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Die Klingel in der Nacht

Thema des Tages Die Klingel in der Nacht

Mitten in der Nacht wird das Kind krank. Fühlt sich die Stirn nicht sogar heiß an? Wo ist denn bloß das Fieberthermometer? Haben wir noch Tropfen? Salbe? Ein Zäpfchen? Krankheiten halten sich nicht an die Öffnungszeiten der Apotheken– für solche Situationen gibt es in jeder Nacht den Apotheken-Notdienst. Wir haben Andrea Lemke von der Hamelner Turmapotheke einen Abend lang begleitet und erfahren, warum auch Nasenspray ein Notfall sein kann.

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Der große Ernst

Apotheken haben tägliche Notdienste. So wird die Versorgung der Patienten zu jeder Zeit gewährleistet.

Quelle: Dana

Von Svenja-A. Möller

Eigentlich bin ich ja gar kein Nachtmensch“, sagt Apothekerin Andrea Lemke und reibt sich vorsichtig das Auge. Dabei ist es noch gar nicht so spät – die Zeiger ticken langsam vor sich hin, es ist 21 Uhr. Doch auch wenn Lemke kein Nachtmensch ist, alle 26 Tage übernimmt sie den Apotheken-Notdienst für den Raum Hameln. Dann hat sie einen 24-Stunden-Dienst, nimmt Rezepte an, gibt Medikamente aus und führt Beratungen durch – all das zu nachtschlafender Stunde. „Eigentlich unterscheidet sich der Dienst in der Nacht nicht allzu sehr von dem am Tag“, so Lemke. Die Leute kommen, haben eine Frage, ein Anliegen. Manchmal sind sie in der Nacht etwas aufgeregter. „Viele kommen direkt aus dem Krankenhaus, wollen ein Rezept sofort einlösen“, erklärt Lemke. „Meist sind es Eltern mit ihren Kindern, die in der Nacht krank geworden sind.“
Während Lemke erzählt, ertönt die Notdienstklingel. Aber es ist ein „falscher Alarm“, nur eine tägliche Warenlieferung. „Heute Abend ist es sehr ruhig, bisher habe ich einmal Antibiotika und einmal Hustentropfen rausgegeben“, zählt Lemke auf. „Rausgegeben“, das heißt durch das kleine Fenster, das die Apothekerin nach dem Klingeln öffnet, hindurchgereicht. Die Eingangstür öffnet Lemke nach der offiziellen Öffnungszeit gar nicht mehr. Später am Abend sichert sie die Schiebetüren mit Eisenstangen, „damit man sie von außen nicht aufdrücken kann“, erklärt sie.
Für den Abend hat sich eigentlich noch ein junger Mann angekündigt. Er rief an, erklärte sein Kind sei krank und ob er vorbeikommen könnte. „Er wollte die Adresse per SMS gesendet bekommen, aber das war vor fast zwei Stunden, ich glaub’, der kommt nicht mehr“, vermutet die Apothekerin. Mit dieser Vermutung soll sie recht behalten.
Dass Leute anrufen, sich ankündigen und dann doch nicht kommen, käme häufiger vor. „Von drei, die anrufen, kommt dann vielleicht einer“, so Lemke. Aber das sei nicht schlimm, sie würde ja ohnehin da sein und auf „Kundschaft“ warten. Manchmal rufen die Leute abends um 22 Uhr oder auch nachts an und fragen: Haben Sie Notdienst? „Warum sollte ich denn um diese Uhrzeit sonst ans Telefon gehen“, lacht Lemke. Warum sie zu so später Stunde noch in der Apotheke ist, fragt sich wohl auch manch feierwütige Hamelner. „Am Wochenende oder bei Stadtfesten kommt es mal vor, dass Betrunkene klingeln, einfach nur quatschen wollen oder fragen, warum ich denn jetzt noch hier bin“, erzählt Lemke. Auch das sei vollkommen in Ordnung. „Die wollen ja einfach nur ein wenig plaudern.“ Während sie erzählt, klingelt es ein weiteres Mal. Ein Ehepaar aus Aerzen hat ein Rezept für ein Magenmittel dabei. Die Tochter habe eine Gastritis, eine Magenschleimhautentzündung, die Familie kommt direkt vom Arzt. Es ist kurz nach 21 Uhr. Magenmittel sei etwas, das in der Nacht ab und an nachgefragt werde. Sonst seien Antibiotika, Kopfschmerztabletten und auch normale Schmerzmittel die „Bestseller“ – fast alles natürlich nur auf Rezept. „Am Wochenende gebe ich auch manchmal die ,Pille danach‘ raus, Kondome eher weniger“, so Lemke. Die würden sich die Leute dann eher bei der Tankstelle holen.
