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Der Zweifel am Pieks nach Plan

Thema des Tages Der Zweifel am Pieks nach Plan

Schon wenige Wochen nach ihrer Geburt werden Kinder in Deutschland geimpft. Ein offizieller Leitfaden, empfohlen von der Stiko, der Ständigen Impfkommission, gibt dabei Zeitpunkt und Reihenfolge der Schutzimpfungen vor. Doch Impfen ist freiwillig, die Eltern entscheiden selbst, ob ihr Kind die Injektionen bekommt oder nicht. Und es regen sich vermehrt Zweifel. Drei Standpunkte zum Für und Wider der Impfungen.

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Quelle: pr

Eigentlich müsste es ganz einfach sein. Ein kleiner Pieks ins Bein, ein kurzer Moment des Schmerzes und das Kind ist lange gegen Krankheiten wie Hepatitis, Masern und Keuchhusten geschützt. Ganz so einfach ist es aber wohl doch nicht. Viele Eltern sind skeptisch, ob die empfohlenen Schutzimpfungen wirklich gut sind oder ihrem Kind nicht sogar schaden können. Der Zweifel am Pieks nach Plan wächst.
„Es ist für mich unverständlich, wie Eltern guten Gewissens ihre Kinder impfen lassen können.“ Britta Struckmann aus Bad Nenndorf blättert in einem großen blauen Buch und schüttelt immer wieder den Kopf. „Impfen – Pro & Contra“ von Martin Hirte ist ein Bestseller und dient impfskeptischen Eltern als wichtige Orientierungshilfe. Auch Struckmann hat den Ratgeber gelesen und ist überzeugt, dass Impfstoffe eher dazu geeignet sind, Kinder krank zu machen, als sie vor Krankheiten zu schützen.
Die Liste der Impfnachteile aus Sicht der dreifachen Mutter ist lang. Impfungen würden das noch nicht ausgereifte Immunsystem der Kinder überfordern und die Entstehung von Allergien und Autoimmunkrankheiten begünstigen. Zudem seien Risiken und Nebenwirkungen von Impfungen nur unzureichend erforscht. Die Bad Nenndorferin betrachtet vor allem Impfzusatzstoffe mit Sorge, die mit Aluminium und Quecksilber belastet seien. Für sie ist klar, dass eben diese Zustatzstoffe die Neurodermitis-Erkrankung ihres ältesten Sohnes im Kleinkindalter ausgelöst haben. Gespräche mit Heilpraktikern und Homöopathen hätten sie schließlich in ihrer Impfskepsis bestätigt. „Heute würde ich kein Kind mehr impfen lassen“, betont Struckmann.
Eine Haltung, die auch Ulrich Soergel, Kinderarzt in Stadthagen, oft zu hören bekommt. Mit Argumenten wie „Das Kind ist doch noch so klein“ oder „Kinderärzte spritzen im Auftrag der Pharmaindustrie“ würden immer wieder Eltern die Impfung ihrer Kinder komplett ablehnen oder nur gewisse Impfungen wie beispielsweise gegen Tetanus zulassen, erklärt der Mediziner. Zwar müsse er die Meinung der Eltern akzeptieren, er werde aber auch nicht müde, immer wieder auf die Risiken solcher Entscheidungen und die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) hinzuweisen. Diese würden auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren und seien von einem Ärztegremium ausgearbeitet. Für Soergel ist deshalb klar: „Eltern sollten nicht aus einem rein subjektiven Bauchgefühl handeln.“ Bei gesunden Kindern gehe man mit den modernen Impfstoffen heute kein Risiko ein. Impfschäden, also Erkrankungen aufgrund der Impfung, seien „sehr selten“ geworden.
Bester Beweis für die Wirksamkeit von Impfungen ist für Soergel das Beispiel Kinderlähmung. Anfang der sechziger Jahre wurde der Impfstoff gegen die Virusinfektion eingeführt – mit Erfolg. Wurden bis dahin Soergel zufolge in Deutschland rund 2000 Fälle pro Jahr gezählt, sei die Zahl der an Kinderlähmung erkrankten Menschen durch den Impfstoff weltweit auf jährlich 200 gesunken. In Deutschland wurde der letzte Fall von Kinderlähmung 1990 registriert.
Soergel kann viele Argumente aufzählen, die für eine Impfung sprechen. So seien typische Kinderkrankheiten wie Masern und Röteln – der Impfplan der Stiko sieht zwei Impfungen in den ersten beiden Lebensjahren vor – nicht nur im Kindesalter gefährlich, auch Erwachsene, die nicht immunisiert sind, könnten sich infizieren. Bei älteren Menschen seien diese Virusinfektionen dann mit größeren Risiken verbunden und könnten häufig einen schweren Verlauf nehmen. Der Kinderarzt warnt generell davor, Kinderkrankheiten zu unterschätzen. Sollte es zu einem Masernausbruch kommen, sei die Ansteckungsgefahr für ungeimpfte Kinder entsprechend groß. „Eltern haben große Verantwortung für ihr Kind, aber auch gegenüber anderen“, betont der Stadthäger.
Wie groß die Impflücken in Sachen Masern tatsächlich sind, dokumentiert erstmals eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in einigen Jahrgängen nur 37 Prozent aller Kleinkinder entsprechend den Stiko-Empfehlungen gegen Masern geimpft sind. Eltern würden den Impfschutz gegen Masern nicht ernst genug nehmen oder seien aufgrund fehlender oder falscher Informationen über Nutzen und Risiken der Impfung schlicht verunsichert, erklären die Autoren der Studie.
Eine Verunsicherung, für die Nicole Fuchs-Köster viel Verständnis hat. Die Bad Nenndorfer Heilpraktikerin für Kinder und Jugendliche berät besorgte Mütter und Väter in ihrer Impfsprechstunde. „Impfen ist ein wichtiges Thema gerade für frischgebackene Eltern. Sie haben viele Fragen und wollen sich umfassend informieren“, sagt die 40-Jährige und erklärt, dass in den Kinderarztpraxen die Impfberatung wegen des knappen Zeitplanes im Praxisalltag oft zu kurz komme.
Sein Kind impfen zu lassen sei eine freiwillige Entscheidung der Eltern. Umso wichtiger ist es für Fuchs-Köster, dass sich Mütter und Väter umfassend informieren und einen eigenen Standpunkt bilden. Die gängige Impfpraxis zu hinterfragen, ist für sie legitim. Angesichts zahlreicher Impfungen in den ersten Lebensjahren eines Kindes, das im Normalfall ja alles mitbringt, was es zum Großwerden benötigt, „darf man darüber nachdenken“, sagt die 40-Jährige. In diesem Zusammenhang sieht sie ihre Rolle als Informationsquelle, die das Für und Wider von Impfungen gemeinsam mit den Eltern beleuchtet.
Fakt ist: „Es besteht keine Impfpflicht, jeder darf und muss die Entscheidung selbst treffen“, betont Fuchs-Köster. So sei es beispielsweise möglich, den Zeitpunkt der Impfungen individuell zu wählen, etwa wenn sich der Körper des Kindes entwicklungsbedingt mit anderen Herausforderungen wie Koliken oder den ersten Zähnchen auseinandersetzen müsse. Beim Impfen gehe es immer um Einzelfallentscheidungen, die das jeweilige Kind als Individuum in den Mittelpunkt stellen sollten. tbh, kcg

