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Die Sucht nach der Serie

„Binge Watching“ Die Sucht nach der Serie

Massenhafter Serienkonsum wird für immer mehr Menschen zum Problem, das den gesamten Alltag bestimmt. Arbeitsumfeld und soziale Kontakte geraten schnell in den Hintergrund der neuen Lieblingsserie. Die Grenzen zwischen bloßem Interesse und einer ernsthaften Sucht sind für den Laien oft schwer erkennbar.

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Stundenlang am Laptop die neuesten Folgen der Lieblingsserie ansehen – „Binge Watching“ erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Quelle: mona

Von Mona Ohms

Es ist ruhiger geworden in den deutschen Wohnzimmern. Immer seltener wird in Fernsehzeitungen geblättert, wild durch das laufende Programm gezappt und dabei lauthals über Werbepausen geschimpft. An die Stelle der stumpfsinnigen Sendungen von RTL oder Sat1 tritt immer öfter ein neues Phänomen: Binge Watching (das englische Wort „binge“ bedeutet so viel wie Exzess oder Gelage). Gemeint ist das stundenlange Serienschauen, die dann nicht mehr folgenweise, sondern gleich in ganzen Staffeln angeguckt werden.
Besonders Jugendliche und junge Erwachsene haben in den letzten Jahren Streaming-Plattformen wie „Netflix“ in ihren Alltag integriert und nutzen diese, um Serien fließbandartig „abzuarbeiten“. Das scheinbar unbegrenzte Angebot an immer neuer Unterhaltung bringt jedoch auch neue Herausforderungen mit sich: Serien müssen mit langer Abwägung ausgewählt werden. Denn wer will schon seine Zeit mit einer schlechten Serie vergeuden? Auch die Dauer und der Umfang sind auf einmal selbstbestimmt. Wann, wo und wie lange – es gibt keine Vorgaben mehr, keinen Programmdirektor und keine Grenzen.
„Es ist eine Ablenkung, hilft gegen Langeweile. Ich kann mir aussuchen, was ich schauen will und bin nicht auf das Fernsehprogramm angewiesen. Ich gucke Serien auf meinem Laptop, während ich im Bett liege. Das ist deutlich bequemer, als auf dem Sofa. Und man hält es eben auch viel länger dort aus“, erzählt Regina Wehrmann. Die 21-jährige Goldbeckerin kennt das Problem, wenn nach einer Episode nicht Schluss ist. „Girls, Downtown Abbey, Breaking Bad … vier, fünf Folgen gucke ich davon schon nacheinander.“
Neben ihrem Bett steht ein ganzes Regal mit Serienboxen, einzelnen DVDs und Blu-rays. Es sei ein Zeitvertreib, eine Abwechslung zu den Problemen im Alltag. Einsamkeit und schlechte Laune ließen sich gut mit Serien in den Hintergrund drängen. Und je länger die Ablenkung dauere, desto weniger interessiere man sich für den eigenen, langweiligeren Alltag.
Und mit diesem Verhalten ist sie nicht allein. Streaming-Portale haben den massenhaften Konsum von Fernsehserien leichter gemacht. Mit einem Klick eröffnen sich hunderte fantastische Welten, mit neuen Helden, neuen Handlungen und neuem Suchtpotenzial.
Doch auch in DVD oder Kassettenform war es schon früher möglich, seinen Alltag von Episoden abhängig zu machen. „Wenn ein Phänomen einen Namen bekommt, rückt es oft ganz plötzlich in das Licht der Öffentlichkeit. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass es sich um eine neue Entwicklung handelt“, erklärt Lennart Westermann von der Drogenberatungsstelle (Drobs) in Hannover. Seit vielen Jahren kümmert man sich dort um Suchthilfe und -prävention und klärt auch über die Risiken im Umgang mit Medien auf. „Riskanter Medienkonsum ist nicht unbedingt ein Problem der Jüngeren. Suchtverhalten wird von den Älteren vorgelebt und sogar durch die Eltern vermittelt. Wenn die Bewohner im Seniorenheim stundenlang vor dem Fernseher sitzen, dann ist das durchaus mit exzessivem Serienkonsum zu vergleichen. Dieses Verhalten betrifft absolut alle Altersgruppen.“
Im Unterschied zum Fernsehprogramm gibt es beim Serienschauen im Internet oder mittels DVD-Boxsets jedoch keine festgelegten Zeiten, kein aufgezwungenes Ende mehr: Die Handlung kann immer weiter verfolgt werden, durch einen Klick ist die nächste Folge abrufbar. Auf diese Art und Weise werden Cliffhanger, also offene Enden und Ungereimtheiten am Schluss einer Folge, vermieden: Was dem Lieblingshelden passiert? Die nächste Folge wird es in wenigen Minuten zeigen. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis, in dem man nur allzu gerne die Zeit vergisst.

