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Gästeführer: Seit 20 Jahren im Einsatz

Thema des Tages Gästeführer: Seit 20 Jahren im Einsatz

Dass in Rom Busbesatzungen hinter ihrem Fremdenführer über den Petersplatz hertraben, ist seit den fünfziger Jahren ein gewohnter Anblick. Dass Frauen mit oder ohne Tracht oder seit einigen Jahren auch Männer und Frauen in historischen Kostümen Besuchern Städte und Brauchtum im Schaumburger Land nahebringen, das gibt es erst seit 1996.

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Gästeführerin Jutta Heil (links) bringt Besuchern in Stadthagen die Besonderheiten der Weserrenaissance näher. 

Quelle: Archiv

Landkreis. Gelangweilte Fremdenführer, die in Museen routiniert ihren Text herunterleiern, dieses Bild ist weit entfernt von dem, wie Schaumburger Gästeführerinnen und seit einigen Jahren auch Gästeführer Besuchern das Schaumburger Land nahebringen. Seit 1996 lassen sich Frauen, in späteren Jahren folgten auch die Männer, über die Ländliche Erwachsenenbildung als Fremdenführer ausbilden.
Eine Teilnehmerin am ersten Kurs war Sophie Mensching aus Ottensen. Nach einigen Jahren Erfahrunghat sie für einen weiteren Kurs liebevoll-ironisch zusammengefasst, was Besuchergruppen von einer Gästeführerin erwarten.

Ebenso wie Sophie Mensching hatte sich die Landfrau Renate Bredemeier zum ersten Kurs 1996 angemeldet. Die damals 54-Jährige Hausfrau und Mutter reizten nicht etwa das Reden und die Menschen. Als Schülerin war Geschichte ihr Lieblingsfach. „Geschichte ist toll“, begründet die Rodenbergerin ihre Teilnahme, und außerdem wollte sie ihren „Geist trainieren“. An den Führungen gewann Bredemeier schließlich doch Freude, und nicht nur daran. Denn: Trachten und Brauchtum lassen sich Landkreisbesuchern nicht nur als Teilaspekt einer Gästeführungen nahebringen. Bredemeier, Mensching und als Dritte im Bunde die Bad Nenndorfer Jutta Rohrsen beschlossen, Märkte zu organisieren. So entstand unter anderem der Prünmarkt, der viele Jahre in der Wandelhalle in Bad Nenndorf ausgestaltet wurde und dessen Erlös jeweils einer wohltätigen Organisation gespendet wurde. So übernahm 2000 die damalige Schlossherrin Lilly zu Schaumburg-Lippe die Schirmherrschaft über den Markt und dessen Erlös für die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft in Empfang. Prominent wurden die Gästeführerinnen im Lindhorster und Bad Nenndorfer Raum selbst – als das Fernsehen zum Beispiel Radtouren begleitete oder Brauchtum vorstellte.

Standen in Bad Nenndorf unter anderem mit Sophie Mensching als unermüdliche Expertin die Trachten im Mittelpunkt, kristallisierte sich in Stadthagen ein anderer Schwerpunkt heraus: Die Weserrenaissance. Es entwickelten sich Führungen in historischen Kostümen der Epoche. Später wurde ein weiteres Thema aufgegriffen: Wilhelm Busch und die Likörfabrik Meyer. Um Gästeführerin Christina Bühre (81) scharte sich 2012 einer regelrechte Schauspieltruppe, die der Theaterpädagoge Jürgen Wiemer für szenische Führungen anleitete. Diese Art der Gästeführung findet unter anderem den Beifall der Stadthäger Wirtschaftsförderung und des Schaumburger Tourismusmarketings.

Die Idee „Gästeführung in Schaumburg“ hat sich in den vergangenen 20 Jahren etabliert und wird engagiert und mit Herzblut ihrer Akteure ausgebaut.
Dass Führungen und Busbegleitungen auch bei bester Planung nicht immer reibungslos vonstattengehen, lässt sich erahnen. Mit einer großen Portion Humor erinnert Sophie Mensching an einen besonderen Tag, „den Horror jeder Gästeführerin“: Eine Gruppe, 38 Radlerinnen und 14 Fußgänger, buchen eine Tour ums Steinhuder Meer. Sophie Mensching und eine Kollegin erwarten den Bus, – der nicht kommt. Ein Missverständnis stellt sich heraus. Die Gruppe rollt erst am nächsten Tag an. Also: „Räder, Essen, Boot, Besichtigung und Gästeführer umbestellen. Einer der beiden Führer kann morgen leider nicht. Fahrradhändler will einen Euro wegen Verdienstausfall. Wirt droht mit Bezahlung des Essens, wenn ich morgen nicht komme.“ Mit vielen Telefonaten und „nahe dem Herzinfarkt“ wird am schönen sonnigen Tag, ideal für die Tour, die nicht stattfindet, alles umbestellt und neu organisiert.

Am nächsten Maitag radelt Sophie Mensching frisch gestärkt wieder nach Steinhude, bei Sonnenschein. Die Gäste kommen an. Der Himmel bewölkt sich. Die Radler fahren los. Zehn Minuten später Gewitter, starker Regen. Die Fußgänger besichtigen nichts, sondern harren in einem Lokal aus. Mit dem Boot geht es schließlich über das Steinhuder Meer zur Weißen Düne zum Mittagessen. Die Radler sind schon da. Total nass. Das Lokal ist voll. Tische müssen erst geräumt werden.

