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Für viele Bienenvölker hat es sich ausgesummt

Thema des Tages Für viele Bienenvölker hat es sich ausgesummt

Imker und Landwirte schlagen Alarm: Jedes vierte Bienenvolk ist im vorigen Winter gestorben. Damit fällt das Bienensterben größer aus als in der Vergangenheit. Als Hauptgrund gilt ein Parasit: die blutsaugende Varroa-Milbe. Aber auch negative Umwelteinflüsse, schlechte Haltung und der Einsatz von Pestiziden setzen den Tieren zu. Ein Blick in den Bienenstock.

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Ohne die kleinen Helfer würden auf Karl Walter Brüggenwirths Obstplantage wohl weder Äpfel noch Aprikosen reifen.

Quelle: kcg

Es gibt ein Geräusch, das Karl Walter Brüggenwirth besonders gerne hört. So richtig zufrieden ist er erst, wenn es zwischen seinen Obstbäumen summt und brummt. Denn dann kann er sich sicher sein, dass im Sommer und Frühherbst wieder Kirschen, Heidelbeeren, Äpfel, Birnen und Aprikosen an den Zweigen seiner Pflanzen hängen. Brüggenwirth ist Obstbauer, in Ohndorf baut er auf rund 35 Hektar Fläche Beeren und Steinobst an. Ohne die vielen kleinen Helfer, die im Frühling von Blüte zu Blüte surren, würden Lager und Regale in seinem Hofladen allerdings leer bleiben.

Die Bienen sind es, die nicht nur auf den Obstfeldern von Brüggenwirth, sondern auf Gemüseäckern, auf Rapsfeldern und im nachbarlichen Nutzgarten überall im Land für reiche Ernte sorgen. „Rund ein Drittel aller Lebensmittel auf unserem Esstisch sind abhängig von der Arbeit der Bienen“, sagt Werner von der Ohe vom Institut für Bienenkunde in Celle. Auch Anna-Lisa Giehl, Imkermeisterin aus Reinsdorf, weist auf die große Bedeutung der Honigbiene für die Nahrungsmittelproduktion hin und bezeichnet die Biene als „drittwichtigstes Nutztier nach Schwein und Rind“.

Kein Wunder also, dass nicht nur Imker, sondern auch Landwirte aktuell Grund zur Sorge haben. Jedes vierte Bienenvolk ist nach Auskunft von der Ohes im Winter getötet worden. Damit fällt das Bienensterben in diesem Jahr schlimmer aus, als in den vergangenen Jahren, in denen im Durchschnitt zehn Prozent Verlust während eines Winters normal waren. Ursache ist für den Experten aus Celle vor allem ein kleiner Blutsauger. Die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe sauge den Bienen das Blut aus und infiziere die Brut mit Viren, schildert von der Ohe im Gespräch mit der Presseagentur epd.

Für Imkerin Giehl, die sich gemeinsam mit ihrem Mann in der Schaumburger Waldimkerei für eine ökologische und naturnahe Bienenhaltung einsetzt, hat das Bienensterben vielfältigere Gründe. Fakt ist: Die Lebensbedingungen für Bienen sind immer ungünstiger geworden. „Maßgeblich für das schlechte Wohlergehen der Bienen sind zum einen das mangelnde Futterangebot und zum anderen der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft“, zählt die 35-Jährige auf.

Den fliegenden Honigsammlern fehlt es an Nahrung. Überall dort, wo intensiv Landwirtschaft betrieben wird, verliere die Pflanzenwelt an Vielfalt. Wildblumen und blühende Hecken würden weniger zugunsten von Monokultur und abgemähten Grünflächen. „Aber nicht nur Landwirte, sondern auch Hausbesitzer müssen sich fragen, ob in ihren meist pflegefreien Gärten Pflanzen wachsen, an denen Bienen ausreichend Futter finden“, sagt Giehl. Selbst im Schaumburger Land sei es teils sehr schwer, noch Plätze zu finden, an denen das Nahrungsangebot ganzjährig sichergestellt ist. Dabei spiele vor allem der Spätsommer eine große Rolle. Dann würden die Tiere Pollen als Futterreserve sammeln, um gut über den Winter zu kommen.

