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Gleich und doch nicht gleich

Thema des Tages: Gleichgeschlechtliche Ehen Gleich und doch nicht gleich

Seit zwölf Jahren können Schwule und Lesben in Deutschland eine Lebenspartnerschaft eingehen. Auch Olaf und Volker Gutzeit haben sich vor sechs Jahren für die sogenannte „Verpartnerung“ entschieden. Gemeinsam mit ihren Hunden und Kater Max leben sie in Lindhorst ihr ganz normales Familienleben.

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Seit 2001 können Schwule und Lesben ihre Beziehung amtlich eintragen lassen. In Schaumburg haben seit 2012 18 Paare den Schritt ins Standesamt gewagt.

Quelle: dpa

Von Katharina Grimpe

Als Frank Sinatra im Standesamt aus den Lautsprecherboxen sein „My Way“ singt, ist wohl allen Hochzeitsgästen klar, dass es genau das ist, was Volker und Olaf Gutzeit wollen: Den eigenen Weg gehen, das eigene Leben leben und zu dem stehen, wie sie fühlen – die Liebe zu Männern, zueinander.

Die beiden Lindhorster gehören zu den 34 000 homosexuellen Paaren in Deutschland (Stand 2011), die in einer sogenannten gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft leben. Seit 2001 haben Schwule und Lesben die Möglichkeit, ihre Beziehung amtlich eintragen zu lassen. In Schaumburg haben 18 Paare seit 2012 den Weg ins Standesamt gewagt.

Auch Olaf und Volker Gutzeit wollten ihre langjährige Beziehung offiziell machen, wenn „auch mehr aus rationalen denn aus romantischen Gründen“, erklärt Olaf Gutzeit. Sie sind fast zehn Jahre ein Paar, als Olaf 2006 erkrankt und seinen Job im Management eines Unternehmens aufgeben muss. Da sei ihm klar geworden, dass er seinen wesentlich jüngeren Partner absichern will. Das gemeinsame Haus und das finanzielle Polster sollten zu hundert Prozent an Volker übergehen, sollte ihm selbst etwas passieren. „Über ein Testament ist das nicht möglich, aber über eine Heirat“, sagt der 52-Jährige, der mit seinem Mann, den beiden Hunden Luna und Janos und Kater Max in Lindhorst lebt.

„Es war eine Vernunftheirat“, berichtet auch Volker, die Liebe habe da zunächst nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Überhaupt habe es einige Zeit gedauert, bis aus den beiden Freunden ein Paar geworden ist. „Wir haben uns 1992 kennengelernt, da war Volker erst 20 und viel zu jung für mich“, erinnert sich Olaf lachend. Vier Jahre später habe es dann gefunkt, wenn zunächst auch nur körperlich. „Die Liebe ist dann ganz langsam gewachsen und irgendwann war klar, dass ich ihn nicht mehr gehen lassen wollte“, sagt Olaf. – Eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen, schließlich haben beide Männer ihre Homosexualität bis zu diesem Zeitpunkt nicht in der Öffentlichkeit ausgelebt. Erst als die Beziehung fester wurde, hätte auf einmal die Frage im Raum gestanden: „Wie sag ich’s den anderen?“

Das gemeinsame Coming-Out, die Tatsache, dass es für beide die erste offen gelebte homosexuelle Beziehung ist, habe sie noch fester zusammenwachsen lassen, meint Olaf. Dabei war der Anfang nicht immer einfach. „Noch in den Neunzigern war Schwulsein auf dem Land tabu“, erklärt er. Anfeindungen und handfeste Bedrohungen seien an der Tagesordnung gewesen, bei Olaf ging das bis zu roher Gewalt. „Ich wurde zweimal krankenhausreif geschlagen.“ – Erfahrungen, unter denen beide heute noch leiden. „Aber mittlerweile fühlen wir uns gut integriert und akzeptiert“, sagt Volker. Vor allem in der Nachbarschaft fühlt sich das Paar zu Hause und berichtet begeistert vom Überraschungs-Empfang der Nachbarn am Tag der Hochzeit. „Die warteten vor dem Standesamt mit Reis und Sekt, das war einfach toll.“

Ihr gemeinsames Leben führen Volker und Olaf wie eine ganz normale Familie, nicht erst seit der Hochzeit. „Wir leben in der klassischen Rollenverteilung“, beschreibt Olaf augenzwinkernd und Volker nickt schmunzelnd. Volker kümmere sich um Haushalt, Küche, den strukturierten Tagesablauf – sprich alle wichtigen Entscheidung, „wie eine Ehefrau eben“. Wie in einer klassischen Ehe habe er Olaf im Job den Rücken frei gehalten und seinem Partner auch während der vielen

Krankenhausaufenthalte beigestanden. Beide genießen es, sich kleine Fluchten aus dem Alltag zu gönnen, alles stehen und liegen zu lassen, um mit Picknickkorb ausgerüstet und den Hunden im Schlepptau einen Tag am See zu verbringen. „Wie in einer normalen Ehe versuchen wir, immer etwas für unsere Beziehung zu tun“, sagt Olaf. Die Tatsache, dass beide keine Kinder haben, mache es dem Paar leichter, sich aus dem Alltag für ein paar Tage zurückzuziehen.