Mittagessen gut, Stimmung steigt, Sonne scheint. Radfahrer wollen weiterfahren. Die Fußgänger haben schlechte Karten. Der Schipper: Unwetter zieht auf. Er fährt jetzt nicht. Also: Großraumtaxi für 14 Personen bestellt, dauert eine halbe Stunde. Wetter klart auf. Schipper will jetzt fahren. Taxi abbestellen. Gerade abgelegt: Gewitter kommt schnell mit dicken Hagelkörnern. Mensching: „Schipper sagt, ich soll den Leuten Plastikplanen umhängen. Keine Schirme aufspannen.“ Sechs Frauen machen es trotzdem. Die Schirme schlagen sofort über und sind kaputt. Endlich kommen die Bootsfahrer am anderen Ufer an. Die Radler sind auch da. Das Wasser läuft aus den Schuhen, aus den Haaren. Das Programm geht weiter. Schließlich sitzen alle Gäste wieder wohlbehalten im Bus. Allerdings: Die Familie von Sophie Mensching sucht inzwischen nach ihr. Es ist spät geworden, und sie ist nicht zu erreichen. Das Handy liegt vergessen im Restaurant Weiße Düne. Schließlich glückliche Familienzusammenführung – um 23 Uhr.  sk

Die perfekte Gästeführerin

Die perfekte Gästeführerin ist nett, adrett und zuverlässig. Sie ist pünktlich, und auch nach einer Stunde Wartezeit begrüßt sie die Gäste freundlich. Für ihre Führung nimmt sie nur ein Trinkgeld und spendet es im Anschluss an die Fahrt für die Vereinskasse. Führungen beginnen immer bei öffentlichen Toiletten, gehfaule Gäste können sich bei ihr einhaken und bei Regen hat sie genügend Schirme dabei.

Selbstverständlich kennt sie alle Stilepochen, alle Baumeister der Weserrenaissance an ihren Zeichen und die Geschichtszahlen von Cäsar bis zu Philipp-Ernst zu Schaumburg-Lippe auswendig. Außerdem ist sie bestens über das Erbprinzenpaar und deren Scheidung oder Familienleben informiert. Wenn sie einen Landfrauenverein führt, ist sie in der Lage, über Bodenpunkte, die Lage der Landwirtschaft im Allgemeinen und die Rindviehhaltung in Schaumburg zu referieren. Bei einer Führung der Wirtschaftsjunioren kennt sie die Arbeitslosenzahlen und das jetzige und zukünftige Wirtschaftswachstum unseres Kreises. Ist sie mit einer Herrengruppe unterwegs, kennt sie Lokale, in denen es das beste und größte Bier gibt. Bei Damengruppen sind Zeit und Möglichkeiten zum Shopping ganz wichtig.

Für Fahrradtouren ist sie in Erster Hilfe ausgebildet und kann eine Panne sofort beheben. Sie kennt Flora und Fauna am Wegesrand und nur asphaltierte Feldwege. Bei Touren rund um das Steinhuder Meer fährt sie auch mal drei Kilometer zurück, während die Gruppe sich ausruht, um für einen hungrigen Gast ein Fischbrötchen zu holen. Sie verteilt kostenlos Rad- und Stadtpläne und hat für akute Fälle die Hausapotheke dabei.

Um das obligatorische Gruppenfoto zu machen, hat sie einen Fotokurs absolviert. Außerdem kann sie Märkte organisieren, bei denen sie das volle Risiko trägt. Bei einem Markt beherrscht sie die Technik des „Pavillon-Aufstellens“, kann kurzfristig trockenes Feuerholz für den Freiluftofen des Bäckers besorgen und die veraltete Mikrofonanlage bedienen.
Alle diese Dienste mit sämtlichen Telefon- und Portokosten sind im Stundenlohn von 17 Euro enthalten. Außerdem hat sie im ganzen Kreis Schaumburg Informanten über zwischenmenschliche Beziehungen. Wenn zum Beispiel eine Gruppe aus Buxtehude kommt, sollte sie sich vorher informieren, wer in den vergangenen 30 Jahren von Schaumburg nach Buxtehude gezogen ist – oder umgekehrt. Und man sollte wissen, wo ehemalige Schülerinnen des Jahrgangs ’58 der Hauswirtschaftsschule Obernkirchen jetzt wohnen – oder ob man sich auch an den jungen blonden Mann erinnern kann, der immer um die Schule in Bückeburg schlich.

Busgruppen neigen dazu, alte Volkslieder zu singen. Eine gute Gästeführerin stimmt mit dem Mikrofon in der Hand sämtliche Strophen an. Eine gute Gästeführerin zeichnet aus, wenn es für die Gäste: Toiletten, Essen und Trinken gut, preiswert und reichlich, Museen, Denkmäler und Kultur mäßig gibt. Sie findet die Heimat der jeweiligen Gäste wunderschön und verbringt dort meistens ihren eigenen Urlaub. Das hebt die Stimmung ungemein. Die Gruppe ist die reizendste, die sie je hatte, und so sind am Schluss alle zufrieden. Leider wohnt diese perfekte Gästeführerin immer im Nachbarkreis.
  Sophie Mensching

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