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Claras Wahn

Abtauchen in die Familiengeschichte Claras Wahn

Was Clara S. an ihr „Muttilein“ schreibt, macht sprachlos. „Es ist bitterschwer, was auf uns zukommt. Sieg oder tot! Wir schaffen es ja zuletzt doch noch. Unser Leben ist im Augenblick derart schön, daß Du es nicht glauben wirst und Dir auch nicht vorstellen kannst. Der Frühling so schön. Der Krieg so nah. Alles Leben gesteifert.“ Der Brief kommt aus Stettin, geschrieben im März 1945, in den letzten Kriegstagen. Die Hauptstadt Pommerns liegt da schon in Schutt und Asche, versinkt im Chaos. Und Clara, die gerade erst 24-jährige BDM-Führerin, gibt sich einem Liebesrausch hin, ist wie im Wahn, gefangen im Glauben an den vielbeschworenen Endsieg.

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Wenige Wochen später ist die junge Frau tot, die Umstände ihres Verschwindens werden nie aufgeklärt. Auch die Geschwister Susanne und Jan Peter Wiborg erfuhren nicht viel, wenn sie in kindlicher Neugier mehr über ihre „braune“ Tante erfahren wollten. Sie kannten Clara nur von der Rötelzeichnung in der Wohnküche ihrer Großmutter. Clara sei im Krieg von den Russen umgebracht worden, erklärte Oma Elise. Und forderte die Enkel auf, nicht weiter zu fragen. „Du machst Oma traurig“, hieß es dann.

 Wiborgs fragten trotzdem weiter. Unter welchen Umständen war Clara gestorben? War ihr Untergang grausamer gewesen, als von der Familie behauptet? Jahrzehnte später, als ein Bündel Feldpost mit Briefen von Clara im Nachlass ihrer Großmutter auftauchte, machten sie sich – inzwischen Historiker und Journalisten – auf Spurensuche. Das Ergebnis ihrer 15 Jahre währenden Recherche ist jetzt im Verlag Antje Kunstmann erschienen. „Glaube, Führer, Hoffnung. Der Untergang der Clara S.“ lautet der Titel ihres Buches, in dem sie das Leben von Clara nachzeichnen und dadurch nachvollziehbar machen, wie eine ganze Generation der Nazi-Propaganda verfallen konnte. Denn, so erklärt Jan Peter Wiborg: Clara kann als Prototyp ihrer Zeit verstanden werden.

 Clara wird 1920 in Cammin in Pommern geboren, im heutigen Kamien an der polnischen Ostseeküste. Sie ist die älteste Tochter von Elise und Max Sabrowski und damit, so schreiben Wiborgs in ihrem Buch, eine Enttäuschung für die Eltern. Denn das Paar ist tief verwurzelt in den Wertvorstellungen der Kaiserzeit, sehnt sich nach einem Jungen als Stammhalter. Als dieser knapp ein Jahr später zur Welt kommt, muss Clara erfahren, was es heißt, allein wegen ihres Geschlechts stets die zweite Geige spielen zu müssen. All das, was Bruder Günter die Chance auf Aufstieg und Karriere versprach – Besuch des Gymnasiums, Abitur und Studium – musste ihr verwehrt bleiben. „Obwohl sie genauso begabt war wie ihr Bruder, wenn nicht begabter“, sagt Jan Peter Wiborg im SN-Gespräch.

 Dazu kam Claras Sehnsucht, aus der ihr vorbestimmten Rolle als handarbeitende Hausfrau und Mutter auszubrechen. Clara erbte den Ehrgeiz ihrer Mutter, die es mit Fleiß und Pflichtbewusstsein schaffte, aus den sozialen Zwängen ihrer Zeit auszubrechen und Karriere als Buchhalterin zu machen. Doch während sich Mutter Elise nach der Hochzeit von Max Sabrowski bereitwillig in das ihr vorbestimmte Schicksal als Mutter fügte, verabscheute Clara typische Frauentätigkeiten im Haushalt, strebte nach mehr, sehnte sich nach einer Welt jenseits von Abwasch und Flickzeug.

