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Einen Tag als Notfallsanitäter

Thema des Tages Einen Tag als Notfallsanitäter

Immer wenn das Martinshorn ertönt, sind sie im Einsatz – die Rettungskräfte in Schaumburg. Die Schaumburger Nachrichten haben die Notfallsanitäter des DRK Rettungsdienstes einen Tag lang begleitet. Einblicke in einen spannenden Berufsalltag.

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Im Einsatz zählt für die Notfallsanitäter Michelle Schmidt und Steffen Dalek oft jede Minute.

Quelle: göt

Landkreis. Mit Blaulicht biegen wir auf ein weit verzweigtes Firmenareal ein. Notfall für das DRK in Rinteln, „Handverletzung bei Arbeitsunfall“. Ein Mann in Warnweste winkt uns zu sich. Ich sehe ihn beim Abbiegen gerade noch durch das kleine Fenster unseres Rettungswagens. „Der Draht ist hier ein- und da wieder ausgetreten. Kreislaufzusammenbruch“, sagt der Winkende noch und weist Michelle Schmidt und Steffen Dalek die Richtung.

Wir setzen uns wieder in Bewegung und halten kurz darauf vor einer kleinen Werkstatt. Ein zweiter Mann nimmt uns in Empfang und führt uns hinein. In der Ecke sitzt ein junger Kollege auf einem Bürostuhl, die Hände fast schwarz vor Dreck. Ich gucke genauer hin: Kaum Blut, nur eine kleine Verletzung. Glück gehabt, denke ich. Mit einer durchbohrten Hand hätte ich vermutlich nicht so gut umgehen können. Sofort ist mir dieser Gedanke unangenehm – der Patient hätte mit einer durchbohrten Hand vermutlich noch schlechter umgehen können. Während ich mir noch einen Überblick verschaffen muss, ist Schmidt schon bei dem Patienten. Sie begrüßt ihn ruhig und freundlich, legt ihm dabei beruhigend eine Hand auf die Schulter. Mit der anderen hat sie bereits seinen Puls gefühlt. Mit einfachen Gesten gewinnt sie sofort sein Vertrauen.

Tief durchatmen

Die Versorgung von körperlichen Wunden ist nur ein Aspekt der Arbeit beim Rettungsdienst. Eine genauso große und ebenso wichtige Aufgabe ist der Umgang mit der Psyche der Patienten. Rettungsdienstpersonal und Notärzte im Einsatz sieht niemand gerne, bedeutet es doch immer, dass jemand dringend medizinische Hilfe braucht. Entsprechend müssen die Retter handeln. Stress und Angst begegnen ihnen täglich, deshalb heißt es grundsätzlich: Ruhe bewahren. In der Regel wird nicht gerannt, eher sind es zügige Schritte, mit denen sie sich zu ihren Einsätzen begeben. Nur keine weitere Hektik verbreiten. Auch eine ordentliche Begrüßung gehört dazu, selbst in Stresssituationen. So übertragen die Helfer ihre Ruhe direkt auf den Patienten. Aufgeregten Personen helfen auch Berührungen, wie beispielsweise die Hand auf der Schulter. Es ist schon fast ein Reflex, dann tief durchzuatmen.

Dalek hat in der Zwischenzeit die notwendige Ausrüstung aufgebaut. Es gehe ihm schon besser, bekräftigt der junge Mann, inzwischen wieder mit rosiger Gesichtsfarbe. Sein Kreislauf habe sich erholt. Die Rettungskräfte kommen zu dem gleichen Ergebnis. Er habe sich bei der Reparatur einer Maschine einen Schweißdraht durch die Hand gebohrt, erzählt er mit angespanntem Lachen. Die Situation mit vermeintlichem Humor zu überspielen ist eine typische Angstreaktion, wie ich später erfahre.

Schmidt ist längst dabei, die verletzte Hand zu untersuchen. Sie schaut sich die Ein- und Austrittswunde an, auch die Schwellung dazwischen. Sie tastet nach weiteren Verletzungen unter der Haut und prüft, ob der Patient noch alles bewegen kann. Soweit ist alles in Ordnung, gibt sie Entwarnung. Damit beruhigt sie den Patienten weiter. Auf den ersten Blick scheint es sich nur um die äußere Wunde zu handeln. Der Draht ist zwischen Zeige- und Mittelfinger eingetreten, hat sich kurz unter der Haut durch die Hand gestochen und ist auf dem hinteren Handrücken wieder herausgetreten. Der Patient muss in die Handchirurgie nach Bückeburg. Den schmutzigen Draht nehmen wir vorsichtshalber mit. Vielleicht wollen die Ärzte noch einen Blick darauf werfen. Für den Transport bekommt der Patient einen Verband und etwas zum Kühlen – die richtige Entscheidung. Im Krankenhaus ist die Schwellung bereits nicht mehr zu sehen.

