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„Der Leichnam spielt keine Rolle mehr“

Thema des Tages „Der Leichnam spielt keine Rolle mehr“

Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub, so heißt es bei Beerdigungen. Bis aber der Körper eines Gestorbenen wirklich zu Erde, Staub oder Asche wird, muss Einiges geschehen. Entweder tut die Natur ihr Werk, oder es ist der Mensch, der den Prozess des Verfalls beschleunigt. Ob Erd- oder Feuerbestattung, in beiden Fällen machen die Toten ein Problem – ein Umweltproblem. Auch deshalb gibt es alternative Bestattungsmethoden.

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Bei Bestattungen geht der Trend zur Einäscherung. Aber es sind bereits neue Bestattungsmethoden im Kommen.

Quelle: dpa

Bei der Resomation löst man den Körper in einer Kali-Lauge auf. Die sogenannte „Promession“ dagegen setzt auf das Verfahren der Gefriertrocknung. Makaber?
 „Für uns klingt das einfach nur schaurig“, sagt ein Mann, der täglich mit Toten zu tun hat: Carl Schmidt, Betriebsleiter des Hamelner Krematoriums. Obwohl er mit seinem Team für die Feuerbestattungen im Weserbergland verantwortlich ist – also für eine hoch technisierte, computergesteuerte Bestattungsmethode –, will er von den Neuerungen, die sich im Bestattungswesen anbahnen, am liebsten gar nichts wissen. „Wir wollen weder Düngemittel herstellen noch wie ein Chemiebetrieb arbeiten“, betont er. „Ethische Grundsätze sprechen aus meiner und aus Sicht des Bestatterverbandes gegen die neuen Methoden. Die trauernden Menschen brauchen das Gefühl, in einem Traditionszusammenhang zu stehen. Das wollen wir nicht unterwandern.“
 Tatsächlich ist die Vorstellung etwa des Resomations-Verfahrens gewöhnungsbedürftig, auch wenn es in mehreren Staaten der USA und in Kanada bereits durchgeführt wird und man aktuell in den Niederlanden und Belgien über die mögliche Einführung der „chemischen Bestattung“ diskutiert.
Der Ausdruck Resomation leitet sich aus dem Griechischen her und bedeutet so viel wie „Wiedergeburt“. Der Vorgang selbst aber deutet zunächst eher auf das Gegenteil hin: Der tote Körper kommt in eine Anlage, wo er drei Stunden lang von einer Lösung aus heißem Wasser und Kaliumhydroxid umspült wird, bis er sich aufgelöst hat. Übrig bleiben poröse Knochen, die zu weißem Staub zerfallen.
 Anders als bei der Erd- und der Feuerbestattung stellen die resomierten menschlichen Überreste, so sagen die Befürworter der „Resomation“, keinerlei Umweltbelastung dar.
Während nach einer Verbrennung Medikamentrückstände und Schwermetalle in Filtern aufgefangen und als Sondermüll deklariert werden müssen, während ein in der Erde bestatteter Körper das Grundwasser unter anderem mit Hormonen belastet, sei die Resomation praktisch umweltneutral.
 Eine weitere alternative Bestattungsmethode, die Promession, verspricht ein ähnlich umweltfreundliches Verfahren. Die schwedische Wissenschaftlerin Susanne Wiigh-Mäsak stellte ihre Forschungen an Tierkörpern kürzlich im „Geo“-Magazin vor. In einer speziellen Anlage, dem Promator wird der auf minus 18 Grad Celsius abgekühlte Körper in flüssigem Stickstoff schockgefroren. Bei einer Temperatur von minus 196 Grad Celsius erstarren die Körpermoleküle, sodass die Leiche, wenn man sie Vibrationen aussetzt, in winzige Teile zerfällt, denen man das Wasser entzieht.
Übrig bleibt eine organische Materie, die, gereinigt und in niedriger Tiefe beigesetzt, nach einem Jahr zu Humus wird. In den Augen von Susanne Wiigh-Mäsak ist das der schnellste Weg, einen Toten dem Kreislauf der Natur zu übergeben.
 Krematoriumsleiter Carl Schmidt zeigt sich eher unbeeindruckt von diesen Bestattungsalternativen. „Ich glaube kaum, dass sich die menschliche Psyche in näherer Zeit darauf einstellen wird, dass unsere Toten in einer Lauge aufgelöst werden“, sagt er. „Und was das Gefrieren betrifft, so käme erschwerend hinzu, dass ja auch bei dieser Methode Schadstoffe wie zum Beispiel Quecksilber entsorgt werden müssen.“ Die Umweltproblematik lasse ihn nicht kalt, nein, aber Pietät und Ethik rund um würdige Bestattungen stünden bei ihm unbedingt im Vordergrund. „Sicher, auch an die Feuerbestattung hat man sich bei uns nach dem Krieg erst gewöhnen müssen. Doch gibt es da Jahrtausende alte Rituale, auf die man Bezug nehmen kann.“
