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Der große Ernst

Thema des Tages Der große Ernst

Bei den „Model United Nations“ verwandelt das Ernestinum seine Aula in das Parkett der internationalen Diplomatie. In dem Rollenspiel übernehmen Schüler die Position unterschiedlicher Länder, führen Diskussionen – komplett in Englisch – in Gremien und Komitees und versuchen letztlich, ihre Position durchzusetzen.

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Quelle: cok

Wenn Oberstufenschüler in Anzug und Krawatte zur Schule kommen und Schülerinnen im Kostüm und mit perfekt gestylter Frisur, dann werden entweder Abiturzeugnisse verteilt, oder es sind diese drei Tage am Rintelner Gymnasium Ernestinum, wo Schule so ist, wie sie viel öfter sein sollte. Das seriöse Outfit, die ernsthafte Geschäftigkeit, die diese Schüler ausstrahlen, das alles ist Teil eines anspruchsvollen Rollenspieles rund um die Simulation einer Konferenz der Vereinten Nationen, deren Vorbereitung sich über ein halbes Jahr hinzog und alle etwa 80 Beteiligten geradezu gefangen nahm.
MUN nennt sich dieses Projekt, „Model United Nations“. Seit sieben Jahren ist das „Ernestinum“ ein Vorreiter in der Organisation so einer UN-Konferenz, wie sie regelmäßig an einigen deutschen und internationalen Schulen und Universitäten stattfindet. Die Rintelner laden dann auch Schüler aus Hameln und dem Landkreis Schaumburg ein, um als Abgeordnete der Weltnationen über globale Probleme zu diskutieren und schließlich gemeinsam Resolutionen zu verabschieden.
Dabei ist jeder Teilnehmer eine Art Schauspieler. Wer als Delegierter auftritt und in dieser Rolle über Themen wie Fischfangquoten oder Organtransplantationen, über die Menschenrechtssituation, Asylpolitik oder die ökonomischen und sozialen Ziele der Weltländer spricht, der musste sich zuvor nicht nur mit der generellen Sachlage vertraut machen, sondern außerdem genau darüber informiert sein, welche Interessen „sein“ Land – China oder die USA, Kolumbien, Russland oder der Iran – vertreten würde.
Umgangssprache ist Englisch
Die Umgangssprache ist Englisch, der Umgangston folgt den Regeln einer echten UN-Konferenz. „Es war wahnsinnig viel Vorbereitungsarbeit“, sagt etwa Vanessa Vinke vom Hamelner Albert-Einstein-Gymnasium. „Aber noch viel mehr Spaß“, fällt ihr gleich Henrike Springmann aus Rinteln ins Wort und ihre Freundin Pauline Hartmann kann das nur bestätigen.
Der bilinguale Politikkurs von Lehrerin Saskia Meyer-Hermann bildete das verantwortliche Organisationsteam für die möglichst originalgetreue Durchführung der Konferenz. Die Schüler erarbeiten geeignete Themen, bereiteten Delegierten auf ihre Rollen vor, sie leiteten die Diskussionen in den Gremien, schrieben Protokolle, führten souverän die großen gemeinsamen Konferenzen in der Aula durch und sorgten für genügend Helfer, die das Geschehen technisch betreuten. Erste Erfahrungen sammelten sie bei MUN-Konferenzen in den Niederlanden und in Oldenburg, wohin sie als Abgeordnete anreisten. Sie konnten sch ein Bild davon zu machen, wie zum Beispiel das unabdingbare Chef-Sekretariat geführt wird, wie man als „Commitee Chair“, also Konferenzleiter, aufzutreten hat oder auch, wie die Formulierungen von Statements und Resolutionen auszusehen haben.
Das Besondere ist: Die Vorbereitung der Konferenz läuft nach einer Weile fast ohne Lehrer ab“, sagt Saskia Meyer-Hermann. „Die Schüler bilden Kleingruppen, in denen sie total selbstständig arbeiten.“ Worauf es dabei ankommt, ist, die großen Themen der Weltpolitik handhabbar zu machen. Anfangs bestehe nämlich durchaus die Gefahr, sich bei der Recherche in der Unmenge von Informationsmaterial zu verlieren. Der Anspruch ist sehr hoch, geht es doch nicht nur darum, ein Thema insgesamt sachgerecht zu erfassen. „Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Perspektive des Landes, als dessen Delegierter man agiert, konsequent zu übernehmen und dann in den einzelnen Gremien so zu verteidigen, dass die ‚eigenen‘ Interessen möglichst durchgesetzt werden.“
