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Flucht und Wiederaufbau

Ostpreußen in Schaumburg Flucht und Wiederaufbau

Millionen Menschen befinden sich 1945 in Ostpreußen auf der Flucht vor der Roten Armee. Darunter auch die vier Geschwister Renate, Helmut, Manfred und Siegfried Kauhs, die nach jahrelanger Odyssee in Schaumburg eine neue Heimat fanden. Alle vier konnten in den vergangenen Jahren ihre Goldene Hochzeit feiern. Doch trotz allen Glücks und Ankommens: Die Erinnerung bleibt.

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Etwa drei Millionen Menschen sind im Winter 1945 in Ostpreußen auf der Flucht vor der Roten Armee. Auch Familie Kauhs ist darunter.

Quelle: dpa

Von Jakob Gokl

Im letzten Kriegsjahr ist der Garten der Familie Kauhs von Kratern zerfurcht. „Die Soldaten übten am Hof immer mit ihrer 8.8er Panzerabwehrkanone“, erinnert sich Helmut Kauhs an das letzte Jahr seiner Kindheit in Ostpreußen. 22 einquartierte Wehrmachtssoldaten bereiteten sich auf dem Hof auf die näherrückende Rote Armee vor. „Zu fliehen war per Todesstrafe verboten“, weiß sein Bruder Manfred Kauhs, „auch wenn der Gauleiter bereits abgehauen war.“ Am 20. Januar kommt schließlich der Befehl zum Rückzug. Während Vater Arno Kauhs als Soldat an der Front verweilte, blieb seiner Frau Frida mit ihrem erst 1944 geborenen Sohn Siegfried, Manfred (4), Helmut (7) und der Tochter Renate (10) nur die Flucht gen Westen. Mit dabei auch Großvater und Großmutter.
Drei Millionen Menschen setzten sich 1945 alleine in Ostpreußen in Bewegung. Nachts sinkt die Temperatur auf bis zu Minus 20 Grad Celsius. Die Straßen sind mit Flüchtlingstrecks überfüllt. Doch die Soldaten, die sich auf dem Weg an die Front befinden, nehmen wenig Rücksicht auf die verzweifelten Menschen. Noch spricht die NS-Führung vom Endsieg. Alle vorhandenen Ressourcen werden vorrangig zur Verlängerung des Krieges eingesetzt, Menschenleben haben keine Priorität, wie der Historiker Heinrich Schwendemann in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ausführt. Auch die Familie Kauhs bekommt das auf ihrer Flucht vor der Roten Armee zu spüren.
Als die Familie in Königsberg ankommt, warten keine Schiffe auf die unzähligen Flüchtenden. Denn am 22. Januar folgte Adolf Hitler dem Vorschlag des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, die knappen Kohlereserven alleine für militärische Zwecke zu reservieren. Statt die leidende Zivilbevölkerung aus dem sich schließenden Kessel zu evakuieren, brachte man Munition und Nachschub nach Ostpreußen und transportierte nicht mehr benötigte Fahrzeuge und über eine halbe Million verwundete Soldaten gen Westen. Und nur wenn Platz übrig war, nahm man Flüchtlinge mit.
„Für uns war das kein Abenteuer, wir waren verzweifelt“, sagt Helmut Kauhs. Aus ihrer Heimatgemeinde Liebenfelde kam die Familie nach Labiau, mit Zügen schafften sie es nach Königsberg, wo sie bei einer Bekannten unterkamen. „Doch wir konnten kaum raus, wir standen ja ständig unter Beschuss“, erinnert sich Renate Reineke. „Ich war gerade zehn Jahre alt, mein Großvater 71, und wir sollten da noch Barrikaden bauen. Die Soldaten wollten immer noch den Krieg gewinnen.“ Die Versorgungslage in der belagerten Stadt war katastrophal, die hygienischen Zustände nicht besser. Schließlich erkrankte die Großmutter an der Ruhr, wurde ins Krankenhaus gebracht. „Sie kam aber nach einem Volltreffer gegen das Gebäude nie zurück“, erinnert sich Renate Reineke.
Am 19. und 20. Februar gelingt es der Wehrmacht, den sowjetischen Belagerungsring noch einmal zu durchbrechen, mehr als 100  000 Menschen flüchten aus der Stadt und versuchen in Pillau und dem angrenzenden Samland unterzukommen – so auch Familie Kauhs.
