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Den Ohren wieder trauen

Thema des Tages Den Ohren wieder trauen

„Schlecht hören kann er wirklich gut“, heißt es oft im Spaß. Dabei ist Schwerhörigkeit nicht ausschließlich die Angelegenheit älterer Menschen. Oft werden Probleme mit den Ohren ignoriert. Obwohl etwa jeder fünfte Mensch ein Problem mit dem Hören hat, trägt nur jeder 20. ein Hörgerät. Ein Erfahrungsbericht.

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Mann mit Hörgerät: Experten schätzen, dass etwa drei bis fünf Prozent aller Deutschen Probleme beim Hören haben. Nicht alle setzen auf technische Hilfsmittel. 

Quelle: Fotolia

Es ist kein einfacher Gang, den Karl und ich da antreten. Aber es muss sein. In der letzten Zeit haben wir uns einfach zu oft herumgestritten. „Du hörst mir einfach nicht richtig zu“, diese Worte waren mein Part dabei, und die seinen: „Du nuschelst eben schrecklich rum!“
 Karl ist 58 Jahre alt, das ist kein Alter für eine ernsthafte Schwerhörigkeit, oder? Es gibt doch weit und breit niemanden, der unter 70 Jahre alt ist und ein Hörgerät trägt. „Ja, das stimmt wohl“, meint der Rintelner Hörgeräteakustiker Jörg Reinecke, den wir schließlich aufsuchen. „Die allermeisten Menschen ignorieren ihre Schwerhörigkeit so lange, bis es wirklich mühsam wird, etwas dagegen zu tun.“
 Das ist auch unsere Erfahrung, und zwar nicht nur in Bezug auf alte Eltern oder Bekannte, deren sogenannte „Harthörigkeit“ sie oftmals aus gemeinsamen Gesprächen ausschließt, oder gar dazu führt, dass sie meinen, man würde hinter ihrem Rücken herumtuscheln; auch eine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis ergab, dass fast alle über 50-Jährigen sich schon mal eingestanden hatten, nicht mehr wirklich gut zu hören, vor allem, wenn viele Menschen durcheinanderreden. „Aber ich kaufe mir doch nicht jetzt schon ein Hörgerät“, heißt es dann. „Wie sieht das denn aus? Außerdem kostet das ja Tausende!“
 Tatsache ist: Während mehr als 90 Prozent aller Deutschen über 60 Jahre zumindest eine Lesebrille benutzen (Allensbachstudie 2012) und das offensichtlich eher unproblematisch finden, muss man davon ausgehen, so sagen es Studien des Robert-Koch-Instituts, dass nur drei bis fünf Prozent der Deutschen ein Hörgerät tragen, obwohl etwa 20 Prozent angeben, mit Hörproblemen zu tun zu haben. Bei den über 65-Jährigen ist es laut Studie sogar jeder Dritte.
 „Die Betroffenen kommen außerdem viel zu spät zu uns“, meint Jakob Stephan Babasch, Hauptgeschäftsführer der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker. „Sie fangen mit etwa Anfang 60 an, schlecht zu hören, versorgen lassen sie sich aber oft erst mit Anfang 70.“
 Sieht man sich in den Städten der Region um, so zeigt sich auch an der Anzahl von Augenoptikern versus Hörgeräteakustikern ein deutliches Missverhältnis. In Hameln etwa sind fünf Hörgeräteakustiker verzeichnet, während sich mindestens vierzehn Augenoptiker finden lassen; in Rinteln gibt es zwei Anlaufstellen für Hörgeräte, dagegen aber mindestens neun Optiker. Dabei leiden Schwerhörige ohne Hörhilfe mindestens ebenso wie Menschen mit Sehschwäche ohne eine Brille.
 Und es kommt ein besonderes Problem dazu: Eine angepasste Brille kann man einfach aufsetzen und gut ist. Ein Hörgerät anzupassen aber braucht Zeit und Durchhaltevermögen, je schlechter man bereits hört, desto mehr.
 Karl ist sich gar nicht so sicher, ob nicht vielleicht doch alle anderen nuscheln und er alles in allem ganz normal hören kann. „Das sagt fast jeder Kunde, mit dem ich zu tun habe“, meint dazu Hörgeräteakustiker Jörg Reinecke und bereitet den computergesteuerten Hörtest vor. Über einen Kopfhörer werden Karl Töne hoher und dann tiefer Frequenzen zugespielt, wobei er einen Knopf drücken muss, sobald er einen Ton wahrnimmt. Aus diesen Daten ergibt sich eine Kurve, die schnell Gewissheit bringt: Geräusche wie Blätterrauschen, das Laufen eines Wasserhahns oder Vogelgesang kommen bei Karl kaum noch an. Und schwerwiegender: Buchstaben wie „s“ und „p“, „h“, „f“ und „sch“ können sich nicht mehr gegen Nebengeräusche durchsetzen.
 Richtig spannend wird es, als Jörg Reinecke ein kleines Hörspiel ablaufen lässt, das wir alle zusammen anhören. Es handelt sich um ein Gespräch zwischen Mann und Frau, das begleitet wird von allerlei Küchengeräuschen rund um Geschirr, Besteck und Spüle. In einer zweiten Runde hören wir dasselbe Gespräch ohne die Begleitgeräusche und mit irgendwie undeutlicher Aussprache der Dialoge. Das Beeindruckende: Karl hat gar keinen Unterschied zwischen den beiden Hörbeispielen herausgehört.
