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Der Wetterfrosch

Thema des Tages: Was ist Meteorologie heute? Der Wetterfrosch

Professor Günter Groß ist Meteorologe. Doch was ist Meteorologie heute? Mathematik und Physik, sagt Groß, der in Exten wohnt. Wer in seinem Fach arbeitet, muss Computer lieben, denn Computermodelle sind die Grundlage dieser Arbeit.

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Professor Günter Groß, Meteorologe und Klimatologe, an seinem heimischen Arbeitsplatz in Exten.

Quelle: tol

Von Hans Weimann

Auf dem Computer-Bildschirm von Professor Günter Groß laufen rote, grüne und blaue Männchen entlang von U-Bahn-Gleisen. Agenten nennt der Professor sie, sie laufen davon vor Feuer und Rauch. Leider in die falsche Richtung. Zur Treppe nach draußen. Nicht klug, sagt Groß, sie sollten besser in den Tunnel laufen, denn der Rauch wird die Männchen einholen. Menschen zu retten, der Feuerwehr zu zeigen, in welchen U-Bahn-Eingang sie müssen, wenn es brennt, das ist eines der Ziele des Computermodells, das Groß zurzeit entwickelt. Groß ist Professor der Meteorologie und Klimatologie und man fragt sich: Was bitte haben Männchen in der U-Bahn mit Meteorologie zu tun?

 Alles, sagt Groß. Denn wohin Feuer und Rauch ziehen, wird unter anderem von der Hintergrundströmung im Untergrund bestimmt. Man erinnert sich an die Brandkatastrophe in der Gletscherbahn im Skigebiet Kaprun, wo vor 14 Jahren 155 Menschen gestorben sind. Als Meteorologe kommt man in der Welt herum. Inzwischen, sagt Groß, der das Institut für Meteorologie und Klimatologie der Leibniz Universität Hannover leitet, reise er nur noch zwei Mal im Jahr dienstlich ins Ausland. Er war schon in Nepal. Dort braucht man zuverlässige Daten der Flugmeteorologie, vor allem für die extremen Höhen, in denen im Himalaja geflogen wird. Und er war in Bolivien. Da ging es um eine agrarmeteorologische Beratung. Die wird dort dringend gebraucht, weil in Südamerika die voraussichtlichen Auswirkungen des Klimawandels drastischer ausfallen als bei uns. Und Kollegen von Groß waren schon 15 Monate in der Antarktis.

 Wie er auf Meteorologie gekommen ist? Zufall, sagt Groß. Er sei bei der Bundeswehr bei den Pionieren gewesen und habe danach eigentlich Bauingenieur werden wollen. Dann habe er das Buch „Erde ruheloser Planet“ von Nigel Calder gelesen, die Revolution der modernen Erdwissenschaft: „Deshalb wollte ich Geophysik studieren.“ Doch in Darmstadt, wo sich Groß mit einem Freund schon eine Wohnung gemietet hatte, war das nicht möglich. Dafür Meteorologie. Also habe er Meteorologie studiert.

 Meteorologen müssen Computer lieben, sagt Groß, denn die Grundlage dieser Arbeit seien Computermodelle. Und es gilt der Satz: Für Meteorologen wie für das Militär ist jeder Rechner zu klein. Zur Not habe er da schon mal Rechnerkapazität in Japan gebucht. Apropos Japan. Rund 50 Kollegen aus Japan waren jüngst in Rinteln zu Besuch zur japanisch-deutschen Stadtklima-Tagung. Man trifft sich regelmäßig. Denn Groß ist auch Fachmann für Stadtklima. Und da in Japan Megacitys wie Tokio stehen, wird sein Fachwissen gebraucht. Das Problem, sagt Groß, sei die Wärme. Wie kriegt man Häuser, ja, eine ganze Stadt kühler? Vor allem, wenn Tropennächte, in denen die Temperatur nachts nicht unter 20 Grad sinkt, einem den Schlaf rauben. Beim Stadtklima, schildert Groß, spielen Strömungen eine entscheidende Rolle. Blockieren die Häuser möglicherweise einen Luftaustausch? Muss man sie im Architektenentwurf etwas versetzen, vielleicht ein Stockwerk niedriger bauen, um die Durchlüftung zu gewährleisten? Am Computer zeigt Groß in einer Simulation das Geländemodell von Heidelberg: „Hier ist der Neckar, da das Neckartal, hier die Stadt, hier die Höhenlinien der ansteigenden Berge. Hier kann man gut sehen, welcher Teil der Stadt nachts am besten belüftet wird, wenn eine Kaltströmung in die Stadt zieht.“

 Warum Computermodelle? Weil, sagt Groß, sich solche Szenarien mit Messtechnik allein nicht erfassen lassen. Computermodelle sind auch das Handwerkszeug, wenn man beispielsweise wissen will, wie Sanddünen wandern, wie Bäume umströmt werden, um eine Schadstoffverteilung zu ermitteln. Beides hat er schon gemacht. Als Professor könnte er eigentlich auch reine Grundlagenforschung betreiben, er arbeite aber nach wie vor am liebsten an Projekten, die einen praktischen Nutzen generieren, also etwas, das auch jemand braucht.

