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Das richtige Maß bei Mobbing

Thema des Tages Das richtige Maß bei Mobbing

Ein Fall von Mobbing unter Schülern des Gymnasiums Ernestinum in Rinteln sorgt für Diskussionen.

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Thema des Tages. Ein 14-Jähriger wird beschuldigt, ein gleichaltriges Mädchen sexuell bedrängt zu haben. Seine Freunde beschimpften das Opfer anschließend bei WhatsApp. Die Polizei ermittelt. Jetzt wurde der 14-Jährige der Schule verwiesen. Der Anwalt des Schülers wirft der Schulleitung vor, überzogen reagiert zu haben. Was ist das richtige Maß bei Mobbing?

Der Fall ist Schulgespräch am Ernestinum: Ein 14-Jähriger soll im Sommer 2015 eine gleichaltrige Mitschülerin sexuell bedrängt, beleidigt und genötigt haben. Erst nach Monaten offenbarte sie sich einer Lehrerin. Die Mobbing-Interventionsgruppe der Schule begann zu ermitteln, sammelte Aussagen von Mitschülern. Und die Schulleitung entschied auch auf Druck von Eltern: Der Junge muss die Schule verlassen. Er wechselte ans Bückeburger Gymnasium Adolfinum. Die Eltern des Mädchens erstatteten Strafanzeige. Nun ermittelt die Polizei, und zwei Rechtsanwälte bereiten sich auf eine gerichtliche Auseinandersetzung vor.

Der Tathergang liegt schon fast ein Jahr zurück. Und was der einen Seite wie eine Bagatelle erscheint, kann auf der anderen tiefe seelische Verletzungen auslösen. Der Rintelner Schulleiter Reinhold Lüthen macht sich jedenfalls große Sorgen um das Mädchen, die Entscheidung aber nicht leicht: „Uns ging es um ihren Schutz. Die Taten sollen sich über einen längeren Zeitraum erstreckt haben. Und der Junge hat Unterstützer, das Mädchen aber wird über WhatsApp hart angegangen. Ich habe deshalb den Schulverweis angeordnet, diese Entscheidung aber der Landesschulbehörde in Lüneburg zur Prüfung vorgelegt. Und diese hat unsere Entscheidung bestätigt.“ Jetzt wird sie umgesetzt.

Die Landesschulbehörde bestätigte auf Anfrage den Vorgang. „Der Junge soll an einer anderen Schule des gleichen Niveaus die gleichen Chancen haben“, sagte Lüthen. Deshalb also der Verweis ans Bückeburger Adolfinum, wo Lüthens ehemaliger Stellvertreter Michael Pavel Schulleiter ist. Dessen Schule war im vergangenen Jahr wegen eines Selbstmordversuchs eines Schülers in die Schlagzeilen geraten. Dabei ging es allerdings nicht um Mobbing.

Rintelns Kripochef Jörg Stuchlik bestätigte, dass es polizeiliche Ermittlungen zu dem Fall am Ernestinum gebe, aber eher in Richtung Stalking als in Richtung sexueller Belästigung. Wegen der Schutzbedürftigkeit der Jugendlichen wollte er mehr jedoch nicht sagen. Aber unter Schülern brodelt die Gerüchteküche, Eltern machen sich Sorgen. Schuldzuweisungen – mal in die eine, mal in die andere Richtung – machen die Runde.

Für Michael Box, Anwalt des 14-jährigen Beschuldigten, geht es um zwei Dinge: „Ich will gegen den Verwaltungsakt des Schulverweises vorgehen. Hier hatte es ja keine Vorwarnung, keine gelbe Karte gegeben, sondern gleich den Verweis. Mir geht es hier um das angemessene Strafmaß. Außerdem vertrete ich den 14-Jährigen gegen die Strafanzeige, habe aber die Akte noch nicht und kann deshalb zu den konkreten Vorwürfen noch nichts sagen. Aber es gibt ja inzwischen auch Hinweise, dass das Mädchen alles nur erfunden haben soll.“

Box erklärte dazu gestern schriftlich in Absprache mit den Eltern des Jungen: „Ein Abweichen von diesem Regelmodell (zuerst ,gelbe Karte‘, dann ,rote Karte‘) mag im Einzelfall möglich sein, bedarf aber stets der besonderen Begründung. Das Schulrecht in Niedersachsen sieht in § 61 Abs. 3 NSchG nicht nur 6 abgestufte Ordnungsmaßnahmen (Verweisung von der Schule ist die 5. Sanktionsstufe) vor, sondern verlangt ab der Sanktionsstufe 3, dass die Sicherheit von Menschen ernstlich gefährdet oder der Schulbetrieb nachhaltig und schwer beeinträchtigt ist.

