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Geht den Sängern die Puste aus?

Thema des Tages Geht den Sängern die Puste aus?

Einige Schaumburger Chöre kämpfen ums Überleben, andere sind mit ihrer Mitgliederzahl sehr zufrieden. Was sind die Ursachen? Wie sieht die Zukunft aus? Und wie können Gesangsensembles neue Mitglieder gewinnen? Ein Blick in das Schaumburger Chorwesen.

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Die Chorgemeinschaft Stadthagen besteht seit 120 Jahren.

Quelle: bit

Sänger und Sängerinnen gesucht!“ Dieser Aufruf erscheint auf der Homepage des Schaumburger Kanada-Chors. „Wir suchen schon seit Jahren Tenöre, aber bekommen keine dazu“, räumt Herta Kressin, Vorsitzende des Ensembles aus Stadthagen, ein. Die Anzahl der aktiven Mitglieder ihres Chores hat sich in den vergangenen Jahren von 60 auf 32 fast halbiert.

Mit diesem Problem steht sie nicht alleine da. Zahlreiche Gesangsensembles im Landkreis leiden unter Mitgliederschwund, vor allem die alteingesessenen Chöre und Kirchenchöre sind betroffen. Wie der Männerchor Stadthagen. Während vor drei Jahren noch 23 Sänger regelmäßig zu Proben und Auftritten kamen, sind es heute nur noch 19 Mitglieder. Das hat Konsequenzen für das Repertoire des Ensembles. „Männerchöre singen eigentlich vierstimmig“, erklärt der Vorsitzende Dieter Esse. Das sei nun nicht mehr möglich. „Wir haben schon Lieder umgeschrieben, um dreistimmig singen zu können. Wir singen deutsches Liedgut. Das gerät immer mehr in Vergessenheit.“
Kressin sieht die Gründe für den Rückgang der aktiven Sänger vor allem im stark angewachsenen Freizeitangebot heutzutage. Zudem würden sich die Leute nicht fest an einen Verein binden wollen.

Chöre ohne feste Vereinsstruktur sind im Kommen

Nach Auskunft des Niedersächsischen Chorverbandes bleibt die Anzahl der Sängergruppen trotzdem konstant. Einige Traditionschöre überaltern und lösen sich auf. Ein Grund dafür sei, dass sich zu spät um Nachwuchs gekümmert werde. Dafür bilden sich viele neue Ensembles. Pop-, Jazz- oder Gospelchöre ohne feste Vereinsstruktur seien im Kommen.
Die Chorgemeinschaft Stadthagen setzt auf digitale Methoden, um neue Sänger für sich zu gewinnen. „Über Laptop und Boxen spielen wir Hintergrundmusik ab und singen dazu vierstimmig. Das kommt immer besser an. Ich denke, dass das die Zukunft sein wird“, sagt Hans-Joachim Krause, Vorsitzender der Chorgemeinschaft.

Es ist schwierig, die richtigen Titel zu finden

Auch bei der Musikauswahl unterscheidet sich das Stadthäger Ensemble von den traditionellen Chören. Von Operette über Swing bis Schlager werde alles gesungen, erklärt Krause, betont aber auch: „Es ist verdammt schwierig geworden, die richtigen Titel zu finden, um sowohl junge als auch ältere Leute anzusprechen. Eine breit gefächerte Mischung ist wichtig.“
Der Erfolg seines Konzeptes spricht für sich. Im Januar dieses Jahres feierte der Chor sein 120-jähriges Bestehen. Der Präsident des Niedersächsischen Chorverbandes, Wolfgang Schröfel, übernahm die Ehrungen für langjährige Chormitgliedschaft. „Das ist für uns eine besondere Ehre gewesen“, freut sich der Vorsitzende.

Ein weiteres Erfolgsrezept liegt laut Krause in der Öffentlichkeitsarbeit. „Wir präsentieren uns und versuchen, überall aufzutreten. Beim ‚Fiskuß‘, auf dem Maifest oder im Kreisaltenzentrum sind wir regelmäßig.“ Durchschnittlich 15-mal im Jahr tritt das Ensemble auf. So konnte die Gemeinschaft im vergangenen Jahr drei Neuzugänge verzeichnen. Die 32 aktiven Sänger geben ihr nächstes Konzert anlässlich des Chor-Geburtstages am Sonntag, 29. Mai, im Schützenhaus Stadthagen. bit

Was tun gegen Nachwuchsmangel?