„Wir sind über Pferde getreten, wir sind über Menschen getreten, die Stadt stand ja noch immer unter Beschuss, das kann man sich nicht vorstellen“, erzählt Renate Reineke „dann mussten wir in einer riesigen Halle in der Dunkelheit warten – es durfte kein Licht gemacht werden.“ Schließlich hieß es, ein Schiff könne sie zum kleinen Küstenort Pillau bringen. Die Familie ergriff die Chance. Doch obwohl die Gauleitung den sofortigen Abtransport von 20 000 Menschen am Tag fordert, gelingt nur 5000 Menschen mit Schiffen die Flucht Richtung Danzig und Gotenhafen. Jeden Tag geht die damals neunjährige Renate zum Hafen und hält Ausschau nach Schiffen. Doch es kommen zu wenige.
Verzweifelt strömen Zehntausende wieder zurück in das zerbombte Königsberg. Familie Kauhs ist nicht unter ihnen. Sie haben es geschafft, auf eines der bis zum letzten Platz belegten Schiffe zu gelangen. Doch als das Schiff in Gotenhafen anlegt, ist die Odyssee der Familie noch lange nicht vorbei. Am 4. März stößt die Rote Armee bei Köslin an die Ostsee. Familie Kauhs und Hunderttausende Flüchtlinge sind erneut im Großraum um Danzig eingekesselt.
Am 22. März kam endlich ein Schiff, das die Kinder, ihre Mutter und den Großvater weiter nach Westen bringen sollte. „Es war Gott sei Dank ein kleineres Schiff“, erinnert sich Manfred Kauhs, der die Katastrophe der Wilhelm Gustloff vor Augen hat, bei der bis zu 9000 Menschen – der größte Teil Zivilisten – umkamen. „Die Titanic ist nichts dagegen“, sagt Manfred Kauhs, „und auf dieses Schiff wollte meine Mutter, hat aber zum Glück keinen Platz bekommen.“
Zwar wurde auch das Schiff, auf dem die Familie auf ihrer Flucht aus Gotenhafen letztendlich Platz fand, bombardiert – aber nicht getroffen. „Für mich war das ja alles interessant“, erinnert sich der damals vier Jahre alte Manfred Kauhs, „ich wollte immer dort hin, wo die Bomben runter kamen.“ Weniger harmlos hat seine zu dem Zeitpunkt neun Jahre alte Schwester Renate die Überfahrt in Erinnerung: „Kakerlaken und Insekten haben in den Kajüten gewartet, und damit wir nicht seekrank wurden, mussten wir uns immer auf den Boden legen und durften nur Muckefuck trinken.“
Zunächst sollte das Schiff in Kiel oder Lübeck anlanden, doch alle Häfen waren bereits überlastet, oder selbst zum Kriegsgebiet geworden. Also entschied die deutsche Führung, Flüchtlinge auch im besetzten Dänemark unterzubringen. So kam die Familie Kauhs zum Kriegsende schließlich drei Jahre hinter Stacheldraht.
Nach der Teilkapitulation der Wehrmacht übernahm der nun wieder unabhängige Staat Dänemark die Flüchtlingslager mit zeitweise 250 000 Deutschen. „Wir waren wie Gefangene“, erinnert sich Renate Reineke. Gemeinsam mit 19 000 anderen war die Familie im Flüchtlingslager Kløvermarken untergebracht. „Für mich war das so schrecklich, ich konnte in keinem Lager richtig essen. Ich hab mir immer die Nase zugehalten, die Augen zugemacht und runtergeschluckt. Es waren Mäuse im Essen, man kann sich vorstellen, was man da für einen Ekel hat.“ Auch Helmut Kauhs erinnert sich an die harten Jahre im Lager: „Selbst im Winter konnte man durch die Baracken durchgucken, das war saukalt. Wir haben auf Holzbetten geschlafen und hatten nur Papierdecken.“
„Dreieinhalb Jahre gab es kein Gemüse, nicht einmal Kartoffeln“, erinnert sich Helmut Kauhs, „um das Lager waren vier Meter hoher Stacheldraht und überall Wachtürme. Die Posten haben uns angespuckt und als ,Tieske Schwien‘ bezeichnet – das heißt deutsches Schwein. Deswegen bin ich auch nie nach Dänemark auf Urlaub gefahren.“
