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Einst Ruinenfeld, jetzt Kulturhauptstadt

Thema des Tages Einst Ruinenfeld, jetzt Kulturhauptstadt

Der Stadthäger Günter Drieschner erinnert sich an seine beschwerliche Flucht und die Vertreibung aus seiner Heimat. Heute ist Breslau ein attraktives Touristenziel

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Wer heute Polen besucht und damit auch das „Venedig des Ostens“, die Stadt Breslau, heute Wroclaw, erkundet, kann sich nicht vorstellen, welche Tragödien sich dort vor 70 Jahren abgespielt haben. Die Stadt ist voll mit quirligem Leben, die Altstadt, der Marktplatz mit dem Ring, bietet eine faszinierende Kulisse kunstvoll restaurierter Gebäude. Als hätte der Zweite Weltkrieg nie stattgefunden. Zeitzeugen dieser bitteren Epoche wissen es besser. Der Stadthäger Günter Drieschner berichtet in seiner jüngst veröffentlichten Autobiografie „Verlorene Wege – Meine Kindheit und frühe Jugend“, die die Zeitspanne von 1930 bis 1950 einschließt, über das Geschehen in und um Breslau während der Nazidiktatur und Nachkriegszeit. Wer eine Reise nach Breslau plant oder die Stadt bereits entdeckt hat, sollte Drieschners Lektüre in die Hand nehmen, um zu erfahren, was sich dort Ende des Krieges ereignet hat. Die Aufzeichnungen sind im Buchhandel erhältlich.
Drieschner, 1930 als drittes Kind von insgesamt sieben Geschwistern in Breslau geboren, schreibt über seine zunächst unbeschwerte Kindheit, plaudert über Ereignisse in Familie und Schule. Auf „Landverschickung“ lernt er die Umgebung kennen, Freudenthal im Altvatergebirge, Krummhübel im Riesengebirge und das Hultschiner Ländchen. Er genießt das Landleben und so manchen Schabernack.
Im November 1941 ist Schluss mit lustig. Drieschner berichtet: „In den Mittagsstunden heulten die Sirenen. Fliegeralarm. Brandbomben im Bereich zwischen Kopischstraße und der Alexisstraße.“ Als Elfjähriger wird Drieschner Luftschutzmelder in der Jungenschule. „In der Schule und im Jungvolk wurden wir streng darauf hingewiesen, dass wir keine Kontakte zu Juden, Fremdarbeitern und Gefangenen aufnehmen durften.“
Ende 1944 wird im trauten Kreis der Familie das letzte Weihnachtsfest vor Ende des Krieges gefeiert. Im Herbst hatte Hitler Breslau zur Festung erklärt. Niemand durfte die Stadt verlassen. Ostern soll Drieschner konfirmiert werden, der Anzug dafür hängt bereits im Schrank. Dazu kommt es nicht.
Ende Januar flüchtet die Familie in einem Zug aus der Festung, zurück bleibt der wehrfähige Vater, dessen Platz jetzt der 14-jährige Günter einnimmt und die Familie anführt. Zwei ältere Brüder sind an der Front. „Gleichzeitig mit uns flohen vor dem Geschützdonner Mütter, Kinder und alte Männer zu Fuß bei Temperaturen unter Minus zwanzig Grad, weil sie keinen Platz in den wenigen Zügen gefunden hatten. Viele von ihnen erfroren und verhungerten erbärmlich.“
Die Flucht endet in Bad Landeck, wo Drieschners in einem Hotel einquartiert werden. Kurz vor Ende des Krieges die Katastrophe: Günter erhält die Einberufung zum Volkssturm, obwohl Vater und zwei Brüder an der Front sind und der 14-Jährige die einzige Stütze seiner Familie ist. Proteste helfen nicht. Es folgt eine Ausbildung an der Panzerfaust und zum Bau von Panzersperren. Glücklicherweise kommt es nicht mehr zum Einsatz. Am 8. Mai ist der Krieg vorbei.
Landeck wird von durchziehenden Soldaten in Angst und Schrecken versetzt. Es kommt zu Übergriffen, Verwüstungen und Plünderungen. Die Familie bangt um ihre Männer an der Front. Es stellen sich die Fragen: Wo ist der in Breslau zurückgebliebene Vater geblieben? Existiert die Wohnung noch? Drieschner entschließt sich, die Sache in die Hand zu nehmen. Ohne Passagierschein wagt er den gefahrvollen Weg nach Breslau. Dem Unternehmen schließen sich zwei ältere Mädchen an, die ebenfalls etwas über verschollene Angehörige erfahren möchten.