Die nachhaltige und schwere Störung des Schulbetriebes kommt vorliegend nicht in Betracht und wird auch nicht thematisiert. Bis zur Suspendierung hat keine Lehrkraft diesbezügliche Störungen bemerkt oder kundgetan. In Betracht kommt allerdings die ,ernstliche Gefährdung der Sicherheit von Menschen‘, soweit man unter den Begriff der ,Sicherheit‘ auch die psychische Gesundheit des Opfers subsumieren kann, was derzeit noch fraglich erscheint.“

Eine weitaus mildere Ordnungsmaßnahme erscheint Box ausreichend, um eine Gesundheitsgefährdung der Schülerin auszuschließen: „Ein Gespräch des Schulleiters mit dem Schüler im Beisein der Eltern und die Erteilung eines Verweises unter Androhung einer Überweisung in eine Parallelklasse hätte gereicht, damit mein Mandant sein Verhalten ändert. Statt der Suspendierung hätte er die Pausen in der Bibliothek oder im Krankenzimmer des Sekretariats verbringen können. Während des Unterrichts hätten die Lehrer die Lage kontrolliert und in den Pausen wäre er von ihr getrennt gewesen.“

Box fragt deshalb: „Warum ein Unterrichtsausschluss ohne vorheriges Gespräch mit den Eltern? Warum gibt man einem 14-Jährigen nicht die Chance, sein Verhalten zu ändern? Warum keine Mediation zwischen Opfer und Täter, wobei hier die Einwilligung der Beteiligten, zuvor hätte erfragt werden müssen? Warum findet keine Verweisung an eine Parallelklasse mit Bewährungschance statt?“
Box räumt ein, dass das Mädchen unter den verbalen Entgleisungen (welche unstrittig nicht allein von dem 14-Jährigen geäußert wurden) leiden musste. Dies tue ihm leid, und er entschuldige sich dafür auch im Namen seiner Mandantschaft. Box: „Niemand hat es verdient, infolge von Hänseleien weinend sein Leid dem Lehrer mitzuteilen, weil er sich anders keinen Ausweg weiß. Deshalb ist eine Sanktion auch richtig. Diejenigen, die eine Sanktion verhängen, müssen jedoch das richtige Maß finden, was manchmal sicherlich nicht ganz einfach ist. Aber auch eine Klassenkonferenz muss sich an das geltende Recht halten.“ Box kann nicht erkennen, dass der Schulleiter oder die Klassenkonferenz den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit beachtet haben.

Erstattet wurde die Strafanzeige von den Eltern des Mädchens, die sich rechtlich vom Rintelner Rechtsanwalt Gunter Mücke vertreten lassen. Dieser kannte gestern den genauen Inhalt der Strafanzeige noch nicht, war bis dato nur mündlich von den Eltern informiert worden. Er beschränkte sich deshalb auf die Auskunft: „Ich habe schon Einsicht in die Ermittlungsakte beantragt.“ dil

factbox

Schülerscouts und Polizei helfen

Am Gymnasium Adolfinum in Bückeburg geht man das Thema Mobbing und Selbstmordgefahr unter Schülern seit den Suizidfällen im vergangenen Jahr noch intensiver an. Schulleiter Michael Pavel beschreibt das dreistufige Vorgehen.

