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Der Trend geht zum Rufbus

Landkreis / Nahverkehr Der Trend geht zum Rufbus

Öffentlichen Nahverkehr in einer ländlichen Region wie dem Schaumburger Land effektiv zu organisieren, erscheint wie die Quadratur des Zirkels. Konzeptionell versucht das der Nahverkehrsplan des Landkreises. Dessen neueste Ausgabe ist derzeit in Beratung. Die SN haben schon mal einen Blick in den Entwurf geworfen, mit den Machern des Plans gesprochen und zukunftsweisende Modelle wie die Idee einer Mobilitätszentrale aufgestöbert.

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Von Stefan Rothe.  „Es kann nicht sein, dass große Linienbusse durch die Gegend fahren und keiner steigt ein.“ Davon ist Klaus Heimann, ÖPNV-Dezernent des Landkreises, genauso überzeugt wie von der aus seiner Sicht daraus resultierenden Konsequenz: „Wir benötigen ein flexibles und bedarfsorientiertes System, das kundenfreundlich ist und bei dem Kosten und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis stehen.“

 Damit formuliert Heimann die Kernbotschaft des neuen Schaumburger Nahverkehrsplans für die Jahre 2014 bis 2019, der im Entwurf vorliegt und bald vom Kreistag verabschiedet werden soll.

 Dieser zeigt die Defizite des ÖPNV in einer ländlichen Region wie Schaumburg sehr konkret auf. 85 Prozent des ÖPNV basieren auf den Schülerbussen. Wo und solange diese fahren, ist für vernünftige Verbindungen gesorgt. Doch was ist ab 17 Uhr und an den Wochenenden? Dann dünnen die Möglichkeiten, in die nächste Stadt zu kommen, stark aus oder versiegen vielerorts ganz.

 Wie der Nahverkehrsplan haarklein auflistet, gibt es darüber hinaus etliche Dörfer, die im Buslinienverkehr gar nicht an den Hauptort ihrer Samtgemeinde angebunden sind. Das betrifft unter anderem Heuerßen, Kobbensen, Hülshagen, Lauenhagen, Nordsehl, Pollhagen, Bergkirchen und Wölpinghausen. „Unterdurchschnittlich“ an die nächstgelegene Kleinstadt angebunden sind demnach die Grundzentren Lindhorst, Sachsenhagen und „Bergkrug“ (Helpsen/Kirchhorsten).

 Eine weitere Analyse des Nahverkehrsplans: Wegen der Bevölkerungsverteilung liegen die Schwerpunkte des Buslinienverkehrs im Städtedreieck Bückeburg-Rinteln-Obernkirchen-Stadthagen sowie im Raum Bad Nenndorf/Rodenberg. Die Anbindungsqualität der außerhalb dieses Raumes liegenden Orte „fällt dem gegenüber aufgrund geringerer Nachfrage stark ab“.

 ÖPNV-Planung in einer ländlichen Region ist nach den Worten von Heimann „ein Spagat zwischen Wünschbarem und Machbarem“. Wo zu wenig Bürger in einen Linienbus einsteigen, „da können wir auch keinen fahren lassen, das ist einfach zu teuer“, erläutert Knut Utech, ÖPNV-Experte der Kreisverwaltung.

 An der Alternative werde in Schaumburg schon seit einiger Zeit gebastelt, nämlich an Anrufbussen oder -taxis und Ähnlichem. Auch das hier bisher Erreichte ist im Nahverkehrsplan akkurat aufgelistet:

- Bürgerbus „Anrufbus Niedernwöhren“

- Anrufsammeltaxen-Verkehre Stadthagen und Rinteln

- Anrufauto Rodenberg

- Seniorentaxi Auetal

- kreisweites Fifty-Fifty- und Seniorentaxi.

 Diesen Trend gelte es zu verstärken, sagen Heimann und Utech. Auch für die übrig gebliebenen „weißen Flecken“ in der Versorgung gelte es, Rufbus-Systeme zu etablieren. Zudem müssten auch einige Rufsysteme noch perfektioniert werden. Angebote, die auf Haltestellen bezogen sind, bürgen Schwierigkeiten: „Wie lange sind Senioren in der Lage, überhaupt bis zu den Haltestellen zu gehen?“ Die Zukunft gehöre langfristig mutmaßlich Rufsystemen, „die Kunden auf individuellen Wunsch von Haustür zu Haustür transportieren“. Nicht zuletzt sei es notwendig, die vielen Angebote in einer Mobilitätszentrale zu bündeln und von einer Stelle aus zu managen (siehe Artikel unten).

