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Von Sauberen und reinen Nahrungsmitteln: "Clean Labeling" Guten Appetit …

Der Trend, auf Produktverpackungen für eine besondere Güte zu werben, geht in letzter Zeit vor allem dahin, auf die Abwesenheit bestimmter Stoffe aufmerksam zu machen. Doch „Ohne Konservierungsstoffe“ heißt nicht gleich ohne Zusatzstoffe. Verbraucher sollten sich nicht von den „sauberen Etiketten“ täuschen lassen.

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Glutamat ist ein geschmacksverstärkender Zusatzstoff in Lebensmitteln. Viele Lebensmittelhersteller drucken auf ihren Verpackungen, dass ihr Produkt ohne Zusätze sei. Doch meist sind diese nur gut versteckt.

Von Maike Schaper

Der kritische Supermarkteinkäufer weiß, dass eine einzelne Kuh in idyllischer Almkulisse nicht den Milchbedarf für Millionen von Verbrauchern decken kann. Es ist kein Geheimnis, dass die romantischen Landschaften und appetitlich von Food-Designern arrangierten Bilder den Verbraucher zum Kauf eines Produkts animieren sollen. Aber nicht nur mit schönen Bildern, auch mit besonders gut klingenden Inhalten werben Hersteller gern. Da heißt es auf der einen Verpackung „Ohne künstliche Geschmacksverstärker“, auf einer anderen wird mit der Freiheit von Farb- und Konservierungsstoffen geworben. Diese von den Herstellern selbst gemachten „Clean Label“ (deutsch: „Saubere Etiketten“) suggerieren dem Verbraucher, gezielt, dass es sich bei dem Lebensmittel, das er gerade in den Händen hält, nicht um ein überwiegend chemisch, sondern ein möglichst „natürliches“ Produkt handelt. Das ist auch Silke Jonasson (47) aus Hameln wichtig. Sie achtet im Gegensatz zu ihrer neunzehnjährigen Tochter Lucie Baum sehr auf die Beschriftungen von Verpackungen. „Ich kaufe solche Produkte schon mit einem besseren Gewissen“, sagt sie.

 Doch Vorsicht: Die Verbraucherzentralen bezeichnen diese Auszeichnungen gern als Taschenspielertricks. Denn bei den betreffenden Produkten werden die künstlichen Stoffe einfach durch andere Zutaten ersetzt, die eine ähnliche Wirkung haben, jedoch gesetzlich nicht als Zusatzstoffe gekennzeichnet werden müssen.

 Das beste Beispiel hierfür ist das weitgehend für unsympathisch gehaltene Glutamat. Kritiker sehen im Glutamat eine Art „Rauschgift“, das zwar nicht high macht, aber künstlich Appetit erzeugt und somit in Verbindung mit Übergewicht gebracht wird. Bei sensiblen Menschen steht es übrigens auch im Verdacht, Migräne zu erzeugen („China-Restaurant-Syndrom“). Doch ein Produkt, das damit wirbt, dass in ihm keine Geschmacksverstärker enthalten sind, enthält dafür meist Hefeextrakt. Bei 90 Prozent der von der Verbraucherzentrale untersuchten Produkte, bei denen das Fehlen von Glutamat ausgelobt wurde, fand sich Hefeextrakt in der Zutatenliste. Das verführerisch riechende Pulver ist zwar gesetzlich kein Geschmacksverstärker, enthält aber tatsächlich auch Glutamat. Es handelt sich dabei rechtlich um eine Lebensmittelzutat und keinen Zusatzstoff, sodass die Etikettierung „ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe“ objektiv zutreffend und lebensmittelrechtlich nicht zu beanstanden ist. Was hingegen die Täuschung der Verbraucher betrifft, muss jeder Kunde selbst entscheiden. „Die Industrie guckt sehr genau, wie weit sie gehen kann“, sagt die Hamelner Diplom-Ökotrophologin Antje Müller. Mit der Unsicherheit der Verbraucher zu spielen, findet sie „dreist.“ „Die Anwesenheit von Hefeextrakt ist für die Industrie auch ein Grund, weniger gute Zutaten zu verwenden, denn es wird ja allein schon durch das Pulver appetitlicher“, so die Ernährungsexpertin.

Zu den häufigsten beim „Clean Labeling“ eingesetzten Deklarationen gehört an erster Stelle das Versprechen der fehlenden Konservierungsstoffe, gefolgt von der Freiheit von Geschmacksverstärkern. Andere beliebte Aufdrucke beziehen sich auf die besondere Natürlichkeit oder Abwesenheit von Farbstoffen und Aromen. Genau wie bei den Geschmackverstärkern, werden auch Farbstoffe durch färbende Lebensmittel ersetzt und damit geschickt „versteckt“. Der Kirschjoghurt wird fruchtiger, indem ihm Rote-Bete-Saft zugesetzt wird. Und wer gern knabbert, der mag enttäuscht sein, dass das Grün seiner Wasabi-Erdnüsse nicht von der scharfen asiatischen Paste herrührt, sondern von Algenpulver. Zwar sind das keine Zutaten, die beim Verbraucher gleich die Alarmglocken schlagen lassen sollten, trotzdem sollte er wissen, dass sein Essen farblich „aufgehübscht“ wurde, auch wenn ein Aufdruck auf dem Deckel suggeriert, dass es nicht so sei. In diesen Fällen nutzen die Hersteller, dass sie zwar den eingesetzten Rote-Bete-Saft, der den Joghurt so schön rot macht, in der Zutatenliste angeben müssen, ihn aber nicht zwangsläufig als Farbstoff deklarieren müssen, wenn er noch andere „technologische“ Eigenschaften besitzt.

