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Für den Wahlkampf fehlte das Papier

Thema des Tages Für den Wahlkampf fehlte das Papier

Die Kommunalwahl steht bevor. Parteien und Kandidaten haben sich tüchtig ins Zeug gelegt. Ob und wie der geneigte Wähler morgen reagieren wird, ist ungewiss. Beim letzten kommunalen Urnengang vor fünf Jahren machte nur gut die Hälfte der wahlberechtigten Schaumburger mit.

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Eine der einflussreichsten politischen Figuren während der ersten Nachkriegsjahre war, über seine damalige Wirkungsstätte Hannover hinaus, der Sozialdemokrat Dr. Kurt Schumacher.

Eine solche Situation hätten sich unsere Urgroßväter und Urgroßmütter vor 70 Jahren noch nicht einmal im Traum vorstellen können. Der erste Nachkriegs-Urnengang im Herbst 1946 geriet zu einem Bekenntnis für Freiheit, Überlebenswillen und Neuanfang. Nach dem katastrophalen Ende von zwölf Jahren Hitler-Diktatur war die Sehnsucht nach einem friedlichen und selbst bestimmten Miteinander groß. Die Folge: Mehr als 72 Prozent der Schaumburger nutzte die erste freie Wahl nach 13-jähriger Unterbrechung zur Stimmabgabe.

Der Schwarzhandel blühte

Da machte es auch nichts, dass die Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten katastrophal waren. Die Häuser waren bis unters Dach vollgestopft mit Ausgebombten und Heimatvertriebenen. Nahezu jede Familie hatte Tote und/oder Vermisste zu beklagen. Befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene machten die Gegend unsicher. Der Schwarzhandel blühte. Jeder versuchte, sich irgendwie durchzuschlagen.

„Seit siebzehn Monaten ist unser Volk mit sieben Plagen geschlagen“, beschwor Kurt Schumacher (SPD), einer der bekanntesten Politiker der „ersten Stunde“, bei einer Wahlkampfveranstaltung die Besatzungsmächte. „Die sieben Plagen heißen Hunger, Kälte, Wohnungsnot, Sorge um die Vertriebenen, Sorge um die Kriegsgefangenen und Unsicherheiten des Lebens“. Das alles sei zweifellos eine Folge des selbst verschuldeten Krieges. „Aber es muss bald eine Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland geben“.

Die Appelle blieben – zumindest in den westlichen Besatzungszonen – nicht ungehört. Die hierzulande zuständigen Engländer schoben eine Reihe wirtschaftlicher Hilfsmaßnahmen an. Ihr vorrangiges Interesse galt jedoch dem Demokratisierungsprozess. Nie wieder dürfe von Deutschland ein Krieg ausgehen, so die Devise. Als Erstes wurden die Nazi- Funktionsträger aussortiert.

Von unten nach oben

Dann ging man an den Aufbau neuer Verwaltungsstrukturen. Nach dem Prinzip „von unten nach oben“ nahm man sich zunächst der kommunalen Ebene an. Eine zentrale Vorgabe war die Trennung zwischen verwaltungsmäßiger (Stadt- und Kreisdirektor) und politischer Verantwortung (Bürgermeister und Landrat). Bei der Formulierung der Wahlgesetze ließen sich die Briten von einem Anfang 1946 gebildeten „Arbeitsausschuss für Wahlrechtsfragen“ beraten. Das Ergebnis war eine Kombination von direkter Wahl und Verhältniswahlrecht.

Im Spätsommer 1946 war es soweit. Die Schaumburger mussten/durften zweimal ran. Am 15. September 1946 ging es um die Gemeindeparlamente. Vier Wochen später, am 13. Oktober 1946, folgte die Abstimmung über die Zusammensetzung der drei Kreistage in Bückeburg, Stadthagen und Rinteln. Um die Organisation kümmerten sich noch die „alten“ Obrigkeiten. Im noch (auf dem Papier ) bestehenden Staat Schaumburg-Lippe bereitete die in Bückeburg sitzende Landesregierung den Urnengang vor. Und in der nach wie vor zur preußischen Provinz Hannover gehörenden Grafschaft Schaumburg zog die an der Leine sitzende, formal im August 1946 aufgelöste Provinzialregierung die Abstimmung durch.

Eld Kreistags-Kandidaten waren Frauen

Die gesetzlichen Vorgaben waren beiderseits des Wesergebirges gleich: Nicht mitwählen oder gewählt werden durften diejenigen, die das NS-Regime unterstützt oder mitgetragen hatten. Dazu zählten generell alle NSDAP-, SA- und SS-Mitglieder sowie hochrangige Wehrmachtsoffiziere. Die Folge; von den 73748 Schaumburgern waren 34014 wahlberechtigt. Gerade mal elf der 158 Kreistags-Kandidaten waren Frauen.