Chöre können einiges tun, um dem Nachwuchsmangel entgegenzuwirken. Wie der Niedersächsische Chorverband erklärt, komme es dabei vor allem auf Öffentlichkeitsarbeit an. Zusätzlich zu Konzerten und öffentlichen Auftritten sei eine eigene Internetseite mit besonderer Aufmachung und regelmäßiger Pflege wichtig.
An der Internetpräsenz sei zu erkennen, wie intensiv und variabel ein Chor arbeite. Zudem sei die Präsenz in der lokalen Presse einmal pro Quartal notwendig. Für zusätzliche Werbemaßnahmen könne der Chorbrief anstatt nur intern auch mal öffentlich verteilt werden.
Chorfreizeiten und Stammtische nach den Proben fördern die Gemeinschaft. Konzertbesuche, Workshops und Fortbildungen dagegen würden den Blick und die Erfahrung erweitern.
Weitere Tipps gibt es unter www.ndschorverband.de  bit

Die Mischung macht’s

Es ist schon so, dass wir ziemlich viele sind. Zu viele Mitglieder sind aber auch nicht gut“, meint Mathias Goedecke, Chorleiter von „Kreuz & Quer“ aus Probsthagen. Dieses Problem hätten wohl viele Schaumburger Ensembles gerne. 40 Sänger hat der Chor zu verzeichnen. Zwölf bis 13 Mitglieder im Alter bis 20 Jahre und 20 mittleren Alters. „Das ist sehr gemischt bei uns. Aber diese Struktur bleibt nur erhalten, wenn man älteren Sängern sagt ,Wir sind voll‘ und jüngere anwirbt. Das ist die Schwierigkeit, dass der Chor nicht überaltert“, erläutert der Stadthäger.
Dazu habe auch das vergangene Jugendchor-Projekt beigetragen. Zehn Wochen wurde gemeinsam für ein Konzert geprobt. Von den 14 neuen Teilnehmern seien am Ende zehn dauerhaft geblieben. „So etwas werden wir in Zukunft alle zwei bis drei Jahre anbieten, damit da eine Regelmäßigkeit reinkommt“, kündigt der Leiter an.

Musicals treffen auf afrikanische Lieder

Nicht nur das Ensemble von „Kreuz & Quer“ ist bunt gemischt, sondern auch das Repertoire, das die Sänger zu bieten haben. „Wir sind eigentlich ein traditioneller Kirchenchor. Aber wir singen nicht nur Kirchenlieder.“ Popmusik, Spirituals, Gospels, Filmmusik, Stücke aus Musicals und sogar afrikanische Lieder bringt die Gruppe auf die Bühne. Wichtig sei, dass es modern und musikalisch abwechslungsreich bleibt. So kommt es vor, dass auf ein „Halleluja“ auch mal „Happy“ von Pharrell Williams oder „Hanging Tree“ von Jennifer Lawrence trifft.
Bis zu 20 Vorstellungen im Jahr stellt der Chor auf die Beine – vom großen Open-Air-Konzert in Remeringhausen über Auftritte in der Kirchengemeinde bis zum Singen auf Hochzeiten. Teils mit Band, teils ohne.

Goedecke ist zufrieden mit der Entwicklung seines Ensembles, doch dass das Bestehen in der heutigen Chorlandschaft nicht ganz einfach ist, weiß er: „Ein Erfolgsrezept gibt es wohl nicht, man muss sich schon etwas einfallen lassen.“  bit

Projektchöre als neue Chance

Einfach mal mitmachen, ohne sich an einen Verein zu binden. Das kommt an. „Sing 4 you“ ist ein Chor der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Alle paar Jahre nehmen die Sänger rund um Leiterin Vera Spindel bei Chor-Projekten der Stiftung Creative Kirche in Kooperation mit der Evangelischen Kirche teil. Ab April geht es wieder los.

Jeder, der Lust zum Singen habe, könne mitmachen. „Normalerweise haben wir 17 bis 20 Mitglieder. Bei dem vergangenen Chor-Projekt hat sich die Zahl unserer Sänger dann verdoppelt“, berichtet die organisatorische Leiterin von „Sing 4 you“, Angelika Hiddessen. Ein Teil der Neu-Gewonnenen komme für die Zeit des Projekts sogar aus anderen Vereinen.
„Pop-Oratorium Luther“ heißt das aktuelle Projekt, das anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 bundesweit auf Tournee geht. Für jeden Aufführungsort, unter anderem auch Hannover, werden Sänger gesucht, die das Pop-Oratorium durch gemeinsame Proben vorbereiten.

1500 bis 2500 Sänger präsentieren sich in der Tui-Arena

Ein Dreivierteljahr werden die Sänger rund um Spindel gemeinsam proben. Teils innerhalb der Chorgemeinschaft in Stadthagen, teils mit allen mitwirkenden Ensembles in Hannover.
Den Abschluss des Projekts stellt eine Aufführung in der Tui-Arena dar. Aus mehreren Gruppen bildet sich dann der Projektchor. Die etwa 1500 bis 2500 Sänger präsentieren gemeinsam mit Orchester und diversen Solisten das Bühnenstück.

Laut Informationen des Veranstalters besteht das Werk aus 20 neu komponierten Liedern sowie traditionellen Chorälen. Die Stücke seien so angelegt, dass auch Laienchöre sie erlernen können. Jedes Chormitglied erhält eine Chorpartitur und optional eine Stimmen-Übungs-CD. So könne sich jeder Sänger auf die eigenen und die gemeinsamen Chorproben vorbereiten.
„Projektchöre an sich sind eine Chance, weil die Leute sich nicht so lange binden wollen. Außerdem ist es ein Anreiz, weil man so ein tolles Ergebnis am Ende hat“, meint Hiddessen. So bestehe die Möglichkeit, dass einigen Teilnehmern das gemeinsame Singen so gut gefällt, dass sie doch auf Dauer bleiben. bit

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