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Die Sehnsucht nach Langsamkeit

Pilgern in Schaumburg Die Sehnsucht nach Langsamkeit

Nicht erst seit Hape Kerkelings Buch-Erfolg 2006 wird das Pilgern auf dem Jakobsweg über Religions- und Konfessionsgrenzen hinaus immer beliebter. 2015 machten sich mehr als 260.000 Menschen auf den Weg nach Santiago de Compostela in Spanien. Dass sich auch durch Norddeutschland ein Netz von Pilgerwegen zieht, ist weniger bekannt. Einer von ihnen verläuft quer durchs Schaumburger Land. Ein Wegweiser.

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Von Beate Ney-Janssen und Katharina Grimpe

Pilgern? Auf die Idee, den Jakobsweg zu gehen, wäre er als mitten im Berufsleben stehender 50-Jähriger nie gekommen, schreibt Peter Schnell. Warum der Mann aus Baden-Württemberg 2006 dann doch drei Monate lang von Stuttgart nach Santiago de Compostela gepilgert ist, erklärte er 2013 während einer Tagung im Kloster Loccum. Es sei der Wechsel zwischen Karriere und Ruhestand gewesen, die Angst, plötzlich nicht zu wissen, was man mit sich selbst anfangen soll, die den damaligen Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn AG dazu bewogen hat, nicht nur zu wandern, sondern zu pilgern. Denn dabei gehe es nicht nur um sportliche Knochenarbeit, um die eigenen Leistungsgrenzen. Viel mehr erlebe man beim Pilgern Gemeinschaft, Nächstenliebe, Spiritualität und Gelassenheit.

Pilgern, also das, was Schnell als „Wandern plus ...“ definiert, wird immer beliebter. Vor allem Menschen in privaten und beruflichen Umbruchssituationen zieht es auf die Wege nach Santiago in Spanien oder Lourdes in Frankreich. Dass die Deutschen den Jakobsweg für sich entdeckt haben, liegt vor allem an Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Doch auch schon vor dem großen Bucherfolg Kerkelings sind die Zahlen der Wanderer auf dem Jakobsweg kontinuierlich angestiegen. 2010 erreichte sie mit 270.000 den Höhepunkt. Die zweitmeisten Pilger kommen aus Deutschland.

Für Jens Gundlach ist Pilgern ein „Wandern mit Gott“, also der Versuch, sich unterwegs der Wirklichkeit Gottes zu öffnen. Der Theologe und frühere Redakteur der HAZ weiß, wovon er spricht. Mit seinem Buch „Zwischen Loccum und Volkenroda. Ein Pilgerbuch“ hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass der auf das Jahr 1163 zurückgehende Pilgerweg zwischen den Zisterzienserklöstern Loccum und Volkenroda in Thüringen Anfang des neuen Jahrtausends wiederentdeckt wurde. Die 300 Kilometer lange Strecke entlang von Weser, Leine und Unstrut führt einmal quer durchs Schaumburger Land – von Pollhagen im Norden über Stadthagen und den Bückeberg bis ins Auetal im Süden.

Von damaliger Landesbischöfin Margot Käßmann eröffnet

Im Jahr 1163 machten sich 13 Mönche des Zisterzienserordens aus Volkenroda auf den Weg nach Norden und gründeten in Loccum ein neues Kloster, erzählt Susann Röwer, Pilgerweg-Koordinatorin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, vom Ursprung der Strecke. Die Landeskirche übernahm die Trägerschaft des Weges, der seit der Expo 2000 als „Jugendpilgerweg St. Jodokus“ von Jugendlichen aus Thüringen eröffnet worden war. Der Theologe Gundlach nahm die Idee der Teenager auf und wanderte auf eigenen Wegen die Strecke von Loccum nach Volkenroda. Was er bei seinen Streifzügen vorfand, wollte er auch anderen eröffnen: Ein viel beachteter Reisebericht in der Zeitung und sein Buch entstanden. Und er sprach bei der hannoverschen Landeskirche vor, stieß auf offene Ohren und arbeitete den offiziellen Pilgerweg aus. 2005 wurde er von der damaligen Landesbischöfin Margot Käßmann eröffnet.

Viele Gemeinden am Weg nehmen seitdem freundlich Pilger auf, öffnen ihre Kirchen und erteilen Reisesegen. „Mittlerweile halten drei Viertel der Kirchengemeinden am Pilgerweg diese verlässlichen Angebote vor“, freut sich Weg-Koordinatorin Röwer. Seit 2009 bietet die Landeskirche zusätzlich geführte Pilgertouren an und hat dafür bisher 39 Pilgerbegleiter ausgebildet. Ob für einen Tag, eine Woche oder auf dem gesamten Weg: Die Begleiter führen die Gruppen sicher auf der Strecke, sorgen für die liturgische Begleitung, spenden Reisesegen, bieten organisatorische Hilfe an und auch seelsorgerische Gespräche. Ordinierte Pastoren sind sie nicht, sondern interessierte Laien – Luthers Priestertum aller Gläubigen wird auf den Pilgerwegen lebendig gemacht.

