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Das große Glück

Thema des Tages Das große Glück

Wie haben sich wohl die Mütter von Max und Moritz gefühlt, als sie von den Missetaten ihrer Lausejungs erfahren haben? Was bei Wilhelm Busch unbeantwortet bleibt, wird am Sonntag endlich aufgeklärt. „Max und Moritz in Frauenhand“ heißt die Ausstellung, die morgen in Wiedensahl eröffnet wird. Eine der ausstellenden Illustratorinnen ist Katrin Engelking aus Bückeburg. Ein Blick auf den Zeichentisch.

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Hörbar kratzt der Stift über das Stück Papier. Auch während des Telefonierens kann sie das Zeichnen nicht lassen. Ja, sie male jeden Tag, erklärt Katrin Engelking. Und das immer noch gerne.
Die 45-Jährige gehört zu den bekanntesten Illustratorinnen von Kinderbüchern in Deutschland. In ihrem Atelier in Hamburg sind nicht nur die Figuren aus Kirsten Boies Möwenweg-Geschichten entstanden, sondern auch das wohl berühmteste Mädchen der Kinderliteratur: Pippi Langstrumpf. Sechs neu aufgelegte Pippi-Bücher hat sie bisher für den Oetinger-Verlag illustriert. Dazu kommen die Kinder aus Bullerbü sowie viele andere große und kleine Kinderbuch-Helden.
Dass sie einmal mit ihrer liebsten Tätigkeit Geld verdienen würde, hätte sie sich als Kind nicht träumen lassen. Schon zu Hause in Bückeburg habe sie leidenschaftlich gern gemalt, ihr Hobby aber nie als Beruf in Betracht gezogen. „Ich wollte alles Mögliche werden, Gärtnerin zum Beispiel oder Krankenschwester. Ich habe sogar mal ein Praktikum im Bückeburger Krankenhaus gemacht“, erinnert sich Engelking und sagt: „Erst kurz vor dem Abi habe ich gemerkt, dass man Illustration studieren kann.“ Nächste Station: die Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg.
Dass dann, noch im Studium, tatsächlich ein großer Verlag auf die damals 24-Jährige aufmerksam wurde, empfindet Engelking noch immer als großes Glück. „Ich konnte es nicht fassen, dass ausgerechnet meine Bilder jemanden hinter dem Ofen hervorgelockt haben sollen.“ Was folgte, waren Probeaufträge und schließlich immer mehr Anfragen von Verlagen, dieses oder jenes Buch zu illustrieren.
Zuerst lese sie den Text, lasse sich ganz hineinsinken in die Geschichte, antwortet die zweifache Mutter auf die Frage, wie ihre Kunstwerke entstehen. Um dann die Figuren aufs Papier zu bringen, versuche sie, für jede Person im Buch einen realen Menschen zu finden, an dem sie sich beim Zeichnen orientieren kann – ein Kind aus der Nachbarschaft oder ein Schauspieler mit einem typischen Gesichtsausdruck. Ihr Ziel: Das Aussehen der Kinder so zu malen, dass sich junge Leser mit ihren Helden im Buch identifizieren können. Gleichzeitig sollen die Figuren einen unverwechselbaren Charakter bekommen. „Dem Lasse aus Bullerbü soll man eben gleich ansehen, dass er jede Menge Unsinn im Kopf hat.“ Noch lieber malt Engelking Erwachsene oder alte Menschen. Ihnen könne man schließlich viel mehr Charakter ins Gesicht zeichnen.
Bis ein ganzes Buch fertig ist, können Monate vergehen, beschreibt die 45-Jährige. Erster Schritt sind die Skizzen. Die Details des Bildes erarbeite sie so lange, bis alles stimmig ist. Wie sieht der Himmel aus? Soll der Baum weiter in den Vordergrund? Welche Schuhe tragen die Personen? „Ich male hin und her. Und setze dann alles zusammen.“ Bis sie zu Pinsel und Acrylfarbe greife, sei es ein handwerklich langer Prozess. Der Autor der zu illustrierenden Geschichte habe dabei übrigens kein Mitspracherecht.
