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Farbe ist ein Stück Lebensqualität

Alles Ton in Ton? Farbe ist ein Stück Lebensqualität

"Ihr Hemd passt nicht zur Hose!“ Eigentlich wollte ich heute zur sandfarbenen Hose eines meiner dunkelblauen Poloshirts anziehen.

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Für die Farbgestaltung des Bad Nenndorfer Schwimmbades zeigt sich Hermann Janiesch verantwortlich.

Quelle: pr.

Doch die waren alle in der Wäsche. Jetzt trage ich ein hellblaues Jeanshemd. Sieht seltsam aus. Ich weiß es. Hermann Janiesch sagt es. Kann er, darf er auch. Er ist nämlich Farbenplaner. Nicht irgendeiner, sondern der Rintelner ist inzwischen Senior der Gilde, seit vierzig Jahren im Geschäft und eine unbestrittene Koryphäe. Der Mann, der unter anderem an der Farbgestaltung des Grandhotels in Heiligenhafen mit geplant hat, das „Grün“ von „Deutz-Fahr“ entwickelt, das Farbkonzept für den Deutschen Bundesrat in Berlin und für viele Krankenhäuser und Verwaltungsgebäude.

 Apropos Grandhotel. Das Hotel in Heiligenhafen, wo sich im Jahr 2007 die Regierungschefs zum G-8-Gipfel getroffen haben, sollte ursprünglich ockerfarben werden. Janiesch plädierte für drei Abstufungen von Weiß. So wurde es dann verwirklicht und je nach Sonnenstand variieren die Weißabstufungen durch die Schatten, bis sie die Farbe des Sandes am Strand annehmen. Einfach genial.

 Jetzt, er wird bald 80 Jahre alt, will er sich von seinem Büro in der Bäckerstraße aus vor allem der wissenschaftlichen Forschung in Zusammenarbeit mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg widmen und als Berater arbeiten. Themen sind unter anderem die digitale Arbeitswelt und die Farbgestaltung für Palliativzentren, ein Projekt der Kansas State University USA.

 Wissenschaftliche Arbeit ist ihm nicht fremd, hat er sein Leben lang getan. In der Fachwelt bekannt und heute vor dem Hintergrund des demografischen Wandels aktuell ist beispielsweise die Untersuchung zum Farbeleben älterer Menschen als Grundlage für die farbliche Gestaltung ihrer Wohnwelt in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Dieter Höger von der Universität Bielefeld.

 Für Janiesch ist Farbe in seiner Wirkung auf den Menschen nach wie vor unterschätzt, weil meist nur unbewusst wahrgenommen wird, wie sehr Farbe die Stimmung beeinflusst. Dazu kommt, Farbe ist allgegenwärtig. Janiesch sagt: „Einem üblen Geruch können sie ausweichen, Lärm abstellen, der Farbe können sie nicht entfliehen, selbst im Traum verfolgen uns noch die Farben.“

 Jeder kennt solche Situationen. Man betritt einen Raum und fühlt sich unwohl. Manchmal ist die Ursache offensichtlich, sind es die Möbel, fehlen Fenster. Manchmal kann man die Ursache aber nicht benennen. Dann, sagt Janiesch, sind es meist die falschen Farben im Raum.

 Dass Farbe eine psychologische Wirkung hat und Stimmungen beeinflusst, ist längst gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis. Der Verdienst von Janiesch als Farbenplaner besteht darin, Psychologie mit Ästhetik zusammen zu führen. Die Farbgestaltung eines Raumes soll nicht nur die gewünschte Stimmung auslösen, sondern gleichzeitig ästhetisch ansprechend sein.