Zwei dieser Pilgerwegbegleiter sind Nadine Biere und Karin Meinke, die eine aus Hannover, die andere aus dem Schaumburger Land stammend. Die Frauen laden für das kommende Wochenende zur ersten Tour des Jahres ein, die der großen Nachfrage wegen bereits lange ausgebucht ist.

Pilgern ist mehr als bloßes Wandern

Was erwartet diejenigen, die sich den Begleitern für einen Tag anvertrauen wollen? Bewegung in der Natur gehört selbstverständlich dazu. Da Pilgern aber einiges mehr ist als bloßes Wandern, ist auch die geistliche Begleitung ein wichtiger Bestandteil. Ein Lied singen, einen Teil des Weges schweigend zurücklegen und dieses Schweigen bewusst wahrnehmen, eine kurze Andacht irgendwo unter Bäumen und über all dem die Chance, sich innerhalb eines Tages in einer Gruppe näher zu kommen auf einem Weg, der einmal auf andere Art erlebt wird.

Genau das, die Gemeinschaft, hat für Biere den Ausschlag gegeben, die Ausbildung zur Pilgerbegleiterin zu machen. Auf etlichen Touren, bei denen sie einfach Pilgerin war, habe sie erlebt, wie berührt viele Menschen nach solch einer anderen Art der Begegnung mit Kirche seien. Das will sie nun selbst gerne weitergeben.

Die erste begleitete Wanderung auf dem Pilgerweg Loccum-Volkenroda am 5. März ist bereits ausgebucht, ebenso wie der Zusatztermin am 12. März. Die nächsten Touren sind für den 2. April geplant. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.loccum-volkenroda.de.

Von Minden nach Idensen

Außer der Strecke Loccum-Volkenroda durchquert noch ein zweiter Pilgerweg das Schaumburger Land. Der Sigwardsweg führt durch das alte Bistum Minden von Minden nach Idensen und zurück. Der 170 Kilometer lange Rundweg geht auf die von 1120 bis 1149 dauernde Amtszeit des Bischofs Sigward im Dom zu Minden zurück. In dieser Zeit hat sich der Geistliche eine „Eigen- und Grabeskirche“ in Idensen erbauen lassen. Da er sich zu dieser Kirche besonders hingezogen gefühlt haben soll, muss er den Weg häufig zurückgelegt haben. Der Sigwardsweg ist 2009 in Bückeburg eingeweiht worden.
www.sigwardsweg.de

Tipps rund ums Pilgern

Um Entschleunigung und innere Einkehr auf einem Pilgerweg zu genießen, braucht es einiges an Vorbereitung:

  • Selbst für kurze Etappen ist eine gute Ausrüstung ein Muss. Dazu gehören gut eingelaufene Schuhe, Regenkleidung, ein Hut gegen Sonne und Regen, ein Pilgerstab oder Wanderstöcke sowie eine kleine Erste-Hilfe-Ausrüstung.
  • Verpflegung und Wasser müssen selbst im Rucksack getragen werden. Ob es auf den einzelnen Etappen des Pilgerweges Loccum-Volkenroda Einkehr- und Einkaufsmöglichkeiten gibt, erfahren Interessierte im Detail auf der Homepage  www.loccum-volkenroda.de.
  • Auf dem Weg gibt es die Möglichkeit, in kirchlichen und gewerblichen Herbergen zu übernachten. Dabei wird empfohlen, die Unterkünfte bereits im Vorfeld der Tour zu buchen.
  • Damit Pilger die einzelnen Etappen nach dem Grad der körperlichen Anstrengung einschätzen können, sind sie mit Symbolen (gering, mäßig, hoch anstrengend) gekennzeichnet. Pilger können je nach Konstitution auswählen, wie viele Kilometer sie an einem Tag zurücklegen möchten.
  • Die beste Zeit, um zwischen Loccum und Volkenroda zu pilgern, ist zwischen Ostern und dem Reformationstag, dann gelten die verlässlichen Angebote der Kirchengemeinden und Klöster auf dem Pilgerweg. In dieser Zeit sind Kirchen geöffnet, Pilgerstempel liegen bereit, Toiletten sind nutzbar, und Pilgerherbergen stehen offen.
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