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Atheisten wollen Religion in den Privatbereich verbannen Für oben ohne

Islamophobie und Kirchenaustritte hier, Kopftücher und Kruzifixe in Klassenzimmern da – alles Themen, bei denen viel Rücksicht genommen wird auf religiöse Befindlichkeiten.
Niemandem soll zu nahe getreten werden. Die Aufklärung, also die Vernunft als universelle Urteilsinstanz mit den Naturwissenschaften als Basis, droht dabei manchmal in den Hintergrund zu treten. Die Mitglieder des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten versuchen, dagegen anzuhalten.Ein Besuch bei ihrem Stammtisch in Hannover.

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Thema des Tages. Es ist ein bunter Haufen, der an einem Freitagabend im Café Konrad in der Nähe des Steintors in Hannover um einen großen Tisch herum zusammensitzt: ein Filmemacher, ein Chemiestudent, ein Pensionär (Barde und selbst ernannter Revoluzzer), ein Versicherungsmakler, eine pazifistische Aktivistin, ein Mitglied der Piratenpartei, ein Sachbücher schreibender Biologe, zwei Humanisten und ein Physiker. Was sie alle gemeinsam haben, ist ihre Ablehnung von Religion.
Unter dem Dach des 1976 gegründeten Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) treffen sie sich an jedem ersten Freitag des Monats, tauschen sich über die politische Entwicklung in Bezug auf Religion aus oder planen auch mal öffentlichkeitswirksame Aktionen, um ihre Mitmenschen aufzuklären. Nicht nur darüber, dass nicht erst seit dem 21. Jahrhundert alle wissenschaftlichen Erkenntnisse gegen die Existenz eines wie auch immer gearteten Gottes sprechen. Sondern vor allem auch darüber, dass das Ausleben von Religion doch bitteschön in den Privatbereich gehöre, anstatt in den öffentlichen Raum. Von daher verbiete es sich, welche Religion auch immer staatlich zu unterstützen, wie etwa in Form des Kirchensteuereinzugs und der Ausbildung von Theologen.
Einer der Religionskritiker am Tisch ist Kevin Heinze aus Wölpinghausen im Norden Schaumburgs. Der 23-jährige Chemiestudent der Technischen Universität Clausthal sitzt im Vorstand des IBKA-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen. Mit etwa 16 Jahren trat er aus der Kirche aus. Bis dahin bekam Heinze in der Regel nur an Weihnachten eine Kirche zu Gesicht.
Auf seinen Austritt aus der Kirche hätten seine Eltern gelassen reagiert, sein Vater war selbst schon Jahre zuvor ausgetreten. Zwar ist Heinze getauft und konfirmiert worden, aber als Heranwachsender habe er sich über das, was er als Konfirmand tat, wie viele Altersgenossen keine Gedanken gemacht. Und als Kleinkind bei der Taufe natürlich schon gar nicht.
Im Zuge seines Kirchenaustritts informierte er sich im Internet und stieß dabei auf den IBKA, dem er sich 2013 schließlich anschloss. „Ich bin der Meinung, Religion sollte Privatsache sein, sich nicht in die Politik und die Öffentlichkeit einmischen und sich vor allem selbst finanzieren“, sagt Heinze und erklärt, weshalb er Religion für sich ablehnt: „Die Hauptgründe dafür sind, dass Religionen irrationaler Humbug sind, und vor allem die Tatsache, dass sie ethisch im 21. Jahrhundert nicht vertretbar und für die Problemstellungen unserer Zeit obsolet sind.“
Um ebensolche Problemstellungen geht es auch an diesem Abend im Café Konrad. Wie wäre es, lautet ein Vorschlag, bei der Bundesregierung einen Antrag für die Unterstützung verfolgter Atheisten im Iran zu stellen? Wieso haben Kirchen immer noch eine so große Lobby, obwohl die größte Weltanschauungsgruppe Deutschlands von Konfessionslosen gestellt werde? Wieso hat der Paragraf 166 des Strafgesetzbuches noch Bestand, wonach auf „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“ eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren stehe? Wieso werden auf Kosten des Steuerzahlers Priester und Theologen ausgebildet, obwohl Theologie nachweislich keine Wissenschaft sei?