Um dieser Herausforderung gut begegnen zu können, nimmt das erste Vorbereitungs-Halbjahr fast den Charakter eines Rhetorik-Kurses an. Jeder Schüler wählt sich ein Thema, zu dem er fünf Minuten spricht, auf Englisch selbstverständlich. Das kann ebenso eine Rede über den eigenen Hund sein wie ein Vortrag über den Tauchsport oder über gefährdete Elefanten in Indien, ganz egal, Hauptsache, man wagt es, die Scheu vor dem öffentlichen Sprechen zu überwinden.
„Um als Redner gut anzukommen, muss man sich öffnen und sich auch der Kritik stellen“, so die Lehrerin. Wobei: „Die Schüler selbst geben anfangs meistens ein eher zu positives Feedback.“ Erst nach und nach werde allen bewusst, dass sie später auf den internationalen Konferenzen ja wirklich etwas für ihr Land erreichen wollen. Dass man während der drei MUN-Tage selten seine persönliche Meinung vertritt, sondern etwa mit dem Vatikan-Staat prinzipiell gegen Organtransplantationen votiert, als japanischer Delegierter die Walfangquoten unter dem Mantel wissenschaftlicher Forschung erhöhen will oder als Abgesandter aus Saudi-Arabien nicht viel von Gleichberechtigungsforderungen zwischen den Geschlechtern hält, es erschwert die Hingabe an die Rolle als Delegierter nur im ersten Moment. „Gäbe es diese Perspektiven-Übernahmen nicht, würde es auch keine echten Diskussionen geben“, sagt Saskia Meyer-Hermann. „Der Konsens bei den meistens international strittigen Themen wäre unter den Schülern schon vor jeder Disputation vorhanden.“
Kompromissfähigkeit als Grundvoraussetzung
Als Vertreter eines bestimmten Landes zu agieren, bedeute außerdem nicht, stur an vorgegebenen Positionen festzuhalten. Man sucht sich Lobby-Partner, schließt Koalitionen, um wenigstens einen Teil seiner Anliegen abstimmungsfähig zu machen, geht hier einen Kompromiss ein, um dort einen Vorteil zu erlangen, kurz: Die MUN-Konferenz gibt, wenn alles gut läuft, ein durchaus realistisches Abbild davon, wie Entscheidungen in echten UN-Versammlungen zustande kommen. Kein Wunder, dass sich bereits eine ganze Reihe ehemaliger Teilnehmer aufgrund der intensiven Auseinandersetzungen für ein Studium der Politikwissenschaft entschieden und an ihren Universitäten dann eigene MUN-Konferenzen inszenierten.
Auch aus dem Stadthäger Wilhelm-Busch-Gymnasium waren wieder sechs Schüler in Rinteln dabei, dazu angeregt von ihrem Englisch-Lehrer Fabian Hentschel, der im vergangenen Jahr vier Schüler für einen mehrtägigen Ausflug nach Istanbul begleitete, wo sie als internationale Diplomaten auftraten. Wenn das WBG bisher auch noch keine eigene Konferenz organisierte, so gibt es dort doch eine engagierte und konferenzerfahrene AG, die immer interessierten Zulauf hat. „Man muss das gesehen und erlebt haben. Es ist eine Erfahrung fürs Leben“, so der Stadthäger Lehrer.
Umso bedauerlicher eigentlich, dass nur relativ wenige Schulen in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Bad Pyrmont die Einladung des „Ernestinums“ annahmen. „Wir haben alle Schulen angeschrieben, auch mit einzelnen Schulleitern gesprochen“, sagt Saskia Meyer-Herrmann. „Ja, einen Kurs oder eine AG auf die Teilnahme bedeutet besonderes Engagement – aber ist es die Sache nicht wert?“ Selten erlebe sie Schüler derartig begeistert, ja geradezu euphorisiert. Das sei höchstens noch mit den Höhepunkten von Theater- oder Musik-AGs vergleichbar. „Außerdem bin ich davon überzeugt, dass diejenigen, die sich auf so ein Schulprojekt einlassen, die Schule danach mit anderen Augen sehen. Als einen Ort, wo man als Persönlichkeit ernst genommen wird und man echte Verantwortung übernehmen kann.“
Am Ernestinum beteiligen sich bereits Siebtklässler am MUN-Projekt, als „Administratoren“, die, seriös gekleidet und frisiert, am Rande der gemeinsamen Konferenzen geschäftig herumgehen, um bei den Abstimmungen für eine korrekte Auszählung der Stimmen zu sorgen und die Reihenfolge von Rednerbeiträgen zu registrieren. „Schon immer haben wir auch jüngere Schüler integriert“, sagt Meyer-Hermann. „Und das Schöne ist: Nicht wenige von ihnen machen dann später als Delegierte mit.“ cok

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