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Der letzte Angriff

Thema des Tages Der letzte Angriff

Im Alter von 43 Jahren möchte Jens Voigt seine Karriere im Radsport mit einem Rekord beenden: Morgen versucht der Publikumsliebling, auf der Rennbahn im schweizerischen Grenchen den neun Jahre alten Stundenweltrekord zu brechen. Damit elektrisiert „Voigte“ die Radsportwelt ein letztes Mal.

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Auf dem Velodrome Suisse in Grenchen will Jens Voigt einen neuen Stundenweltrekord aufstellen.

Quelle: Velodrome Suisse

Von Guido Scholl

Einen Tag nach seinem 43. Geburtstag möchte der Radprofi Jens Voigt knapp 50 Kilometer mit dem Rad zurücklegen. Angesichts von geschätzten 35 000 Kilometern, die professionelle Radsportler pro Jahr abspulen, erscheint dieses Vorhaben kaum erwähnenswert. Voigt will die Strecke aber innerhalb einer Stunde bewältigen und damit einen Weltrekord aufstellen.
Den Stundenweltrekord zu knacken – das hat sich der gebürtige Mecklenburger als letztes Ausrufezeichen seiner Karriere vorgenommen. Im Jahr 2005 hatte sich zuletzt der Tscheche Ondrej Sosenka in die Rekordliste eingetragen, 49,7 Kilometer legte der damals 29-Jährige innerhalb der 60 Minuten zurück und überbot die fünf Jahre alte Bestmarke des Briten Chris Boardman (im Herbst 2000 32 Jahre alt) um gut 250 Meter.
Und jetzt will ein 43-jähriger Beinahe-Sport-Rentner auf den letzten Drücker schneller und damit weiter fahren als die bisherigen Rekordmänner? Kein Wunder, dass die Radsportwelt zunächst mit Skepsis reagierte und sogar von einem PR-Gag gesprochen wurde. Doch seit dem Verkünden des Rekordversuchs vor gut zwei Wochen ist diese Skepsis der Vorfreude auf das Spektakel gewichen, das Voigt den Zuschauern ohne Zweifel bieten wird. Und bei seinen Fans, denen er das Unterfangen als Abschiedsgeschenk präsentieren möchte, ist regelrechte Euphorie ausgebrochen.
In die kritischen Stimmen mischten sich schnell die Worte jener Beobachter, die das Treiben des Deutschen in den vergangenen Wochen genauer beobachtet hatten. Das Hamburger Weltcuprennen am 31. August hätte sich als hervorragende Bühne für einen letzten heroischen Ausreißversuch, dafür ist Voigt schließlich berühmt, auf deutschem Boden geeignet. Doch der Routinier verzichtete und wählte als sein letztes Straßenrennen die US Pro Challenge in Colorado – ein Rennen, das wie ein Höhentrainingslager wirkt. Ideale Vorbereitung also.
Zudem hatte Voigts Kollege im Trek-Factory-Team, Fabian Cancellara, einen Stundenweltrekordversuch für diesen Herbst geplant – die technischen Vorbereitungen sind innerhalb der Mannschaft seit langer Zeit in vollem Gange. Cancellara zog zurück, weil er sich in diesem Jahr endlich den Traum vom ersten Weltmeister-Titel im Straßenrennen sichern möchte.
Und dann hat noch etwas Voigts Aussichten verbessert: die Rolle rückwärts des Radsport-Weltverbands UCI. Dieser hatte unlängst die extremen technischen Restriktionen für den Stundenweltrekord revidiert, die seit dem Jahr 2000 galten. Seinerzeit wurden sämtliche Bestmarken der Jahre 1984 bis 1996 annulliert, weil diese mit Spezialkonstruktionen gesetzt worden waren: Scheibenräder, unterschiedlich große Laufräder, aerodynamisch ausgefeilte Rahmen, Zeitfahrlenker und windschlüpfrige Helme verhalfen den Rekordjägern zu immer längeren Strecken – den Schlusspunkt dieser Hatz setzte Chris Boardman am 7. September 1996 mit einer Strecke von 56,375 Kilometern.
2000 fiel die offizielle Rekordmarke also wieder auf die 49,431 Kilometer, die Eddy Merckx 1972 in Mexiko-Stadt zurückgelegt hatte. Die Distanzen der Jahre dazwischen wurden als Weltbestleistungen in die Archive aufgenommen. Boardman holte sich den Rekord im Herbst 2000 zurück – es war der letzte Auftritt vor dem Ende seiner Karriere. Doch einerseits wegen der ausfransenden Rekordliste und aufgrund der Tatsache, dass das Material einst das Salz in der Suppe der Rekordfahrten gewesen war, verlor der Stundenweltrekord an Attraktivität. Und damit an Bedeutung.
Top-Zeitfahrer wie Jan Ullrich, Lance Armstrong und Santiago Botero hätten wohl einen Angriff auf den Weltrekord gestartet, wenn sie darin ein Projekt gesehen hätten, dass ihren ohnehin schon glanzvollen Siegeslisten einen nennenswerten Pluspunkt verliehen hätte. Doch erst 2005 probierte es mit Ondrej Sosenka ein Fahrer, der zwar als Zeitfahrspezialist galt, aber doch eher der zweiten Reihe zuzuordnen war.
Es ist schließlich auch nicht so, dass sich ein Straßenprofi mir nichts, dir nichts auf ein Bahnrad setzen kann und innerhalb einer Stunde fast 50 Kilometer bewältigt. Das Fahren auf dem Parkett eines Velodroms verlangt andere Fähigkeiten, auch die Sitzposition ist weitgehend ungewohnt. Boardman musste nach seiner 2000er-Rekordfahrt beispielsweise vom Rad gehoben werden, weil sich seine Beinmuskulatur vollkommen verkrampft hatte. Hinzu kommt das ungewohnte Steuerverhalten eines Bahnrads.
Die UCI hatte daher beschlossen, bestimmte Materialmodifikationen zuzulassen. Voigt kann – anders als die Herren Merckx, Boardman und Sosenka – mit Scheibenrädern, Zeitfahrhelm und Zeitfahrlenker um die Radrennbahn in Grenchen (Schweiz) kurven. Auch der Rahmen unterscheidet sich zwar deutlich von den Modellen, die zwischen 1984 und 1996 benutzt wurden, aber auch von jenen der puristischen Rekordfahrten bis 1972 sowie 2000 und 2005.


