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Die Kraft des Feuers

Thema des Tages Die Kraft des Feuers

Für die Menschen von heute ist der Osterräderlauf von Lügde einfach ein großes Spektakel. Wenn die sechs mannshohen Eichenräder am Abend des Ostersonntags von den wild züngelnden Flammen ihrer Roggenstroh-Füllung umfangen den Lügder Osterberg hinabrollen, fiebern Tausende von Menschen mit beim heißesten Traditionsschauspiel des Weserberglands, um dessen Ursprünge sich bis heute diverse Mythen ranken.

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Wild lodern die Flammen des Roggenstrohs, wenn die sechs Osterräder am Sonntagabend den Lügder Osterberg hinabrollen.

Quelle: yt

 Wann immer ein Rad es den Berg bis ganz hinunter schafft, sind der Jubel groß und der Applaus stürmisch. Auch, wenn an den überlieferten Zusammenhang zwischen der Route der Räder und der Qualität der Ernte heute wohl kaum noch jemand ernsthaft glaubt. Die „Dechen“ im Ort nehmen ihre Aufgabe als Brauchtumswächter indes sehr ernst. Aber auch sie verbringen ihre Zeit weniger mit Deutungsversuchen. Sie wollen vor allem eins: die Tradition bewahren.

 Einen enormen Schub bekam der althergebrachte Feuerzauber vor zwei Jahren. Da empfahl die nordrhein-westälische Landesregierung den Osterräderlauf zur Aufnahme in die deutsche UNESCO-Kulturerbe-Liste. Daraus wurde zwar bisher nichts, aber das ganz spezielle Lügder Brauchtum schaffte es immerhin ins NRW- Kulturerbe-Landesinventar.

 Den damals entscheidenden Fachleuten zufolge drückt sich die Lebendigkeit des besonderen Osterfeuer-Rituals in einer breiten, Generationen übergreifenden Beteiligung der Bevölkerung der Stadt aus. Zudem würden für den Brauch traditionelle handwerkliche und landwirtschaftliche Fertigkeiten gepflegt.

 Die Kunst- und Architekturhistorikerin Prof. Dr. Eva-Maria Seng, die an der Universität Paderborn Deutschlands einzigen Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe innehat, war 2014 Mitglied der Landes-Jury. Sie sagt: „Wenn große Gruppen einen großen Aufwand betreiben, um ein Brauchtum zu bewahren, dann ist allein das beeindruckend.“

 Die Ursprünge des feurigen Rituals liegen allerdings bis heute im Dunkeln. Die UNES-CO-Jury wollte ihre Empfehlung 2014 zwar auch als „Anstoß zu einer Verbesserung der Dokumentation und einer Aufarbeitung der Herkunft des Brauchs“ verstanden wissen, wie die Experten damals erklärten. Die Zusammenarbeit des Lügder Dechenvereins mit der Uni Dortmund scheiterte in der Folge jedoch am Geld, das die Brauchtumswächter für die wissenschaftliche Aufarbeitung ausgeben sollten.

 Deshalb bleibt die Deutung bis auf Weiteres offen. So erwähnen die Dechen auf ihrer Internet-Seite als mögliche Wurzeln ihres erstmals im 18. Jahrhundert schriftlich nachgewiesenen Traditionsspektakels einen „heidnisch-germanischen Sonnenkult“ und nennen auch die Frühlingsgöttin „Ostara“. Allerdings fehlen verlässliche Belege dafür, dass diese Göttin tatsächlich im Volksglauben der vorchristlichen Menschen verwurzelt war, die von den Römern „Germanen“ genannt wurden.

 Die Volkskundlerin Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL) in Münster, schrieb 2013 in einem Beitrag für das Buch „Verflixt! Geister, Hexen und Dämonen“: „Sonnenkult und Fruchtbarkeit und letztendlich auch noch eine germanische Göttin werden hier zu einem höchst fantasievollen Gemisch zusammengefügt, welches im wahrsten Sinne des Wortes ,zu schön, um wahr zu sein’ ist und überdies bereits in allen Einzelheiten in der Fachwelt widerlegt wurde.“

 Dass der Lügder Brauch „von unseren Vorfahren schon vor circa 2000 Jahren, wenn auch sicherlich in einer etwas anderen Form in Ablauf, ausgeübt worden ist“, hält der Lügder Deche Dieter Stumpe dennoch für möglich. Das schließt er aus von ihm recherchierten Aufzeichnungen, die bis ins 6. Jahrhundert zurückgehen.

 Ein Zeugnis für ein Osterrad-Ritual fand er etwa in der Chronik des Klosters Lorch (Baden-Württemberg). Dort ist verbrieft, dass Teile des Gebäudes am 21. März 1090 von einer den nahen Berg heruntergerollten brennenden Sonnenscheibe vernichtet wurden. Auch einen unermesslich wertvollen archäologischen Fund aus Dänemark, den fast dreieinhalb Jahrtausende alten Sonnenwagen von Trundholm, hat Stumpe als Beleg für einen theoretisch möglichen frühen Lügder Frühlingskult im Blick.

 Der Märtyrertod des Heiligen Vinzenz von Agen im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus in Südfrankreich geht auf eine Überlieferung aus dem Jahr 550 zurück. Demnach wurde Vinzent enthauptet, weil er ein heidnisches Feuerrad-Sonnenritual störte: Als der bekennende Christ das Kreuzzeichen machte, erlosch das Feuer.

 Den Lügder Brauch für ihre Propagandazwecke zu vereinnahmen, gelang dauerhaft bekanntlich nicht einmal den Nationalsozialisten. Davon zeugt noch heute das große Kreuz auf dem Lügder Osterberg. Das neuerdings per LED weithin leuchtende christliche Symbol errichteten die katholischen Dechen 1935 aus Protest gegen die Instrumentalisierung ihres Brauchtums. Dass zum Osterräderlauf dennoch stets auch ein paar Neuheiden und Neonazis pilgern, fällt unter den Tausenden von Besuchern kaum auf. Was die Menge bannt, ist die Spannung beim Rennen der flammenden Räder. Über deren Lauf können sich die Insider unter den Augenzeugen noch hinterher die Köpfe so heißreden wie Fußballfans über die Treffer und Fehlschüsse ihrer Mannschaft.

 Aber keine Frage: Der Macht des Feuers wäre es – rein optisch und fern aller Deutungsversuche – allemal zuzutrauen, den Winter zu vertreiben. Faktisch stehen am Ende aber sowieso Lügdes Dechen als Sieger da. Nicht nur im Rückblick auf die vergangenen Jahrhunderte, in denen sie ihren Brauch auch immer wieder trotz diverser Verboten pflegten, sondern auch, weil die kundigen Männer die Flammen stets in Schach halten, bevor ihre gewaltige Kraft zerstörend wirken könnte. Obendrauf gibt‘s zudem noch ein Happy End: Beim Feuerwerk siegt verlässlich die Schönheit.

Von Juliane Lehmann

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