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„Die Funkstille der Herzen“

Thema des Tages „Die Funkstille der Herzen“

Der Zug 514 brachte im außerordentlich harten Winter 1946/47 Hunderte Vertriebene von Breslau nach Hameln und Bückeburg. Wegen der überaus niedrigen Temperaturen wurde der Zug später „Kälte-Transport“ genannt. Das Drama der Fahrt ins Weserbergland spiegelt sich nach Ankunft auch in den Krankenhäusern wider.

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Während einige Schlesier seit Weihnachten schon eingewiesen werden konnten, leben die meisten noch in Massenquartieren. Andere liegen im Hamelner Krankenhaus. Zum Jahreswechsel berichtet die Hameln-Seite der Hannoverschen Presse (HP) über den Zug 514: „Wenn der Transport auch seit Wochen für diesen Termin angekündigt worden war, so hatte im Hinblick auf den starken Kälteeinbruch doch niemand ernsthaft mit seiner Ankunft gerechnet. Oder konnte man glauben, daß es 20 Monate nach Kriegsende noch so viel Unmenschlichkeit gäbe, Frauen, Kinder und Greise bei 15 Grad Kälte nachts aus ihren Wohnungen in Breslau zu holen und sie in ungeheizten Güterwagen auf die Reise nach Westen zu schicken?“ Die Stadtverwaltung hat ihr Möglichstes getan, um die circa 800 Menschen, darunter 22 Kinder eines Waisenhauses aus Lissa, erst einmal aufnehmen zu können. Aber nun muss der nächste, noch schwierigere Schritt folgen: Alle Schlesier sollen aus den Schulen beziehungsweise dem Lager herausgeholt und in Wohnungen eingewiesen werden. Das ist angesichts der bereits bestehenden Wohnungsnot eine große Herausforderung. Der Artikel endet daher mit dem „Appell an die Hamelner Bevölkerung, den heimatlosen Menschen, die soviel Schweres ertragen mußten, größtes Verständnis und größte Bereitwilligkeit entgegenzubringen.“
 Drei Tage später setzt das sozialdemokratische, hannoversche Mutterblatt einen ganz anderen Schwerpunkt. Der Chefredakteur A. A. Zell verfasst einen großen, prominent platzierten Artikel. Zell schildert Schicksale von Menschen, die im Transport gewesen sind. „In dem ersten Bett, vor das ich trete, liegt ein zwölfjähriger Junge. Er heißt Manfred. Seine beiden erfrorenen Füße stecken in Verbänden. Seine beiden Hände sind dick, weiße Klumpen, mit denen er nicht einmal die Weihnachtsplätzchen greifen kann, die mitleidige Fremde auf seine Decke gelegt haben. Er redet mich mit ‚Herr Doktor‘ an, weil er noch nicht begreifen kann, daß es neben dem beruflichen auch ein menschliches Interesse gibt. Wenn man ihn fragt, gibt er nur zögernd Antwort. Seine Erzählung ist kurz: ‚Es war furchtbar kalt und da bin ich neben meiner Mutter eingeschlafen. Am Morgen bin ich aufgewacht und habe die Handschuhe ausgezogen. Da habe ich gesehen, was mit meinen Händen los war!‘“
 Angesichts solcher Folgen erinnert der Chefredakteur die Militärregierung an ihre Pflicht, „die berechtigten Interessen des besetzten Landes zu wahren“. Er fordert eine Bestrafung derjenigen, die für den Transport verantwortlich sind. Ein solch gewissenloses Vorgehen solle „für alle Zukunft“ unterbunden werden. Zell wendet sich zuletzt gar an die Weltöffentlichkeit, die solche Zustände nicht hinnehmen dürfe.
 Die HP bezeichnet den Zug 514 als „Kälte-Transport“ und betrachtet ihn als eine besonders tragische Facette der sog. „Kälte-Katastrophe“: den außerordentlich harten Winter 1946/47. Es mangelt an Heizmaterial, an Nahrungsmitteln, an Transportmöglichkeiten und an Energie für die Wirtschaft, die deshalb überwiegend still liegt. Die Bevölkerung der britischen Zone leidet schwer unter diesen Lebensbedingungen. Das britische Oberhaus hat daher schon im November 1946 Hilfe für die Menschen in Deutschland gefordert – obwohl auch die Verhältnisse in England noch stark vom Krieg geprägt sind.
 Alle Parteien im niedersächsischen Landtag kritisieren mit flammenden Reden die dramatische Lage. Die HP schildert immer wieder besonders krasse Fehlentwicklungen. Mehrmals erhält sie deshalb eine Rüge der Pressezensur. Zell lässt beim Thema Ausweisungen aus Schlesien trotzdem nicht locker. Eine Woche nach dem Erscheinen seines Textes schreibt er unter dem Titel „Funkstille der Herzen“, dass man sich nicht wundern dürfe, wenn „erfrorene Deutsche der ausländischen Presse höchstens eine Nachricht, aber keinen Kommentar wert sind.“ Der Chefredakteur nennt die Umstände, unter denen die Schlesier in die britische Zone gebracht wurden, nun kurz und bündig, ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Am selben Tag richtet Großbritannien eine diplomatische Stellungnahme an den polnischen Außenminister Olszewski.

