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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Thema des Tages Darf’s ein bisschen mehr sein?

Das Essen ist fertig, jemand sagt: „Es ist genug für alle da“ – und doch breitet sich am Tisch eine ganz gewisse Spannung aus. Ist wirklich genug für alle da? „Hey, der packt sich den Teller viel zu voll“ oder „Ich ess’ so schnell wie möglich und nehm’ mir noch was nach“, mögen  da manche denken. Futterneid – nicht nur eine Angelegenheit der Nachkriegsgeneration.

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Ein Stück Torte hätte es fürs Erste auch getan. Oft spielt beim Füllen des Tellers der Futterneid eine große Rolle, sagt Ernährungsberaterin Bettina Wedemeyer.

Quelle: Fotolia/Kim Schneider

Futterneid, so nennt man ein Verhalten, das an den Tag legt, wer Angst hat, beim Essen irgendwie zu kurz zu kommen. „Wir wollen die innere Leere füllen“, sagt der Psychologe. „Futterneid, das gibt es heute so kaum noch“, meint dagegen die Ernährungsberaterin. „Alles Unsinn!“, ruft die Esserin. „Ich will das meiste und das Beste! Immer!“

 Die klassischen Futterneid-Geschichten stammen wohl wirklich aus der Nachkriegsgeneration, wo das Essen so knapp war, dass man oft richtig hungern musste. Jedes Graupenkörnchen in der wässrigen Suppe wurde gerecht abgezählt, und Geschwister markierten ihre Brotkanten, um zu verhindern, dass jemand anders den Schatz unbemerkt anknabbern würde. „Diese Zeiten aber sind vorbei“, sagt Bettina Wedemeyer, die seit fünfzehn Jahren in Rinteln in ihrem „Vital-Center“ Kinder und Erwachsene in Sachen Ernährung berät. „Heute überwiegen andere Probleme rund ums Essverhalten. Die Angst, nicht genug zu bekommen oder übervorteilt zu werden, spielt kaum noch eine Rolle.“

 Maria Möller (Name geändert) kann da nur mit leicht hysterischem Unterton auflachen. „Natürlich gibt es Futterneid“, sagt sie. „Meine ganze Existenz ist davon geprägt. Na und? Wer nicht gierig ist, hat weniger vom Leben. Futterneid, das ist absolut elementar.“ Die 32-jährige Sozialpädagogin aus Rinteln darf auf jeden Fall mitreden. Sie kocht gut und gern, sie isst mit Leidenschaft und durchaus oft zu viel, und sie kennt jede Menge Tricks, wie man als Siegerin aus dem Wettkampf um das Filetstück hervorgeht.

 „Ein Beispiel? Bitte sehr, hier“, sagt sie und erzählt eine Geschichte von unzähligen ähnlichen, wie sie zusammen mit ihrer Schwester lange in der Küche stand, um Ente à l’Orange zuzubereiten. „Ich sehe von Anfang an, dass die eine Entenbrust ein bisschen größer ist als die andere. Wer von uns kriegt die kleine, wer die große, diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf.“

 Sie habe schließlich dafür gesorgt, dass sie es war, die das Essen auf den Tellern verteilte. Geschickt versteckte sie die etwas kleinere Entenbrust so unter dem Salat, dass sie größer wirkte und stellte sie dann lächelnd der Schwester hin. Gewonnen! „Das mache ich auch bei meinem Mann“, sagt sie freimütig. „Immer überlege ich, wie ich es hinkriege, dass er nicht merkt, wie ich mir das Beste zuschanze.“

 Das Spargelessen fällt ihr ein, wenn neben den vollständigen Stangen auch Bruchstücke dabei sind, die einen mit dem leckeren Kopf, die anderen ohne. „Jeder will doch den Kopf!“ Also legt sie sich die Spargelköpfe auf den eigenen Teller, die Spitzen mit der Sauce Hollandaise kaschiert, und steckt sie dann gleich als Erstes in den Mund. Was man hat, das hat man. Wird sie erwischt, tut sie ganz unschuldig. Oder weist ihren Mann darauf hin, wie er doch selbst beim Buffet geradezu zwanghaft beim Lachs zugreift, bei den Garnelen oder sogar beim Blaubeernachtisch, weil Blaubeeren besonders teuer sind. „Ich bin gewiss nicht die Einzige mit Futterneid. Wir sind alle so“, behauptet sie.

