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Den Aal in der Weser retten

Thema des Tages Den Aal in der Weser retten

Nur noch fünf Fischereibetriebe gibt es heutzutage an der Weser. Der jüngste Berufsfischer zwischen Bremerhaven und Hannoversch Münden ist Alexander Meyer: In der vierten Generation lebt der 39-Jährige in Hameln vom Fischfang und -verkauf. Schon von klein an ist Alexander Meyer daran beteiligt, den Aalbestand im heimischen Gewässer zu sichern.

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Alexander Meyer – in der vierten Generation Fischer – setzt sich für den Aal in der Weser ein.

Quelle: Dana

Von Wiebke Westphal. Es ist die Art von Nachrichten, die man gern in der Zeitung liest: „Sensation im Zoo Hannover: Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist wieder ein Flusspferd-Baby zur Welt gekommen“, hieß es in diesem Jahr. Und im belgischen Brugelette wurde ein Riesenpanda-Baby geboren – auch dazu titelten die Zeitungen: „Sensation in Belgien!“ Und als im Zoo am Meer in Bremerhaven das seinerzeit knapp vier Monate alte Eisbärbaby Lili seinen ersten Ausflug ins Freigehege machte, kamen Fotografen und Journalisten aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus.

Warum versetzen uns diese Meldungen dermaßen in Verzückung? Weil viele, insbesondere sensible Tierarten, sich in Gefangenschaft fernab ihres natürlichen Lebensraumes nicht vermehren und auch nicht züchten lassen. Diese Tiere brauchen zur Fortpflanzung bestimmte Verhältnisse – herrschen diese nicht vor, „läuft“ nichts.

In der Tiefe wird gelaicht

Dieses Phänomen lässt sich nicht nur bei Zoo-Tieren beobachten: Auch einige Fischarten in der Weser, direkt vor unserer Tür, brauchen spezielle Bedingungen, um sich fortzupflanzen. Zu diesen Fischen gehört der Aal: Er ist ein sogenannter katadromer Wanderfisch – was bedeutet, dass er zum Laichen vom Süßwasser ins Meer zieht. Und zwar nicht in irgendein Meer: Um sich fortzupflanzen, begeben sich die geschlechtsreifen Aale auf eine mehrjährige Wanderung in die Sargassosee vor der Küste Floridas. Nur dort, in einer Tiefe von 2000 bis 4000 Metern, laichen die Fische. Die Larven, die sich bald zu sogenannten Glasaalen entwickeln, gelangen dann mit dem Golfstrom zurück vor die europäische Küste und wandern die Flüsse hinauf – zurück dorthin, wo bereits ihre Eltern aufwuchsen.

Soweit die Theorie. Doch in der Praxis ist diese Wanderung bereits seit vielen Jahrzehnten quasi unmöglich: Tausende Wehre, Dämme, Staumauern und Wasserkraftwerke hat der Mensch im Laufe der Jahre entlang der Flüsse gebaut – meist unüberwindbar oder tödlich für Wanderfische. „Die Weser ist einer der Flüsse in Deutschland, die besonders stark verbaut sind, um die Wasserkraft zu nutzen“, sagt Alexander Meyer. Der Hamelner Berufsfischer kennt die Weser seit seiner frühsten Kindheit: Sein Vater, Norbert Meyer, betreibt in der dritten Generation den Fischhandel auf Wochenmärkten und Fischfang auf der Weser. Alexander Meyer ging 1994 im elterlichen Betrieb „Fisch Meyer“ in die Lehre und setzte vor drei Jahren einen Meister obendrauf. Seitdem darf sich der 39-jährige Fischwirtschaftsmeister nennen. „Kurz hinter Bremen-Hemelingen befindet sich die erste Staustufe – dann folgen sieben weitere“, berichtet Meyer. Diese Staustufen – und zudem Wasserkraftwerke und Wehre – blockieren die Wege der Aale. Daneben gibt es noch andere Faktoren, die dem Fisch zu schaffen machen: Parasiten und Kormorane, die Jagd auf die Tiere machen, sowie die Überfischung junger Glasaale vor den europäischen Küsten.