Die Tatsache, dass beide kinderlos sind, mache ihnen aber auch schmerzlich bewusst, dass sie trotz aller Bemühungen der Gleichstellung eben doch keine normale Familie sind und noch lange nicht die gleichen Rechte wie heterosexuelle Eheleute haben. Der Wunsch, ein Kind in Pflege zu nehmen, habe sich nicht realisieren lassen. „Das Jugendamt hat uns knallhart gesagt, dass für uns schwerbehinderte, schwererziehbare oder HIV-infizierte Kinder in Frage kommen“, erinnert sich Olaf. Für beide sei das ein Schlag ins Gesicht gewesen. „So auf seine sexuelle Neigung reduziert zu werden, war ganz schlimm“, betont Volker. Auch Olaf bedauert, keine Möglichkeit zu haben, seine Werte und Ansichten an die nächste Generation weitergeben zu können. „Wir sind Auslaufmodelle.“

Umso mehr genieße das Paar die Zeit mit den Hunden: „Sie sind unsere Kind-Kompensation“, meint Volker mit einer großen Portion Selbstironie und lacht.

Der mühsame Weg zu mehr Gleichstellung

Etwas sperrig ist der Begriff, unter dem in Deutschland zwei Menschen gleichen Geschlechts eine rechtlich abgesicherte Verbindung eingehen können: die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“.

Umgangssprachlich oft als „Homo-Ehe“ bezeichnet, ist dieses Rechtsinstitut in großen Teilen der Zivilehe ähnlich. So sind gleichgeschlechtliche Paare zum Beispiel beim Unterhalts-, Güter-, Erb-, Grunderwerbs- und seit Kurzem auch beim Steuerrecht mit Ehegatten gleichgestellt.

Der Weg zur „Eingetragenen Lebenspartnerschaft“ in der heutigen Form war freilich steinig. Erste juristische Vorstöße, dem verbindlichen Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare einen rechtlichen Rahmen zu geben, kamen erst 1994 aus dem FDP-geführten Justizministerium. Auf Betreiben von Grünen und SPD trat am 1. August 2001 das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft. Lesben und Schwule spotteten damals freilich, jetzt habe man zwar alle Pflichten wie in einer Ehe, aber nicht dieselben Rechte. Gesetzesanpassungen in den Jahren 2003 und 2005 sorgten in Teilen für deutliche Verbesserungen.

Erst im Juni 2013 allerdings bewirkte das Bundesverfassungsgericht eine Gleichstellung im Steuerrecht mit dem so genannten Ehegattensplitting. Karlsruhe definierte die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ als „eine auf Dauer angelegte Verantwortungsgemeinschaft“ – genau wie eine Ehe. Aus diesem Grunde müssten die Partner einer „Eingetragenen Lebenspartnerschaft“ wie Ehepartner vom Splitting bei der Einkommenssteuer profitieren.

Eine wichtige offene Baustelle, die bei gleichgeschlechtlichen Partnern zu viel Protest führt, ist das Adoptionsrecht. Zwar können Lesben und Schwule ein Kind annehmen, das ihr jeweiliger Partner zuvor bereits adoptiert hatte. Auch das leibliche Kind eines Partners darf angenommen werden. Nach wie vor ist es aber so, dass Lebenspartner ein Kind nicht gemeinsam adoptieren dürfen.

Das gilt, obwohl das Bundesverfassungsgericht in mehreren dem Streitgegenstand benachbarten Urteilen angedeutet hatten, dass dies verfassungswidrig sei. Die Karlsruher Richter sagten im Februar 2013, es sei davon auszugehen, „dass die behüteten Verhältnisse einer eingetragenen Lebenspartnerschaft das Aufwachsen von Kindern ebenso fördern können wie in einer Ehe“. Die Richter begründeten dies mit Sachverständigengutachten, nach denen solch eine Adoption geeignet ist, auf das Kind „stabilisierende entwicklungspsychologische Effekte zu entfalten“.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte während des Bundestagswahlkampfes Mitte September, eine von ihr geführte Bundesregierung werde von sich aus Homosexuellen nicht ein volles Adoptionsrecht gewähren. Das Bundesverfassungsgericht habe zu dieser Frage nämlich direkt noch kein Urteil gefällt.  ssr

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