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Flüchtlinge warten auf ein besseres Leben

Besuch in der Jägerkaserne Flüchtlinge warten auf ein besseres Leben

Endlich in Sicherheit: Eine Familie aus dem Irak hofft auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Ein junger Mann aus dem Sudan sucht seinen Onkel. Und die ehrenamtlichen Helfer bemühen sich um einen strukturierten Tagesablauf für die mehr als 240 Menschen auf der Flucht. Ein Besuch in der Übergangsunterkunft in Bückeburg.

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Genau wie diese beiden Jungen freuen sich mehr als 240 Flüchtlinge in der Jägerkaserne, der Angst und Verfolgung entkommen zu sein.

Quelle: rg

Von Katharina Grimpe
und Philipp Killmann

„Hello. How are you?“ Der junge Mann im roten Pulli grüßt freundlich und nickt Iris Windhorn noch kurz im Vorbeigehen zu. Viel Zeit für eine Unterhaltung hat die Sachsenhägerin nicht, das Frühstück ist im vollen Gang, und sie wird an der Essensausgabe gebraucht. Seit Montag hilft die Vorsitzende des DRK-Ortsvereins Sachsenhagen dabei, 242 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, aus dem Irak und Iran, aus Eritrea, Ghana, Somalia und aus dem Sudan zu versorgen.
Seitdem die Männer, Frauen und Kinder am Montag im Morgengrauen vor dem Geländer der Bückeburger Jägerkaserne aus drei Bussen gestiegen sind, leben Windhorn und die anderen freiwilligen Helfer von DRK und THW im Ausnahmezustand. Noch in der Nacht auf Montag, wenige Stunden vor der Ankunft der Flüchtlinge, haben sie die Übergangsunterkunft in einer Hauruck-Aktion aufgebaut, Nahrung und medizinische Versorgung organisiert – ehrenamtlich, neben Job und Familie. Jetzt, vier Tage später, hat sich im Lager so etwas wie ein regelmäßiger Tagesablauf eingependelt, strukturiert vor allem durch die drei Hauptmahlzeiten und die ärztliche Sprechstunde.
Waschmaschinen rattern in einem der vier grauen Container, auf Wäscheständern trocknen bunte Hosen und Hemden im Wind. Graue Wolldecken und Bündel mit Kleidung bestimmen das Bild im Gebäude gegenüber. Dort, im Inneren der großen Mehrzweckhalle, reiht sich Feldbett an Feldbett. Privatsphäre gibt es nicht. Einige Männer schlafen, andere sitzen auf ihren Pritschen und unterhalten sich leise. Ein Junge spielt mit einem Luftballon, ein anderer zieht ein rotes Plastikauto hinter sich her.
Draußen auf dem Hof steht ein Mann in einer weißen Jacke. Er wirkt müde, unsicher und sehr ernst. In der Hand hält er ein Blatt Papier. Beschrieben ist es mit arabischen Schriftzeichen, ganz unten steht in lateinischen Buchstaben: „I am in Bückeburg.“ Im Gespräch mit einem Arabisch sprechenden Bundeswehrsoldaten stellt sich heraus, dass der junge Mann aus dem Sudan vor dem Krieg nach Deutschland geflohen ist. Über die Zeitung hofft er jetzt, seinen Onkel zu finden. Der habe seine Heimat etwa drei Monate früher als er in Richtung Deutschland verlassen. Seitdem hat er nichts mehr von ihm gehört. „Sein Name ist Ahmed Dreid Ahamd Darig“, sagt der 20-jährige Sudanese. Er selbst heißt Abdel Khaleg Ateem Mohammed Ali. Als Bootsflüchtling übers Mittelmeer kam er nach Europa. Aus einer verschließbaren Plastiktüte zieht er ein Hochzeitsfoto. Es zeigt ihn mit seiner Frau, glücklich. Dann geht er.
„Krass, oder?!“, sagt der junge Bundeswehrsoldat, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, über die Geschichte des Sudanesen. Er ist sichtlich berührt. Arabisch kann er von seinen Eltern, die aus dem Libanon nach Deutschland kamen. Er selbst kam in Holzminden zur Welt. In der Jägerkaserne dolmetscht er nun, wenn er gebraucht wird. Genauso wie Mouhamed Douha. Der 38-jährige OP-Pfleger aus Bückeburg hat von einem Freund erfahren, wie dringend im Lager Übersetzer benötigt werden, und verbringt nun den Großteil seines Urlaubs auf dem Areal an der Königsberger Straße. „Viele Flüchtlinge sind glücklich, endlich in Sicherheit zu sein, aber auch verunsichert“, beschreibt Douha die Stimmung im Camp. Die Sorge um ihre Familien, die noch immer in den Heimatländern ausharren, und die Frage, wie es nun weitergeht, würden viele belasten.
