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Die unbekannte Seite von Wilhelm Busch

Ausstellung zeigt Gemälde Die unbekannte Seite von Wilhelm Busch

Kaum ein Künstler hat eine so große Aufmerksamkeit erfahren wie Wilhelm Busch. Dabei waren es vor allem seine Bildergeschichten, allen voran „Max und Moritz“, die als Klassiker der humoristischen Literatur eine beispiellose Verbreitung fanden. Jetzt widmet sich eine Ausstellung im Rintelner Museum Eulenburg einer weniger beachteten Seite der Künstlerpersönlichkeit: „Wilhelm Busch als Maler und Zeichner“.

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Heute gelten manche Darstellungen Wilhelm Buschs als grausam: Dies gilt besonders für das düstere Gemälde „Die Züchtigung“.

Von Dietrich Lange

Zwar gehörte Wiedensahl bei Buschs Geburt im Jahre 1832 zum Königreich Hannover, doch davor und auch danach – zu seinen Lebzeiten – zu Schaumburg und später Schaumburg-Lippe.

So wurde der Künstler zu einem der berühmtesten Söhne des heutigen Landkreises Schaumburg, was seit Jahren für die Tourismuswerbung genutzt wird. In diesem Jahr feiert der Landkreis 150 Jahre „Max und Moritz“ mit einer Vielzahl von Veranstaltungen. Das Rintelner Museum beteiligt sich mit einer Ausstellung. Und mehrere Zeichenblätter weisen sogar auf eine gar nicht so dünne Verbindung Buschs zum Weserbergland hin: Hameln und Umgebung sowie die Schaumburg hat er mit dem Bleistift auf Papier gebannt, beides zu sehen im Original.

„Als 1982 eine Ausstellung zu seinem 150. Geburtstag erstmals in größerer Zahl nicht karikaturistische Zeichnungen von ihm zeigte, war die Überraschung groß. Die Virtuosität der Strichführung, das Arrangement der Motive und die in den Bildern ablesbare künstlerische Entwicklung sorgten für Aufsehen und Bewunderung“, teilt Museumsleiter Stefan Meyer mit. „Handwerklich waren ihm keine Grenzen gesetzt, und als er mit Karikaturen und Bildergeschichten genug Geld verdiente, widmete er sich dem Zeichnen und Malen ganz ohne Kompromisse gegenüber Zeitgeschmack oder Bedürfnissen des Kunstmarktes. Nach 1859 trat der da schon anerkannte Karikaturist mit seiner Mal- und Zeichenkunst nicht mehr an die Öffentlichkeit. Die Werke behielt er selbst, später wurden sie vererbt. „Heute haben wir sie hier als Leihgaben des Wilhelm-Busch-Geburtshauses in Wiedensahl, des Museums Schloss Wolfenbüttel, des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover und aus Privatbesitz“, erklärt der promovierte Wissenschaftler.

Das Zeichnen nach der Natur sei zweifellos der Ausgangspunkt der künstlerischen Tätigkeit Buschs gewesen, so Meyer. „Keine andere Bildende Kunst hat er so lange und so gründlich ausgeübt“, erklärt er. „Bereits als 15-jähriger Student des Maschinenbaus in Hannover porträtierte er in den Vorlesungen seine Professoren und Kommilitonen, und er beendete seine Zeichentätigkeit erst als 62-Jähriger 1895, als er wiederum die Bildergeschichten und auch die Malerei bereits aufgegeben hatte.“ Gedichtet und geschrieben hat Busch laut Meyer allerdings bis zu seinem Lebensende.

Natur und Landschaft seien stets Hauptmotive im zeichnerischen Schaffen Buschs gewesen. Hierbei fand er dem Forscher zufolge Ruhe und Inspiration, und die Natur war zugleich der Angelpunkt seiner Gefühlswelt. Doch nicht nur in der freien Landschaft, auch im Garten am Haus, in den Wiesen am Dorfrand und im bäuerlichen Arbeitsalltag, überall habe er in den Details der begrenzten Welt des Dorfes das Unendliche und Unergründliche entdeckt, „nicht weniger als Alpen und Meer, Japan und China“.

„Der Blick aufs Kleine und Kleinste, auf das scheinbar Unbedeutende und Beiläufige ist es, an dem sich für Busch das Wesentliche erkennen, greifen und veranschaulichen ließ“, erklärt Meyer. „Dieses Motiv zieht sich auch durch sein literarisches Schaffen.“

„Die Qualitäten des Karikaturisten, der durch Weglassen und Reduzieren zu seiner eigentlichen Meisterschaft findet, spiegelt sich auch in den Zeichnungen nach der Natur“, so Meyer. „Dabei gehen zwei Sichtweisen, die scharf und grob charakterisierende der Karikatur, und die atmosphärisch einfühlsame der Landschaftsmalerei, eine bemerkenswerte Symbiose ein.“ Um 1898, wohl noch vor der Übersiedlung des damals 66-Jährigen von Wiedensahl nach Mechtshausen, erlosch jedoch das bildnerische Schaffen Buschs.

Die Begeisterung des gebürtigen Wiedensahlers für die Malerei entstammt seiner Studienzeit in Düsseldorf ab 1851 und, mehr noch, dem anschließenden Aufenthalt in Antwerpen. Dort entdeckte er die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts für sich, ein Erlebnis wie eine Offenbarung für den 22-Jährigen.

