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Frauen nach vorn

Thema des Tages Frauen nach vorn

„Politik braucht Frauen“: Das ist nicht nur der Name des aktuellen Mentoring-Programms in Schaumburg, das Frauen den Zugang zur Lokalpolitik erleichtern will. Das ist auch die Meinung von Helma Hartmann-Grolm und Simone Jaschke. Die erfahrene SPD-Politikerin und ihre junge Mentee sprechen anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März über Chancengleichheit und einen typischen weiblichen Diskussionsstil.

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Quelle: dpa

Männer streben nach Macht, nach Glanz und Gloria. Und Frauen arbeiten eher sachbezogen und diskutieren konstruktiver. Dass das nicht nur in der goßen Politik so sein kann, sondern auch auf kommunaler Ebene, weiß Helma Hartmann-Grolm. Die 62-Jährige engagiert sich seit mehr als 30 Jahren in der SPD in Schaumburg, sitzt seit 19 Jahren im Kreistag und vertritt seit 2006 ehrenamtlich den Landrat. Für Hartmann-Grolm ist klar: Frauen gehören in die Politik genau wie Männer.

Um Frauen den Zugang zur Lokalpolitik zu erleichtern, engagiert sie sich im Mentoring-Programm „Politik braucht Frauen“. Simone Jaschke, 40 Jahre alt, freut sich, in der Sozialdemokratin eine erfahrene wie humorvolle Mentorin gefunden zu haben. Für beide ist klar: Frauen sind Männern gleichgestellt, sie beteiligen sich gleichberechtigt an politischen und gesellschaftlichen Prozessen, mischen mit, entscheiden mit. „Und trotzdem haben Frauen noch immer ein Problem, sich in der Politik zu engagieren, deshalb brauchen wir solche Projekte wie das Mentoring-Programm“, erklärt Hartmann-Grolm. Warum? Weil in den Räten in Städten und Gemeinden Frauen immer noch in der Unterzahl sind.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Oft fehle es schlicht an Gelegenheit. „Frauen haben eine gewisse Lebensphase, in der vieles zusammenkommt: Beruf, Kindererziehung, Engagement in Kindergarten und Schule. Da sind andere Dinge wichtig“, erklärt Hartmann-Grolm. Und Jaschke ist sich sicher: Trotz Emanzipation und Gleichberechtigung habe die Familie für die meisten Frauen immer noch die oberste Priorität. „Frauen sind Muttertiere“, sagt Jaschke. Und Politik finde eben zu den unmöglichsten Zeiten statt, nämlich dann, wenn Kita und Hort längst zu sind und die Kinder ins Bett gebracht werden müssen.
Die größte Rolle spielt für die 40-Jährige aus Helpsen aber das Selbstverständnis von vielen Frauen: Im Gegensatz zu Männern, die in der Politik meist die große Bühne suchen, brauchen Frauen für ihr Engagement kein Publikum. „Frauen haben viele Interessen, machen ihren Job, sie liefern zielorientiert ab“, sagt die Alleinerziehende. Deshalb sei das Mentoring so wichtig, um Frauen zu vermitteln: „Nicht ihr braucht Politik, aber Politik braucht euch.“
Seit 1996 ist Hartmann-Grolm Mitglied des Kreistages. Damals habe es in der SPD-Fraktion gerade mal vier Frauen gegeben, „in der CDU waren es nur zwei“, erinnert sich die 62-Jährige. Inzwischen habe sich schon viel getan, Frauen aus fast jedem Wahlbezirk würden sich im Parlament des Landkreises engagieren.
Durch den etwas höheren Frauenanteil hat sich nach Meinung von Hartmann-Grolm vor allem der Diskussionsstil im Kreistag nachhaltig verändert. „Es gibt einen großen Unterschied darin, wie Frauen und Männer Themen angehen“, sagt die SPD-Politikerin. Männer seien häufig auf Außenwirkung bedacht, „sie wollen sich positionieren und darstellen“. Frauen würden auf andere Art Einfluss nehmen, würden mehr sachbezogen und konstruktiv diskutieren. „Die Inhalte werden in den Vordergrund gerückt, wenn Frauen zusammenarbeiten“, sagt die stellvertretende Landrätin und betont: In der Zusammenarbeit beider Geschlechter „liegt die Würze“.

Politik als Männerdomäne? Vor fast 30 Jahren, als sie erstmals in den Rintelner Ortsrat gewählt wurde, sei das tatsächlich der Fall gewesen, erinnert sich Hartmann-Grolm. „In unserer Fraktion war ich die einzige Frau.“ Dass sie sich damals durchsetzen und so manchen Kampf ausfechten musste, habe allerdings eher an ihrem Status als Neuling im Rat, denn an der Tatsache gelegen, „dass ich eine Frau bin“. Trotzdem sei sie als Frau manchmal im Nachteil gewesen: „Männer kommunizieren anders untereinander“ und würden gerne wichtige Informationen bei reinen Männerveranstaltungen wie dem Grünkohlessen in Stadthagen austauschen. „Frauen sind von der Veranstaltung ausgeschlossen. Da haben mir dann manchmal Informationen gefehlt.“

Jaschke ist noch unentschlossen, ob sie nach Ende des Mentoring-Programms tatsächlich bei der kommenden Kommunalwahl für ein Ratsmandat kandidiert. „Das Programm begreife ich als große Chance, in den Politikbetrieb reinzuschnuppern, um dann für mich zu beurteilen, wie zeitaufwendig Politik ist.“ In einem Punkt ist sich die Verwaltungsbeamtin aber sicher: Sollte sie sich in einem politischen Gremium engagieren, möchte sie das Thema Ehrenamt verstärkt in den Fokus rücken. „Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen, wird viel zu viel Anerkennung verweigert.“, sagt die Helpsenerin. Die Konsequenz: Es werde immer schwerer werden, Menschen für die freiwillige Tätigkeit im Verein oder in der Politik zu gewinnen. „Das ist ein großes Manko.“ Das Ehrenamt an sich, ganz unabhängig vom Geschlecht, müsse viel mehr auf die politische Bühne rutschen.

