts der neuen EU-Regelung eher skeptisch – sie sehen ihre angestammten Lagen entwertet. „Vegetativ sind die nördlichen Regionen oft drei bis vier Wochen zurück“, sagt etwa der Nahe-Winzer Johannes Kruger, dessen Sohn eine Lehre in einem Weingut auf der Nordsee-Insel Föhr machte.
Hoffnungsfrohe Neuwinzer, die ihre Hoffnungen auf edle Tropfen aus den künftigen niedersächsischen Weinbergen setzen, müssen sich jedoch beeilen. Nach jetzigem Kenntnisstand müssen sie bis zum 1. März 2016 einen entsprechenden Antrag bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für eine dreijährige Anbauperiode stellen – so lange dauert es, bis der Weinstock richtige Trauben produziert. Dem zuständigen Ministerium liegen bisher sieben Anfragen von Bürgern vor, die sich für den Anbau von Wein in Niedersachsen interessieren. Gibt es Anträge für mehr als fünf Hektar, hängt es letztlich von der bundesweiten Antragssituation ab, ob das Land noch weitere Flächen bekommt. Denn der Anbau der Reben und die Verarbeitung der Trauben für erwerbsmäßige Zwecke sind – anders als bei Hobbywinzern – streng reglementiert und kontrolliert.
Die Teilzeit-Weinbauern haben sich bereits erfolgreich im Weingarten getummelt und bei Oldenburg den Start einer „Norddeutschen Weinstraße“ aus der Taufe gehoben. Auch auf Sylt und bei Kiel gibt es schon Weingüter – selbst Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gelten als Anbaugebiet für Landweine. Und auch im Fachwerk-Städtchen Hitzacker an der Elbe wird seit 1980 wieder Wein hergestellt. Meist sind es Rebsorten wie Müller-Thurgau oder die pilzresistente Neuzüchtung Solaris, die hier angebaut werden, so das Weininstitut.
Ob künftige niedersächsische Weinberge das Potenzial für Spitzenweine entsprechend den französischen „Grand Crus“ haben – also den großen Lagen? Experte Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut ist skeptisch. „Das hängt aber immer auch sehr stark vom Winzer ab – man kann auch aus guten Lagen schlechte Weine machen“, meint er. Büscher ist sich allerdings bei einem sicher: „Der edle Tropfen aus Niedersachsen wird eine Rarität bleiben – und als solche müssen sich die Winzer wohl keine Sorgen um den Absatz machen.“

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