Von Kløvermarken wurde die Familie ins Lager Rye auf dem Gelände eines Flughafens gebracht. Mit 13 Jahren erhielt Renate Reineke dort endlich wieder Schulunterricht. „Wir waren unter den letzten deutschen Kriegsinternierten“, sagt Manfred Kauhs, „Ich glaube, das war einfach nur Rache.“
Am 14. April 1948 kam schließlich die lang ersehnte Nachricht. „Wir durften endlich zurück nach Deutschland. Allerdings ohne unseren Opa. Den haben sie noch bis zum 21. November behalten.“ Nach einer kurzen Station im Durchgangslager Uelzen fuhr die Familie über Hameln nach Welsede. Am Bahnhof wartete bereits Vater Arno Kauhs auf seine Familie. Er war anfangs als Knecht bei einem Bauern untergebracht worden. „Etliche Wohnungen waren für Flüchtlinge beschlagnahmt“, sagt Manfred Kauhs. „Freundlich wurden wir nicht empfangen“, erinnert sich seine Schwester an die ersten Wochen in Welsede, „keiner hat gerne Einquartierungen in seinem Haus.“
Aber mit den anderen Kindern im Ort, das betonen alle vier Geschwister, habe es kaum Schwierigkeiten gegeben. „Die haben nicht solche Unterschiede gemacht wie die Erwachsenen“, sagt Renate Kauhs. Sicher, die eine oder andere Stichelei, aber eigentlich sei alles friedlich gewesen.
Nach beinahe dreieinhalb Jahren Flucht und Lagerhaft kann die Familie Kauhs nun wieder eine Existenz aufbauen. Sie wohnen in Welsede auf einem Bauernhof mit sieben Personen in drei Zimmern, ohne Wasser und mit einem Plumpsklosett in der Scheune. 1960 zieht die Familie – allerdings ohne Renate Reineke, die zu diesem Zeitpunkt bereits geheiratet hat – nach Buchholz, wo die Eltern ein Haus gebaut hatten. „Das erste Mal ein Haus mit Bad und Klo“, erzählt Manfred Kauhs. Er lernte Maschinenschlosser im Hamelner Stahlkontor und entschied sich nach der Musterung für eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr. Das ermöglichte ihm auch, zu studieren. „Aber die Auslese war fürchterlich hart“, erinnert er sich. Über Hannover, Darmstadt, Bückeburg, Düsseldorf, Bonn und Langenhagen führte ihn seine Offizierslaufbahn schließlich nach Bad Neuenahr, wo der 73-Jährige heute lebt. Als Oberstleutnant ging er 1993 in Pension und machte sich im Anschluss als Kfz-Sachverständiger selbstständig.
Seinen jüngsten Bruder Siegfried Kauhs zog es bereits früher in den Kfz-Bereich. Nach einer Lehre in Hessisch Oldendorf machte er sich 1979 mit einer eigenen Autowerkstatt in Kathrinhagen selbstständig. „Wir haben ganz klein angefangen“, erzählt er, „auf dem Grund standen früher noch Obstbäume.“ Ein halbes Jahr nach der Eröffnung wurde er Vertragspartner von Opel. Das Autohaus, das mittlerweile seine Söhne führen, ist heute weit über Kathrinhagen hinaus bekannt. Zusätzliche Bekanntheit erlangte Siegfried Kauhs als Mitglied der „Swing Combo“. „Wir waren lange Zeit die angesagteste Band hier in der Umgebung“, erinnert er sich, „wir haben vor bis zu 1000 Menschen gespielt.“
Renate Reineke zog 1956 mit ihrem Mann nach Hessisch Oldendorf, wo sie bis 1970 bei der Sparkasse arbeitete. In diesem Jahr zog sie nach Buchholz und arbeitete bis zur Rente im Jahr 1985 in der Sparkasse Steinbergen. „Die besuche ich immer noch gerne, auch wenn kaum noch jemand aus meiner Zeit dort arbeitet“, sagt sie.
Helmut Kauhs lernte zunächst das Bäckerhandwerk in der Bäckerei Habermann, ging 1959 ebenfalls für vier Jahre zur Bundeswehr und kehrte 1963 nach Buchholz zurück, wo er schließlich 40 Jahre lang im Baugeschäft Vogt Maschinenfahrer war. Zur Flucht sagt er heute: „Jetzt kommen nach jedem schweren Unfall ja gleich die ganzen Psycho-Berater. Die hätten wir vielleicht auch gebraucht.“

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