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Eine Frage des Alters

Sicherheit von Atomkraftwerken Eine Frage des Alters

Wenn Physiker und e.on-Manager streiten – wie sicher sind Atomkraftwerke, wenn sie in die Jahre kommen?

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Das Atomkraftwerk Grohnde – hier eine Langzeitbelichtung – gehört zu knapp 83 Prozent dem Energiekonzern e.on.

Quelle: dpa

Altersmanagement – ein Begriff, der vor mehr als zehn Jahren in den USA geprägt wurde. Es geht darum zu untersuchen, ob und wie die Laufzeit von Atomkraftwerken über die bislang erwarteten 40 Jahre auf 60 und mehr verlängert werden könnte. In Deutschland dagegen soll mit dem Altersmanagement gesichert werden, wie die Restlaufzeit der Atomkraftwerke, deren letztes im Jahr 2022 abgeschaltet werden soll, sicher bis zum endgültigen Aus zu Ende gebracht werden kann. Das betonte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) mit Blick auf die alternden Atommeiler in Grohnde und Lingen auf einer Konferenz in Hameln. Zu diesem Thema Fragen und Antworten:
Was bedeutet Alterung bei einem Atomkraftwerk? Der österreichische Physiker Helmut Hirsch definierte den Begriff Alterung als „zeitabhängige und einsatzbedingte Veränderungen funktionsbezogener Merkmale und Eigenschaften“ von Komponenten, Bauwerken und Systemen. Dazu zählt für ihn auch die Frage, wie gut das Personal in einem Atomkraftwerk ist.
Was lässt ein AKW altern? Die Formen der Alterungsprozesse in kerntechnischen Anlagen durch ionisierende Strahlung, thermische und mechanische Belastungen sowie korrosive und andere Abnutzungsprozesse bewirken die Alterung von Komponenten, erklärte Hirsch. So gebe es zum Beispiel die Versprödung von Stahl, Ermüdung von Bauteilen, Korrosion und Verschleiß maschinen- und elektrotechnischer Komponenten sowie die Zersetzung von Betriebsstoffen.
Wie bemerkt man, ob ein AKW oder dessen Bestandteile in die Jahre kommen? Um den Zustand der Anlage und der Komponenten zu überprüfen, gibt es eine Vielfalt von Überwachungsmöglichkeiten: Überwachungssysteme, wiederkehrende Prüfungen unterschiedlichster Art, Betriebsbeobachtungen, Auswertung von Störungsmeldungen und Ursachenklärung. Altersmanagement ist für Hirsch auch Instandhaltungsmanagement, wobei er drei Ansätze definiert: die vorbeugende, die am Zustand orientierte und die auf konkreten Ausfällen basierte Instandhaltung. Der Trend gehe dabei von vorbeugender hin zu einer zustandsorientierten Instandhaltung, gestützt durch die zunehmende Einführung von Online-Überwachung. Den deutschen Atomkraftwerksbetreibern attestiert Hirsch dabei, wichtige Elemente des Alterungsmanagements wie die Analyse der Lebensdauer von Komponenten, Kontrollen und Erfahrungsaustausch schon seit Jahrzehnten zu praktizieren. „Systematisches Alterungsmanagement wurde allerdings erst ab Ende der 1990er Jahre eingeführt“, bemängelt Hirsch. Heute gebe es die entsprechenden Programme in allen deutschen AKW.
Kann es trotz aller Prüfungen zu plötzlichen Ausfällen kommen? Wie in Grohnde mit Federbrüchen bei Drosselkörpern erlebt, kann Alterung überall und unerwartet auftreten. Sie sei damit von großer „sicherheitstechnischer Bedeutung“, hebt Hirsch hervor. Alterserscheinungen in weit voraus blickenden Risikostudien zu berücksichtigen, sei hingegen schwierig. Im Fall der Federbrüche in Grohnde sei es ein unerwarteter Zufallsfund gewesen, der im baugleichen AKW Grafenrheinfeld dann aber zur Entdeckung derselben Störung geführt habe.
Gehen die Behörden schnell und umsichtig mit den Atomkraftwerken um? Es hat lange, nämlich zehn Jahre, gedauert, bis eine an die Reaktorsicherheitskommission gerichtete Bitte des Umweltministeriums, zum Alterungsproblem Stellung zu nehmen, beantwortet wurde. Das bezeichnet Hirsch als „zu langsam“. Er erntet damit jedoch Widerspruch von Michael Fuchs von der e.on Kernkraft GmbH. Fuchs verweist darauf, dass es sich um langwierige gesetzgeberische Prozesse handele. Im Gegensatz dazu geschehe der Austausch von Informationen zwischen den AKW-Betreibern ausgesprochen schnell, sagt Fuchs.
Sind alle bislang aufgetauchten Probleme behoben? Nach Einschätzung von Hirsch treten bereits im Jahr 2004 von der Reaktorsicherheitskommission angesprochene Probleme auch heute noch auf. So habe die Kommission damals festgestellt, „alterungsbedingte Phänomene werden in den deutschen Anlagen unterschiedlich und zum Teil nicht systematisch erfasst“. Es seien in einzelnen Fällen – so wie im Mai in Grohnde – „unerwartete Alterungsphänomene zum Teil zufällig gefunden“ worden. Die Schere zwischen der Praxis in den kerntechnischen Anlagen und dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und der Möglichkeiten, sie technisch umzusetzen, geht auseinander. So benötigte die Reaktorsicherheitskommission ganze fünf Jahre, um festzustellen, dass in den AKW Biblis und Unterweser aufgetretene „interkristalline Spannungsrisskorrosionen“ an Dampferzeuger-Heizrohren „einen neuen bisher nicht bekannten Schädigungsmechanismus“ darstellen.
Welche Ratschläge erteilt der Physiker Dr. Hirsch? Als Ansätze für eine Verbesserung des Altersmanagements nennt er: Beschleunigung der Umsetzung neuer Erkenntnisse; schnellere und bessere Kommunikation von Betreiber, Bund, Ländern und der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit; mehr wiederkehrende Prüfungen mit einer Vergrößerung der Prüfumfänge und einer Verkürzung der Prüfintervalle; Überprüfung des Änderungsmanagements im Hinblick auf Qualität und Einhaltung von Spezifikationen bei Ersatzteilen.

