Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Gefahr in Verzug?

Thema des Tages Gefahr in Verzug?

Im hohen Alter kann Autofahren gefährlich werden – doch wie können Kinder die mögliche Fahruntüchtigkeit ansprechen?

Voriger Artikel
Farbspiele am Nachthimmel
Nächster Artikel
Salzhemmendorf ein Jahr danach

Weg vom „Schwarz-Weiß-Denken“, fordert der Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss.

Quelle: dpa

Von Cornelia Kurth. Die ganze Familie hat Angst, wenn unser alter Vater Auto fährt. Jedenfalls, wenn es um längere Strecken geht.

Außer unserer Mutter will niemand bei ihm mitfahren. Wir machen jedes Mal drei Kreuze, wenn zum Glück wieder alles gut gegangen ist.“ Was Corinna Cordes aus Hameln (Name von der Redaktion geändert) erzählt, können unzählige Angehörige alter Menschen unterschreiben. „Wir bringen das Thema durchaus zur Sprache“, sagt sie. „Mein Vater sieht schlecht und es gibt Situationen, in denen er richtig desorientiert ist. Aber unsere Eltern wollen nichts davon hören, dass er sich selbst und andere in Gefahr bringt.“

Auch wenn man sich in entsprechenden Internetforen umsieht, stößt man an vielen Stellen auf die Frage, wie man solchen unsicheren alten Autofahrern nahebringen kann, sich lieber nicht mehr hinters Lenkrad zu setzen. „Ja, das ist ein Problem“, meint dazu der Verkehrssicherheitsberater bei der Polizeiinspektion Hameln, Andreas Hinz. „Nicht mehr Autofahren zu sollen, das empfinden die meisten als gewaltigen Einschnitt im Leben. Vor allem für die Männer bedeutet es oft Gesichtsverlust ohne Ende.“ Tatsache sei: Bevor nicht wirklich etwas Schwerwiegendes passiere, könne man es nur mit Überzeugungsarbeit versuchen.

Mit Tricks den Familienfrieden wahren

Was aber, wenn genau das nicht gelingt? „Es fällt uns allen so schwer, offen mit meinem Vater darüber zu reden“, sagt Corinna Cordes. „Er ist 83 Jahre alt und gehört ja zu der Generation, wo die Väter die Tonangeber in der Familie sind. Man spürt, wie schwer es ihm fällt, seine Altersschwächen hinzunehmen. Wenn er mal stolpert, macht er gleich drei lustige Sprünge hinterher, um das Stolpern zu überspielen. Oder wenn er beim Essen die Gabel falschrum hält, tut er so, als habe er nur was ausprobieren wollen. Das ist bewegend, und irgendwie kommt er ja auch tapfer klar. Und da soll man nun damit ankommen, dass man ihm das Autofahren nicht mehr zutraut?“

Im Internet finden sich jede Menge Ratschläge, wie man mit allerlei Tricks den Familienfrieden vielleicht wahren kann. Da wird vorgeschlagen, die Zündkerzen des Wagens zu entfernen oder den Autoschlüssel zu verstecken. Das Auto wird zum Schein in die Werkstatt gefahren, aus der es niemals mehr zurückkommt. Eine Frau schreibt, sie habe mit einem Autoverkäufer abgesprochen, dass der behaupten solle, Menschen über 70 müssten eine spezielle Prüfung ablegen, bevor sie ein neues Auto kaufen dürften. „Damit ist im Zweifel das Autohaus der ‚Buhmann‘ und nicht ich“, heißt es in ihrem Beitrag. Diese Vorschläge, die wohl nur da wirken, wo ein Mensch bereits unter Altersdemenz leidet, haben mit „Überzeugungsarbeit“ allerdings wenig zu tun.

Klaus Heimann, Sozialdezernent im Landkreis Schaumburg, weist da in eine andere Richtung. „Wirklich überzeugen kann man nur da, wo man sinnvolle Alternativen anzubieten hat“, sagt er. „Einfach nur sagen, du kannst nicht mehr Auto fahren und basta – damit kommt man nicht weit.“ Alternativen zum eigenen Wagen, das wären zum Beispiel die kostengünstigen Seniorentaxis, die Anruf-Sammeltaxis (AST) und die Anrufbusse in den Landkreisen Schaumburg und Hameln/Pyrmont. Die jeweiligen „Senioren-Wegweiser“-Broschüren enthalten alle nötigen Informationen dazu. Der Haken an der Sache: Menschen, die sich selbst für fahrtüchtig halten, werden trotzdem kaum bereit sein, auf ihre spontanen Mobilitätsmöglichkeiten zu verzichten.

Junge Männer fahren am gefährlichsten

„Meine Eltern sind in ihrem ganzen Leben vielleicht fünf Mal mit einem öffentlichen Verkehrsmittel gefahren“, sagt jedenfalls Corinna Cordes. „Freiwillig würden sie sowas niemals benutzen. Dazu kommt, dass bei ihnen die nächste Einkaufsmöglichkeit etwa einen Kilometer entfernt liegt, zu weit für die schwachen Beine meiner Mutter. Und mein Vater, der kauft allein höchstens im Baumarkt ein, aber gewiss nicht in einem Supermarkt.“ Außerdem machen ihre Eltern gern kleine Ausflüge über Land. Um das weiterhin tun zu können, also sich auf alternative Verkehrsmittel wirklich einzulassen, müssten sie dem Autoverzicht mit voller Einsicht zustimmen.

