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Gedemütigt und ausgegrenzt

Mobbing in der Schule Gedemütigt und ausgegrenzt

Jedes Kind hat mal Streit mit seinen Mitschülern. Auch Hänseleien und Raufereien gehören zum Schulalltag wie Hausaufgaben und Klassenarbeiten. Wird ein Schüler jedoch systematisch schikaniert, ist eine Grenze überschritten. Mobbing in der Schule kann für Kinder zum langen Martyrium werden.

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Quelle: kcg

Irgendwann wollte er nicht mehr in die Schule gehen. War traurig, lustlos, immer niedergeschlagen. „Er wollte nicht mehr spielen und hat sich total zurückgezogen“, erinnert sich seine Mutter heute an die Zeit, in der es für Nils (Name geändert) zur Qual wurde, seinen Klassenraum zu betreten.
Angefangen hat es bereits im ersten Schuljahr an einer Stadthäger Grundschule: Fast jeden Tag wurde Nils von den Jungs in seiner Klasse gehänselt und ausgegrenzt. Seine Jacke wurde versteckt, der Schulranzen ausgekippt. In der Pause und am Nachmittag wollte keiner mit ihm spielen. Er wurde geschubst und geschlagen, gepackt und geboxt. Immer wieder, bis er im vierten Jahrgang die Klasse wechselte.
So wie Nils geht es täglich Tausenden Kindern und Jugendlichen an den Schulen in Deutschland. Sie werden von ihren Mitschülern gedemütigt und geprügelt – auf dem Schulhof, im Klassenzimmer, auf dem Weg nach Hause, im Internet und per Handy. Bildungsforscher schätzen, dass jeder sechste Schüler schon einmal Opfer von Mobbing war. Dabei ist Mobbing viel mehr als eine simple Keilerei.
Kinder streiten und vertragen sich wieder, das gehört zum Kindsein dazu. Das, was Experten unter dem englischen Begriff „Mobbing“ zusammenfassen, geht viel weiter. „Mobbing ist der vorsätzliche heimtückische Angriff auf das soziale Ansehen und die seelische Gesundheit der Zielperson“, heißt es dazu in der „Berliner Anti-Mobbing-Fibel“. Es müssen mehrere Kriterien erfüllt sein, damit Feindseligkeiten als Mobbing eingeschätzt werden, ergänzt Gertrud Plasse, Schulpsychologische Dezernentin an der Niedersächsischen Landeschulbehörde in Hannover. Ein Schüler wird gemobbt, wenn er allein regelmäßig über einen längeren Zeitraum von einem oder mehreren Schülern angegriffen wird und sich nicht alleine aus der Situation befreien kann.
Mobbing betrifft jede Schulform und alle Altersgruppen. Erstaunlich ist, dass Grundschulen häufiger betroffen sind als weiterführende Schulen. So hat der Lehrer und Autor des „Anti-Mobbing-Buches“, Mustafa Jannan, herausgefunden, dass 13,3 Prozent aller Fälle an Grundschulen passieren, gefolgt von Haupt- und Gesamtschulen. Die wenigsten Fälle gibt es an Gymnasien.
Plasse bestätigt, dass immer mehr Anfragen aus den Grundschulen kommen. Erfahrungsgemäß seien aber eher jene Jahrgänge betroffen, in denen Klassen neu zusammengesetzt werden. „Egal welche Schulform: Die Anfangszeit in einer neu entstandenen Klasse ist eine heikle Phase mit vielen Konflikten“, sagt die Schulpsychologin. Wenn es Schülern und Lehrern nicht gelinge, zu einer Gemeinschaft mit einem guten Lernklima zusammenzuwachsen, entstehe leicht der Nährboden für Mobbing. Einen konkreten Auslöser brauche es dafür nicht.
Wer gemobbt wird, hat selbst schuld? „Nein“, sagt Plasse und betont: „Jeder kann Opfer werden.“ Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Opfer typische Persönlichkeitsmerkmale haben und durch ihr Verhalten dazu beitragen, ausgegrenzt zu werden. Auch die Annahme, dass Täter meist aus sozial schwachen Familien kommen, ist falsch. „Täter stammen aus allen sozialen Schichten und sozio-kulturellen Verhältnissen“, betont Plasse. Grundsätzlich gilt: Ein Täter handelt nie allein, sondern in der Gruppe.
Experten unterscheiden zwischen der Zielperson auf der einen sowie Tätern, Mitläufern und Möglichmachern auf der anderen Seite. „Es gibt beim Mobbing keine Unbeteiligten“, erläutert Plasses Kollegin Monika Harms, Präventions- und Gesundheitsexpertin an der Landesschulbehörde. Während Mitläufer das Verhalten des Mobbers nachahmen, ermöglichen die nur vermeintlich unbeteiligten Zuschauer das Mobbing, weil sie nicht einschreiten.
Die Folgen für die traktierten Kinder können drastisch sein. Unbehagen und Hilflosigkeit münden in Selbstzweifel und Angst. Psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlafstörungen können auftreten, erklärt Götz Schwope. „Das kann bis zur Posttraumatischen Belastungsstörung gehen“, sagt der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in Stadthagen.
Bei Nils war es nicht nur die große Traurigkeit, die schließlich in einer Depression mündete. Seine Eltern bemerkten die Folgen des jahrelangen Mobbings ganz konkret: Der Junge wuchs nicht mehr. Die Untersuchung beim Facharzt ergab schließlich, dass die vielen Stresshormone in seinem Körper sein Wachstum behinderten. Seine Eltern schalteten einen Psychotherapeuten für Kinder ein, der Nils zwei Jahre lang behandelte, sein Selbstbewusstsein aufbaute und dem Jungen den Rücken stärkte.
Auf Unterstützung durch die Lehrerin ihres Sohnes hofften sie jedoch vergeblich. „Sie wollte die ganze Situation nicht sehen und reagierte gar nicht“, erinnert sich seine Mutter. „Wir waren hilflos und wussten nicht, wie wir unserem Sohn helfen konnten.“ Schließlich kamen sie zum Schluss, ihr Kind nur schützen zu können, indem sie ihn aus der Klasse nehmen. Nils wiederholte freiwillig das vierte Schuljahr.
Für Lehrer ist es oft schwer, die Konstellationen innerhalb einer Lerngruppe zu überblicken, erklärt Plasse. „Mobbing findet im Verborgenen statt“, es könne also schnell passieren, dass Lehrer das Problem zunächst als Stören im Unterricht oder konkretes Problem zwischen zwei Schülern abtun. Meist werde Mobbing erst beim genauen Hinsehen deutlich.
Auf keinen Fall sollten Eltern das Problem selbst in die Hand nehmen und die Täter zur Rede stellen, empfiehlt die Psychologin. Wichtig sei, den Klassenlehrer, den Beratungslehrer oder den zuständigen Schulpsychologen direkt anzusprechen – {FSPACE}selbstverständlich immer in Absprache mit dem betroffenen Kind. „Wenn Mobbing in der Schule stattfindet, kann es nur in der Schule beendet werden.“
Um den Konflikt zu lösen, stehen Lehrern mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. „Wichtig ist, das Vorgehen mit dem Opfer zu besprechen und erst fortzufahren, wenn es dazu bereit ist“, erklärt Plasse. Sie empfiehlt, den Tätern in Gesprächen möglichst wenig Vorwürfe zu machen, sondern das Bewusstsein für die Gefühle des Opfers zu schärfen. Die Kinder sollen dann selbst Vorschläge bringen, was man tun könnte, damit sich alle in der Klasse wohlfühlen.
Methoden wie „No Blame Approach“ können Lehrer zum Beispiel bei Weiterbildungen zum Thema Mobbing kennenlernen. Ziel sei dabei, Mobbingprozesse bewusst zu machen und Methoden zur Prävention und Intervention zu vermitteln, erklärt Präventionsbeauftragte Monika Harms.
Um Mobbing vorzubeugen, sollten Schulen es nicht dabei belassen, Projektwochen zum Thema oder einzelne Anti-Mobbing-Tage zu veranstalten. Viel wichtiger sei es, eine Kultur der Achtsamkeit und Wertschätzung zu verankern, kontinuierlich am Klima innerhalb der einzelnen Klasse und der ganze Schule zu arbeiten. „Denn ohne prosoziales Klima kann nicht gelernt werden.“ kcg