Von Wolfhard F. Truchseß

Atomares Restrisiko für den Steuerzahler

Die spektakuläre Abspaltung des Atomgeschäfts beim e.on-Konzern führt der Bundesregierung das Kostenrisiko beim AKW-Rückbau vor Augen. Bisher ist unklar, ob auch die Bürger einen Teil der Zeche zahlen müssen – der Ruf nach einer Sicherung der Rückstellungen wird lauter.
 Das Verursacherprinzip gilt. Jedenfalls nach dem Atomgesetz. Aber es bleibt eine nicht eindeutig geklärte Frage: Wie lang gilt das Prinzip eigentlich, zumal wenn kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll gefunden wird? Es gibt das Negativbeispiel der Asse. Das einstige „Versuchs-Endlager“ für schwach- und mittelradioaktive Abfälle ist marode, eine Bergung könnte über vier Milliarden Euro kosten. Hier lagert auch Müll von Atomkraftwerksbetreibern. Zahlen muss die Leichtgläubigkeit, dass in einem instabilen Salzbergwerk Atommüll sicher endgelagert werden kann, der Steuerzahler. Denn im Atomgesetz heißt es unter Paragraf 57, Absatz 6 zur Asse: „Die Kosten für den Weiterbetrieb und die Stilllegung trägt der Bund.“ Droht sich bei der Abwicklung der deutschen Atomkraftwerke Ähnliches zu wiederholen? Die spektakuläre e.on-Entscheidung sorgt jedenfalls für Unruhe. Der größte deutsche Energieversorger will sein kriselndes Atom-, Kohle- und Gasgeschäft in eine neue Gesellschaft abspalten. Denn auch wenn e.on-Chef Johannes Teyssen die hohen Rückstellungen seines Unternehmens von 14,6 Milliarden Euro betont: Was ist, wenn das nicht reicht? Was, wenn in Kraftwerken und anderen Beteiligungen gebundene Rückstellungen am Ende viel weniger wert als veranschlagt sind? Durch den Zeitverzug bei der Endlagersuche – Experten rechnen nicht vor 2050 mit einem Endlager – drohen hohe Zusatzkosten für Ausbau und Modernisierung von Zwischenlagern, die nur für 40 Jahre genehmigt worden sind. Wer zahlt, wenn e.ons „Bad Bank“, die die Rückstellungen übernehmen soll, bis dahin nicht mehr existiert? Schließlich gibt es immer auch ein Insolvenzrisiko, gerade wenn bei einem Durchbruch für Ökostromspeicher immer weniger Kraftwerke benötigt werden sollten. Grüne und Linke pochen auf eine rasche Sicherung der Milliarden.
 Eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft schätzt die Gesamtkosten für Rückbau und Entsorgung in Deutschland auf 26 bis 44 Milliarden Euro. Eingedenk von Kostensteigerungen bei solchen Großprojekten und zeitlichen Verzögerungen könnten es im schlimmsten Fall bis zu 67 Milliarden Euro werden. dpa

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