 Im neuen nationalsozialistischen Regime fand die Familie nach einem rasanten wirtschaftlichen Absturz in die Armut wieder ein bescheidenes Auskommen und Clara die Hoffnung auf ihre ersehnte Karriere. Als Teenager trat sie in den Bund Deutscher Mädel (BDM) ein, ergriff die Chance, dem heimischen Herd zu entfliehen und wurde 1939 hauptamtliche BDM-Führerin. Dass das Nazi-Regime von seinen weiblichen Anhängern genau jene Frauenrolle einforderte, der Clara zu entfliehen versuchte, realisierte die junge, tief gläubige Frau nicht. Stattdessen begeisterte sie sich immer mehr für die Ideologie der Nazis.

 Die Liebe zu ihrem Vorgesetzten Karl Quast steigerte die Ideologie zum Wahn. Auch der Tod ihres geliebten Bruders konnte ihren Glauben ans Regime, an die Überlegenheit des Deutschen Reiches nicht erschüttern. Pflichtbewusst tat sie ihren Dienst, stieg immer weiter in der Hierarchie auf und verkehrte schließlich mit der obersten NS-Führung Pommerns in Stettin. Dort verschanzte sie sich mit der HJ-Führung und Karl Quast und geriet, während Tausende Flüchtlinge gen Westen zogen und sich 15-jährige Hitlerjungen der Roten Armee in den Weg stellten, in einen Strudel aus Fanatismus und Götterdämmerungsphantasien. Wie in einem Paralleluniversum verbrachte Clara die letzten Kriegstage zusammen mit der Gauleitung bei Wein und Tanz, bis sie sich mit Quast, dem stellvertretenden Gauleiter Paul Simon und einer Freundin auf Rügen versteckte. Dort verliert sich ihre Spur. Haben Russen auf die Flüchtigen geschossen? Oder stammte ihr Mörder aus den eigenen Reihen?

 Wiborgs Buch liest sich wie eine Kriminalgeschichte. Grundlage ihrer Recherche sind nicht nur Claras atemlos-euphorische Briefe, für ihre Spurensuche wälzten sich die Historiker durch Archive, sprachen mit Zeitzeugen und besuchten immer wieder die Schauplätze auf Rügen. Große Hilfe bei ihrer Arbeit waren außerdem die Gespräche mit Claras drei Jahre jüngerer Schwester Christel.

 Auf diese Weise rekonstruieren die Autoren nicht nur anschaulich und nachvollziehbar das Schicksal von Clara, sondern geben einen plastischen Einblick in die Geschichte Pommerns. Genau dieser Wechsel aus Historie und persönlicher Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, geschrieben in einer Sprache, die den Leser sofort mitnimmt, macht den großen Reiz des Buches aus. Dass sich die Autoren in ihren Ausführungen notgedrungen nicht nur auf Fakten stützen, sondern spekulieren müssen, eignet sich nicht zur Kritik. Es macht vielmehr deutlich, wie schwierig Nachforschungen über eine Zeit sind, an die sich so mancher Zeuge nicht erinnern will.

 Clara, ein Beispiel für Millionen? Dass die junge Frau tatsächlich prototypisch für eine ganze Generation von Frauen steht, die sich für eine verlogene Ideologie begeistern, schildern Susanne und Jan Peter Wiborg einleuchtend. Und so kommen die Autoren am Ende des Buches zum Fazit: „Lange ist sie (Clara), ist Familie S. deutscher Durchschnitt gewesen: ohne Millionen braver Untertanen wie ihre – unsere – Familie und viele Gläubige wie Clara wäre dieses System niemals möglich gewesen.“

 Ein Bündel Briefe und eine Rötelzeichnung: Susanne und Jan Peter Wiborg wussten nicht viel über Clara, als sie mit ihrer Spurensuche begannen. Ergebnis nach 15 Jahren Recherche ist das Buch „Glaube, Führer, Hoffnung – Der Untergang der Clara S.“pr. (4)

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