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Feiern mit dem Chef von Papa

Weihnachtsfeiern damals und heute Feiern mit dem Chef von Papa

Alles andere als besinnlich: Weihnachtsfeiern in Unternehmenund Betrieben sind ein sozialer Drahtseilakt. Die Party mit denKollegen – Menschen, mit denen man meist privat nicht viel zu tun hat – birgt so manches Fettnäpfchenund alkoholbedingten Aussetzer.Ganz anders sah es in den Fünfzigern aus.

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Wenn die Belegschaft von Casala den Advent gefeiert hat, platzte die Turnhalle der Lauenauer Schule aus allen Nähten: 700 Teilnehmer summierten sich in jedem Advent. Die Weihnachtsfeiern waren seit den dreißiger Jahren das Anliegen von Fabrikant Carl Sasse – auch vor dem Hintergrund, dass es noch kein tarif-liches Weihnachtsgeld gab, das den Familienvätern die Besorgung von Geschenken erleichtert hätte. Also ließ der Chef Päckchen packen. Diese wurden in manchen Familien sorgfältig bis zum Heiligen Abend aufbewahrt, damit sie dann den mitunter noch bescheidenen Gabentisch bereichern konnten.
Weihnachten in der untergegangenen Möbelfabrik: Diesem Thema widmet sich aktuell der Lauenauer Heimat- und Museumsverein in einer Ausstellung im Amts- und Fleckenmuseum. Vorsitzender Jürgen Schröder selbst kennt die Firmengeschichte wie kaum ein anderer und hat beim Casala-Konkurs etliche Kataloge und Korrespondenzen vor dem Reißwolf bewahrt. Auch Fotoalben befanden sich darunter, die besonders die Weihnachtsfeiern dokumentieren, bei denen in besten Unternehmenszeiten gleich dreimal hintereinander der Festsaal prall gefüllt war.
Anfangs fanden die Weih-nachtsfeiern noch in der Fir-menkantine statt. Doch nach der Einweihung der neuen Schulturnhalle im Jahr 1951 trafen sich die Teilnehmer dort. Auf manchen alten Fotos ist zu erkennen, wofür die verhältnismäßig kleine Sportstätte damals noch genutzt worden war: Klappsitze reihten sich für die gelegentlichen Kinotermine aneinander.
In den sechziger Jahren hörten die adventlichen Einladungen der Firma abrupt auf. Denn aufgrund des tariflich durchgesetzten Weihnachtsgeldes sah die Unternehmensführung keinen Anlass mehr, ihre unterstützende Festmaßnahme fortzusetzen.
Wer in den fünfziger Jahren als kleiner Steppke an Mamas Hand die Feiern besuchte, ist heute meist schon im Renten-alter. Aber die Erinnerung an jene Veranstaltungen ist noch lebhaft vorhanden. Das erfuhren Schröder und seine Aufsichtskräfte im Museum an den Ausstellungstagen. Etliche frühere „Casalaner“ oder deren Angehörige nutzten die Gelegenheit, die Fotos anzuschauen oder sich auf ihnen wiederzuerkennen. Schröder hatte kleine selbstklebende Fähnchen vorbereitet, auf denen die Namen der Abgebildeten eingetragen werden konnten. Bald hingen etliche gelbe Zettel an den auf ein Großformat reproduzierten Bildern.
Manches ist aus jenen Tagen überliefert, auch von Zeitgenossen, denen damals die Tür zu den Weihnachtsfeiern verschlossen blieb. Denn nur die Angehörigen der Belegschaft durften teilnehmen: Waren die Eltern nicht bei Casala be-schäftigt, kamen im Schulalltag schon mal Neidgefühle auf.
Natürlich ließen sich Carl Sasse und sein Nachfolger Dietrich Grönemeyer mit den üb-rigen leitenden Angestellten die Teilnahme an den Festen nicht nehmen. Die firmeneigene Blaskapelle spielte. Als Höhepunkt trat ein Weihnachtsmann mit prall gefülltem Sack auf. Der Mann, der in den fünfziger Jahren dieses Amt ausübte, machte parallel kommunalpolitische Karriere: Es war der spätere Bürgermeister von Bad Münder, Carl-Heinz Paul. Sein Kostüm hat sich übrigens bis zum heutigen Tag erhalten und ist auf der Ausstellung zu sehen. Es befindet sich im Besitz eines Nachfahren der Fabrikantenfamilie.
Überhaupt hatte Sasse ein großes Herz für Kinder. Als 1945/46 die Ströme von Ver-triebenen auch über Lauenau hereinbrachen, griff der Unternehmer selbst zum Stift und listete den Bedarf an Spielzeug für die jungen Flüchtlinge auf. Gerade hatte Casala eine Abteilung für Kinderspielzeug aus Holz gegründet. Damit sollten Kriegsversehrte einen Arbeitsplatz erhalten. Es gab jedoch auch eine Menge hölzernes Rohmaterial aus der kriegsbedingten Rüstungsproduktion. Daraus entstanden Kerzenhalter und Puppenwiegen, kleine Hocker, Brettspiele und Baukästen. Reihenweise wurden kleine Lastwagen samt Anhänger gefertigt. Aus hölzernen Gasmaskenboxen wurden mit wenigen Handgriffen Schmuckkästchen.
Sasse erkundete die Zahl der im Ort angekommenen „Evakuierten- und Flüchtlingskinder“ sowie deren Alter zwischen ein und zehn Jahren und legte selbst fest, welche „Hoppelhasen“, Wiegen oder Baukästen zu verschenken waren. Genau 251 Kinder dürften sich in jenem Hungerwinter über das vermutlich kaum erwartete Geschenk gefreut haben.