 Obwohl bei geringer Nachfrage wirtschaftlicher als Linienbusse, kosten auch Rufsysteme Geld. Und zwar soviel, dass in aller Regel öffentliche Zuschüsse nötig sind. Hierbei geht der Appell von Heimann und Utech an das für die ÖPNV-Förderung zuständige Land. Bisher würden große Städte und der Schienenverkehr bevorzugt. „Das Fördergeld muss mehr in die ländliche Fläche und in den Busverkehr fließen, und zwar speziell in die zukunftsträchtigen angebotsorientierten Rufsysteme.“

Anbindung an Klinikum fällt leicht

Eine wichtige Aufgabe in den nächsten Jahren wird die Anbindung des neuen Gesamtklinikums Schaumburg bei Vehlen an den ÖPNV sein. „Das Klinikum liegt sehr zentral im Landkreis“, sagt ÖPNV-Planer Knut Utech, „da wird es relativ leicht sein, die Buslinien darauf auszurichten.“

Vorrang wird die Anbindung der Städte Stadthagen, Rinteln und Bückeburg haben. „Hier werden lediglich von den bereits bestehenden Routen zwischen den Städten aus Stichfahrten zum Klinikum nötig sein“, erläutert Utech. Das sei mit den Busunternehmen abgesprochen. Konkrete Fahrpläne müssten freilich noch erstellt werden.

Problem: Was passiert zu Zeiten, in denen kein Linienbusverkehr besteht? Dafür müsste ein Bedarfsverkehr mit gleichen Fahrpreisen geschaffen werden, heißt es im ÖPNV-Entwurf.

Gezerre um Ausweitung des GVH-Tarifs

Schon seit geraumer Zeit gibt es Bemühungen, den günstigen Pendlertarif des Großraumverkehrs Hannover (GVH) auf der Bahnstrecke Hannover-Minden auf Einzeltickets auszudehnen. Mehr noch: Auch die Anschlussfahrten per Bus sollen kreisweit einmal in den günstigen GVH-Tarif eingebunden werden. Hiermit identifiziert sich auch der Entwurf des Nahverkehrsplans.

Derzeit laufen schwierige Verhandlungen zwischen der Region Hannover und den Bahnanbietern über die Kosten der Ausdehnung auf Einzeltickets. Letztlich geht es dabei um die Höhe der Zuschüsse, die die Landkreise und die Region Hannover für das Projekt zu zahlen haben.

„Die Verhandlungen waren eigentlich schon weit gediehen“, berichtet Kreispressesprecher Klaus Heimann. Doch jetzt hätten die Verkehrsunternehmen plötzlich Nachforderungen gestellt. „Das ist heikel“, kommentiert Heimann, denn zwei Gutachter hätten bereits praktikable Modelle vorgerechnet. Die Sache müsse für die Landkreise realistisch finanzierbar bleiben. Derzeit erarbeite ein dritter, neutraler Gutachter einen Ausgleich der Interessen, schildert Heimann. „Wir hoffen im Interesse der Bahnnutzer, dass in der Sache bald ein Durchbruch erzielt wird.“

Mobilitätszentrale wichtiges Ziel

Der Aufbau einer Mobilitätszentrale ist eines der wichtigsten im Nahverkehrsplan fixierten Ziele. Die Bürger sollen dann unter einer einzigen Telefonnummer sämtliche ÖPNV-Auskünfte bekommen. Wichtig wäre eine Mobilitätszentrale aus Sicht der Kreisverwaltung vor allem, weil es in Schaumburg schon eine nennenswerte Vielfalt angebotsorientierter Bussysteme gibt. Deren Angebote müssen aus Sicht der Kreisverwaltung nur besser kommuniziert werden.

Die Mobilitätszentrale soll nach den Worten von Knut Utech, ÖPNV-Experte der Kreisverwaltung, Auskünfte geben über sämtliche Fahrpläne und -preise der Linienbusse und der Bahn. Ebenso sollen Infos über alle Bedarfsangebote vom Anrufbus Niedernwöhren über das Anrufauto Rodenberg und ähnliches bis hin zum Fifty-Fifty- und dem Seniorentaxi erhältlich sein.

Doch nicht nur das. Bei einem Anruf wie etwa: „Ich wohne in Schmalenbruch und muss am Donnerstag um 17.30 in Bückeburg sein“ soll die Mobilitätszentrale die optimale Verbindung präsentieren. Wenn möglich oder erforderlich unter Einbeziehung eines Bedarfsverkehrs. Dieser soll von der Zentrale auch disponiert werden. Das würde heißen: Der Nutzer müsste dann beim Betreiber des Rufbusses gar nicht mehr selber anrufen, sondern die Mobilitätszentrale würde die Bestellung managen.

Einbezogen werden soll auch das Pendlerportal der Regionalen Entwicklungskooperation Weserbergland. Im Klartext: Wer mit Blick auf seine Fahrt zur und von der Arbeitsstelle von einer Fahrgemeinschaft profitieren will, soll diese auch über die Mobilitätszentrale organisieren können.

Derzeit führt die Kreisverwaltung Verhandlungen mit dem Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr. „Wir wollen eine Mobilitätszentrale als vom Land geförderteres, wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt erreichen“, sagt ÖPNV-Dezernent Klaus Heimann. Von den Erkenntnissen könnten dann später andere Landkreise profitieren.

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