Auch Sabah Adure und seine Frau Ruba aus dem Irak fragen sich, wie es ihren Eltern geht. Vor 16 Tagen hat das Paar gemeinsam mit seinen beiden kleinen Töchtern das Haus der Familie in Saladin verlassen – aus Angst, dass sie als Sunniten vom schiitischen Militär ermordet werden. „Man hat unsere Nachbarn getötet, fast das ganze Viertel vertrieben“, sagt der 23-Jährige sichtlich aufgewühlt auf Arabisch, und Douha übersetzt. Seine Eltern hätten sich die lange Flucht nicht zugetraut und seien im Irak zurückgeblieben. Wie es nun weitergeht? Sabah zuckt mit den Schultern. Er wünscht sich nur, mit seiner Familie ein Leben in Sicherheit und Freiheit zu leben. Vielleicht könne er wieder als Tischler arbeiten, eine kleine Wohnung beziehen. „Ich bin erst mal froh, dass wir hier sind“, sagt der junge Mann ernst und drückt Töchterchen Lana enger an sich.
Geschichten wie die von Sabah Adure, Geschichten von Gewalt, Krieg und Angst, berühren Dolmetscher Mouhamed Douha immer wieder. Die Begegnungen mit den Flüchtlingen lassen ihn spüren, wie privilegiert die Menschen in Deutschland leben. „Wir meckern schon darüber, wenn wir nicht zweimal im Jahr in den Urlaub fahren können. Wenn man dann im Lager ist, vergisst man seine Sorgen ganz schnell.“
Auch Iris Windhorn kann die Schicksale der Flüchtlinge nicht einfach abschütteln, wenn sie abends nach Hause fährt. „Es ist Wahnsinn, was die Leute erlebt haben. Das kann man sich als Außenstehende nicht vorstellen.“ Mit ihrem Mann und ihrer Tochter, die sich ebenfalls fürs DRK engagieren, könne sie alles besprechen und verarbeiten.
Wieder grüßt ein Bewohner, Windhorn fragt auf Englisch, wie es dem Mann geht. „Gut, alles gut“, erklärt er in gebrochenem Deutsch und reckt den Daumen in die Luft. „Das Miteinander ist friedlich bisher“, freut sich die Sachsenhägerin. Das Problem: Keiner, weder Bewohner noch Helfer, weiß, wie es in den nächsten Tagen weitergeht und wie lange die Flüchtlinge auf die Registrierung warten müssen. Diese wird erst in einer Erstaufnahmeeinrichtung des Landes vorgenommen. Und erst dann können die Menschen auf die Kommunen verteilt werden. Wer nicht registriert ist, der ist zum Nichtstun verdammt.
Für Zeitvertreib haben an den vergangenen Tagen Mitglieder des Jugendrotkreuzes Rodenberg gesorgt, mit Spielen für die Kinder. Und Mitglieder der türkischen Gemeinde Bückeburg haben Lahmacun gebacken, erzählt Windhorn. „Das war eine tolle Aktion.“ Beeindruckt sei sie auch von der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. „Die Flüchtlinge hatten nur die Kleidung am Körper, und durch die Spenden konnten wir sie jetzt komplett ausstatten.“
Viel Betrieb herrscht unterdessen beim DRK in Steinbergen. Florian Gentemann und Dennis Tölke beladen einen Transporter mit Essensboxen und Lebensmitteln. Mittagessen für die Flüchtlinge, 350 Portionen, zubereitet von Küchenleiterin Lisa Stuckenberg und ihrem Team. Durch die Versorgung der Menschen im Übergangslager fällt für die DRK-Mitarbeiter jetzt deutlich mehr Arbeit an, die zusätzlich zu der Verpflegung der Bewohner sowohl des Pflege- als auch des Wohnheims in Steinbergen geleistet werden muss: Frühstück, Mittagessen, Abendbrot für alle. Mit einem Unterschied: Da viele der Flüchtlinge Muslime sind, darf das Essen keinerlei Schweinefleisch enthalten. Aber Stuckenberg nimmt nicht nur darauf Rücksicht. Damit die Flüchtlinge möglichst so essen können, wie sie es aus ihrer Heimat gewohnt sind, passt die Küchenleiterin auch die Beilagen an. Dafür greift sie etwa auf Reis und Bulgur zurück.
„Die Helfer hier sind toll“, sagt Mouhamed Douha. Menschen, die sich nicht kennen, seien in kürzester Zeit zu einem Team geworden. Auch der Schaumburger DRK-Chef Bernd Koller lobt den Einsatz der vielen Ehrenamtler. „Wir haben so etwas vorher ja nie geübt.“ Ob in Kürze weitere Flüchtlinge erwartet werden? „Ich weiß es nicht.“

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