Der Impfplan für Kinder in den ersten zwei Jahren

Nach den Empfehlungen der Stiko sollen Babys in den ersten 14 Lebensmonaten viermal gegen verschiedene Krankheiten geimpft werden: Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae b (hib) und Pneumokokken. Gegen Masern, Röteln, Mumps und Varizellen soll zwischen dem elften und 23. Lebensmonat zweimal geimpft werden. Nach dem ersten Geburtstag steht dann noch die Impfung gegen Meningokokken an.
Mit dem Impfstoff soll das Immunsystem der Kinder quasi trainiert werden. Indem dem Körper Bestandteile eines Erregers gespritzt werden, soll er lernen, mit diesem umzugehen und Abwehrstoffe zu produzieren, ohne die Krankheit durchzumachen. Gegen manche Krankheiten sollen Kinder so lebenslang geschützt sein, bei anderen muss nach einigen Jahren die Impfung wiederholt werden. Impfungen können wie alle Medikamente Nebenwirkungen haben. Zu den häufigsten gehören Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle, Fieber und Unwohlsein. „Diese Reaktionen sind Ausdruck der erwünschten Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff und klingen in der Regel nach wenigen Tagen komplett ab“, teit das Robert-Koch-Institut mit. Impfkomplikationen seien „sehr selten“. Sie können bleibende Schäden oder chronische Krankheiten hinterlassen.  kcg

Die Stiko

Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin ist ein Gremium mit aktuell 17 Experten, die vom Bundesgesundheitsministerium berufen werden. Sie sind zu unparteiischer Erfüllung ihrer Aufgaben verpflichtet, heißt es auf der Homepage des Robert-Koch-Institutes. In Selbstauskünften müssen die Mitglieder Verbindungen zu impfstoffherstellenden Unternehmen offenlegen, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Der Bundesgerichtshof hat der Stiko im Jahr 2000 bescheinigt, dass ihre Entscheidungen den wissenschaftlichen Standard abbilden. kcg

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