Zu sehen, wie jemand stirbt

Ich habe mich immer gefragt, wie schlimm es für die Rettungskräfte sein muss, einem Menschen nicht mehr helfen zu können. Zu sehen, wie jemand stirbt. „Wenn wir mit unserer intensiven Ausbildung und unseren permanenten Schulungen nichts mehr für einen Menschen tun können, hätte ihn auch sonst niemand mehr retten können“, lautet die besonnene und sehr reflektierte Antwort des Rintelner Einsatzteams. So etwas dürfen sich die Rettungskräfte nicht zu Herzen nehmen. Die Faustregel lautet: Mitgefühl ja, Mitleid nein. Natürlich sei das erste Mal immer schwierig, wenn man einem Menschen nicht mehr helfen könne. Gerade für die Auszubildenden. Aber der Tod gehört zu diesem Beruf dazu. „Wer damit nicht zurechtkommt, hält diesen Beruf psychisch nicht aus“, sagt man mir sachlich nüchtern. Was dabei besonders helfe, seien aber der Rückhalt und die Kameradschaft im Team. Die Rettungskräfte müssen immer einen kühlen Kopf bewahren. Die nächste Alarmierung kann jeden Augenblick folgen. Dann ist wieder volle Konzentration gefragt.

So kommt es dann auch: Als wir wieder in die Straße zur Rettungswache in Rinteln einbiegen, meldet sich der Pieper mit der nächsten Alarmierung. Verdacht auf Oberschenkelhalsbruch. Eine Frau in den Neunzigern ist im Badezimmer ausgerutscht. Nach der Erstversorgung und der Untersuchung auf weitere Verletzungen gilt es, sie möglichst schmerzfrei in den Rettungswagen und dann in die Notaufnahme nach Stadthagen zu bringen. Vorsichtig bewegen Schmidt und Dalek die Patientin gemeinsam auf eine stabilisierende Unterlage, dann auf die Trage. Um Stöße abzufangen, wird die Tragenhalteplatte im Rettungswagen so eingestellt, dass sie stark federt. Die halbstündige Fahrt zum Krankenhaus ist für die Frau dadurch zwar weniger schmerzhaft, dafür wird ihr durch das Geschaukel übel. Ich sitze zusammen mit Schmidt hinten bei der Patientin. „Nach kurzer Zeit im Rettungsdienst ist man mit allen Körperflüssigkeiten in Berührung gekommen“, lasse ich mir sagen. Ich hoffe, dass es bei meinem Probetag nicht so weit kommt. Auch das ist mir im Nachhinein unangenehm. Bei den Patienten handelt es sich um Menschen, die dringend Hilfe brauchen. Die Begleitumstände sollten dabei keine Rolle spielen.

Aus Prinzip kein „auf Wiedersehen“

Selbst bei einem vermeintlich alltäglichen Einsatz kann alles passieren. Die Alarmierungen sind meist ungenau. Was einen am Einsatzort wirklich erwartet, ist oft nicht vorhersehbar. Und welches Bild auch immer sich den Einsatzkräften bietet, wie auch immer die Begleitumstände aussehen: In Stresssituationen ist Ruhe gefragt. Jede Entscheidung, jede Handlung muss sitzen. Für diesen Beruf muss man wirklich geschaffen sein. Vieles lässt sich lernen, einige Charakterzüge aber nicht: Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Mitgefühl, Ruhe, Verantwortungsbewusstsein, Ausgeglichenheit, Selbstständigkeit und – nicht zuletzt – die soziale Kompetenz und die Freude im Umgang mit Menschen.

Dass sie einen Beruf haben, mit denen in der Regel in seinem Alltag niemand etwas zu tun haben möchte, ist den Rettungskräften sehr wohl bewusst. Wenn Patienten in die Notaufnahme gebracht werden, sagt das Rettungswagen-Team zum Abschied aus Prinzip deshalb immer „Tschüss“ – und nicht „auf Wiedersehen“. göt

Die ersten am Einsatzort

Wenige Minuten können im Notfall über Leben und Tod entscheiden. Den Rettungsassistenten waren bisher aber oft die Hände gebunden durch rechtlich eingeschränkte Kompetenzen. Abgelöst wird der Beruf deshalb durch den Notfallsanitäter, der umfassender und eigenverantwortlicher helfen kann.

Im Gegensatz zu den Rettungsassistenten haben Notfallsanitäter einen erweiterten Kompetenzbereich.
Notfallsanitäter sind in der Regel die Ersten am Einsatzort. Sie müssen schnell den Gesundheitszustand der Patienten erfassen und wirkungsvolle Maßnahmen zur Erstversorgung ergreifen, um die lebenswichtigen Körperfunktionen zu stabilisieren.

Hierbei helfen die gewonnenen Erfahrungen in der Ausbildungszeit, speziell zugeschnittene Handlungsabläufe und das moderne medizinische Equipment. Außer einigen bisher nur von Notärzten durchgeführten lebensrettenden Maßnahmen am Patienten umfasst der erweiterte Kompetenzbereich der Notfallsanitäter auch die Gabe von ausgewählten Medikamenten, was einen Notarzt aber auf keinen Fall ersetzt. Drei Jahre dauert die Ausbildung.
Kontakt: DRK Rettungsdienst und Krankentransport im Landkreis Schaumburg, Steinberger Straße 1a, Rinteln, Telefon (0 57 51) 89 12 40.

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