Auch Pestizide auf den deutschen Äckern setzen den Bienen zu. Vor allem der Einsatz von Neonicotinoiden schädigt das Nervensystem der Insekten und sorgt laut Giehl dafür, dass die Bienen nicht mehr zur Nahrungsquelle und zurück in ihren Stock finden. Die Folge: Die Lebenserwartung der Tiere ist erheblich reduziert. 2013 hat die EU bestimmte Neonicotinoide vom Markt genommen, das Moratorium endet im Dezember. Ob das Verbot auch für die kommenden Jahre bestehen bleibt, wird derzeit geprüft. Denn Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Nervengifte nicht nur Honigbienen, sondern auch anderen für die Bestäubung wichtigen Insekten wie Hummeln und Schmetterlingen schadet.

Selbstverständlich sorge die Varroa-Milbe für erheblichen Stress der Bienenvölker (siehe Kasten), sagt Giehl. „Aber Imker stehen nicht machtlos vor dem Milbenproblem.“ So mancher Berufskollege, der über hohe Verluste klagt, sollte seine Arbeit selbstkritisch hinterfragen, fordert die Imkermeisterin. Der beste Schutz vor Schäden durch die Varroa-Milbe ist für die 35-jährige vor allem eines: ein vitales, gesundes Bienenvolk. Und es gebe immer wieder Berufsimker, die ihre Völker auf Kosten der Vitalität ausbeuten, um den Ertrag an Honig zu steigern. Giehl kritisiert auch den Einsatz chemischer Mittel gegen die Varroa-Milbe. Denn die Medikamente können nicht komplett abgebaut werden. Die Folge: Der Bienenparasit wird resistent.

Je gesünder das Bienenvolk, desto besser kommt es mit einem Milbenbefall zurecht, betont Giehl. „Aber das erfordert die enge Betreuung des Volkes durch den Imker. Er muss immer am Puls der Bienen sein.“

Obstbauer Brüggenwirth ist von der Arbeit seines Imkers überzeugt. „Ich habe einen guten Imker, der mir jedes Jahr die Anzahl an Bienen bringt, die ich brauche“, erklärt der Landwirt. 30 Völker werden von Sonntag an die Bestäubung seiner Obstbäume übernehmen, Ernteausfälle wegen des Bienensterbens muss der Ohndorfer nicht befürchten. Außerdem verlasse er sich bei kühler Witterung auf Hummeln, die im Gegensatz zu Bienen auch bei Temperaturen unter zwölf Grad ausschwärmen. Noch lasse es sich nicht sagen, ob es durch das Bienensterben einen Schaden für die Landwirtschaft in Schaumburg geben wird, erklärt Friedhelm Stock, Geschäftsführer des Kreisverbandes Weserbergland im niedersächsischen Landvolk. „Es ist noch zu früh für allgemeine Aussagen, die Saison steht noch ganz am Anfang.“

kcg

Anna-Lisa Giehl setzt sich in ihrer Waldimkerei in Reinsdorf für eine naturnahe Bienenhaltung ein.

Quelle:

Anna-Lisa Giehl kann die Sorgen der Bauern nachvollziehen. Was bei der Diskussion über Ernteausfälle aber meist aus dem Blick gerate, sei die große Bedeutung der Biene für das Ökosystem. Die Honigbiene sei ein Generalist, mehr als 80 Prozent aller Blütenpflanzen seien von ihrer Bestäubung abhängig und ohne die Biene in ihrem Fortbestand bedroht. Und mit der Pflanzenvielfalt verringere sich auch die Nahrungsgrundlage für viele Kleintiere, die wiederum Nahrung für größere Wildtiere sind. „Im Kreislauf der Natur hat die Biene eine entscheidende Rolle. Die darf nicht vergessen werden.“ kcg

Zu viele Milben: Der milde Winter ist schuld

Dass viele Imker aktuell über das Bienensterben klagen, ist auf die Witterung im Winter 2013/2014 zurückzuführen. „Damals hatten wir einen sehr milden Herbst und warmen Winter und ein sehr frühes Frühjahr“, erklärt Imkerin Anna-Lisa Giehl. Bleibt es draußen zu warm, stellen die Bienen im Stock das Brüten nicht ein, was Folgen für den Behandlungserfolg gegen einen Befall mit Varroa-Milben hat. „Normalerweise legt ein Bienenvolk im Winter eine Brutpause ein“, schildert Giehl. Dann sitzen alle Milben auf den Bienen, die man dann wirksam mit ökologischen Mitteln gegen den Milbenbefall bekämpfen kann. Brüten die Bienen aber weiter, wird auch die Brut infiziert, und die Milben können sich ungehindert ausbreiten. kcg

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