„Wie exotische Papageien“

„Als ich ein Kind war“, erinnert sich Alexander Meyer, „haben wir in der Weser sehr viele Aale gefangen.“ Große Mengen des Fisches sind damals direkt in den Großhandel gegangen: „Da sind immer große Lkw gekommen und haben den Fisch direkt eingeladen.“ Über die Jahre habe sich das grundlegend geändert: In den letzten 30 Jahren sind die Fangdaten dramatisch zurückgegangen. Der Sportfischereiverein Hameln meldete im Jahr 2002 noch knapp 6000 gefangene Aale; wenige Jahre später waren es nicht einmal mehr 2000. „Mein Opa und mein Vater hatten 90 Prozent mehr Fisch im Netz als ich heute“, berichtet Meyer. Mittlerweile fällt der Europäische Aal – „wie exotische Papageien“, sagt der junge Berufsfischer – unter das Washingtoner Artenschutzgesetz und gilt als vom Aussterben bedroht.

Um den Bestand des Traditionsfischs in der Weser zu sichern, werden schon seit vielen Jahren umfangreiche Besatzmaßnahmen durchgeführt. Normalerweise laufen diese so ab: Die nur wenige Zentimeter langen und kaum ein Gramm schweren Jungtiere, die vor den europäischen Küsten gefischt werden, werden kiloweise gekauft, mit Eis und Schmelzwasser in Styroporkisten verpackt, per Flugzeug eingeflogen, mit dem Lieferwagen nach Hameln gebracht und vor Ort in die Weser gesetzt. Dort wachsen sie heran – und werden anschließend im Alter von drei oder vier Jahren gefischt, verarbeitet und zubereitet. Fünf bis zehn Netze Fisch, sagt Meyer, zieht er im Jahr aus der Weser – oft „erntet“ er dabei auch Zivilisationsmüll. Bei Fisch Meyer habe die Fischerei heute ohnehin keinen so großen Stellenwert mehr wie früher: Der Großteil des Geschäfts läuft heute über den Ankauf von Seefisch in Bremerhaven, der in Hameln zu Spezialitäten verarbeitet und anschließend an vier Tagen in der Woche verkauft wird. Die Aal-Fischerei ist sozusagen nur noch ein Zubrot – eines mit Tradition.

Finanzierung ist kompliziert

Vor zwei Jahren gab es ein Pilotprojekt, um den Bestand des Aals in der Weser weiter zu sichern: Erstmals wurden in der Oberweser geschlechtsreife Laichaale eingefangen und bis ans Meer gefahren. Dieser „Aal-Shuttle“ von Nienburg nach Hooksiel an der Nordsee sollte die Fische vor natürlichen Fressfeinden, unüberwindbaren Staustufen und tödlichen Wasserkraftturbinen bewahren – der Weg durch die Flüsse bis ans Meer wurde den Tieren sozusagen abgenommen. 250 Kilo Jungaale wurden damals transportiert, rund 500 Tiere. Alexander Meyer verbucht die Aktion als Erfolg, alle Beteiligten seien „euphorisch“ gewesen – „das trägt, glaube ich, Früchte“, sagt er, möglicherweise könne sich die Population erholen. Eine tatsächliche Bestandsaufnahme, sagt Meyer, sei wegen der ständigen Wanderung der Fische aber schwierig.

Die Finanzierung des Projektes ist kompliziert, deswegen blieb es bislang bei dem einen Mal. Alle Beteiligten hoffen aber auf eine baldige Einigung – dem Aal zuliebe.

Warum setzt sich ein junger Fischer wie Alexander Meyer eigentlich so sehr für den Fortbestand eines Fisches ein, den es ohne Hilfe des Menschen in der Weser schon lange nicht mehr gäbe? „Wenn man damit groß wird, hat man eine besondere Bindung“, sagt er. Für ihn als Berufsfischer sei der Aal nicht nur ein Wirtschaftsfaktor – der schlangenförmige Fisch habe eine Tradition in der Region, die Weser und Aal, das gehöre einfach zusammen. Schon deshalb sei der Aal es wert, vor dem Aussterben bewahrt zu werden – „auch wenn er nicht sexy ist“, sagt Meyer.

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