Stufe I : „Im Frühjahr werden wir mit der Polizeiinspektion ein Programm zum Thema Mobbing in den 5., 6. und 7. Klassen durchführen. Im Dezember hat uns die Polizei das vorgestellt, jetzt müssen wir nur noch Termine festlegen“, so Pavel. „Wir bekommen über Mobbing von den Schülern kaum Auskünfte, aber gegenüber einem sensiblen Polizisten öffnen sie sich stärker. Und dieser ist laut Erfahrung der Polizei dann in der Lage festzustellen, ob jemand in der Klasse oder sonst an der Schule gemobbt wird. Dann gibt es ein Programm, wie man weiter damit umgeht. Wir wollen dies zu einem festen Bestandteil unseres jährlichen Schulprogramms machen. Ob wir damit weiter in der 5. Klasse beginnen, müssen wir noch prüfen.“
Stufe II : „Außerdem haben wir im letzten jahr den Verein Smiley aus Hannover zu uns eingeladen. Der berät zum Umgang mit Handy und Smartphone unter Jugendlichen. Wir hatten das erst für den 7. Jahrgang gemacht, zuletzt für den 6. und 7. Jahrgang plus einen Elternabend. Im 7. Jahrgang ist es oft schon zu spät, im 6. Jahrgang bewährt sich die zwei- bis dreistündige Prävention von Smiley, bei der auch der Klassenlehrer einbezogen ist.“
Stufe III : „Wir haben außerdem angefangen, ältere Schüler als PC- und Internetpaten für Jüngere auszubilden, abgelehnt an ein Beispiel aus Lüneburg“, teilt Pavel mit. „Von diesen Smartphone-affinen älteren Schülern lassen sich die Jüngeren dann leichter etwas sagen als von uns Lehrern, die eher als Moralapostel gelten, die sich oft gar nicht so gut mit der Technik auskennen. Das Smartphone soll nicht verdammt werden, aber der Umgang mit ihm soll andere auch nicht benachteiligen.“
Ist das Adolfinum in dieser Frage weiter als das Ernestinum? Also kein Handyverbot wie in Rinteln? „Bisher nicht, aber es gibt bei uns Eltern, die die Lösung in einem Handyverbot sehen und dieses massiv fordern. Deshalb haben wir jetzt eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die bis Ende des Schuljahres einen Vorschlag erarbeiten will, ob und wie ein Handyverbot für Pausen ausgesprochen wird. Im Unterricht gilt es jetzt schon. In der Oberstufe haben wir übrigens keine Probleme, Smartphone-Mobbing ohnehin seit einem Jahr nicht mehr an unserer Schule festgestellt. Aber wenn, dann betrifft es Jüngere.“
Und was macht das Ernestinum? „Im Unterricht in den Verfügungsstunden wird über den sicheren Umgang mit Handys und Computern gesprochen“, teilt Lehrerin Andrea Büssing mit. „Für Jüngere wurden im letzten Jahr Schülerpaten von der Polizei zu Medienscouts geschult, damit sie selbstständig in ihren Patenklassen (Jahrgang 6) über Chancen und Probleme bei der Handy- und PC-Kommunikation sprechen können. Die Erfahrung dieser bereits geschulten Scouts soll den Paten des nächsten Jahrgangs helfen, in den Klassen das Thema anzusprechen.“ Mit dem Verein Smiley hat das Ernestinum früher zusammengearbeitet. dil

Interview mit ...

Rolf Willius,
Mitarbeiter des hannoverschen Vereins Smiley. Willius berät Schaumburger Schulen in Sachen Smartphone und Mobbing

Sind die Kinder im Internet völlig enthemmt? Wenn ja, warum?

Nein, ich glaube, dass Kinder zum Beispiel bei WhatsApp anders miteinander reden, als wenn sie sich gegenüberstehen. Die Tatsache, dass man sich nicht in die Augen sehen muss, macht manche Menschen erst einmal mutiger. Und so junge Leute sind sich der Folgen nicht bewusst, dass man zum Beispiel falsch verstanden wird und eine im Scherz geschriebene Beleidigung häufig ernst genommen wird.

In welchen Altersgruppen beobachten Sie dieses Verhalten?

WhatsApp und vergleichbare Plattformen sind schon in 6. und 7. Klassen zu 90 Prozent verbreitet. Uns berichten Lehrer aus Grundschulen, dass es sogar schon in 3. und 4. Klassen WhatsApp-Gruppen gibt.

Fehlt es an Aufsicht, an Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen und an der parallelen Vermittlung von sozialer Kompetenz, also auch Rücksichtnahme auf andere?

Ja, Jugendliche brauchen mehr Begleitung. Sie nutzen dieses Medium ja ziemlich unreflektiert. Dabei geht es nicht darum, das Eltern alles mitlesen sollen, sondern dass wir Jugendliche aufklären müssen, wo die Gefahren nonverbaler Kommunikation liegen.

Was empfehlen Sie zum Beispiel einer Schule, um Eltern und Schüler stärker zu sensibilisieren?

Dieses zu thematisieren. Whats- App ist ja nur ein Werkzeug, mit dem auch jemand verletzt werden kann. Je früher die Begleitung beginnt, desto besser.

Ab welchem Alter halten sie die Internet-Nutzung für Kinder für sinnvoll? Und wer sollte darauf achten?

Kinder sind ganz unterschiedlich, da kann man nichts Einheitliches empfehlen. Wichtig ist eine Begleitung wie beim Fahrradfahren, quasi mit der Hand am Lenker nebenher laufen. Das Gleiche gilt für Whats- App, also gerade am Anfang im Wohnzimmer im Beisein der Eltern im Internet chatten. Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder gut kennen, dann Veränderungen in deren Verhalten erkennen und darauf reagieren können.

 dil

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