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Landkreis / Jakobskreuzkraut Gelbe Gefahr

Die Giftpflanze Jakobskreuzkraut breitet sich ungebremst auf Böschungen und Brachen im Landkreis aus. Ein Bericht.

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Pferde und Rinder mögen sie nicht, wenn sie noch auf der Wiese steht. Nur der Blutbär, eine Raupe, aus der ein Falter wird, lässt sich von ihrem Gift nicht beeindrucken. Gefährlich wird Jakobskreuzkraut für Pferde erst im Heu.

Quelle: Fotolia

Landkreis (wm). Für Reitställe und Pferdebesitzer ist es ein Teufelszeug: Jakobskreuzkraut. Die Giftpflanze gab es zwar schon immer, doch in den letzten beiden Jahren hat sich das Kraut geradezu explosionsartig vermehrt.
Jakobskreuzkraut ist ein langsamer Killer, denn die Alkaloide der Pflanze, mit der sie sich gegen Fressfeinde wehrt, reichern sich in der Leber der Tiere an, die sie fressen.

Noch vor wenigen Jahren galt die Hysterie um das Kraut als völlig übertrieben. Doch mittlerweile wird die Giftpflanze in Irland, England und der Schweiz als gefährlich eingestuft. Auch bei uns fängt man an, allmählich umzudenken.
Beim Landvolk Weserbergland in Hameln ist das Problem angekommen. Der stellvertretende Geschäftsführer Rainer Sander, selbst Pferdehalter, kennt die Gefährlichkeit der gelben Blüten. Er steige deshalb bei der Heuernte ziemlich häufig von seinem Trecker ab, reiße die Giftpflanze aus und stecke sie in eine extra Tüte. „Eine mühselige Arbeit“, sagt er, „aber es muss sein“. Schaumburgs Kreislandwirt Cord Lattwesen in Hohnhorst sieht die gelbe Invasion ebenfalls mit Sorge: „Da baut sich unheimlich etwas auf“. Das Problem sei lange unterschätzt worden.

Wer durch die Landschaft fährt und darauf achtet, sieht sie überall, die gelben Blüten, am Straßen- und Wegesrand, auf Brachflächen. Für den grandiosen Siegeszug von „Senecio jacobaea“ gibt es mehrere Ursachen: Das Kraut liebt extensive Landwirtschaft, Naturschutzflächen, Ausgleichflächen, Brachen und eben die Böschungen entlang der Straßen. Einfach deshalb, weil auf all diesen Flächen gar nicht, nicht regelmäßig und wenn, dann erst sehr spät gemäht wird. So kann sich die Pflanze ungebremst ausbreiten. Auch die milden Winter und der Klimawandel begünstigen das anspruchslose Kraut.

Besonders grotesk: Bis 2009 ist Jakobskreuzkraut in Regelsaatgutmischungen mit ausgesät worden, um Straßenböschungen und Bahndämme zu befestigen.

Jakobskreuzkraut verbreitet sich im wahrsten Sinne des Wortes im Fluge: Ähnlich wie Löwenzahn bilden sich nach der Blüte flugfähige Samen, die sich mit dem Wind verbreiten. Samen, die etwa ein Vierteljahrhundert keimfähig bleiben.
Es fast eine Ironie der Geschichte: Je ökologischer Landwirte arbeiten, desto besser gedeiht die Giftpflanze. So folgert dann auch der Landvolkpressedienst: „Das beste Mittel gegen Jakobskreuzkraut ist eine intensive Bewirtschaftung, ein dichter Bestand, denn in einer geschlossenen Grasnarbe kann sich das Kraut nicht durchsetzen.“

Hat sich das Kraut noch nicht zu stark verbreitet, können die einzelnen Pflanzen im Hausmüll entsorgt werden. Bei großen Flächen hilft nur noch Chemie, Mähen vor der Blüte und dann vernichten.
Der Naturschutzbund sieht das Jakobskreuzkraut ohnehin schon als Sieger und schreibt in einer Pressemitteilung: „Es ist illusorisch, anzunehmen, die weitere Ausbreitung der Pflanze könnte tatsächlich wirkungsvoll unterbunden werden, denn die Samen der Pflanzen, mehr als 100 000 je Pflanze werden über viele Kilometer verbreitet.“

Wie eine Fläche aussieht, die fast ausschließlich von Jakobskreuzkraut besiedelt ist, kann man in Hohenrode an den Kiesteichen betrachten. Der Naturschutzbund hatte auf einer dieser Flächen Esel weiden lassen. Die sind jetzt weg, weil der letzte Grashalm aufgefressen ist und das Risiko zu groß wurde, die hungrigen Tiere könnten sich an die Korbblüter heranmachen. Man werde gemeinsam mit den Tierhaltern überlegen, was auf der Fläche im nächsten Jahr geschehen soll, schilderte Nabu-Vorsitzender Nick Büscher auf Anfrage.