Simone Jaschke

Simone Jaschke, 40 Jahre alt, wohnt in Helpsen und engagiert sich seit Jahren bei den Schwimm- und Sportfreunden Obernkirchen. Durch die Vereinsarbeit und ihre langjährige Erfahrung als Verwaltungsbeamtin interessiert sie sich für die Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Lokalpolitik.

  

 

Helma Hartmann-Grolm

Helma Hartmann-Grolm, 62 Jahre alt, ist seit 1996 für die SPD im Kreistag aktiv und seit 2006 stellvertretende Landrätin. Die
pensionierte Lehrerin engagiert sich bereits seit Ende der siebziger Jahre für die SPD und hat ihr erstes politisches Amt im Rintelner Ortsrat übernommen.

 

Das Mentoring-Programm

Am Internationalen Frauentag, 8. März, erinnern Frauen weltweit an den Kampf für ihre Rechte im politischen, privaten und wirtschaftlichen Leben. Dabei geht es um Themen wie Gewalt, politische und soziale Teilhabe oder um die Gleichstellung im Arbeitsleben.
Um mehr Frauen für die Lokalpolitik zu begeistern, hat das Niedersächsische Sozialministerium das Mentoring-Programm „Politik braucht Frauen“ initiiert. Dabei bezieht eine versierte Politikerin oder ein Politiker als Mentor eine Nachwuchspolitikerin (Mentee) in das politische Alltagsgeschehen mit ein. Ziel ist es, der Mentee den Zugang zu verschaffen, den sie für eine Erfolg versprechende Kandidatur bei den Kommunalwahlen 2016 braucht.

 

Frauen wollen die Hälfte der Macht

Es ist immer noch nicht selbstverständlich, dass Frauen Politik machen – ganz besonders in Städten, Gemeinden und Landkreisen. Im Schnitt engagieren sich in den Räten in Niedersachsen nur etwa zu einem Viertel Frauen. Nach den jüngsten Kommunalwahlen 2011 entfielen 26,8 Prozent der Sitze in den Kreistagen auf Frauen, in den übrigen Stadt- und Gemeinderäten waren es nur 22,6 Prozent.

Und in Schaumburg? Im Landkreis engagieren sich mehr Frauen in den Stadträten als im Landesdurchschnitt. Spitzenreiter ist Stadthagen. 42,8 Prozent der Mitglieder im Rat der Stadt sind weiblich. In Bückeburg sitzen neun Frauen im Rat, das sind 26,5 Prozent. Unter Landesdurchschnitt sinkt die Frauenquote im Rat der Stadt Rinteln mit sechs Frauen und 17,1 Prozent. Im Kreistag engagieren sich 16 Politikerinnen, das sind 29 Prozent.

Dass die Kommunalparlamente nur zu einem Viertel aus Frauen bestehen, ist dem Landesfrauenrat viel zu wenig. Deshalb fordert er gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und dem Verein Gleichberechtigung und Vernetzung, das Wahlgesetz in Niedersachsen zu ändern. Das Ziel: Frauen sollen die Hälfte aller Sitze in den Kommunalparlamenten bekommen. „Halbe/Halbe in Rat und Kreistag: Ändern Sie das Wahlgesetz“ lautet die Überschrift der Online-Petition, die jetzt gestartet ist.
Kommunalpolitik braucht gleichermaßen männliche und weibliche Politiker, damit der Frauenanteil in den Kommunalvertretungen dem Frauenanteil in der Bevölkerung entspricht, begründen die Initiatoren der Petition ihr Anliegen. Um dem Gleichheitsgrundsatz der Geschlechter, der in Artikel drei des Grundgesetzes vorgegeben ist, umzusetzen, müsse der Staat auch die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Politik gesetzlich regeln.

„Wie das geht, zeigt unser Nachbarland Frankreich mit seinem Paritätsgesetz“, heißt es in der Petition. Das Gesetz legt unter anderem fest, dass bei allen Listenwahlen 50 Prozent Frauen aufgestellt werden müssen. Zusätzlich müssen die Parteien in Wahlkreisen ebenfalls zu 50 Prozent Frauen als Direktkandidatinnen ins Rennen schicken. Die Rot-Grüne Landesregierung in Niedersachsen habe in ihrem Koalitionsvertrag zugesagt, das Paritätsgesetz auf seine Umsetzbarkeit auf Landes- und kommunaler Ebene zu prüfen. Dieses Verprechen der Koalitionäre müsse nun endlich eingelöst werden, wird in der Petition gefordert.  kcg
Die Petition „Halbe/Halbe in Rat und Kreistag: Ändern Sie das Wahlgesetz“ kann auf www.openpetition.de gezeichnet werden.

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