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Dinosaurier mit Kribbeln im Bauch

„Umsonst & Draußen“ startet am Freitag Dinosaurier mit Kribbeln im Bauch

Freie Liebe, Basisdemokratie und Gewaltlosigkeit: Das waren die Ideale der Veranstalter, als sie 1975 das Festival „Umsonst & Draußen“ aus der Taufe hoben. Auch 35 Jahre später stellen 300 Ehrenamtliche ein dreitägiges Spektakel für Zehntausende auf die Beine. Am Freitag ist es wieder so weit.

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So ähnlich wird es am Wochenende wieder vor der Weserbühne aussehen – wenn das Wetter mitspielt.

Quelle: ly

In Vlotho, einer Kleinstadt im Osten des Kreises Herford, hat vor 40 Jahren eine Bewegung ihren Anfang genommen, die bald darauf ganz Deutschland erfasste. Seit 2007 ist „Umsonst & Draußen“ (U&D), bundesweit das älteste Festival seiner Art, am Veltheimer Kraftwerk zu Hause. Von Freitag bis Sonntag steigt in den Weserwiesen die Jubiläumsveranstaltung mit fast 40 Bands. Einmal kam U&D auch in den Landkreis Schaumburg: 1997 lockte es geschätzte 35 000 Fans nach Warber.
Niemand kann in die Zukunft sehen. Eins steht trotzdem fest: Wenn Wolfgang Kuhlmann (62) am Sonntag gegen 18 Uhr auf die Bühne steigt, um mit seiner Band „Hammerfest“ das Festival „Umsonst & Draußen“ ausklingen zu lassen, „wird es ganz schön kribbeln im Bauch – und irgendwie warm ums Herz“.
Vor dem Absperrgitter stehen dann auch Fans, Mitstreiter und Gründer, „mit denen man alt geworden ist“, so Gitarrist Kuhlmann („Ich bin der Dinosaurier“), der nicht nur Musik macht, sondern an den drei Tagen vor allem für die Sicherheit verantwortlich ist.
Sicher werden Erinnerungen wach an das erste Festival vor genau 40 Jahren, damals noch in einem Vlothoer Steinbruch, wo „Hammerfest“ ebenfalls spielte. „Es war bombastisch“, erzählt Kuhlmann. „Das wollten wir noch einmal haben – und noch mal und noch mal.“
Vielleicht wird Wolfgang Kuhlmann am Sonntag aber auch an jene Träume denken, die er und die anderen 1975 hatten: Basisdemokratie, freie Liebe, Gewaltlosigkeit – das wäre die Welt gewesen, die sie schaffen wollten. „Wir hatten die Idee einer neuen, besseren Gesellschaft. Doch ich bin in der Wirklichkeit angekommen“, sagt Kuhlmann. „Das Festival ist der letzte Rest von meinen Träumen.“ Es sollte Teil der neuen Welt sein.
Noch immer jedoch herrschen auf diesem Festival Toleranz und Solidarität, Egoismus hat keine Chance. So gelingt es fast jedes Jahr, aus eigener Kraft eine riesige Kulturveranstaltung mit mehr als 20 000 Gästen auf die Beine zu stellen. Aus Sicht von Toni Behning (61), ebenfalls ein Mann der ersten Stunde, haben 40 Jahre in der Gesellschaft stärkere Spuren hinterlassen. „Zum Beispiel sind die Grünen und alternative Firmen gegründet worden, die sich etabliert haben“, erklärt er.
Zurück zum Festival: Bei den rund 300 freiwilligen Helfern, die keinen Cent für ihre Arbeit wollen, herrscht immer noch Basisdemokratie, einer der Grundgedanken seit vier Jahrzehnten. „Wer etwas sagen möchte, kann das hier tun“, betont Lars Schulz, Pressesprecher des Vereins Umsonst & Draußen Kultur Vlotho, selbst seit 25 Jahren dabei.
Das schönste Festival war für Schulz eine Veranstaltung, die nie stattgefunden hat: 2004, als der Regen alle Bemühungen zunichte machte und für ein Minus von 20 000 Euro sorgte. Trotzdem war der Zusammenhalt unbeschreiblich. In Hamburg stieg danach ein Benefiz-Konzert zugunsten des Vereins, dem die Pleite drohte.
Mit dem Konzept „Kultur für alle“ war U&D bundesweit das erste Festival seiner Art und Vorbild für viele andere. „In der Region entstand eine Bewegung, die durch Zentraleuropa ging“, erklärt Wolfgang Kuhlmann. Anfangs kamen die Bands zum Teil 14 Tage vorher, um beim Aufbau zu helfen. Bis 1979 nahmen sie keine Gage.
„Wir waren eine große Gemeinschaft“, erinnert sich Norbert Hartmann (65). „Und wir fühlten uns so subkulturell. Heute ist das Festival für viele Musiker ein Gig. Eigentlich schade.“ Den Startschuss sieht Hartmann 1969, im Jahr des legendären Woodstock-Festivals, für viele bis heute das Sinnbild einer friedliebenden Welt.
Mit der Zeit ist U&D immer teurer geworden. Heute liegt der Etat laut Lars Schulz bei 200 000 Euro. Ein Grund sind gestiegene Sicherheitsanforderungen, besonders nach dem Unglück bei der Duisburger Love-Parade 2010. Nachdem das Kraftwerk vom Netz ist, bleibt zunächst offen, ob es 2016 in Veltheim weitergeht.
„Vom Kraftwerk“, so Schulz, „haben wir Strom und Manpower bekommen.“ Was ohne diese Unterstützung unterm Strich steht, weiß man nach dem Kassensturz. Bisher hat der Dino unter den deutschen Umsonst-und-Draußen-Festivals immer einen Weg gefunden.
Keiner konnte ahnen, welche Ausmaße es annehmen würde, als einige Männer anno 1975 den ersten Auftritt ihrer Band „Hammerfest“ planten. Einige Quellen sprechen von 2000 Besuchern, andere von 5000. Geburtshilfe leisteten bekanntere Guppen wie „Embryo“ oder „Missus Beastly“, die längst Kultstatus genießen. Wenn die Altvorderen davon erzählen, hängen die Jungen an ihren Lippen.
Am meisten jedoch wundert es die Gründer selbst, was sie losgetreten haben in jenem Sommer vor 40 Jahren. „Vier Jahrzehnte Umsonst & Draußen haben die deutsche Festivallandschaft verändert“, erklärt Sprecher Lars Schulz. „Ohne die Idee einer nichtkommerziellen, eintrittsfreien Veranstaltung gäbe es viele Festivals heute nicht. Kein Eintritt bedeutet: Kultur für alle.“ Im ersten Jahr in Veltheim (rund 20 000 Gäste) konnte der Verein gar Weltstars an die Weser holen: „Tito & Tarantula“, bekannt aus dem Horrorfilm „From Dusk Till Dawn“.
Als legendär gilt das Jahr 1979, als rund 100 000 Besucher die Kiesgrube Rüter in Porta Westfalica-Holzhausen füllten, um drei Tage lang eine Party mit 37 Bands zu feiern, die zeitweise Züge einer fröhlichen Schlammschlacht trug, Woodstock im Kleinen. Einige waren dabei bloß leicht bekleidet, zeitweise gar nicht.
Nicht nur dies sorgte bei Einheimischen für einen „Kulturschock“, wie es Ortschronist Hans-Martin Polte nennt. Nach dem ersten Gastspiel im Jahr zuvor mit bis zu 80 000 Fans war Kritik laut geworden. Viele Portaner jedoch freuten sich bei der Wiederholung einfach über die friedliebenden Menschen und viele Farbtupfer.
Ärgerlich, wenn ein Festival ins Wasser fällt. Besonders übel war das Jahr 2000, als es drei Tage lang abwechselnd Bindfäden und junge Hunde regnete. Gerockt wurde trotzdem, in der Kasse blieb jedoch ein dickes Minus. „Früher sind wir entweder abgesoffen, pleite gegangen oder mussten uns ein neues Gelände suchen“, erinnert sich Lars Schulz.
Los geht’s am Freitag um 17 Uhr auf der Bahndammbühne mit „Hey Miracle“, Alternative-Rock aus Detmold. Auf der Hauptbühne an der Weser dürften um 21.30 Uhr „Rockstah“ mit HipHop und ab 23.30 Uhr „Itchy Poopzkid“ (Pop-Punk) für die ersten musikalischen Highlights sorgen. Als sicher gilt dies bei „Ill Ninho“ aus den USA, die am Samstag um 21.45 ihren Nu-Metal spielen. Danach treten die „Bollock Brothers“ auf, bekannt für Rock und New Wave.