 Groß wohnt mit seiner Familie in Exten. Am Ende der Welt. Ihr erstes Bauernhaus bewohnte die Familie in Lauenau. Doch Groß hat für seine Kinder Platz vermisst. Deshalb habe man, als die alte Hofstelle in Exten angeboten worden sei, im Jahr 2000 auch nicht lange gezögert. Stehen geblieben ist von dem Gebäude nur das Fachwerkgerüst. „Wir haben alles entkernt und neu aufgebaut. Wir haben 7000 Lehmsteine abgeklopft, damit wir sie wieder verwenden konnten“. Die Fachwerkfächer sind wieder mit Lehm und Schilfmatten gefüllt, was für ein höchst angenehmes Wohnklima sorgt. Das private Büro des Professors ist im ersten Stock. Man muss sich bücken, will man dort durch die Tür: modernste Computertechnik umgeben von jahrhundertealten Eichenbalken.

 Groß ist gebürtiger Südhesse, hat nach seinem Studium in Darmstadt eine klassische Universitätskarriere bis zum Professor hingelegt, zuerst in Trier, dann in Hannover. Da auch seine Frau Christine promovierte Meteorologin ist, tauscht man am Abendbrottisch auch schon mal Gedanken über fachliche Belange aus. Gemeinsam mit einem Freund, schildert Groß, habe er das Unternehmen „meteoterra“ gegründet, in dem seine Frau jetzt Geschäftsführerin ist. Ein Unternehmen, das konsultiert wird, wenn beispielsweise Gutachten für Windanlagen oder Schweineställe gebraucht werden.

 Schweineställe und Meteorologie? Sicher, sagt Groß, „meine Frau ermittelt dann, wie sich der Geruch in der Umgebung ausbreitet“. Er selbst habe beispielsweise für Biblis erforscht, wohin Radioaktivität bei einem GAU (Größter anzunehmender Unfall) treiben würde. Eine Aufgabe, die heute der Wetterdienst übernimmt, der stets die aktuellen Wetterdaten parat hat. Groß, das spürt man bei jedem Satz, ist von seinem Beruf begeistert und möchte diese Faszination für Meteorologie auch dem Nachwuchs übermitteln. So engagiert er sich in Schulen und wirbt bei der Sommeruni in Rinteln für seinen Beruf. Dabei macht Groß keinen Hehl daraus, dass Meteorologie ein beinhartes Studium ist, vor allem seit die Spielregeln geändert und Bachelor und Master eingeführt wurden. Da müsse man vom ersten Tag an mit 100 Prozent starten. Sonst komme man nicht hinterher. Und was muss man mitbringen? Topnoten in Mathematik und Physik? „Ach was“ sagt Groß, „man muss Spaß an diesem Wissensgebiet haben, es wollen und dran bleiben“. Meteorologen werden überall auf der Welt gebraucht. „Wir sind eine Gemeinschaft, ob in Japan oder den USA – man versteht sich auf Anhieb.“

 Und wie wird sich der Klimawandel bei uns auswirken? Groß sagt: Bei allen Berechnungsschwierigkeiten unterschiedlicher Klimamodelle können wir heute davon ausgehen, dass die warme, gemäßigte Klimazone in Westeuropa feuchttemperiert mit warmen Sommern auch in hundert Jahren noch Bestand haben wird. Das Konfliktpotenzial liege beim Kampf ums Wasser. Der Mensch braucht Wasser zum Trinken, die Nutzpflanzen und Waldökosysteme aber auch.

 Die Wettervorhersage war noch nie so gut wie heute. Warum hat man trotzdem manchmal den Eindruck, dass die Wetterfrösche schief liegen? Ganz einfach, sagt Groß, Sven Plöger oder Katja Horneffer hätten im Fernsehen gerade mal 60 Sekunden Zeit, das Wetter für drei Tage für ganz Deutschland vorherzusagen. Die können gerade was von Nord und Süd erzählen, dann sei die Sendezeit um. Menschen, die exakte Wetterinformationen benötigen, wie Landwirte und Piloten, bekommen auch exakte Vorhersagen. Groß: „Wir können das Wetter im Abstand von drei Kilometern berechnen.“

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