Vor allem wegen des windschlüpfigeren Materials trauen Experten Voigt zu, den Sosenka-Rekord zu knacken. Zwar gehörte der Mann aus Grevesmühlen nie zur absoluten Zeitfahrelite, doch er hat gleich mehrere Siege im Kampf gegen die Uhr im Palmares stehen. Und er gilt als tempofester Rennfahrer, der sich besonders dann bis ans absolute Limit verausgaben kann, wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind. So wie bei seinen zahlreichen Ausreißversuchen bei der Tour de France und in etlichen weiteren hochkarätigen Profirennen.
Die Kameras werden den Angreifer Voigt voll im Fokus haben, wenn er um 19 Uhr im Velodrom in Grenchen auf seine schmerzhafte Abschiedsreise geschickt wird. In Dutzende Länder rund um den Globus wird das Ereignis live übertragen. Der Spartensender Eurosport zeigt Voigt zu Ehren am morgigen Donnerstag von 8.45 bis 20.15 Uhr ausschließlich Radsport – Vorberichte, Dokumentationen und Expertenbeiträge. Auch dies belegt, wie sehr Voigt mit seinem letzten großen Angriff den Zauber des Stundenweltrekords reaktiviert hat.
Wenn es ihm gelingt, die Bestmarke zu überbieten, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Distanz, die er erreicht, nicht lange Bestand haben wird. Dem vierfachen Zeitfahrweltmeister Fabian Cancellara dürfte es bei akribischer Vorbereitung gelingen, deutlich weiter zu fahren. Doch selbst dann behielte „Voigte“, wie sie den Deutschen im Fahrerfeld nennen, einen Rekord: den des ältesten Stundenweltrekordlers in der Radsport-Historie. Und er wäre der erste deutsche Stundenweltrekordler – als letzter Deutscher scheiterte Bahnweltmeister Thomas Liese im Jahr 2001 an der Boardman-Marke.

Einen Liveticker finden Sie hier.

Zwei Tour-Etappen gewonnen

Jens Voigts Siegerliste als Straßenradprofi ist lang und beinhaltet als Glanzlichter zwei Etappenerfolge bei der Tour de France, einen Etappensieg beim Giro d’Italia, fünf Gesamtsiege beim Etappenrennen Critérium International und zwei Gesamtsiege bei der Deutschland-Tour. Außerdem trug der Mecklenburger zweimal das Gelbe Trikot der Tour de France, wo er zudem mit seinen Ausreißversuchen die Sympathien des internationalen Radsportpublikums gewann. Weitere Achtungserfolge waren ein zweiter Platz beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich sowie Etappensiege bei Paris-Nizza und der Katalonien-Rundfahrt. Diese Resultate sind umso beachtlicher, da „Voigte“ zumeist als Helfer unterschiedlicher Kapitäne eingesetzt wurde – von Ivan Basso bis Fränk und Andy Schleck. Sein bestes Gesamt-Resultat bei der Tour de France war Platz 28 in Jahr 2006.