In Welten, in denen ein Chemielehrer zum Drogendealer wird und zwei Brüder Dämonen bekämpfen, ist es deutlich interessanter, als im Bus auf dem Weg zur Schule. Die Personen auf dem Bildschirm werden auf einmal zu Bezugspersonen, Identifikationsfiguren und zu Freunden.
„Nur weil jemand das mal eine Zeit lang macht, ist er aber noch lange nicht süchtig. Das kann auch einfach nur eine Phase sein oder etwas, das er halt jetzt grade gerne macht. Gefährlicher wird es erst, wenn der ganze Alltag davon bestimmt wird“, beruhigt Westermann. Die Grenzen zwischen normalem Interesse und einem Verhalten, das einer Sucht gleich kommt, sind fließend und oft schwierig zu trennen.
Auch Nils Hüller aus Hameln ist sich dieser Grenze oft nicht bewusst: „Ich habe schon ganze Wochenenden mit einer bestimmten Serie verbracht. Es gab Zeiten, in denen ich nach der Arbeit so schnell wie möglich nach Hause wollte, nur um mich dort in mein Zimmer zu setzen und die neuesten Folgen ‚Supernatural‘ zu gucken. Meine Freunde mussten dann schon das eine oder andere Mal hinten anstehen.“ Einsame Abende vor einem leuchtenden Bildschirm waren in diesen Phasen alles, an das der Elektrotechniker denken konnte. Arbeit, Essen, Freunde treffen – alles wurde in der Einheit „Folge“ gemessen.
Dass sich dieses Verhalten durchaus zu einer gefährlichen Abhängigkeit entwickeln könnte, war ihm dabei nicht klar. „Natürlich habe ich darüber nachgedacht, ob ich mich normal verhalte. Aber Serien guckt doch heute fast jeder und am Stück macht es einfach mehr Spaß, als immer nur eine einzige Folge zu gucken. Man will doch wissen, wie es weitergeht. Und dann ist man schnell der Versuchung erlegen, einfach weiterzumachen. Sonst erzählt einem noch wer, wie es nun wirklich ausgeht oder es steht schon längst auf Facebook.“
Dieses Problem um das Mitreden in der Gruppe gilt als wichtiger Faktor um das Suchtpotenzial von Medien. Um angesehen zu sein, muss man dabei bleiben. Die Produzenten von Serien und Betreiber von Streaming-Plattformen wissen um diesen Gruppenzwang und das exzessive Konsumverhalten. Binge Watching ist für sie ein lukratives Geschäft, das trotz seiner Gefahren sogar als modern beworben wird.
Statt Aufklärung wird mit Überschriften wie „Diese 10 Serien müssen sie binge-watchen“ geworben. Der „Serienjunkie“ gilt als hip und angesagt. Staffeln werden nicht mehr einzeln verkauft, es gibt gleich ganze Serien zu Sonderpreisen in den DVD- und Blu-ray-Regalen. Und dieses Angebot kommt an.
Längst sind Serienproduktionen keine kleinen Nischen mehr. Sie werden immer kostenintensiver, aufwendiger und können mit ihren Spezialeffekten längst mit den großen Blockbustern mithalten. Wer einmal die großartig animierten Drachen in Westeros erlebt hat, will sich von nun an nicht mehr mit minderwertigeren Serien herumschlagen.
Auch die Schauspieler haben sich längst diesem Wandel angepasst. Früher war es das große Ziel der Hollywoodstars, für ihre Oskar-prämierten Filme bekannt zu sein. Heute wechseln immer mehr von ihnen ins Seriengeschäft. Selbst in Deutschland sieht man am Sonntagabend plötzlich einen Till Schweiger als Hauptkommissar Nick Tschiller im Tatort.
Der Trend „Serie“ scheint mehr und mehr ins Zentrum der Unterhaltungsindustrie zu rücken. Und genau wie schon bei den Social-Media-Plattformen und den Computerspielen, wächst auch hier die Suchtgefahr mit den Nutzern. „Im Zweifelsfall kann man einfach bei der Drobs-Beratungsstelle in Hameln nachfragen, ob ein bestimmtes Verhalten schon als Sucht eingestuft werden kann. Auch wenn man sich Sorgen um Freunde oder Familienangehörige macht, sind unsere Berater jederzeit ansprechbar. Prävention ist immer besser als Behandlung“, rät Westermann.
Aber wenn die neueste Serie mal wieder zu einer Wochenendbeschäftigung wird, muss sie nicht gleich mit gespitzten Fingern in den Wandschrank verbannt werden. Manchmal ist diese Art von Unterhaltung genau der richtige Ausgleich für den stressigen Alltag und sollte ruhig ausgiebig genossen werden.
Und ein gemeinsamer Serienabend mit Freunden und Familie kann schließlich auch wieder Leben in die heimischen Wohnzimmer bringen.

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