Über die Ankunft in Breslau schreibt Drieschner: „Durch Hartlieb und Krietern liefen wir vorbei am Reichsrundfunkhaus in die Straße der SA, die frühere Kaiser-Wilhelm-Straße. Links und rechts nur Ruinen, über denen noch immer der beißende Brandgeruch schwebte. Was hatte sich hier abgespielt? Entlang einer endlosen Reihe zerstörter Häuser zogen wir tief erschüttert weiter über den Hindenburgplatz in Richtung Stadtmitte. Mein Breslau, eine einzige Ruinenlandschaft.“
Ende Juni 1945 kehrt die Familie nach Breslau zurück. Die Wohnung existiert nicht mehr. Es folgt ein über einjähriges Martyrium, ein einziger Kampf ums Überleben, in primitiven Wohnräumen, ohne genügend Lebensmittel. Dann kommt der Ausweisungsbescheid, die Vertreibung. Am 15. Oktober 1946 besteigt die Familie einen Zug in Richtung Westen. Zehn Tage später erreicht sie Hannover, am 20. Januar 1947 Stadthagen, die Stadt, die Drieschner zur neuen Heimat werden soll.
In seinem Buch berichtet er über die schwere Anfangszeit als Vertriebener. Seine Aufzeichnungen über die Dauer von 20 Jahren enden als „Großstadtkind“ aus Breslau mit dem versöhnlichen Satz: „Erst im Abstand von Jahren erkannte ich, dass das kleine, beschauliche Stadthagen mit seiner naturnahen Umgebung meine zweite Heimat geworden war.“
Was auch immer Schreckliches durch den Krieg in Breslau passiert ist, die Stadt hat sich in der Hand des polnischen Staates seit der politischen Wende erstaunlich gut erholt. Sicher gibt es immer noch einzelne Ruinen, an einigen Häusern sieht man nach wie vor Einschusslöcher als Zeichen kriegerischer Gewalt. Breslau ist heute eine eindrucksvolle Stadt, buchstäblich wie Phönix aus der Asche neu erstanden.
Die Altstadt mit Marktplatz und Ring zeigt sich lückenlos in alter Pracht. Zur Erklärung: die Bezeichnung Ring deshalb, weil in der Mitte des Marktplatzes ebenfalls eine Bebauung vorhanden ist. Da gibt es das Rathaus im gotischen Stil, das Kurfürstenhaus mit prächtiger, goldfarbiger Fassadenmalerei, das Denkmal des polnischen Schriftstellers Aleksander Fredo, das im Jugendstil erbaute Kaufhaus Dom Handlowy, das einst der jüdischen Kaufmannsfamilie Barasch gehörte, am Tauentzienplatz das ehemalige jüdische Kaufhaus Wertheim, heute Kaufhaus Renoma, das damals Breslaus größtes Kaufhaus war, die Elisabethkirche mit den beiden mit einem Bogen verbundenen Altaristenhäusern, die der Breslauer „Hänsel und Gretel“ nennt.
Am Ring ballen sich die Restaurants und Gaststätten. Breslau besitzt durch die Universität ein junges Publikum. Es gibt neben unzähligen Gaststätten und Cafés eine „Bierhalle“, das berühmte Restaurant „Spitz“ und den „Schweidnitzer Keller“ in den urigen Gewölben des Rathauses. Auf der Dominsel steht der gotische Breslauer Dom, die Kathedrale St. Johannes des Täufers. Auf dem Messegelände gehört die Jahrhunderthalle von 1913 zu den Wahrzeichen der Stadt.
Freiheitssymbole der Stadt sind die mehr als 100 Zwerge, kleine Bronzefiguren, die erstmals in den achtziger Jahren als Protest gegen das damalige kommunistische Regime in der Innenstadt auftauchten. In Breslau ist eine lebendige Kulturszene entstanden, die zweifellos durch deutsche und jüdische Wurzeln geprägt wird. Es gibt Theater- und Opernaufführungen, Konzerte, Jazz- und Filmfestivals. Für das Jahr 2016 hat die EU Breslau zur Kulturhauptstadt Europas erklärt!
Zurück zu Drieschner. Er hat im Schaumburger Land beziehungsweise Stadthagen seinen Weg gefunden und sich mit zahlreichen Ehrenämtern in die Gesellschaft eingebracht. Viele Jahre war er politisch und gewerkschaftlich engagiert, war unter anderem Ratsherr in Stadthagen, Kreistagsmitglied, 26 Jahre Vorsitzender im Ortsverband des Sozialverbandes, ist seit 56 Jahren Mitglied der Arbeiterwohlfahrt und Leiter des Seniorenarbeitskreises.
Zurzeit arbeitet er an einem zweiten Buch, das seinen Lebensweg von 1950 bis heute aufzeichnet und Ende des Jahres erscheinen wird.

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