Neun Rekorde eliminiert

Eddy Merckx, der als größter Radsportler aller Zeiten gilt, hielt den Stundenweltrekord zwölf Jahre lang. Erst der Italiener Francesco Moser überbot ihn, als er mit damals revolutionärem Material auf die Bahn ging. Mosers Marke hatte erneut lange Bestand, ehe der unbekannte Schotte Graeme Obree eine regelrechte Rekordflut lostrat, indem er eine völlig neue Sitzposition kreierte und auf einem Rad der Marke Eigenbau um das Bahn-Oval jagte. Bis heute hält sich das Gerücht, dass Obree in sein Fahrrad Teile einer Waschmaschine eingebaut hatte. Das Dreigestirn Miguel Indurain, Tony Rominger und Chris Boardman trieb den Rekord dann in bis heute unerreichte Dimensionen.

Die Weltbestmarken:

  • 19. Januar 1984: Francesco Moser 50,808 Kilometer
  • 23. Januar 1984: Francesco Moser 51,151 Kilometer
  • 17. Juli 1993: Graeme Obree 51,596 Kilometer
  • 23. Juli 1993: Chris Boardman 52,270 Kilometer
  • 27. April 1994: Graeme Obree 52,713 Kilometer
  • 2. September 1994: Miguel Indurain 53,040 Kilometer
  • 22. Oktober 1994: Tony Rominger 53,832 Kilometer
  • 5. November 1994: Tony Rominger 55,291 Kilometer
  • 7. September 1996: Chris Boardman 56,375 Kilometer

27 Rekorde in 120 Jahren

Der erste Stundenweltrekord wurde im Jahr 1893 aufgestellt. Von keinem Geringeren als Radsport-Pionier Henri Desgranges, auf dessen Initiative auch die „Geburt“ der Tour de France zurückgeht. In Paris legte Desgrange 35,325 Kilometer zurück. Anschließend wurde die Marke 26-mal verbessert. Hinzu kommen die neun Rekorde zwischen 1984 und 1996, die heute als „Weltbestleistungen“ gelten, weil sie auf nicht mehr zugelassenem Material aufgestellt wurden.

Die Rekorde:

  • 31. Oktober 1894: Jules Dubois 38,220 Kilometer
  • 30. Juli 1897:     Oscar Van Den Eynde 39,240 Kilometer
  • 3. Juli 1898: Willie Hamilton 40,781 Kilometer
  • 24. August 1905: Lucien Petit-Breton 41,110 Kilometer
  • 20. Juni 1907: Marcel Berthet 41,520 Kilometer
  • 22. August 1912: Oscar Egg, 42,122 Kilometer
  • 7. August 1913: Marcel Berthet 42,741 Kilometer
  • 21. August 1913: Oscar Egg, 43,525 Kilometer
  • 20. November 1913: Marcel Berthet 43,775 Kilometer
  • 18. August 1914: Oscar Egg, 44,247 Kilometer
  • 25. August 1933: Jan van Hout 44,588 Kilometer
  • 28. September 1933: Maurice Richard 44,777 Kilometer
  • 31. Oktober 1935: Giuseppe Olmo 45,090 Kilometer
  • 14. Oktober 1936: Maurice Richard 45,325 Kilometer
  • 29. September 1937: Frans Slaats 45,485 Kilometer
  • 3. November 1937: Maurice Archambaud 45,767 Kilometer
  • 7. November 1942: Fausto Coppi 45,798 Kilometer
  • 29. Juni 1956: Jacques Anquetil 46,159 Kilometer
  • 19. September 1956: Ercole Baldini 46,394 Kilometer
  • 18. September 1957: Roger Rivière 46,923 Kilometer
  • 23. September 1959: Roger Rivière 47,347 Kilometer
  • 30. Oktober 1967: Ferdinand Bracke 48,093 Kilometer
  • 10. Oktober 1968: Ole Ritter, 48,653 Kilometer
  • 25. Oktober 1972: Eddy Merckx 49,431 Kilometer
  • 27. November 2000: Chris Boardman 49,441 Kilometer
  • 19. Juli 2005: Ondrej Sosenka 49,700 Kilometer
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