Für dieses ihm zeitlebens unerreichbar erscheinende Vorbild verließ Busch die gängigen Pfade der Düsseldorfer Modellmalerei, gab seinen Bildern tiefbraune und ockerfarbige Grundtöne und wählte für die damalige Zeit eher ungewöhnliche Motive, etwa das einer alten Frau. Dabei faszinierte ihn nicht zuletzt auch die unverstellte Derbheit des flämischen Volkslebens, die ihn in ihren Auswüchsen zugleich befremdete. Stilistisch entstand ein eigenständiger Weg. Mit zunehmender Sicherheit und Routine wurden die Pinselführungen breiter, Einzelheiten traten zurück zugunsten einer Ganzheit, die das Wesentliche erfasste.

Das Ergebnis sind Meyer zufolge schließlich eine bemerkenswert ausgereifte Malweise und eine befreite und konsequente Umsetzung. Zugleich zeigen die zumeist in den späteren Jahren entstandenen Landschaftsbilder unverkennbar expressionistische Züge, die durchaus auf der Höhe ihrer Zeit waren und heute besondere Anerkennung finden.

Busch schuf insgesamt mehr als 1000 Gemälde. Fast alle, von einigen Porträts abgesehen, entstanden nur für ihn selbst. Busch, zeitlebens unverheiratet, kinderlos und zunehmend zur Eigenbrötelei neigend, äußerte sich nie über die Intention seiner Malerei, über Problemstellungen der Darstellung oder die Wahl des Materials. Mit der Kunst, so seine Auffassung, könne man nicht „mit Worten intim werden“. Entsprechend befragte er auch seine vielen Malerfreunde, unter ihnen Franz Lenbach, nicht in dieser Hinsicht. Deren Ausstellungen besuchte er selten.

Überhaupt gab Busch zu verstehen, mit dem „Kuddelmuddel“ der neueren Malerei nicht viel anfangen zu können. Er suchte die Abkapselung und fand sie in seiner Heimat Wiedensahl, wo Besucher allenfalls ahnten, womit er seine Zeit in einem höchst luxuriös eingerichteten Atelier verbrachte.

Grund für diese Geheimniskrämerei war, wie auch bei der Zeichenkunst, letztlich der Erfolg seiner Bildergeschichten. Busch glaubte einfach nicht, mit seinen Bildern in der Öffentlichkeit aus dem Schatten seiner humoristischen Publikationen heraustreten zu können. Er hielt die Arbeiten meist für unfertig, für Studien oder Skizzen, mit denen „nicht viel Ehre einzulegen“ sei.

Dass er dennoch sein künstlerisches Schaffen auch humorvoll hinterfragte, kann man aus seinen Bildergeschichten schließen. „Maler Klecksel“, mit dem er offenkundig auf sich selbst Bezug nahm, irrt jedenfalls unverstanden und brotlos mit seiner Kunst umher, bis er sich schließlich ganz pragmatisch als Gastwirt einer nützlichen Existenz zuwendet.

Das Museum Eulenburg wirft auch einen Blick auf die populären Bildergeschichten. „Als Vorläufer der Comics haben sie einer ganzen Kunstgattung zu Ruhm und Anerkennung verholfen“, sagt Meyer. Eine kleine Auswahl an Drucken im Obergeschoss des Museums gibt Beispiele davon. In einer Leseecke können Besucher diese Geschichten in Büchern verfolgen. Ein 15-minütiger Film dokumentiert das Leben Buschs.

Die Bildergeschichten haben eine Schlüsselstellung in Buschs Werk, denn nur sie verbanden seinen Humor und die sprachliche Virtuosität, wie sie in seinen Gedichten und Prosatexten zum Ausdruck kommen, mit seinem zeichnerischen Talent. Sie verkörpern bis heute eine bemerkenswerte Volkstümlichkeit mit einer unbändigen und zugleich hintergründigen Lust an der Satire des Alltags.

„Busch hat sich mit seinen Szenerien im von ihm dargestellten niedersächsischen Kleinbürger- und Bauernmilieu zu Lebzeiten nicht viele Freunde gemacht. Zu selten machten seine Nachbarn dabei eine gute Figur. Und doch hat er dabei ihrem praktischen Eigensinn und ihrer trotzigen Lebenszugewandtheit ein Denkmal gesetzt, das Sympathien weckt“, schreibt Meyer im Begleittext zur Ausstellung mit 37 Zeichnungen und 17 Gemälden.

Kaum ein Künstler hat eine so große, sogar internationale Aufmerksamkeit erfahren wie Wilhelm Busch. Dabei waren es vor allem seine Bildergeschichten, allen voran „Max und Moritz“, die als Klassiker der humoristischen Literatur eine beispiellose Verbreitung fanden. Aber auch die Aphorismen und Gedichte Buschs wurden im gesamten deutschen Sprachraum legendär. Jetzt widmet sich eine Ausstellung im Rintelner Museum Eulenburg einer weniger beachteten Seite der Künstlerpersönlichkeit: „Wilhelm Busch als Maler und Zeichner“.

Heute gelten manche Darstellungen Wilhelm Buschs als grausam: Dies gilt besonders für das düstere Gemälde „Die Züchtigung“.

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