Dr. Ernst Loch schmuggelt sich in den Transport, weil seine schwerkranke Frau mitreisen muss. Foto:pr.

 Auch im britischen Unterhaus werden die Transporte nun diskutiert. Abgeordnete der Labour- und der Tory-Partei befragen den Minister John Hynd. Er ist Leiter des englischen Kontrollamts für Deutschland und Österreich und daher letztlich zuständig. Hynd teilt mit, dass 162 Menschen schwere Erfrierungen erlitten hätten. Dazu gehörten auch 29 Kinder. Amputationen seien bisher nicht durchgeführt worden, weil die betreffenden Patienten noch zu schwach seien. Daraufhin kritisiert die aufmerksam gewordene britische Presse die Durchführung der Transporte im tiefen Winter scharf. Und die Picture Post resümiert: „Unless we do our best to see that such things do not happen again our right to lift a finger in condemnation of the Nazis will be lost.“ [Wenn wir nicht unser Bestes geben, um so etwas zukünftig zu verhindern, haben wir kein Recht mehr, die Nazis zu verurteilen.]
 Der deutsche „Spiegel“ untersucht die Umstände der Ausweisung unter dem bewusst zynisch formulierten Titel „Ein Kälte-Experiment“. Auf dem Titelblatt des Heftes ist Georg Queck zu sehen. Er „besitzt nichts mehr als ein Päckchen dickverschnürter Papiere. Diese letzten Beweise seines früheren Lebens als Kaufmann gibt der 75-Jährige nie aus der Hand. Was er sonst noch besaß, wurde ihm in Breslau auf dem Bahnsteig weggenommen. Am Kopfende hat er eine Schachtel Streichhölzer liegen, denn manch einer der zahlreichen Besucher schenkt ihm eine Zigarette. Vor ihnen schämt er sich, unrasiert wie er ist, und will den letzten Mark-Schein in dem Bündel für einen Barbier aufwenden.“
 Journalisten sprechen auch mit dem inoffiziellen Transportarzt Dr. Ernst Loch. Nach einem Herzanfall und mit schweren Erfrierungen an den Füßen, liegt er nun selbst im Bückeburger Krankenhaus. Loch schildert den Hamburgern, wie er einer Frau bei einer Fehlgeburt zu helfen versuchte. Bevor der Arzt sich um sie kümmern konnte, musste sie mit warmem Wasser vom Boden des Waggons abgelöst werden. Das Drama dieser Fahrt spiegelt sich in dieser traumatischen Erfahrung besonders drastisch.
 Die SPD-Fraktion hat eine Drucksache in den niedersächsischen Landtag eingebracht, die im Februar diskutiert wird. Der pommersche Abgeordnete Bruno Leddin, SPD, beschränkt die Kritik nicht auf die polnischen Behörden. Er weist darauf hin, dass „die Behandlung dieses Unglückstransports auch durch die deutschen Behörden der russischen Zone sehr zu wünschen übriggelassen hat.“ Auch dies solle politisch behandelt und verändert werden. Die parlamentarische Entschließung, die unter anderem eine Aussetzung der Transporte bis zum 1. Mai fordert, wird einstimmig angenommen.
 Die internationalen politischen Debatten und diplomatischen Verstimmungen spielen in Hameln kaum eine Rolle. Hier kämpft man vor allem darum, die Schlesier und die vielen Vertriebenen, die auch nach dem Transport 514 in Hameln aufgenommen werden, vertretbar unterzubringen.
 Im Mai 1947 formuliert Oberstadtdirektor Wilke in seinem Bericht nach Hannover, man müsse „den Begriff Flüchtling in Zukunft […] verwischen“. Denn: „Die staatspolitische Gestaltung ist im Augenblick so, daß mit einer Rückkehr der Flüchtlinge in ihre seitherige Heimat nicht zu rechnen ist.“ Die Verwaltung ist sich bewusst geworden, dass die Unterbringung und Versorgung der Vertriebenen eine Daueraufgabe sein wird. Die – auch begrifflich dokumentierte – Distanz zwischen „Flüchtlingen“ und Alteingesessenen soll daher möglichst schnell überwunden werden.
Die Betroffenen selbst haben ihre eigenen Sorgen. 60 Tage nach Ankunft des Zuges aus Breslau fragt die Lokalseite der HP nach. Viele leben noch immer in der Hermannschule und versuchen, sich irgendwie zu arrangieren. Doch: „Über allem steht selbstverständlich die Sorge um die nahe Zukunft; denn der neue Anfang aus dem Nichts heraus wird schwer sein; der tägliche Kampf um die elementarsten Dinge des Lebens, um Kartoffeln und Brot, um Heizmaterial und Bezugsscheine, und nicht zuletzt die Sorge um eine neue Existenz.“

Von Dr. Gesa Snell

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