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Die Lausbuben aus Schaumburg

Max & Moritz Die Lausbuben aus Schaumburg

„Max und Moritz“ erobern seit 150 Jahren die Kinderzimmer in aller Welt. Eltern und Psychologen schlagen heutzutage sicherlich die Hände über dem Kopf zusammen – zu ausufernd sind die Streiche der Lausbuben und zu brutal das Ende.

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Als könnten sie kein Wässerchen trüben: Max und Moritz spielten den Erwachsenen Streiche, die ihnen am Ende selbst zum
Verhängnis wurden.

Wiedensahl. Von Jennifer Minke-Beil

Aber Wilhelm Busch hat mit seinem bekanntesten Werk Weltruhm erlangt. Geschrieben hat er den Bestseller in seiner Schaumburger Heimat Wiedensahl, die Inspiration kam ihm in Ebergötzen, im Raum Göttingen. Dort verbrachte er einige Jahre seiner Kindheit – sehr glücklich.

Dort lernte er seinen besten Freund Erich Bachmann kennen, mit dem er bestimmt auch den ein oder anderen Streich spielte. Ihre Erlebnisse wurden zur Grundlage von „Max und Moritz“. Die beiden Jungen spielten Verstecken in der Mühle, fingen Vögel, rieben sich nach dem Baden im Fluss mit Schlamm ein und ließen sich in der Sonne trocknen. Im Anschluss waren sie knusprig wie ein gegrilltes Hähnchen.

„Das Werk ist definitiv nicht über Nacht vom Himmel gefallen“, ist sich Gudrun-Sophie Frommhage-Davar, Leiterin des Wilhelm-Busch-Geburtshauses in Wiedensahl, sicher. Neben den gemeinsamen Streichen mit seinem Freund Erich greift er auch bei den Bildern auf eigene frühere Werke zurück. Daraus sei zu schließen, dass „Max und Moritz“ lange bis ins letzte Detail geplant war.

Frommhage-Davar betont, dass Busch das Kinderbuch komplett in Wiedensahl geschrieben hat. In seinem Heimatdorf, in dem er insgesamt 40 Jahre in vier unterschiedlichen Häusern lebte, dichtete und zeichnete Busch ab 1863 seinen Bestseller. Er wurde damit berühmt, aber nicht reich: Als Busch die Geschichte Ende 1864 vollendete, verkaufte er für 1000 Gulden die Rechte an den Münchner Verlag Braun & Schneider. Die Erstauflage betrug 4000 Stück. Mittlerweile sind rund 1,5 Millionen Exemplare verkauft und in knapp 300 sprachen übersetzt worden.

Die Herstellung war indes sehr aufwendig: Wilhelm Busch musste jede einzelne der knapp 100 Szenen seitenverkehrt auf Buchsbaumholz zeichnen. Die Arbeit zog sich über Monate hin. „Ich sitz hier im Holz“, pflegte er gern zu sagen. Im Oktober 1865 kam das Buch dann erstmals in den Handel. 150 Jahre ist das nun her und die außergewöhnliche Geschichte um Max und Moritz kennt beinahe jeder. Auch die Besucher im Wiedensahler Museum haben natürlich alle von den beiden frechen Jungs gehört. Darüber hinaus sind die meisten anderen Busch-Werke unbekannt – sowohl die Bildgeschichten als auch seine anderen Bilder, Gedichte und Skulpturen.

Spießbürgerlichkeit aufs Korn genommen

„Es ist so ein bisschen Segen und Fluch zugleich“, findet Frommhage-Davar. Nur wenige Menschen wüssten, wie kreativ Busch wirklich war und wie viele Werke er bis zu seinem Tod geschaffen hat. „Er war unabhängig ohne eigene Familie. Das hat ihm Freiräume gebracht“, meint die Leiterin des Museums.

Das Buch „Max und Moritz“ zählt heute - neben dem 20 Jahre zuvor erschienenen „Struwwelpeter“ - zu den meistverbreiteten Werken der deutschen Kinderliteratur. Der Struwwelpeter ist übrigens von Heinrich Hoffmann und nicht, wie viele Deutsche denken, ebenfalls von Busch.

„Es gibt nicht den erhobenen Zeigefinger wie beim „Struwwelpeter. Das könnte eine Ursache für den lang anhaltenden Erfolg sein“, vermutet Frommhage-Davar. Die Spießbürgerlichkeit werde aufs Korn genommen. Außerdem werden in Wilhelm Buschs Welt die Erwachsenen wie der selbstgerechte Lehrer Lämpel von den Lausejungen attackiert und lächerlich gemacht. So etwas war zuvor in einem Kinderbuch undenkbar. Pädagogen befürchteten deshalb sogleich einen schädlichen Effekt auf die Jugend.

Buschs Erfolg und seine Wurzeln machten auch das Schaumburger Land bekannt. „Wir sind aber nicht Max und Moritz“, meint Frommhage-Davar. „Wir sind einfach die Heimat von Wilhelm Busch.“ Und das sei eine schöne Sache. Schließlich hätten aus diesem Grund schon viele Besucher den Weg nach Schaumburg gefunden. „Die Menschen in Wiedensahl sind natürlich stolz auf ihren Sohn“, meint sie.

Schließlich erinnert in dem kleinen Dorf auch alles an Busch und seinen berühmten Lausbuben. Wer durch die Hauptstraße fährt, passiert eine Galerie von schwarzen Scherenschnitttafeln, die die Straße zieren: Scherenschnitte mit Motiven aus den Werken von Wilhelm Busch. Aber manchmal bekomme Frommhage-Davar aber auch mit, dass die Einheimischen den Namen Busch nicht mehr hören können. Das liege auch daran, dass Fördermittel häufig in Wilhelm Busch-Projekte fließen und heimische Vereine leer ausgehen.

Mit dem Jubiläumsjahr von Max und Moritz ist die Leiterin des Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl zufrieden. Zunächst hatten sich die Besucherströme noch zurück gehalten. Doch seit August habe sich das endgültig geändert und auch in diesen Tagen sei das Museum gut besucht. Es war ein ereignisreiches Jahr mit zahlreichen Projekten und Ausstellungen. Besonders stolz ist Frommhage-Davar über die Wilhelm Busch Ausstellung im Europarlament in Brüssel. „Das war natürlich unser Höhepunkt.“

Aber natürlich spielt die Musik vor allem im Schaumburger Land. So wie für den Lebemann Wilhelm Busch, der zwar sehr reiselustig war und in vielen Städten gelebt hat. Aber doch immer wieder in seine Heimat kam und sagte: „Und kehr ich dann wieder in mein ruhiges Wiedensahl.“

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