 Diplom-Psychologe Stefan Brandt, der in Hessisch-Oldendorf seine Praxis für ganzheitliche Psychologie führt und im Hamelner Sana-Klinikum als Therapeut mit schwer übergewichtigen Menschen arbeitet, würde Möller zustimmen – auf gewisse Weise. „Die Art, wie wir essen, ist ein Symbol für die Art, wie wir leben“, meint er. „Wir Menschen sitzen immer in den Startlöchern. Tiefenpsychologisch gesehen ist das Essen am stärksten mit unserem jeweiligen Lebensgefühl verbunden. Und das Lebensgefühl der meisten dreht sich nun mal um die Frage: Kriege ich, was ich brauche?“

 Futterneid im Sinne, wie ihn die Kriegs- und Nachkriegsgeneration kannte, als direkter oder gefühlter Kampf ums Überleben also, der habe heute ausgedient, das sieht er genau so wie Ernährungsberaterin Bettina Wedemeyer. Wo Menschen das Essen in sich hineinschlingen, als würde es ihnen sonst weggenommen, wo sie an reich gedeckter Tafel hastig nach dem vermeintlich besten Stück greifen oder hadern, wenn jemand die Reste aus dem Kühlschrank nascht, die sie selbst doch eigentlich gar nicht haben wollen, da bahnte sich eine andere Art von Ängsten den Weg. „Leistungsdruck, Versagensangst oder das Gefühl, nicht wirklich wahrgenommen zu werden, das sind Dinge, die sehr oft im Essverhalten zum Ausdruck kommen“, sagt Brandt. „Wenn sonst schon nicht, so will ich wenigstens hier bekommen, was ich will.“

 Bettina Wedemeyer spricht vom Futterneid fast nur im übertragenen Sinn. „Das Essverhalten ist überwiegend erlernt und von den Eltern abgeguckt“, sagt sie. „Deshalb sind es meiner Erfahrung nach die älteren Leute, die von direkten Futterneidgedanken betroffen sind.“ Also diejenigen, die es noch kennen, dass der Vater am Esstisch eine Sonderrolle spielt und damit seine Macht demonstriert; die hinnehmen mussten, dass die Brüder mehr und Besseres bekamen als die Schwestern; oder deren Eltern geprägt waren von der Angst, nicht satt zu werden und dementsprechend gierig zugriffen. „Wie wir essen, was es uns bedeutet, wird durch das Elternvorbild noch über eine oder zwei Generationen weitergegeben.“

 Was sie in ihrer Praxis erlebt, hat aber nur noch wenig mit dem traditionellen Familienessen zu tun. „Dass man regelmäßig im Familienverband zum Essen zusammenkommt, ist eher die Ausnahme“, sagt sie. „Ich kenne unter meinen Klienten Kinder, die gucken mich erstaunt an, wenn ich von Esstisch, Teller und Besteck erzähle.“ Viele bekämen von ihren Eltern Geld für den Schnellimbiss in die Hand gedrückt oder backen sich die Pizza auf, um sich damit vereinzelt vor den Fernseher oder an den PC zu verziehen. „Wer viel zu viel isst, tut es kaum aus Gründen des Futterneides“, so die Ernährungsberaterin. „Es liegt meistens daran, dass sich gar kein Gefühl für Hunger und Sattsein und echten Genuss entwickeln konnte.“

 Das will Maria Möller so nicht gelten lassen. Sie isst zu viel, das weiß sie. „Und ich denke auch schrecklich viel über das Essen nach: Wie ich abnehmen kann, ohne auf etwas zu verzichten. Ob ich mir die Schokolade noch gönne. Welches Gericht ich mir im Restaurant bestelle und ob die anderen nicht das viel leckerere ausgesucht haben. Aber ich genieße das Essen, deshalb ist es ja so bedeutsam.“

 Manchmal schämt sie sich freilich, dass ihr das Essen und was sie davon abbekommt so wichtig ist. „Meine beste Freundin ist genau so“, sagt sie. „Da bleibt uns nur die alte Regel: Der eine teilt aus, der andere nimmt den Teller seiner Wahl.“

 Und doch: „Die Gier ist eine unglaubliche Antriebskraft. Wenn ich auf das Beste für mich bestehe, bedeutet das: Ich lasse mich nicht unterkriegen, ich stecke nicht einfach brav zurück, nein, ich bin nicht bescheiden und ich will es auch nicht sein. Gerade wir Frauen brauchen viel mehr Futterneid-Antrieb im Leben. Wer nichts will, der kriegt auch nichts.“

 Psychologe Brandt hört da auch die anderen, weniger kämpferischen Geschichten, speziell von den Patienten des Sana-Klinikums, die mit schweren Adipositas-Problemen zu tun haben. „Manche Menschen beschäftigen sich fast zwanghaft mit dem Essen, weil sie nur dabei spüren, dass sie wirklich am Leben sind“, sagt er. „Wir fragen uns dann gemeinsam, was für Verstrickungen jemand mit sich herumschleppt, die verhindern, dass er seine wahren Bedürfnisse wahrnimmt, Sehnsüchte und Wünsche, die jenseits davon liegen, ob er auch genug zu essen abbekommt.“

 Es sei so oft eine innere Leere, die man oberflächlich mit dem Essen auszufüllen sucht, ohne dabei nachhaltig befriedigt werden zu können. Seine Aufgabe sei es, zum Beispiel durch Anleitungen zur Meditation, Wege zu eröffnen, wie man dem Mangel auf die Spur kommt, der eben nicht aus dem hungrigen Magen kommt, sondern aus einer hungrigen Seele. „Aus psychotherapeutischer Sicht gibt es kein Übergewicht“, sagt er. „Man hat immer das Gewicht, wie man es psychisch gesehen gerade braucht.“ cok

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