KOMMENTAR: Die Lehrer sind in der Pflicht
Von Katharina Grimpe

Kinder sind grausam. Es gehört zum Großwerden dazu, andere Kinder zu ärgern, auszugrenzen, auszulachen und selbst ausgelacht zu werden. Das ist normal und weder für Eltern noch für Lehrer ein Grund zur Sorge – solange niemand ernsthaft an Körper und Seele verletzt wird. Dass das systematische Quälen von Einzelnen an unseren Schulen mittlerweile zur Tagesordnung gehört, ist allerdings erschreckend. Und darf weder von Eltern noch von Lehrern hingenommen werden.
Umso wichtiger ist es, das Problem da anzupacken, wo es entsteht – in der Schule. Kinder und Jugendliche können nur in einem geschützten, gewalt- und angstfreien Raum gut lernen. Diesen zu schaffen und zu verteidigen, ist Sache der Lehrer. Es ist ihre Aufgabe, für ein Klassenklima zu sorgen, in dem sich alle Schüler entfalten und respektieren können. Hinsehen und Eingreifen muss also die Devise lauten, wenn sich ein Mobbingopfer in seiner Not an einen Lehrer wendet. Nicht weghören und ignorieren, wie es zu oft passiert.
Notwendig sind dafür entsprechende Arbeitsbedingungen an den Schulen mit kleineren Klassen und ausgedünnten Lehrplänen. Diese müssen mehr Raum für die Vermittlung sozialer Kompetenzen lassen und weniger auf reines Faktenwissen setzen. Genauso notwendig ist es, die Ausbildung für Pädagogen zu verbessern. Bisher lernen angehende Lehrer weder im Studium noch im Referendariat, mit schwierigen Schülern umzugehen. Das muss sich ändern, um Mobbing erst gar keine Chance zu geben.

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Stadthagen / Mobbing
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