Die Sonderausstellung über die Casala-Weihnachtsfeiern in der Nachkriegszeit wie auch weitere Aspekte der Firmengeschichte jener Jahre kann im Lauenauer Amts- und Fleckenmuseum zumindest von Gruppen noch kurzfristig besichtigt werden. Termine lassen sich unter Telefon (05043) 1844 verabreden.

Die kuriosesten betrieblichen Weihnachtsfeiern dürften wohl die Bergleute im Deister organisiert haben. Ehemalige Kumpels erinnern sich, dass bei der letzten Schicht vor den Festtagen ein kleines Bäumchen mit in die dunkle Tiefe genommen wurde. Der Feggendorfer Helmut Bauer, der im Barsinghäuser Klosterstollen eingefahren ist, weiß noch, dass neben Grubenlampe und Brotdose eine Fichte dabei war: Die Zweige seien ganz eng an den Stamm gebunden gewesen. Sogar etwas Schmuck hatte ein Hohenbosteler mitgebracht.
In der Pause wurde die kleine Fichte mangels eines geeigneten Sockels einfach an einem Rutschhaken an der Streckendecke befestigt und die Grubenlampen an die Zweige gehängt. Zwei Flaschen Schnaps machten die Runde. Damit die hochprozentige Flüssigkeit in dem bis zu 30 Grad warmen Stollen halbwegs ihre Temperatur behielt, hatten die findigen Kumpels ihre Mitbringsel an der von einem Motor ausgestoßenen kalten Pressluft gekühlt. Dann wurden ein paar Lieder gesungen und eine Weile geklönt.
Allerdings ging es nicht in allen Zechen so vorfestlich zu. Andere Bergleute berichteten sogar von Verboten. Auch Friedrich Wehrhahn aus Altenhagen II, der am „Süersser Brink“-Stollen bei Nienstedt eingesetzt war, hat niemals Tannengrün im Schacht gesehen. Wenn er aber nach Schichtende vor den Feiertagen mit dem Fahrrad über den Deister nach Hause radelte, kehrte er mit den Kameraden bei Gastwirt Busse in Nienstedt ein: „Das war dann unsere Weihnachtsfeier.“
Ein Kenner der Materie, der Barsinghäuser Horst Krenzel, der als junger Mann in den fünfziger Jahren unter Tage arbeitete und als begeisterter Amateurfotograf gelegentlich seine Kamera mitnahm, hat ein interessantes Bilddokument der Nachwelt hinterlassen: Weil am 31. Dezember 1956 die Kohleförderung im Deistervorland aus wirtschaftlichen Gründen zu Ende ging, lichtete er wenige Tage zuvor drei Kumpels ab, die auf einem Brett mit Kreide eine eher sarkastische Inschrift hinterließen und sich mit Wein zuprosteten. Ein „Frohes Weihnachtsfest“ dürfte es damals nicht gewesen sein: 2000 Arbeitsplätze gingen mit einem Schlag verloren.
Übrigens: Nahe dem Liethstollen bei Obernkirchen befindet sich auf dem beliebten „Spiegeleier“-Wanderweg hinauf auf den Bückeberg eine Sitzecke. Insider kennen den Platz noch als Hütte an der so genannten „Mutterbuche“. Dort schmückten Bergleute stets am Heiligen Abend einen Christbaum mit Kugeln und anderen Zutaten.  nah

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