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Gutes Futter – böses Futter

Thema des Tages Gutes Futter – böses Futter

Rotkehlchen brauchen nach einer eiskalten Winternacht sofort ein gutes Frühstück. Bei Frost und Schnee ist das aber oft nur schwer zu finden, es sei denn, Menschen haben Futterplätze für Vögel eingerichtet. Ab wann man aber füttern soll, wie viele Körner und Früchte man auslegt und schließlich: Ob man den Vögeln und dem Naturschutz damit hilft, darüber herrscht Uneinigkeit. Die einen fordern Vogelfütterungen rund ums Jahr, die anderen würden glatt ganz auf ein menschliches Einmischen verzichten.

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Quelle: pr.

Von Cornelia Kurth

Es sei notwendig und unsere moralische Pflicht, die Vögel ganzjährig zu füttern. So plädiert der führende Ornithologe Peter Bertold in einem Interview, das im vergangenen Jahr geradezu für einen Aufruhr in der Naturschutzszene sorgte. Wir Menschen hätten den Vögeln ihre natürliche und mit Nahrung reich versehene Umwelt genommen, sagt Berthold, also müssten wir anderweitig dafür sorgen, dass sie überleben können. „Nein, das sollten wir eher nicht tun“, hält Matthias Füller, Geschäftsführer der Biologischen Station Lippe dagegen. „Mit übermäßigem Füttern domestizieren wir unsere heimischen Vögel und machen sie auf gefährliche Weise abhängig vom Menschen.“
 Mit dieser Einschätzung steht Füller, der auch Mitglied in der Ornithologischen Arbeitsgruppe der Biologischen Station ist, nicht alleine da. Nick Büscher vom Vorstand des Naturschutzbundes (Nabu) Niedersachsen geht mit ihm konform und vertritt dabei die Einschätzung des Nabu insgesamt: „Man muss sehen, dass Vogelfütterungen nur indirekt etwas mit dem Naturschutz zu tun haben“, sagt er. „Das Füttern verhindert eine natürliche Auslese und kann Vogelarten im Extremfall eher schwächen als stärken. Die Natur hat nichts davon, wenn Tiere überleben, die eine erfolgreiche Aufzucht von Jungvögeln gar nicht leisten können.“
 Das klingt hart. Soll es denn wirklich sinnlos sein, hungernde, frierende Vögel ihrem Winterschicksal zu überlassen? Hat Ornithologe Berthold recht, wenn er Naturschützern vorwirft, sie würden den Vogelschutz rund ums Futterhäuschen als „Piepmatzologie“ herabsetzen und dabei in Kauf nehmen, dass die Vogelvielfalt immer weiter abnimmt? Sein Argument für ein intensives Füttern liegt vor allem in den seit den fünfziger Jahren von Grund auf veränderten Umweltbedingungen. Wo den Vögeln damals noch Wildkräuter mit einer Million Tonnen Samen zur Verfügung gestanden hätten, gebe es heute überwiegend Monokulturen. Er verweist auf England, wo Vögel seit jeher ganzjährig gefüttert würden und eine entsprechend höhere Artenvielfalt zu verzeichnen sei.
 „Oh, man darf unsere Argumente gegen das ganzjährige Füttern nicht missverstehen“, sagt Büscher. Ihm stimmen Füller und der dazu befragte Forstamtsleiter von Hessisch Oldendorf, Christian Weigel, zu. Es gehe nicht darum, niemals zu füttern, sondern nur dann Körner und Samen bereitzustellen, wenn widrige Wetterverhältnisse, also starker Frost und Schnee, den Rotkehlchen, Meisen, Amseln oder Zaunkönigen das Überleben erschweren. „Man möchte ja vielleicht auch einfach den Vögeln des eigenen Gartens das Leben retten“, sagt Füller. „Ich füttere meine Vögel, ich habe eine Verbindung zu ihnen und will sie weiter in meiner Nähe wissen. Die gesamte Vogelart betrifft so ein Verhalten nicht, wohl aber so manchen einzelnen Vogel.“
 Die Beziehungsebene ist es auch, und nicht die Naturschutzebene, auf die unter anderem der Nabu seinen Schwerpunkt legt. „Wo Meisenringe hängen und Futterglocken, wo Vogelhäuschen aufgestellt sind, da gibt es immer was zu beobachten“, sagt Büscher. „Wir bauen sogar Futterstellen auf Streuobstwiesen auf, einfach deshalb, weil das ein guter Ort ist, an dem Kinder einen der Lebensräume von Vögeln kennenlernen.“ Im Sommer hört man die Singvögel zwar, man bekomme sie aber kaum richtig zu sehen. Im Winter aber kämen sich Menschen und Vögel viel näher, was oft dazu führe, dass sich die Menschen vermehrt Gedanken darüber machen, auf welche Weise sie eine natürliche Umwelt unterstützen können.
