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Die Lizenz zum Ernten

Thema des Tages Die Lizenz zum Ernten

„Natürlich darf man sich die Äpfel nehmen. Das sind doch herrenlose Bäume!“ Bei dieser Art von Diskussionen, die immer wieder und an vielen Orten geführt werden, sind sich alle einig: Wir Bürger verfügen über das Recht, Obst von in der Landschaft herumstehenden Bäumen zu ernten, genauso wie wir Pilze und Brombeeren sammeln, Herbststräuße vom Spaziergang mitbringen und Kräuter im Wald pflücken dürfen.

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Quelle: Symbolfoto

Aber ganz so einfach ist das Ganze dann leider doch nicht. Während nun aber klar ist, dass man sich nicht einfach an den Obstbäumen in Nachbars Garten bedient – zum Diebstahl käme dann auch noch das Delikt des Hausfriedensbruchs dazu –, stellt sich in Bezug auf „wilde“ Obstbäume die Frage, ob man sich also tatsächlich strafbar macht, wenn man ihre Früchte einfach so pflückt.

Das Thema ist Dieter Wagner, Vorstandssprecher beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) Lindhorst, vertraut. Er sagt zu dem Thema: „So lange sich die Leute in einem vertretbaren Umfang bedienen, stellt das Ernten von Obst kein Problem dar. Manche langen aber auch so richtig hin. In solchen Fällen müssen wir dann einschreiten.“

Mehr als 20 Bäume gepflanzt

Die Gruppe besitzt ein eigenes Grundstück zwischen Lindhorst und Ottensen. Auf dem Gelände, dem in der Nähe des ehemaligen Sportplatzes gelegenen Bürgerwaldes, hat der Nabu vor inzwischen mehr als 20 Jahren Apfelbäume gepflanzt. Wagner äußert: „Es gibt teilweise schon Interesse, dort zu ernten, vor allem von Leuten, die hier her kommen, neu anfangen wollen.“ Mit Blick auf die in der Umgebung liegenden Orte lassen sich laut Wagner indes erhebliche Unterschiede feststellen: „Vor allem aus Lindhorst gibt es da viel Zuspruch. Dagegen fällt die Resonanz aus Lüdersfeld, wo Grundstücke oft größer sind, Menschen selbst anbauen, etwas geringer aus.“

Neben dem eigenen Gelände kümmert sich der Nabu um mehrere Grundstücke, die er von der Gemeinde Lüdersfeld gepachtet hat. Dazu zählen Flächen hinter dem Lokal „Zum dicken Heinrich“ sowie ein Grundstück im Kobbenser Eichenbruch. Wagner äußert: „Dort gibt es ein kleines Feld, das aus fünf, sechs Obstbäumen besteht und von Hecken umstanden ist.“

Besonderer Trend in der Samtgemeinde

In der Samtgemeinde Sachsenhagen lässt sich in jüngerer Vergangenheit ein besonderer Trend konstatieren. Der 1. Vorsitzende des Sachsenhäger Nabu, Eckhard Seidel: „Die Bepflanzung entlang der Feldwege, wie wir sie aus früheren Zeiten kannten, gibt es heute kaum mehr. Vonseiten der Straßenverwaltung sorgt man dafür, dass die abgängigen Bäume nicht mehr ersetzt werden.“ Solche Modelle, wie wir sie aus dem bei Göttingen gelegenen Eichsfeld oder aus manchen Regionen Frankens kennen, wo die Streuobstwiesen wieder verstärkt vorkommen, existieren in der Samtgemeinde in jener Form nicht.

Dafür gibt es andere Ansätze, beispielsweise in der Gemeinde Wölpinghausen. Seidel erklärt die dortige Entwicklung: „In Wölpinghausen haben sie Obstwiesen angelegt, die von den Bürgern abgeerntet werden können. Das Ganze funktioniert sehr gut, ohne Streit.“

Biotope werden geschaffen

Auf dem Areal gibt es etwa 200 bis 250 Obstbäume, welche allesamt einen Paten haben. Der hat die Möglichkeit, die Früchte dieser Bäume abzuernten. Eine Begleiterscheinung des Ganzen sorgt ebenso für viel Freude bei Seidel: „Dadurch werden Biotope geschaffen, alte Formen an Kulturlandschaft leben jetzt wieder auf.“ Die Renaissance der Apfelbäume sowie ihre Nutzung kommen auch an anderer Stelle klar zum Ausdruck: „Die Früchte können gepresst werden, ein Vorgang, der inzwischen wieder häufig stattfindet. Im vergangenen Jahre haben wir hierbei 12 500 Liter Apfelsaft gepresst.“

Das traditionelle Ereignis findet dieses Jahr am Sonnabend, 15. Oktober in Sachsenhagen statt, findet laut Seidel sehr viel Anklang: „Da kommen unheimlich viele Leute, um Äpfel verwerten zu lassen. Und sie erscheinen dabei aus einem sehr großen Einzugsgebiet, kommen teilweise sogar aus Minden her.“ Der positive Trend, der sich in diesem Zusammenhang während der jüngeren Geschichte eingestellt hat, lässt sich auch an einem anderen Beispiel erkennen, das Seidel aufführt: „In Schmalenbruch wurde ein 6000 Quadratmeter fassendes Areal geschaffen, es wurden dort 50 Bäume gepflanzt. Diese haben alle einen Paten.“

