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Erotik ist erst mal kein Thema

Thema des Tages Erotik ist erst mal kein Thema

Am Ende steht ein erotisches Bild, das der Öffentlichkeit präsentiert wird. Doch was zuvor geschieht, davon bekommt man meist nichts mit. Auf dem Set eines Akt-Shootings zeigt sich, dass hinter den
Kulissen vor allem Arbeit steckt, von Erotik ist dort keine Spur. Technische Fragen bestimmen das Gespräch. Und Fußball.

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Mit einer Flasche schüttet Peter Bauckhage dem Model Denise Wasser auf die Brust, während Fotograf Dirk Holstein die Fotos schießt. Das Bild zeigt das Endergebnis.

Quelle: jak/Dirk Holstein

Immer kleiner werden die Straßen auf dem Weg in das Fotostudio. Zwischen Weser und A2 soll es liegen, doch an der angegebenen Adresse in Porta Westfalica ist nichts angeschrieben. Ein gelangweilt dreinblickender Nachbar weißt schließlich den Weg hin zum Hinterhof. Über eine Treppe geht es hoch zu einer angelehnten Metalltür, dahinter verbirgt sich das Fotostudio PW von Peter Bauckhage. Der Auetaler Hobbyfotograf Dirk Holstein hat es für einen halben Tag gemietet, für ein Wassershooting, wie er zuvor erklärt.
Vor Kurzem erst ist das Model Denise, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, zusammen mit Holsteins Frau Beate angekommen. Noch sitzt man am Rande des Studios beisammen, es wird gefachsimpelt, über die Aufgabe, die vor einem liegt. Für die Holsteins ist es ein Hobby, für Peter Bauckhage und Denise geht es um Geld. 60 Euro nimmt Denise für eine Stunde Aktfotografie. Fashion- und Dessousshootings sind günstiger.
Doch wer hier Erotik erwartet, ist fehl am Platz. In den schwarz-weiß ausgemalten Räumen des Fotostudios wird zwar viel nackte Haut gezeigt und flammende Blicke durchwandern den Raum, doch gelten sie nur der Kamera, nicht jenem, der sie hält. Denise ist ein erfahrenes Model, eines, das kaum Anweisungen benötigt, keine Scheu zeigt vor der Kamera und den ihr fremden Menschen. Ungezwungen unterhält man sich zwischen dem regelmäßigen Aufblitzen der Lichtanlage und dem Klicken der Kamera über Sport, das Wetter, Musik und andere Themen, wie man sie regelmäßig in den Aufzügen von Bürogebäuden antrifft.
Während sich Denise von Anfang an in dem, mit schweren, schwarzen Plastikplanen ausgelegten Bereich des Studios rekelt, verzichtet Holstein anfangs auf das angekündigte Wasser. Denn ist das Haar erst mal nass, gibt es keinen Weg mehr zurück. Für Holstein, der zusammen mit seiner Frau schon einige Erfahrung im Bereich der Porträt-, aber auch Aktfotografie gesammelt hat, ist es das erste Mal, dass er nasse Haut fotografiert. Entsprechend überlässt er auch dem Foto-Veteran Bauckhage gerne die technischen Fragen.
Denise selbst braucht ohnehin kaum Einweisungen. Sie weiß, wie sie sich in Szene setzen muss. Ihr Körper steht ständig unter Spannung, doch ihr Blick verliert zwischen den Aufnahmen sein Feuer. Kurz nachdem sie Bauckhage bittet, doch etwas Musik von Bruno Mars aufzulegen, schießt ihr Blick wieder zum Fotografen, nur um nach dem nächsten mechanischen Klicken wieder zurück zu Bauckhage zu wandern und das Lied zu kommentieren. Gleichzeitig variiert sie ihre Position leicht, blickt einige Sekunden später wieder zu Holstein, erwartet den Klick, äußert Bedauern, das Spiel von Bayern München heute Abend nicht sehen zu können, fixiert wieder die Kamera und setzt diesen Vorgang so lange fort, bis der Fotograf genug hat. Professionell.