 Das Gleiche gilt für die Konservierungsstoffe. Wenn ein Stoff mit konservierender Wirkung aus einem aromatisierenden Grund eingesetzt wird, darf der Aufdruck „ohne Konservierungsstoffe“ verwendet werden. Besonders Konservierungsstoffe werden in der Zutatenliste gern durch Säuerungsmittel ersetzt. Diese können zwar ebenfalls vor dem Verderb schützen, ihr saurer Geschmack muss aber häufig zusätzlich mit Zucker oder Süßstoff übertüncht werden. Zum Beispiel kann die konservierend wirkende Citronensäure (E 330) als Antioxidationsmittel oder als Säuerungsmittel deklariert werden. Sie senkt aber genauso wie Milchsäure auch den ph-Wert des Lebensmittels und trägt damit zur Verzögerung des Verderbs bei.

 Der Hersteller kann sich übrigens aussuchen, ob er bei Zusatzstoffen die E-Nummer (beispielsweise E 330) auf der Verpackung angibt oder den Namen mit der dazugehörigen Funktionsklasse (Säuerungsmittel: Citronensäure). Antje Müller gibt hierbei zu bedenken, dass „frei von Konservierungsstoffen nicht gleich frei von Zusatzstoffen“ bedeutet. „Die Aussagekraft des Labels ‚keine Zusatzstoffe‘ ist relativ gering.“ Manche Hersteller überdrehen das Rad sogar ein bisschen: Sie weisen auf ihren Verpackungen darauf hin, dass ein bestimmter Stoff nicht in ihrem Produkt sei. Kann er auch nicht, denn er ist gesetzlich verboten. Infolgedessen ist dieser Stoff auch in keinem Konkurrenzprodukt enthalten. Der eine Hersteller spricht nicht darüber, der andere wirbt damit offensiv.

 Weder das „Clean Labeling“ an sich noch die dazugehörigen Werbeslogans sind bislang gesetzlich definiert. Die Verbraucher allerdings erwarten wahre Aussagen sowie eine höhere Qualität als bei vergleichbaren Produkten ohne „Clean Label“. Die Bewertung der Verbraucherzentralen ist klar: Sie halten „Clean Labeling“ für ein überflüssiges Marketinginstrument. Bei so gekennzeichneten Lebensmitteln ist für sie eine höhere Produktqualität nur selten erkennbar. Die Lebensmittel seien nicht unbedingt besser oder enthalten weniger Zusatzstoffe als Lebensmittel ohne entsprechende Hinweise – zumal Hersteller oft mit Selbstverständlichkeiten werben würden. Auch kreiden die Verbraucherschützer an, dass man in Verbindung mit den „sauberen Etiketten“ auch Slogans wie „100 Prozent Natur“ oder „natürlich“ findet. Dadurch werde Ursprünglichkeit vorgegaukelt. Inhaltlich hieße das aber rein gar nichts, denn in den langen Zutatenlisten seien trotzdem verarbeitete Zutaten enthalten – wie zum Beispiel Aromen oder Antioxidantien. Schließlich machen die Verbraucherzentralen darauf aufmerksam, dass die Kunden nicht über ein umfassendes technologisches oder lebensmittelchemisches Detailwissen verfügen.

Dass Nahrungsmittel haltbar gemacht werden, ist an sich nichts Schlechtes. Schon Oma hat Essig und Öl an ihren Kartoffelsalat getan, und gepökeltes Fleisch liefert eine haltbare Proteinquelle. Tatsächlich kommen auch viele zugelassene Zusatzstoffe durchaus in der Natur vor. Und das sogar in teils hohen Dosen. Die beliebte italienische Küche basiert zu großen Teilen auf Lebensmittelzutaten mit hohen Glutamat-Gehalten. Dazu gehört in erster Linie der Parmesan, in geringeren Mengen auch Tomaten, Pilze und Thunfisch. Doch weist Müller darauf hin, dass solche stark glutamathaltigen Lebensmittel wie Parmesan bei einem normalen Ernährungsverhalten nur in kleiner Menge gegessen werden.

 Konsumenten hinterfragen zunehmend, was sie essen. Doch schön designte Aufschriften geben den Verbrauchern auch keine Sicherheit, ein wirklich gutes Produkt in Händen zu halten. Diplom-Ökotrophologin Müller rät dazu, immer skeptisch zu sein, bei Produkten, die besonders laut werben. „Für mich ist das ,Clean Label‘ noch mal ein Grund, besonders genau hinzuschauen.“ Die Alternative klingt abgedroschen, ist aber nach wie vor gültig: Frische und möglichst unverarbeitete Lebensmittel kaufen, selbst kochen und mit natürlichen Zutaten würzen. Wichtiger als das saubere Etikett ist beim Einkaufen tatsächlich der Blick auf die Zutatenliste. „Je mehr ich nachschlagen muss, um herauszufinden, was in einem Produkt drin ist, desto schlechter ist es“, sagt Müller.

 Der Trend, auf Produktverpackungen für eine besondere Güte zu werben, geht in letzter Zeit vor allem dahin, auf die Abwesenheit bestimmter Stoffe aufmerksam zu machen. Doch „Ohne Konservierungsstoffe“ heißt nicht gleich ohne Zusatzstoffe. Verbraucher sollten sich nicht von den „sauberen Etiketten“ täuschen lassen.

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