 „Genau in dieser Verarmung der Hörwelt liegt der Grund dafür, dass man nicht zu lange warten soll mit einem Hörgerät“, erklärt der Fachmann. „Das Gehirn kann nämlich nach einer Weile Töne, die es nicht mehr wahrnimmt, auch nicht mehr korrekt verarbeiten.“ Wenn ein Hörgerät sie wieder hörbar macht, löst das anfangs Verwirrung, ja regelrechte Überforderung aus. Jörg Reinecke erzählt von einem sehr alten Kunden, der kam, damit er von der Predigt des Pastors in der Kirche endlich wieder etwas mitkriegen würde. „Der sagte dann ganz traurig: Ich höre die Worte, aber ich verstehe sie nicht.“
 So schlimm steht es um Karl noch lange nicht. Doch eine Fortsetzung des Hörtestes macht ihm klar, warum Gespräche in einer größeren Gruppe so anstrengend für ihn geworden sind. Er soll einsilbige, kontextfreie Worte erkennen: Lärm und Hund, Bach und Geiz, Ring und Holz.
 Bei fast der Hälfte dieser Begriffe muss er passen, beziehungsweise hört er anderes als gesagt wurde. Statt „Drang“ versteht er „Rang“, statt „Kamm“ ein „kam“, statt „Tat“ den Namen „Karl“.
 Kein Wunder, dass ihn ein Stimmendurcheinander höchste Konzentration abverlangt und er manchmal einfach aufgibt.
 Insgesamt stellt sich heraus, dass Karl nur noch etwa 60 Prozent seiner Hörkraft besitzt, gar nicht ungewöhnlich für sein Alter. Die behandlungsbedürftige Grenze, bei der die Krankenkasse die Kosten für ein Hörgerät ganz oder teilweise übernimmt, liegt bei einer Resthörkraft von 70 Prozent.
 „Das hätte ich wirklich nicht gedacht“, sagt er nachdenklich, während ich ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich so oft genervt war über sein ständiges Nachfragen im Gespräch. Was sollen wir nun tun?
 „Nun – Sie können sich noch weitere fünf Jahre quälen, bis fast gar nichts mehr geht, oder wir passen Ihnen jetzt ein Hörgerät an“ heißt es. Im Grunde ist es keine Frage mehr.
 Die gute Nachricht: Seit dem Jahr 2013 erstatten die Krankenkassen die Kosten für wesentlich höherwertige Geräte als zuvor. Das sind meistens um die 1300 Euro für die Ausstattung beider Ohren, zuzüglich einer Reparaturpauschale. „Wir können auf jeden Fall auch solche Geräte empfehlen, für die keine eigene Zuzahlung nötig ist, zumal die Krankenkassen sowieso verpflichtet sind, genau das Hörgerät zu finanzieren, welches die Hörbehinderung im Alltag am besten ausgleicht“, so Jörg Reinecke.
 Wer aus reinen Komfortgründen bereit ist, etwa 800 Euro draufzulegen, erhält ein Gerät, dessen beide Mikrofone per Funk aufeinander abgestimmt sind und unterscheiden können, von wo Sprache und woher andere Geräusche kommen.  Die besorgte Annahme, man müsse „Tausende“ für ein gutes Hörgerät bezahlen, ist so nicht mehr korrekt. Richtig teuer wird es nur dann, wenn man die allerdings faszinierenden Möglichkeiten der neusten Technik nutzen will, etwa Funkschaltungen zum Fernseher, Handy, Stereoanlage, die über spezielle Schnittstellen aktiviert und abgeschaltet werden können.
 An erster Stelle, das ist auch in der fast zweistündigen Beratung zu merken, steht die Beratungsfähigkeit des Hörgeräteakustikers. Mit großer Geduld erklärt Jörg Reinecke, wie die Geräte im Ohr zu platzieren sind und wie man sie je nach Situation einstellt. Er beantwortet jede kleine Frage und hört sich auch all die Situationen an, in denen es bisher mit dem Hören Schwierigkeiten gab. „Das ist eigentlich für alle Hörgeräteakustiker selbstverständlich“, sagt er. „Bei uns entstehen oft richtig enge Beziehungen zum Kunden. Schließlich dauert es viele Wochen, manchmal bis zu einem Jahr, bis die perfekte Einstellung abgeschlossen ist.“
 Karl muss sich da keine so großen Sorgen machen. Zwar steht ihm der Lernprozess im Umgang mit seinem Hörgerät, das er jetzt für eine Woche zur Probe tragen wird, noch bevor, doch da er sich relativ früh um seine Hörprobleme gekümmert hat, sollte die Akklimatisierung eigentlich ohne Verzweiflungsanfälle gelingen.
 „Sie sind jetzt im Anfängerstadium“, sagt Jörg Reinecke. „Aber bald können Sie zu den Fortgeschrittenen gehören.“ Karl nickt, die beiden Hörgeräte fast unsichtbar rechts und links in den Ohren. Wir machen einen Spaziergang mit der neuen Errungenschaft, und, – fast nicht zu glauben – wir können uns dabei unterhalten ohne den ewigen Streit: „Du hörst mir gar nicht richtig zu!“ und „Du nuschelst immer.“ Irgendwie ein Wunder. cok

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