Lemke erzählt, dass manchmal auch jemand kommt und nach einem Nasenspray fragt. „Andere Kollegen haben dafür kein Verständnis – das man beim Notdienst Nasenspray holt – aber ich verstehe das schon, wenn man absolut nicht schlafen kann, wenn alles dicht ist, dann braucht man das Spray.“ Wofür Lemke allerdings wenig Verständnis hat: „Wenn jemand mit einem Rezept kommt, das eine Woche alt ist, drei Dinge draufstehen und die Leute dann verärgert sind, wenn ich nicht alles da habe.“ Sonst freut sich die Apothekerin aber über jedes Klingeln. Es sei schön, wenn etwas zu tun sei, sie ein wenig „Gesellschaft“ habe. Die leistet ihr manchmal auch ihr Mann. Er kommt gegen 20 Uhr, bringt etwas zu essen mit und geht, wenn Lemke sich irgendwann schlafen legt. „Aber richtig schlafen ist das ja nicht, ich döse so vor mich hin“, erklärt sie. Im Hinterzimmer steht ein Klappbett, direkt unter der Notdienstklingel, überhören kann sie diese auf keinen Fall. Das sei aber eine große Angst: Die Klingel mal nicht zu hören. „Manche Leute stehen aber auch an der falschen Tür, klingeln irgendwo bei den Ärzten oben drüber und ärgern sich, dass ich nicht komme.“ Es gäbe auch Patienten, die einfach nur vor der Tür stehen, nicht klopfen oder klingeln. „Als ob ich es ahnen könnte, dass sie da stehen“, schmunzelt Lemke.
Während sie erzählt, hält draußen ein Auto, es klingelt an der Tür. Eine junge Frau holt eine bestellte Cortison-Creme ab. „Die hatte eine andere Apotheke heute nicht vorrätig, ich habe sie bestellt und die Dame kann die Creme jetzt holen“, erklärt Lemke. Hier würde sie auch nicht die regulären 2,50 Euro Notdienstgebühr nehmen. Kaum ist die Klappe geschlossen, klingelt es erneut. Durch die kleine Öffnung hindurch fragt ein Mann nach einem Fieberthermometer. Lemke zeigt ihm ein Thermometer mit flexibler Spitze, gibt den Preis an der Kasse ein. 7,50 Euro muss der Mann zahlen, die 2,50 Euro Gebühr bereits eingerechnet. Zurück am Fenster hat Lemke für 10 Euro Wechselgeld dabei. „Dann erspare ich mir das ewige hin- und herlaufen“, erklärt sie ihren Trick.
Nachdem Lemke die Klappe geschlossen hat, bleibt es ruhig, es ist kurz nach 22 Uhr. „Es ist immer sehr unterschiedlich, es gibt keine Stoßzeiten, zu denen besonders viele Leute kommen“, erzählt die Apothekerin. An manchen Tagen sei so viel los, dass sie kaum zum Essen käme, so oft müsse sie zur Tür. Am Wochenende und im Winter sei allgemein mehr los. Da kann es schon mal vorkommen, dass bestimmte Mittel schlichtweg ausverkauft sind. „Wir hatten mal so etwas wie eine kleine Grippe-Epidemie, da war innerhalb kurzer Zeit wirklich viel weg.“ Ist ein Medikament nicht vorrätig, versucht Lemke, so gut es geht umzuplanen, versucht andere Notdienste zu erreichen, in Bad Pyrmont oder Barntrup.
Die Zeit schreitet nur langsam voran, die Zeiger kriechen Minute um Minute über das Ziffernblatt. „Dieser Abend ist wirklich außergewöhnlich ruhig“, entschuldigt sich Lemke. Es ist 22.30 Uhr. Sonst würde Lemke – auch während des Notdienstes – bereits im Bett liegen: „Um 21.45 Uhr schaue ich noch die Nachrichten und dann lege ich mich hin.“ In dieser Nacht konnte Andrea Lemke durchschlafen. Das kommt sehr selten vor.
„Ich habe schon zu meinem Mann gesagt, dass ich noch nie so eine ruhige Nacht hatte“, gibt sie verwundert zu.

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