„Schön, dass Geld nicht im Fokus steht“

Heutzutage wird gern beklagt, dass junge Leute sich zu selten ehrenamtlich engagieren. „Umsonst & Draußen“ beweist das Gegenteil. Nina Lühring (24), Charline Nolting (21) und Lea Tesche (22), alle aus Herford, sind nur drei von etwa 300 Helfern, die das Festival jedes Jahr auf die Beine bringt, zum Teil über zwei Wochen.
Neuerdings gehört Nina Lühring außerdem als Kassenführerin zum erweiterten Vorstand des Vereins Umsonst & Draußen Kultur Vlotho. „Ich wollte mehr Verantwortung übernehmen“, sagt sie. Ihren Jahresurlaub verbringt die 24-Jährige auf dem Gelände, wo sie die Bands betreut. „Es ist eine besondere Ehre, beim ältesten Umsonst & Draußen Deutschlands dabei sein zu dürfen“, erklärt Nina Lühring. „Alle arbeiten zusammen, damit es eine vielfältige Veranstaltung wird. Schön, dass Geld nicht im Fokus steht. Das ist total konträr zur Leistungsgesellschaft.“
Lea Tesche ist trotz ihrer Jugend schon recht lange dabei. Angefangen hat sie vor neun Jahren, mit 13 also. Ein Jahr später stieß Charline Nolting dazu, mit der sie befreundet ist. Beide kümmern sich im Vorfeld um die Planung der Parkplätze. An den drei Tagen weisen sie Autofahrer ein.
Berührungsängste mit den älteren Semestern vom Festival gab es nie. „Die Leute kamen direkt auf mich zu und nahmen mich an die Hand“, erinnert sich Lea Tesche an ihren ersten Arbeitstag. „Irgendwie familiär. Auf einmal hatte ich ein paar hundert Freunde mehr.“
Auf Geld kann auch Charline Nolting verzichten. „Geld ist zweitrangig, weil die gute Sache vorgeht“, betont sie. Soll heißen: Kultur für alle. „Umsonst & Draußen“ finanziert sich vor allem durch Getränkeverkauf in Vereinsregie, Imbissbuden, Park- und Standgebühren. „Für uns ist das Festival wie Urlaub“, sagt Charline. „Da kommen Leute, die sich begeistern.“

Von Stefan Lyrath

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