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Die Suche nach dem Sinn

Schule am Bürgerwald Die Suche nach dem Sinn

Acht Klassen mit 63 Schülern, die alle ganz verschiedene Fähigkeiten haben: Die Schülerschaft der Schule am Bürgerwald in Stadthagen könnte unterschiedlicher nicht sein. In der Tagesbildungsstätte für Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung bereiten sich die Schüler auf ein möglichst selbstständiges Leben als Erwachsener vor. Was alle Kinder eint: Sie lernen lesen. Ein Besuch im Deutschunterricht.

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Jenny, Hanna und Niklas lernen begeistert Gebärden im Unterricht von Gisbert Fügner.

Quelle: kcg

Von Katharina Grimpe

Hannas Hände fliegen durch die Luft. Adventskalender, Tannenbaum, Weihnachtsmann: Die Schülerin kennt alle Gebärden, mit denen die bunten Bilder am Smartboard beschrieben werden. Und sie grinst, als sie auch das schwierige Wort Feuerwerk mit Fingern und Händen ausdrücken kann. Deutschunterricht an der Schule am Bürgerwald (SAB) in Stadthagen. Hanna lernt lesen. Und zwar ohne Buchstaben, Silben und Laute. Stattdessen übt sie mit ihren drei Mitschülern, all das mit Gebärden zu beschreiben, was Bilder und Piktogramme ausdrücken.

Lange galten geistig Behinderte als sogenannte „praktisch Bildbare“. Pädagogen waren der Ansicht, dass die Zeit in der Schule vor allem dafür investiert werden sollte, den kognitiv eingeschränkten Kindern und Jugendlichen ausschließlich lebenspraktische Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben. Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben gehörten nicht dazu. „Dabei ist doch gerade das Lesenlernen für die Lebenspraxis in einer extrem textlastigen Welt unerlässlich“, betont Michael Eggelmann mit Nachdruck. Der Leiter der Tagesbildungsstätte für Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen ist froh über den Paradigmenwechsel Anfang der achtziger Jahre, mit dem Lesen und Schreiben Eingang in den Lehrplan gefunden haben.

Was früher kaum denkbar war, ist heute selbstverständlich: Allen geistig behinderten Kindern soll ermöglicht werden, Lesen zu lernen, und zwar angepasst an ihre ganz individuellen Fähigkeiten. Dabei ist der Leseunterricht nicht auf das Erkennen und Deuten von Buchstaben und Schrift begrenzt. Zugrunde gelegt wird ein erweiterter Lesebegriff, der davon ausgeht, dass selbst das Wahrnehmen und Verstehen von Situationen und Bildern dem Lesen im weiteren Sinne zugeordnet werden kann. Auf diese Weise hat auch der Leseunterricht für jene Kinder, die wie Hanna noch keinen Zugang zur Buchstabenschrift finden und nicht sprechen können, eine Berechtigung. Lesen als Suche nach Sinn.

Während sich Hanna im Kurs Gebärden weiter mit dem Thema Weihnachten und Silvester beschäftigt, lernt Franko einen Raum weiter nach der Ganzwortmethode. Der Junge im Rollstuhl überlegt ein wenig, findet die richtige Wortkarte und ordnet sie einem Bild mit Kartoffeln zu. Denn auch das ist Lesen: Ein geschriebenes Wort nur am Wortbild zu erkennen, ohne die einzelnen Buchstaben zu kennen.

Situationen, Piktogramme, Signalwörter und Ganzwörter zu lesen: Normal entwickelte Kinder eignen sich diese Schritte zum Schriftlesen meist ganz nebenbei und automatisch an, erklärt Eggelmann. Ein Säugling weiß vertraute Personen und sein Spielzeug zu deuten. Kleinkinder können Bilderbücher nachvollziehen und abgebildete Gegenstände benennen. Im Kindergarten entwickelt sich die Fähigkeit, Symbole und Piktogramme zu verstehen. Und noch bevor sie in der Grundschule die einzelnen Buchstaben kennenlernen, sind Kinder in der Lage, ganze Wörter wie den eigenen Namen oder „Mama“ und „Papa“ an der Wortgestalt zu erkennen und richtig zu deuten. „Für unsere Schüler ist das alles harte Arbeit“, betont der Schulleiter und fügt hinzu: „Wir holen jeden ab, wo er steht.“