Dr. Karl-Friedrich Voss, der Vorsitzende des Bundesverbandes niedergelassener Verkehrspsychologen, führt in Hannover eine „Verkehrspsychologische Praxis“. Er ist ein gefragter Interviewpartner, wenn es um problematisches Verhalten im Straßenverkehr geht. Meistens stehen dabei allerdings nicht die Senioren im Mittelpunkt. Gemessen am Bevölkerungsanteil sind es immer noch die jungen Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die am gefährlichsten fahren und die meisten Verkehrsunfälle verursachen. Auch fallen alte Autofahrer eher selten durch besondere Aggressivität, durch Trunkenheit am Steuer oder überhöhte Geschwindigkeiten auf. Wenn er mit Senioren zu tun hat, dann überwiegend in solchen Fällen, wo ein Senior einen Unfall zu verantworten hatte und er als Verkehrspsychologe ein Fahrtüchtigkeits-Gutachten zu erstellen hat.

„Manchmal kommen auch Angehörige und stellen genau diese Frage, wie sie ihre Eltern vom Autofahren abbringen können“, sagt er. „Aber aus einem Gespräch mit allen Beteiligten wird dann meistens nichts, solange keine behördliche Anordnung, also kein Zwang dahinter steht.“ Ideal wäre es, wenn man in der Familie in aller Ruhe über das Thema Autofahren sprechen würde. „Das können keine Fünf-Minuten-Gespräche sein“, meint er. „Es ist eigentlich so wie mit dem Nachdenken über Pflege oder Betreutes Wohnen im Alter – das macht ja möglichst auch nicht erst im allerletzten Moment, sondern man sucht nach gemeinsamen Lösungen, auch Übergangslösungen.“

Verkehrssicherheit und Verantwortung

In seinen Gesprächen mit bereits auffällig gewordenen Senioren vermeidet er ein Schwarz-Weiß-Denken. Er setzt dann den Fokus nicht auf das Stichwort „hohes Alter“, sondern auf „Verkehrssicherheit“ und „Verantwortung“. Sobald ein Mensch das Gefühl habe, er solle entmündigt werden, sperre er sich, verständlicherweise. Man solle an die Vernunft des Betroffenen appellieren, ihn daran erinnern, dass Fehler im Straßenverkehr nicht immer nur von den anderen gemacht werden.

Wenn jemand schon mehrmals Beulen verursacht hat, falsch in eine Einbahnstraße abbog oder merken musste, dass er wegen sehr langsamer Geschwindigkeit ein Verkehrshindernis darstellt, dann ist es eben „vernünftig“, wenn er sich freiwillig vom Arzt untersuchen lässt. „Besser, als wenn die Behörde ihn dazu zwingt“, meint er. „Auf so einer Basis kann man dann Kompromisse finden, zum Beispiel abmachen, dass der Betroffene nicht mehr in der Dunkelheit fährt und keine langen Strecken mehr nimmt, sondern nur noch die gut bekannten Wege.“ Man solle sich gemeinsam klarmachen, was der Senior noch gut kann, und wo er echte Probleme hat. Der „Leistungsgedanke“ zähle, also die Einsicht, dass man sich fit halten muss für den Straßenverkehr, durch Gesundheitstests und eventuell über die Rückmeldung eines Fahrlehrers.

Das klingt gut für all die Fälle, in denen ein alter Mensch nur einen Anstoß von Außen braucht, um sich seiner Mitverantwortung für die Verkehrssicherheit, die ja auch in seinem Sinne ist, zu stellen. „Doch dass jemand freiwillig seinen Führerschein bei uns abgibt, ist äußerst selten“, sagt Bernd Lange, Teamleiter der Führerscheinstelle im Landkreis Hameln/Pyrmont. Seit über 30 Jahren hat er es unter anderem mit alten Menschen zu tun, bei denen zweifelhaft ist, ob sie beim Autofahren eine nicht hinnehmbare Gefahr für andere darstellen. Seine Erfahrung ist: „Von einer freiwilligen MPU wollen die meisten nichts wissen, selbst dann nicht, wenn sie auf unerklärliche Weise im Graben gelandet sind.“

Nicht mit der Keule, sondern verständnisvoll

Wenn er seine Unterhaltungen führt, in denen er die Entscheidung zu treffen hat, ob der Führerschein abgegeben werden muss, setzt er, ebenso wie Verkehrspsychologe Voss, auf die Vernunft seines Gegenübers. „Wir kommen da nicht mit der Keule, sondern sind ganz vorsichtig und verständnisvoll“, sagt er. Wer dann zusichert, dass er aufs Autofahren verzichtet, habe den großen Gewinn, dass er das quasi aus eigener Verantwortung heraus tue. „Das ist eine ganz andere Sache für das selbstbewusstsein, als wenn man auf Grund einer angeordneten ärztlichen Untersuchung zur Führerscheinabgabe gezwungen wird.“

Corinna Cordes kann mit all diesen Hinweisen durchaus etwas anfangen. „Wenn ich es mir recht überlege, hat mein Vater eigentlich schon auf seine Einschränkungen reagiert“, sagt sie. „Er fährt schon längst nicht mehr nachts und macht auch keine großen Fahrten mehr.“ Neulich habe er sogar erstmals ihren Bruder ans Steuer gelassen. „Ich glaube, wir sind auch sehr in diesem Schwarz-Weiß-Denken gefangen, diesem Wunsch, er möge bitte gar nicht mehr fahren, damit wir uns keine Sorgen machen müssen“, meint sie. Ihr Ziel: Den Vater zu bitten, seine eigenen Grenzen durch einen Arztbesuch noch besser zu erkennen. Damit gäbe er seine eigene Entscheidung nicht aus der Hand. Die entsprechenden Ärzte unterliegen der Schweigepflicht.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr