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„Der Biogasboom ist vorbei“

Keine neuen Anlagen seit 2012 „Der Biogasboom ist vorbei“

Vor zehn Jahren sprachen die Schlagzeilen noch vom Biogas-Boom. In Hameln-Pyrmont gibt es heute 24, in Schaumburg 22 Anlagen. Die
meisten sind Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends entstanden. Heute ist der Boom am Ende. Das hat vor allem einen Grund: Es gibt weniger Fördermittel für
Biogasanlagen.

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Der Biogas-Boom hat merklich abgenommen.

Im zurückliegenden Jahrzehnt war es noch ein regelrechter Boom. Biogas war in aller Munde und die Anlagen schossen scheinbar wie Pilze aus dem Boden. Die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe geht für die Zeit zwischen 1999 und 2010 bundesweit von einem Zuwachs bei der Zahl der Biogasanlagen von etwa 700 auf 5905 aus. Ende 2011 waren es laut dem Deutschen Biomasseforschungszentrum dann schon 7200 Anlagen. Damit wären Biogasbauern in der Lage gewesen, mehr als zwei Atomkraftwerke zu ersetzen und mehr als fünf Millionen Haushalte zu versorgen.

 

 Im Landkreis Hameln-Pyrmont gab es vor fünf Jahren 17 Biogasanlagen. Das geht aus einer Aufstellung des Landkreises hervor. Sie verteilten sich auf Aerzen (5), Bad Münder (2), Emmerthal (1), Hessisch Oldendorf (4) und Salzhemmendorf (4). In der Stadt Hameln fand sich eine Biogasanlage. Vier Jahre später, im Oktober 2014, sind es 24 Anlagen. In Aerzen sind es fünf geblieben, Bad Münder hat die Anzahl auf vier verdoppelt. Coppenbrügge ist mit zwei Biogasanlagen neu in der Aufstellung vertreten. Emmerthal hat weiter eine Anlage, Hessisch Oldendorf vier, während Salzhemmendorf um eine Anlage auf fünf zugelegt hat. In der Stadt Hameln existieren nach Auskunft derzeit drei Biogasanlagen, worunter eine jene in Afferde ist.

 Im benachbarten Landkreis Schaumburg gibt Fritz Klebe, Baudezernent beim Landkreis Schaumburg, an, dass es 22 Biogasanlagen in Schaumburg gibt. Der Baudezernent nimmt auch den Satz in den Mund, der heute eher die Situation in Sachen Biogas treffend beschreibt: „Der Biogasboom ist vorbei.“ Seit 2012 sei im Landkreis keine neue Anlage dazugekommen. Einmal im Jahr gebe es vielleicht noch eine Anlagenerweiterung oder eine Optimierung der bestehenden Anlagen. Auch in Hameln-Pyrmont hat die Bioenergie-Region Weserbergland plus schon Anfang 2013 von 24 Anlagen im Landkreis gesprochen. Seitdem ist die Anzahl der betriebenen Anlagen also wie in Schaumburg konstant geblieben. Entstanden ist keine der Hameln-Pyrmonter Anlagen vor 2005. Die kleinste Anlage bringt 240 Kilowatt Leistung, die größte 1400.

 So wie die Stadtwerke Hameln und Westfalen Weser Netz zu den Eigentümern gehören, sind die meisten Anlagen im Besitz von Landwirten oder privaten Gesellschaftern. In Schaumburg verteilen sich die bestehenden Anlagen über den gesamten Landkreis. Die kleinste Anlage bringt 45 Kilowatt Leistung, die größte 1780. Die meisten in beiden Landkreisen liegen dazwischen, bei im Schnitt um die 500 Kilowatt elektrischer Leistung. Die Anlage vom Raiffeisenlandbund in Stadthagen, die größte in Schaumburg, versorgt das Hallenbad „Tropicana“. Im Gegensatz zu Häusern braucht das Bad ganzjährig Wärme. Das Hallenbad in Bad Nenndorf und die Berufsbildenden Schulen in Rinteln sind weitere Beispiele für Einrichtungen, die von Biogasanlagen geheizt werden. In Hameln-Pyrmont wird die Salzhemmendorf Ith-Sole-Therme von einer Biogasanlage geheizt.

 Der Grund für die Entwicklung bei den Biogasanlagen und das Ende des Booms ist bei den rechtlichen Rahmenbedingungen zu suchen. „Die Förderkulisse hat sich verändert“, sagt Fritz Klebe. In Hameln-Pyrmont gingen die ersten beiden Biogasanlagen nach Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2004 ans Netz. Ein weiterer Ausbau und somit Investitionen, das war schon damals zu hören, würde in erster Linie von den gesetzlichen Vorgaben abhängen. Am 1. August 2014 trat nach längerer Diskussionen ein neues Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft. Biogas wird bei der Reform so heftig angegriffen wie keine andere Art der Ökostromerzeugung. Biogasanlagen, die nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes an Netz gegangen sind, erhalten eine geringere Vergütung als bestehende Anlagen – das Gesetz nennt das Bestandsschutz. Aber auch existierende Anlagen sind betroffen, weil das neue Gesetz die Erweiterung bestehender Biogasanlagen nicht zu den bislang geltenden Konditionen zulasse und sie dabei zusätzlich auf 100 Megawatt jährlich begrenze. Schon bei der Beratung über Gesetzesnovelle warnten Experten, dass das für die Hersteller von Biogasanlagen einen Einbruch bedeuten würde.

 Hinzu kommt das Maisproblem: Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Maisanbaufläche in Deutschland nahezu verdoppelt, auf etwa ein Siebtel der gesamten landwirtschaftlichen Anbaufläche. Ein Großteil des Zubaus geht in die Energieerzeugung.Auffällig ist auch, dass alle Anlagen in Hameln-Pyrmont mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben werden. Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe wurde einst gefördert. Seit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2012 greift diese Förderung nicht mehr.

 Von Jakob Gokl und Christoph Boßmeyer

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