Die Entwicklung lässt sich aus der Sicht des Nabu-Verantwortlichen auch mit einem Umdenken bei den Menschen in Verbindung bringen: „Viele vertrauen wieder verstärkt auf die Qualität aus ihrem eigenen Anbau, wollen Produkte, die von ihnen bewirtschaftet werden, welche sie jederzeit besuchen können.“

Wer richtig ernten will, braucht eine Erlaubnis

Ein paar Äpfel, Birnen oder Pflaumen dürfe man sich schon nehmen, wenn die entsprechenden Bäume auf öffentlichem Grund stehen, so Ulrich Lösch, Straßenwärtermeister in Rinteln. „Keiner sagt was, wenn man einen kleinen ‚Mundraub‘ begeht.“ Doch wer richtig ernten will, müsse sich dafür eine Erlaubnis einholen, verbunden mit einer Gebühr und einer persönlichen Einweisung in ein gefahrloses und baumschonendes Ernten.

Der Baum, um den es dabei geht, wird per Luftbildaufnahme identifiziert, und wenn man dann noch eine kostenpflichtige verkehrsbehördliche Anordnung vom Ordnungsamt erwirkt, die den Erntebereich gegebenenfalls absichert, kann es theoretisch losgehen. Praktisch, so Lösch, nimmt niemand solche Umstände auf sich.

Klaus-Ulrich Hartmann, der den Rintelner Bauhof leitet, sieht das etwas lockerer. „Wir freuen uns ja, wenn die Früchte genutzt werden“, sagt er. „Man darf nur nicht vergessen, bei uns anzufragen, ob dieser oder jener Baum für eine Ernte in Betracht kommt.“ Gibt der Bauhof sein Okay für Bäume, die an Feld- und Radwegen stehen, kann man loslegen, auch mit Leiter und Eimern. „Man muss allerdings sorgsam mit den Bäumen umgehen und darauf achten, dass man sie nicht verletzt.“

„Wo kein Kläger, da kein Richter“

Wenn man aber nun doch Obstbäume in der Feldmark entdeckt, für die sich offensichtlich niemand interessiert – „wo kein Kläger, da kein Richter“, sagen alle bisher zum Thema Befragten –, wenn man also mit einem kleinen Rucksack voller Äpfel wieder nach Hause kommt, kann sich herausstellen, dass die Äpfel andere Eigenschaften haben als Zuchtäpfel aus dem Supermarkt. „Kein Wunder“, sagt da Manfred Langemeier vom Rintelner Obst- und Gartenbauverein.

„Die alten Sorten überlebten ja, weil sie besonders widerstandsfähig sind und fast ohne Pflege auskommen.“ So sind die Früchte oft ziemlich sauer oder sie haben eine sehr harte Schale, ganz zu schweigen von dem einen oder anderen Würmchen, das sich im Inneren befinden mag.

Fallobst hat fast immer kleine Macken, so Langemeier. Es eignet sich besonders für Apfelmus, Kuchen oder Kompott. Äpfel und Birnen, die direkt vom Baum gepflückt wurden, sind manchmal noch nicht richtig reif. Sie sollten dann vor dem Verzehr am besten noch etwas in einem kühlen, trockenen, abgedunkelten Raum gelagert werden; so lange, bis sie gelb geworden sind. Manche Sorten eigenen sich auch für eine Lagerung über den Winter, wobei man dann nicht vergessen sollte, die Früchte alle paar Tage umzudrehen, damit kein fauler Apfel unentdeckt bleibt, der die anderen anstecken könnte.

Allerdings: Manfred Lage-meier besitzt seine eigenen alten Obstbäume und erntet genug für Lagerung oder auch für die Saftpresse. Die Mengen, ab denen sich so etwas lohnt, darf man nur in seltenen Fällen von öffentlich zugänglichen Bäumen mitnehmen.

Allgemeine Anstandsregeln

Auch im Gröninger Feld, von dem Thomas Wahmes erzählt, gelten allgemeine Anstandsregeln, die verhindern sollen, dass sich einige Wenige nehmen, was sie kriegen können, und die Mehrzahl leer ausgeht. „Da schubkarrenweise Äpfel abzufahren, das wäre nicht in Ordnung“, sagt er.

Beaufsichtigen würde die Stadt das allerdings nicht, genauso wenig wie noch sogenannte „Feldschützen“ unterwegs sind, die in früheren Zeiten von den Gemeinden extra dazu abgestellt waren, den Diebstahl von Obst, Gemüse und Getreide zu verhindern. „Aber eigentlich sollte das ja wohl klar sein“, meint er.

Solche Anstandsregeln gelten auch in Bezug auf die Bäume und Sträucher, die auf der Internetseite www.mundraub.org eingetragen sind. Bundesweit verzeichnet diese Seite auf einer interaktiven Karte Standorte, wo man erlaubterweise zugreifen darf. Leider ist der Kartenausschnitt unserer Region noch nicht besonders reichhaltig bestückt. Selbst in besagtem Gröninger Feld sind bisher nur einige Esskastanienbäume und eine Stelle mit Bärlauch eingetragen.

Auch wo sich Pilze finden lassen, wilde Brombeeren, Ebereschenfrüchte oder Blaubeeren, und darüber hinaus Blumen, hübsche Gräser und Zweige mit Hagebutten daran, gilt: Teilhabe ist erlaubt, insoweit sie nicht die Teilhabe anderer unmöglich macht. ano, cok

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