Dass es auch anders geht, wissen sowohl Holstein und Bauckhage. Wenn man ein Model für die Bilder bezahlt, ist die Situation eine andere, als wenn das Model selbst Interesse an den Fotos hat. Oft sind es Frauen, die das erste Mal vor der Kamera stehen, zumindest das erste Mal nackt vor einer fremden Linse. Aufregung und Nervosität müssen hier erst sorgsam abgebaut werden, um gute Fotos zu ermöglichen.
Nach einigen Fotos in verschiedenen Outfits wird das Model schließlich hinter den Vorhang geschickt. „Einmal einölen, aber ordentlich.“ Zur Unterstützung, „aber nur für den Rücken“, wie Denise erklärt, folgt ihr Beate Holstein. In der Zwischenzeit fachsimpeln die beiden Fotografen über den korrekten Tropfenschlag, die Vorteile eines fokussierten Wasserstrahls aus einer Flasche gegenüber der ebenfalls im Studio vorhandenen Sprinkleranlage.
Für Holstein ist das heute vor allem ein Training, deswegen ist auch Peter Bauckhage vor Ort. Von ihm kann man einiges lernen. Um zu verdeutlichen, wie wichtig der feurige Blick hin zum Fotografen ist, wirft er sich auch Mal selbst in Pose, rekelt sich auf einer Liege, drückt den Rücken durch, winkelt die Arme an und blickt einen lasziv an. Und dann zur Wand. Ein ganz anderer Eindruck, ein ganz anderes Bild, erklärt er.
Denn Akt ist eben nicht Akt. Nur weil eine nackte Frau abgebildet wird, muss es noch lange nicht erotisch sein. Während natürlich ein großer Teil, vor allem der Amateure, Akte erotisch fotografiert, ist das nur ein kleiner Ausschnitt. In einigen der Bilder, die Bauckhage aufruft, verschmilz der nackte Körper regelrecht mit der Umwelt, oder bricht als beinahe außerirdischer Fremdkörper mit den gewohnten geometrischen Regeln.
Wenn sie gerade nicht im Einsatz ist, bekommt Denise einen Bademantel. „Das ist bei uns so Standard“, betont Bauckhage. Models sind keine Sexobjekte, das ist für Bauckhage wichtig. Doch wirkt die Situation im Studio so mechanisch, selbst unter Amateuren schon so professionell, „wer da einen stehen hat, der hat ein Problem“, findet auch Bauckhage. Normalerweise werde man von so etwas nicht angemacht.
Bauckhage, der immer wieder öffentliche Workshops veranstaltet, erinnert sich nur an einen Moment, als diese Regel gebrochen wurde. Ein Teilnehmer habe sich während des Shootings verzogen, um zu masturbieren. „Als die anderen Fotografen das mitbekommen haben, da haben sie ihn aber ordentlich fertiggemacht“, erinnert er sich. Manche kämen eben mit falschen Erwartungen zu so einer Veranstaltung. Aber normal sei das nicht.
Mit immer besserem Equipment und Computern, auf der sich professionelle Fotobearbeitung nachahmen lässt, lassen sich immer mehr Menschen so wie Holstein auf die Fotografie ein. Doch auch die Zahl jener, die sich fotografieren lassen wollen – ob bezahlt oder unbezahlt – steigt stetig.
Allein auf der Website Modelkartei finden sich 47 143 Frauen, die Interesse an Fotoshootings haben. Auf sie warten ganze 30 839 Fotografen. Auf beiden Seiten viele Profis und Veteranen, aber eben auch eine Mehrheit an Neulingen, Hobbyfotografen und Hobbymodels.
Eines wird dabei deutlich. Fotografieren wollen hauptsächlich Männer, fotografieren lassen sich hauptsächlich Frauen. Auch Peter Bauckhage hat diese Erfahrung gemacht. Er erklärt es sich evolutionär. Jäger und Sammler, Eroberer und Eroberte. Hinzu kommt natürlich das Geld, das für weibliche Models etwas lockerer sitzt als für männliche.

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