 Farbe kommt ja nicht von ungefähr. Deshalb, sagt Janiesch, muss man Farbe auch im Kontext zur Geschichte und inhaltlichen Bedeutung sehen, die der Farbe zugesprochen wird. Purpurrot ist als Farbe für Könige und Würdenträger gewählt worden, weil diese Farbe, für die man Purpurschnecken braucht, schwierig herzustellen und damit immens teuer war. Zur Kleidung des Papstes gehören rote Schuhe. „Wenn sie aber morgen mit roten Schuhen in die Redaktion kommen, fragen sich die Kollegen, welche Drogen hat der wohl genommen?“

 Bestimmte Erkenntnisse über Farben sind Allgemeingut. Janiesch nennt das ein „kollektives Farbempfinden“. Das heißt, eine bestimmte Farbe weckt bei allen Menschen die gleiche Assoziation. Blau steht für „cool“. Blau beruhigt und öffnet zugleich die Gedanken. Die Erklärung dafür, sagt Janiesch liegt auf der Hand: „Blau ist die größte Fläche, die wir überhaupt sehen. Der blaue Himmel. Und das Meer. Färbt sich der Himmel plötzlich gelb oder wird am helllichten Tag schwarz, geraten sie in Alarmstimmung, rufen die Zeitung an, wollen wissen, was da los ist.“

 Aus der Reaktion der Menschen auf Farben lassen sich praktische Nutzanwendungen ableiten. Gelb, sagt Janiesch, ist die Farbe, die man zuerst sieht, wenn man eine Farbskala an den Augen vorbeiführt. Gelb ist gleichzeitig die Farbe, die man als letzte noch sieht, wenn man Farben nach und nach mit transparentem Papier abdeckt. Daraus folgt: Gelb ist eigentlich die ideale Farbe für Autos.

 Warum in Operationssälen grüne Tücher zum Abdecken benutzt werden (heute auch oft blau), nicht wie früher weiß, hat ebenfalls mit Sicherheit zu tun. Das ist der Anatomie des Auges geschuldet. Blickt man lange Zeit auf einen roten Fleck (gleich Operationswunde), sieht man rot mit einem deutlichen Grünstich. Blickt man dann auf eine weiße Fläche, erscheint ein irritierendes grünes Nachbild. Grüne OP-Tücher (heute auch blaue) gleichen diesen Effekt wieder aus. Auch bei der Entwicklung dieses speziellen Grüntones hat Janiesch mitgewirkt.

 Farbe am Arbeitsplatz, in einem Büro, einer Verwaltung, einem Krankenhaus hat noch einen Aspekt: Jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin ist im Alltag mit den Farbkombinationen, die Janiesch für solche Gebäude gewählt hat, länger zusammen als mit Familien oder Freunden.

 Doch so einfach es bisher klingt, ist die Geschichte der Farben und ihrer Wirkung nicht. Denn weitere Effekte kommen ins Spiel, die unser Verhältnis zu Farben beeinflussen: persönliche Befindlichkeiten, Geschmack, Mode.

 „Ihre erste große Liebe stand auf Blau, hatte im Kleiderschrank Pullover, Kleider, Jacken, Hosen in dieser Farbe. Dann hat sie ihre große Liebe schmählich verlassen. Heute hassen sie Blau. Oder: Kinder mögen eigentlich keine Schulranzen oder T-Shirts in pink, wie wir aus Umfragen unter Erstklässlern herausgefunden haben. Dafür die Mütter. Die lieben pink. Weil die süßen Kleinen damit so herzig aussehen.“

 Mode umschließt alles, nicht nur Kleidung, sondern auch generelle Trends. Auch dafür hat Janiesch ein anschauliches Beispiel: das Klinikum in Schaumburg. Die meisten der eingereichten Architektenentwürfe beim Wettbewerb hätten Grün als Farbenfassade vorgesehen. Einfach deshalb, weil es sich unter Architekten herumgesprochen hatte, ein anderes Projekt hatte mit dieser Farbe Erfolg.

 Wo sich warum welche Farbe etabliert, habe wiederum mit den vorhandenen Materialien zu tun. „Der Steinzeitmensch, der Jagdszenen an die Höhlenwand gekratzt hat, nahm, was sich anbot, also Kohle gleich schwarz, Eisenoxid gleich rot“.