Engelkings Version von Pippi Langstrumpf aber, die sei vom Verlag und Astrid Lindgrens Tochter ganz genau unter die Lupe genommen und letztlich für gut befunden worden. Die Bitte, das stärkste Mädchen der Welt für die Neuauflage der Lindgren-Klassiker zu malen, sei für sie wie ein Lottogewinn gewesen, erklärt die Illustratorin. Gleichzeitig habe sie den Auftrag als große Herausforderung empfunden. „Ich war total euphorisch, aber hatte vor jedem Strich Angst.“ Schließlich kennt fast jeder die Geschichten von Pippi, Tommi und Annika, jeder hat ein eigenes Bild von ihnen im Kopf. „Ich habe mir wirklich 1000 Gedanken gemacht, aber irgendwann zu mir gesagt: Mach’s einfach so wie immer und so gut, wie du es kannst.“
Was ein gutes Kinderbuch ausmacht? „Die Geschichte, der Plot“, betont Engelking, die 2014 mit „Albatrosalarm“ ein eigenes Kinderbuch veröffentlicht hat, das auf einer Idee ihres Sohnes basiert. Selbst die tollsten, lustigsten Bilder können ein langweiliges Buch nicht retten, sagt die Künstlerin und betont: „Ich habe höchsten Respekt vor Autoren, die es immer wieder schaffen, Kinder mit ihren Geschichten zu berühren.“
Max und Moritz, die Lausbubengeschichte von Wilhelm Busch, habe sie als Kind auf Kassette rauf und runter gespielt. „Ich kann die Streiche bis heute auswendig.“ Den leichten Strich der Bilder, den Witz, die prägnante, dynamische Sprache: Was für ein toller Künstler Wilhelm Busch gewesen ist, habe sie im Studium und dann vor allem in der intensiven Auseinandersetzung mit Max und Moritz für die Ausstellung in Wiedensahl kapiert. „Ich finde ihn großartig“, schwärmt Engelking.
Über ihre Interpretation der Bildergeschichte will sie trotzdem nicht zu viel verraten. Eines sei gesagt: Das Kaffeekränzchen mit Frau Böck und Witwe Bolte wird den Müttern der bösen Jungs wohl lange im Gedächtnis bleiben.
Die Ausstellung „Max und Moritz in Frauenhand“ wird morgen, 22. November, um 11 Uhr im Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl eröffnet. Außer Katrin Engelking präsentieren auch die Illustratorinnen und Zeichnerinnen Verena Ballhaus, Eva Muggenthaler und Sabine Wilharm ihre Arbeiten, für die sie sich mit Buschs-Lausbubengeschichte auseinandergesetzt haben. Die Ausstellung ist bis zum 6. März zu sehen.
Engelking selbst ist am Sonntag, 17. Januar, 16 Uhr, zu Gast im Wilhelm-Busch-Geburtshaus. Im Künstlergespräch schildert sie, wie die kleinen Helden der von ihr illustrierten Kinderbücher durch ihre Feder zum Leben erwachen.

Katrin Engelking

1970 in Bückeburg geboren und aufgewachsen, studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration. 1994 beauftragte ein Vertreter des Oetinger-Verlags die junge Studentin mit ersten Probearbeiten, nachdem er ihre Arbeiten während einer Semesterausstellung der Fachhochschule entdeckte. Seitdem arbeitet sie als freie Illustratorin für Verlage wie Oetinger, Aladin, Arlsen, Fischer und dtv junior und bebilderte zahlreiche Kinderbücher wie die Neuauflagen von Astrid Lindgrens Klassikern, unter anderem „Pippi Langstrumpf“ und „Wir Kinder aus Bullerbü“. Im vergangenen Jahr erschien zudem ihr Bilderbuch „Albatrosalarm“, das sie gemeinsam mit ihrem Sohn entwickelte. Engelking lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Von Katharina Grimpe

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