„In der deutschen Verfassung steht zwar, dass der Staat neutral ist, er bevorzugt aber die beiden großen Kirchen, durch Kirchensteuereinzug und Ausbildung der Theologen auf Staatskosten“, kritisiert Hans-Jürgen Rosin, der Vorsitzende des IBKA-Landesverbandes, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Man will ein Miteinander, aber gleichzeitig neutral sein. Aber geht das?“
Rosin beschreibt die Arbeit des IBKA. „Wir setzen uns für die Menschenrechte ein, die heute von den großen Kirchen nicht vollumfänglich beachtet werden, und wollen die Trennung von Staat und Kirche.“
Tatsächlich ist es so, dass das Grundgesetz keine strikte Trennung von Staat und Religion vorsieht. „Der Staat“, so informiert das Bundesinnenministerium auf seiner Internetseite, „wirkt mit Religionsgemeinschaften zusammen, etwa um religiösen Bekenntnisunterricht in den staatlichen Schulen zu organisieren.“ Ferner räumt der Staat Religionsgemeinschaften mit verfassungsrechtlich garantiertem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts bestimmte Vorzüge ein, wie etwa „das Recht, Steuern von ihren Mitgliedern zu erheben und den Staat zu beauftragen, diese einzuziehen und an die Religionsgemeinschaften weiterzuleiten“. Außerdem genießen sie weitere Vorteile, wie Steuer-, Gebühren- und Kostenbefreiungen.
Da die christlichen Kirchen hierzulande die größten Glaubensgemeinschaften stellen, liegt das Hauptaugenmerk des hiesigen IBKA folglich auf ihnen. Dass auch der Islam in Deutschland an Bedeutung und Einfluss gewinnt – etwa in Form von entsprechendem Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen und der Ausbildung von Imamen an Universitäten –, sei in den Augen der anwesenden Aktivistin durchaus im Interesse der Kirchen, „um ihm dann etwas Christliches entgegenzusetzen“, glaubt eine Stammtischbesucherin.
Gleichwohl seien die Angaben über die Anzahl der in Deutschland lebenden Gläubigen mit Vorsicht zu genießen. Zwar leben nach einer Erhebung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge etwa vier Millionen Muslime in Deutschland; demgegenüber stehen etwa 47 Millionen Christen.
Inwiefern diese ihren jeweiligen Glauben aber auch tatsächlich in Kirchen oder Moscheen praktizieren, das gehe aus diesen Zahlen nicht hervor. In Anbetracht nur spärlich besuchter Gottesdienste und sinkender Mitgliederzahlen der Kirchen dürfte die Zahl der tatsächlich praktizierenden Gläubigen deutlich kleiner sein.
Hans-Jürgen Rosin, der von seinen neuapostolischen Eltern streng religiös erzogen wurde und als Versicherungsmakler arbeitet, erklärt, weshalb er Religion ablehnt: „Sie schadet den Menschen. Die Menschen stricken sich eine einfache Welt zusammen. Extrem finde ich das bei den Katholiken, die zur Beichte gehen und danach weitermachen wie zuvor. Den Menschen wird ein schlechtes Gewissen eingeredet mit Erbsünde et cetera, damit sie die Obrigkeit akzeptieren, man denke nur an das Paulusevangelium. So sagte schon Napoleon: ,Religion eignet sich hervorragend dazu, einfache Leute ruhig zu stellen.‘“
Weder christlicher noch islamischer noch sonstiger Religionsunterricht habe etwas in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen verloren, so die einhellige Meinung am Stammtisch des IBKA. Ob das auch für das buddhistische Nirwana gelte, wirft jemand ein? Aber auch hier ist man sich einig: „Das ist eine gute Band!“, sagt einer. Es wird gelacht.
Den Begriff Atheist lehnen die meisten der Anwesenden für sich ab. „Die Bedeutung von Atheist ist auf Basis der Theologie definiert“, erklärt der Filmemacher. „Christ und Atheist, das ist wie Kraut und Unkraut.“ In Wirklichkeit gehe es um die Abwesenheit von religiösen Vorstellungen – unabhängig davon, ob es um Christentum, Islam, Aberglaube, Esoterik, Verschwörungstheorien oder Stalinismus geht.

Von Philipp Killmann

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