 Diese klassische Bestattungsmethode wird neben der Erdbestattung auch beim Bestattungsinstitut von Hans-Friedrich Böhning aus Stadthagen hauptsächlich gewählt. Von Resomation oder Promession hat der Stadthäger Bestatter noch nicht gehört. „Bisher hatten wir noch keine Anfrage dieser Art“.
Überhaupt steht dabei für Böhning die Frage im Raum, ob eine alternative Methode wie das Auflösen eines Körpers in Kali-Lauge konform ist mit dem niedersächsischen Bestattungsgesetz, denn: „Hier herrscht Friedhofszwang“. Die Befürworter der Resomation haben darauf bereits eine Antwort. Das Wasser, in dem sich der Körper auflöste, enthalte nichts weiter als Aminosäuren, Peptide, Zucker und milde Seife. Das zurückbleibende Knochenpulver sei unschädliches Calciumphosphat, eine „Bioasche“, die man, ebenso wie die Asche nach einem Verbrennungsprozess, in eine Urne füllen und dann bestatten kann.
Der Rintelner Bestatter Bernd Denker vom Bestattungsinstitut Giese ist sowohl mit Erd- als auch mit Feuerbestattungen vertraut. Auch Wünsche, wie den, einen Teil der Asche des Verstorbenen zu einem Diamanten pressen zu lassen, sind ihm nicht fremd. Er schert aus von der Grundlinie, wie sie Carl Schmidt und auch der Bundesverband Deutscher Bestatter vertreten.
„Ich denke, wir können und sollten uns dem sich ankündigendem Wandel nicht entziehen“, sagt er. Aus Umweltschutzgründen würde er jedoch dazu plädieren, die Einäscherung zur Pflicht zu machen. Er sei, erzählt er, vor einiger Zeit zusammen mit einem Kollegen auf dem Friedhof bei einer Exhumierung eines vor zwei Jahren Verstorbenen dabei gewesen. „Ich war erschrocken darüber, was wir da sahen“, sagt er. In einer Tiefe, wo Sauerstoff und Bakterien fehlen, könne sich der Zersetzungsprozess jahrelang hinziehen. Das Erdreich werde dabei regelrecht verseucht, das Grundwasser über Gebühr gefährdet.
Vorgehensweisen wie bei der Resomation oder der Promession sieht er nicht als pietätlos an. „So oder so vergeht der Körper“, sagt er. „Wichtig ist die Art, wie wir uns vom Verstorbenen verabschieden.“
 In dieser Hinsicht bekommt Bernd Denker Unterstützung von kirchlicher Seite, von Andreas Kühne-Glaser, Superintendent im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg. „Nichts, meine ich, spricht gegen alternative Bestattungsmethoden“, so der Kirchenmann. „Wir Christen sind sehr frei im Umgang mit dem sterblichen Überrest. Der Leichnam spielt keine Rolle mehr, im Tod hat der Körper ausgedient. Was den Menschen lebendig macht, ist seine Seele.“  
Diese Auffassung widerspräche auch nicht der christlichen Hoffnung auf eine Auferstehung des Leibes und darauf, sich nach dem Tod wieder zu begegnen. „Dabei geht es ja nicht um den irdischen Leib, sondern eine neue Form der Leiblichkeit, unabhängig von unserem ehemaligen Körper.“
 Was allerdings nicht gleichgültig sei: das würdige Abschiednehmen und ein würdiger Ort des Gedenkens. „Wir alle sind sterblich. Deshalb bleiben Friedhöfe so wichtig, egal, ob in einem Grab nun der Sarg mit dem Toten liegt, oder eine Urne mit Asche oder Pulver.“
 Aktuell kann von einer zeitnahen Einführung der Resomation oder Promession in Deutschland noch kaum die Rede sein. „Das wird sich aber ändern“, davon ist der erfahrene Bestatter Bernd Denker überzeugt. „Die Friedhöfe haben sich in kürzester Zeit darauf eingestellt, dass weit über die Hälfte aller Verstorbenen nicht mehr im Sarg beigesetzt, sondern eingeäschert werden. Für viele Hinterbliebene ist das auch eine finanzielle Frage. Was auf den Markt kommt, wird auch Abnehmer finden.“
 Für eine Reihe von Bestattern, so auch für das Rintelner Bestattungsunternehmen Giese, eröffnen sich angesichts mancher Nüchternheit rund um die Abwägung, welche Bestattungsform die beste sei, eine ganz andere Art von Alternative: Sie laden Angehörige Verstorbener zu Gedenkveranstaltungen ein, wo man zusammenkommt, isst, trinkt, vielleicht einen Vortrag hört und jedenfalls gemeinsam mit anderen seiner Toten gedenkt. „Das ist es doch, worum es eigentlich geht“, sagt er. cok

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