 Zurück auf Anfang. Auf den Beginn der Karriere von Janiesch als Farbenplaner. Der Anfang hieß für den Rintelner: 1,4 Millionen Quadratmeter Hallenfläche. Die wollte das Stahl- und Walzwerk Beeckerwerth der August Thyssen-Hütte AG (ATH) in Duisburg farblich gestaltet haben. Mancher Berufsanfänger wäre schon angesichts der puren Dimension blass geworden.

 Janiesch sagt heute: „Ich war von dieser Aufgabe so besessen, davon, hier endlich Forschungsergebnisse in ein ästhetisches Gesamtbild umsetzen zu können, dass das Gefühl der Angst gar nicht hochgekommen ist.“

 Janiesch gliederte die Masse der Baukörper in der Farbabfolge nach ihrer Funktion, blau für das Kaltwalzwerk, rot und orange für das Warmbandwerk und legte damit Grundstein für einen Trend: Farbe in der Industrielandschaft. ATH bekam dafür einen Preis: eine Goldplakette des Bundesministers für Städtebau und Wohnwesen. In der Begründung wurde ausdrücklich vermerkt, dass die Farbe ein wesentlicher Bestandteil des vorbildlichen Projektes gewesen sei.

 Ein schönes Beispiel für Farbe bei Gewerbeanlagen kann man übrigens auch in Rinteln besichtigen: die beiden Tanks bei Wesergold an der Extertalstraße, die Janiesch farblich gestaltet hat.

 Dann kam der Bundesrat in Berlin. Das Gebäude ist in seiner Hülle historisches Gemäuer. Drinnen wird es modern. Ein Haus der Demokratie, das Respekt fordert. Wie drückt man das alles in Farben aus, aber so, dass es stimmig ist.

 Gemeinsam mit Architekturprofessor Peter Schweger aus Hamburg entwickelte Janiesch das Konzept. Er ließ das Blau des Himmels auf den oberen Rand der Wände über den Fenstern fließen, griff bei der Farbgestaltung den bunten Marmor auf und verordnete den Sitzungssälen Stirnwände in kräftigen Farben. Eine Kombination, die heute so homogen, so selbstverständlich wirkt, dass man die einzelnen Elemente nicht mehr wahrnimmt, nur noch den Gesamteindruck. Wie bei einem guten Film, wo man Schauspieler nicht mehr in ihrer Funktion als Schauspieler wahrnimmt, die Wiese über die die Kamera gleitet zu riechen glaubt.

 Ihre glückliche Zusammenarbeit setzten Schweger und Janiesch auch für das Kunstmuseum und das Rathaus in Wolfsburg, den Neubau des Hauses für den Bundesverband der Deutschen Industrie, das Parkhaus in Hameln und weitere Gebäude fort.

 Die Liste der öffentlich genutzten Gebäude, an denen Janiesch im Laufe seines Berufslebens mitgewirkt hat, würde den Rest der Seite füllen. Kaum eine Funktion, mit der sich Janiesch nicht beschäftigt hat: Verwaltungsgebäude, Cargo-Anlage für die Lufthansa, Universitätsneubauten und viele Krankenhäuser. Große Krankenhäuser, sagt Janiesch sind oft ein Labyrinth, dort dient Farbe auch als Orientierung für Patienten wie Besucher. Sogar ein Gefängnis hat Janiesch farblich gestaltet. Hier sei ihm wichtig gewesen, die Zellentüren „unsichtbar“ zu machen. Er ließ sie deshalb in einer diffusen „Nebelfarbe“ streichen.

 Und auch heute noch, mit fast 80 Jahren ist er am Puls der Zeit. Sein neues Thema, wie könnte es anders sein, ist die digitale Arbeitswelt, die Frage, wie sollte das optimale Umfeld für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aussehen, die den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen.

 Zum Schluss noch ein Merksatz des Farbenplaners: Eine falsche Farbe ist genauso teuer wie die richtige. Aber die richtige Farbe ein Stück Lebensqualität. wm

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