Hilfreich sind die kleinen homogenen Lerngruppen. Außer Hanna sitzen nur drei weitere Kinder im Klassenraum von Lehrer Gisbert Fügner, der so die Chance hat, auf jeden einzelnen seiner Schützlinge einzugehen. Lernen ohne Leistungsdruck. Auch im Kurs von Pädagogin Laura Lattwesen lernen nur eine Hand voll Schüler nach der Ganzwortmethode. Die Fähigkeit, zunächst einfache Signalwörter und dann komplexere Ganzwörter zu erlesen, werde ganz langsam mit den Schülern eingeübt. Erst mit Bildern, dann mit dem geschriebenen Wort. Das Ziel: Die Schüler können sich in ihrem späteren Leben selbstständig in ihrer Umwelt zurecht finden, wenn es zum Beispiel darum geht, Hinweisschilder oder Wegweiser zu erkennen oder im Supermarkt Kartoffeln und Nudeln zu finden. „Einer unserer Schüler hat 200 Ganzwörter drauf“, sagt Eggelmann.

Erkennen die Mitarbeiter der Schule am Bürgerwald, dass ein Kind das Potenzial hat, sich auch die einzelnen Buchstaben zu merken, kann es in die Leselernkurse wechseln, in denen das Schriftlesen nach der analytisch-synthetischen Methode wie in der Regelschule unterrichtet wird. Serena und Luis kramen ihr Lesebuch aus ihren Schultaschen. Die Mischung aus Bildern, Ganzwörtern und einfachsten Wörtern ermöglichen es den beiden Neunjährigen im Anfängerkurs, bereits einfache Sätze vorzulesen, obwohl noch nicht alle Buchstaben des Alphabets eingeführt worden sind. Längst keine Leseanfänger sind hingegen Louisa, Kadir, Bastian und Co. Im Unterricht der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren steht Grammatik auf dem Programm, Louisa erklärt ihren Mitschülern, was es mit den Pronomen auf sich hat. „Außerdem lesen wir gerade das Buch ,Rolltreppe abwärts‘. Das ist spannend“, sagt Kadir stolz.

Lesen für die Kinder attraktiv machen, das sei erklärtes Ziel des Kollegiums, erklärt auch Angelika Köslich, Leiterin des Fachbereichs Deutsch an der SAB. Das wollen die Lehrer zum einen über ein gutes Lehrwerk erreichen, mit dem die Schüler in allen Kursen arbeiten können. Die Entscheidung fiel auf „Klick“ aus dem Cornelsen Verlag. Das Tolle an „Klick“: Der Start der Reihe enthält viele Comics und ist so aufgebaut, dass den Leseanfängern ein schneller Lese-Erfolg ermöglicht wird, schildert Köslich. Und für die Sekundarstufe II seien die Bücher vor allem lebensnah gestaltet und klar strukturiert. „Es geht ums Einkaufen, U-Bahn-Fahren und ums Ausfüllen von Formularen und Überweisungen. Die Schüler können wirklich Wissen für ihren Alltag mitnehmen.“

Außerdem soll der schuleigene Briefkasten, der einmal im Monat geleert wird, die Kinder dazu anregen, selbst Briefe zu schreiben oder zu malen und die erhaltene Post zu lesen. Höhepunkt des Jahres ist dann der Vorlesewettbewerb, bei dem jeder Teilnehmer – egal ob beim Bilder-, Ganzwort- oder TextVorlesen – sein Bestes gibt und stolz mit einer Urkunde nach Hause geht. Es sei großartig, sagt Eggelmann, dass die Schüler, die außerhalb der Schule wegen ihrer eingeschränkten Fähigkeiten viel Frustration aushalten müssen, im Deutschunterricht echte Erfolgserlebnisse erleben würden. Dadurch wachse nicht nur die Lesekompetenz, sondern auch das Selbstbewusstsein. „Denn wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“

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