Einen Wahlkampf nach heutigen Vorstellungen gab es nicht. Für Plakate und Handzettel fehlte das Papier. Die heimischen Lokalzeitungen waren noch nicht wieder zugelassen. Mehrere Parteien boten Wahlversammlungen an.

Um die Stimmen bewarben sich SPD, KPD, CDU und eine ganze Reihe von Wählergemeinschaften. Die Liberalen steckten noch in einer Art „Selbstfindungsphase“. Als „FDP“ traten sie nur in der Grafschaft an. Auch die rechts-liberale Niedersächsische Landespartei (NLP) ging nur in Rinteln und Umgebung ins Rennen. In Schaumburg-Lippe, dessen Bevölkerung wegen der „drohenden“ Eingliederung ins neue Land Niedersachsen sauer war, hätte die später in „Demokratische Partei“ (DP) umgetaufte Pro-Hannover-Partei kein Bein an die Erde gekriegt.

Den bürgerlich-konservativen Parteien fiel der Neustart offenkundig schwer. Sie konnten sich – anders als SPD und KPD – auf keine „gewachsene“ Stammwählerschaft stützen. Die größte Schwierigkeit war, vorzeigbare Kandidaten zu finden.

Otto Tegtmeier war das Zugpferd

Viele, die mitmachen wollten, hatten kurz zuvor noch „Sieg Heil“ geschrien. Den besten Start legten die bereits seit Ende 1945 aktiven Bückeburger Christdemokraten hin. Ihr Zugpferd war der angesehene, zuvor bereits von den Alliierten als Bürgermeister eingesetzte Schneidermeister Otto Tegtmeier. Vor allem ihm hatte es die neue bürgerlich-konservative Volkspartei zu verdanken, dass sie bei der Gemeinderatswahl ein sensationell anmutendes Ergebnis einfuhr und aus dem Stand heraus 11 der 12 Stadtratssitze holte.

Ähnlich achtbare Ergebnisse wurden nur noch in Rinteln und Hessisch Oldendorf erzielt. Andernorts sah es meist umgekehrt aus. In zahlreichen Gemeinden, wie zum Beispiel in Obernkirchen und Bad Nenndorf, trat die CDU gar nicht erst an.

SPD fasste schnell Fuß

Wesentlich besser organisiert gingen die Linksparteien ins Rennen. Vor allem die SPD hatte nach dem Krieg schnell wieder Fuß gefasst. Mit dem früheren Staatsrat Heinrich Lorenz (Stadthagen) und Landrat Erwin Loitsch (Bückeburg) standen altbekannte und überregional profilierte Politiker zur Verfügung. Mindestens genauso viel Ansehen genoss die stattliche Riege der 1933 von den NS-Aktivisten entmachteten Altbürgermeister. So sorgten Männer wie Heinrich Behme (Obernkirchen), Friedrich Schirmer (Stadthagen) oder Johann Schütte (Rinteln) mancherorts für Zweidrittel der Wählerstimmen.

Verhältnismäßig gut aufgestellt schien auch die KPD. Ihre Spitzenleute, der Landrat und einstige Reichstagsabgeordnete Karl Meier (Stadthagen) sowie Landtagsabgeordneter Karl Abel (Obernkirchen) verkörperten mehr als die meisten anderen heimischen Politiker Mut und Durchhaltevermögen. Beide hatten in besonders schlimmer Weise unter dem NS-Terror gelitten. Trotzdem wurden sie von den Wählern offensichtlich nicht als Vorbilder, sondern vor allem als „unbelehrbare Bolschewisten“ wahrgenommen. Die Ergebnisse der KPD insgesamt blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Die Partei zog nur mit je einem einzigen Abgeordneten in die drei Kreistage ein.

Komfortables Ergebnis

Eindeutiger Sieger sowohl der Gemeinde- als auch der Kreistagswahl war die SPD. Ihr Stimmenanteil in Schaumburg-Lippe lag bei 62,4 (Gemeinderatswahlen) und 54,3 (Kreistagswahlen) Prozent. Ähnlich komfortabel fiel das Ergebnis in der Grafschaft aus. Bei den dortigen Gemeinderatswahlen gab es 49, bei den Kreistagswahlen 53 Prozent.

Mit den Kommunalwahlen im Herbst 1946 war die Aufbauphase der Parteien und der Kommunalebene abgeschlossen. Die politischen Auseinandersetzungen verlagerten sich auf die Länder. Nach langem Hin und Her wurde am 1. November 1946 der neue Staat „Niedersachsen“ aus der Taufe gehoben. Die erste Wahl der Landtagsabgeordneten fand im April 1947 statt. gp

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