 Hans Arend vom Nabu Hameln-Pyrmont betont, wie wichtig ein wilder Garten für die Vogelwelt und ihr Überleben sei. „Ein vogelfreundlicher Garten sollte nicht nur aus Rasenfläche und Koniferen bestehen“, sagt er. Es müsse Ecken geben, wo Holz und Laub liegen bleiben, als Unterschlupf für Insekten, die einigen Vögeln auch im Winter als Nahrung dienen. Fruchtstände solle man nicht gleich abschneiden, sondern über den Winter stehen lassen, an Obstbäumen nicht alle Früchte abnehmen und überhaupt Beeren tragende Hecken, die seien ein Muss. „Auch ein Teich wäre toll oder wenigstens eine kleine Tränke, damit Vögel trockenes Futter besser aufnehmen können.“
 Insgesamt sei es ein großes Problem für die heimische Vogelwelt, dass insektenfressende Vögel am meisten Mangel leiden. „Erinnern Sie sich noch, wie man beim Autofahren im Sommer ständig die Scheiben von Insekten befreien musste?“, fragt er. „Das gibt es doch kaum noch.“ Efeu im Garten, auch Insektenhotels und besagte Unaufgeräumtheit, das seien kleine Möglichkeiten, den Umweltveränderungen etwas entgegenzusetzen. Das gelte übrigens nicht nur für die Winterzeit, sondern ebenso für Frühling und Sommer, wo die Tiere eiweißreiche Nahrung zur Aufzucht ihrer Brut benötigten.
 Forstamtsleiter Weigel argumentiert ähnlich: „Besser, als den Vögeln eine ,unnatürliche‘ Futtersuche anzutrainieren ist es, auf Gifteinsatz im Garten zu verzichten und auch die eine und andere Raupe an den Früchten zuzulassen“, sagt er. „Die Vögel, die wir mit Körnern füttern, gehören ja kaum zu den gefährdeten Arten. Gefährdet ist zum Beispiel der Gartenrotschwanz, der nur Insekten frisst. Der findet nicht mehr genug Kraftnahrung, um den Weg über die sich immer weiter ausbreitende Sahara zu überstehen. Ich fürchte, solchen Vögeln, die am meisten Hilfe brauchen, denen ist am schwersten zu helfen.“
 Wenn man denn aber füttern wolle, dann müsse man es auf vernünftige Weise tun. Und da gibt es immerhin eine Sache, bei der Forstamtsleiter, Nabu-Vertreter und Matthias Füller von der Biologischen Station Lippe mit dem Ornithologen Peter Berthold übereinstimmen: Damit die Winterfütterung einen Sinn hat, darf man nicht erst dann damit beginnen, wenn die Not schon eingesetzt hat. „Wenn Sie nur bei Frost füttern, ist das so, als wenn ein Wirt fünf vor zwölf ein Schild am Gasthaus anbringt, auf dem steht ,Hier Mittagstisch‘“, erklärt Bertold in seinem Interview von 2013. Dazu sagt Weigel: „Die kleinen Arten müssen ihre hohe Körpertemperatur die ganze dunkle, kalte Nacht hindurch aufrechterhalten. Sie besitzen keine Fettreserven, und wenn sie da nicht schnell was zu fressen finden, haut es sie vom Schemel.“
 Also: Was auch immer man von einer ganzjährigen Fütterung halten mag, die Winterfütterung jedenfalls sollte bereits im Herbst beginnen, damit die Vögel wissen, wo sie im Fall des Falles fündig werden. „Und wer füttert, übernimmt auch Verantwortung und muss konsequent bleiben“, sagt Weigel. „Da kann man nicht mal was hinlegen und dann wieder nicht. Schon ein einziger eiskalter Tag ohne sichere Futterquelle bedeutet für die kleineren Vögel das Ende.“
 Da es hierbei vor allem auf den Energieträger Fett ankommt, sollte man nicht nur Körnerfutter anbieten, sondern ebenso Rinder- oder Schafstalg, wie er zum Beispiel in Futterglocken und Meisenringen enthalten ist. Für die Weichfutterfresser eignen sich Früchte und Rosinen. Bei all dem muss die Futterstelle vor Regen geschützt sein, damit Körner und Samen nicht aufquellen und einen Nährboden für Krankheitserreger bilden. Lieber weniger aber regelmäßig füttern. Essensreste kommen nicht in Frage, weder Brot, das im Vogelmagen aufquillt, noch gesalzene Speisen.
 „Der Streit rund um die Vogelfütterung wird sich wohl nicht so schnell entscheiden“, sagt Füller. „Ich meine aber, unsere Umwelt ist nicht dazu da, uns einen Freilandzoo zu bieten. Was wir im Auge haben müssen, sind Schutzräume, die nur für die Tiere da sind, nicht für das Vergnügen der Menschen.“

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