Jakobskreuzkraut hat dreizehn gelbe, schmale Blütenblätter in der Form der Blätter von Gänseblümchen, dabei kunstvoll gefiedert. Vom Hauptstängel zweigen weitere Stängel ab, die schließlich in die Blüten münden. Pflückt man den Hauptstängel, so hat man gleich einen kleinen Strauß in der Hand. Den in die Blumenvase zu stecken, wäre eine schlechte Idee. Auch hier warnt der Landvolk-Pressedienst: „Das Kraut sollte man nur mit Handschuhen anfassen“.
In der ersten Vegetationsphase, dem sogenannten Rosettenstadium schmeckt Jakobskreuzkraut sogar süßlich und wird von jungen Pferden gefressen. Später, als blühende Pflanze, meiden es Kühe und Pferde. Doch im Heu verliert die Pflanze ihre Bitterstoffe. Pferde selektieren nicht mehr. Aber die Giftstoffe bleiben im Heu.

Für Freizeitreiter stellt sich ein weiteres Problem: Weil sie für den Winter meist Heu zukaufen müssen, können sie nur hoffen, dass der Landwirt ihres Vertrauens die gelbe Pest im Blick hat und sich darum kümmert, dass kein Kraut im Heu landet. Am giftigsten sind die Blüten, weshalb spät geschnittenes Heu besonders problematisch ist, wenn es Jakobskreuzkraut enthält.

Das Tückische an der Sache: Nascht ein Pferd an einer Eibe, an einem Heckenschnitt, achtlos über einen Zaun geworfen, fällt es nach einer kurzen Zeitspanne tot um. Doch welcher Pferdehalter denkt schon sofort an eine Vergiftung durch Jakobskreuzkraut, wenn sein Ross Sonnenbrand auf der Nase hat, träge und kurzatmig wird, ein stumpfes Fell bekommt.

Eine Tierärztin in Köln hat als Erste den Zusammenhang erkannt. Ihr kam die Theorie vom Sonnenbrand spanisch vor, denn die Symptome waren dafür zu stark. Die Tierärztin entdeckte, dass Jakobskreuzkraut eine Überempfindlichkeit gegen UV-Strahlung, eine sogenannte Photosensibilität verursacht.

Wer im Internet surft, findet viele Horrorgeschichten zu diesem Thema. Mehrfach gab es schon Initiativen, die sich für eine Melde- und Bekämpfungspflicht eingesetzt haben, wie sie in der Schweiz eingeführt worden ist. Bisher vergeblich.
Dr. Helmut Wiedenfeld vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn forscht seit mehr als 20 Jahren über die gefährlichen Inhaltsstoffe von Kreuzkräutern und ihren Verwandten und sagt: .„Wir müssen die Pflanze mit aller Macht bekämpfen“.

Der Naturschutzbund Niedersachsen sieht das naturgemäß anders. Er verweist in einer Pressemitteilung zum Thema auf den „Blutbären“, einen Falter, dessen Raupe sich von der Pflanze ernährt. Die wird dadurch übrigens so giftig, dass sich kein Vogel an ihr vergreift.

Auch bei uns sind Pferdebesitzer inzwischen aufmerksam geworden und lassen vermehrt Lebertests bei ihren Pferden machen, bestätigen heimische Tierärzte. Tierarzt Eckhard Marten, der selbst einen Reiterhof in Diedersen betreibt, kann nur allen Pferdebesitzern empfehlen, was er selbst auch tut: Über die Wiesen gehen und die Giftpflanze ausgraben.

Dass Jakobskreuzkraut für Pferde, Kühe und andere Tiere toxisch wirkt, sei unbestritten. Doch gebe es keine gesichertens Zahlen darüber, wie viele Tiere jährlich an einer Vergiftung durch Jakobskreuzkraut sterben, schildert Dr. Sabine Aboling, Expertin für Tierernährung an der tierärztlichen Hochschule in Hannover auf Anfrage.

Ein Hinweis auf eine mögliche Vergiftung durch Jakobskreuzkraut sei ein hoher Leberwert, doch wisse man damit noch nicht, wie viel, also welche Dosis die Pferde aufgenommen haben. Welche Dosis sich letztlich letal auswirkt, sei bisher nur in einem Tierversuch ermittelt worden.

Für Rinderhalter stellt sich das Problem noch nicht so dramatisch, denn Rinder kommen mit zwei Jahren zum Schlachter. Milchviehhalter wiederum pflegen ihre Weiden meist intensiv, da kommt Jakobskreuzkraut nicht massenweise hoch wie auf extensiven Weiden. Doch Kreislandwirt Lattwesen warnt, breite sich das Kraut weiter in diesem Tempo aus, könnte es auch für Rinder zum Problem werden: „Die Konzentration, die Menge macht das Gift“.

Ist es auch für Menschen gefährlich? Das ist umstritten. Bei Fleisch und Milch ist das wohl noch kein Problem. Selbst wenn einzelne Kühe zu viel Jakobskreuzkraut fressen sollten, würden die Giftmengen in der Molkerei auf homöopathische Dosen verdünnt. Anders beim Honig. In Großbritannien sind die Alkaloide der Pflanze bereits in Honig nachgewiesen worden.

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