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Hab und Gut aufs Spiel gesetzt

Thema des Tages Hab und Gut aufs Spiel gesetzt

Schon die alten Ägypter, Römer oder Germanen waren leidenschaftliche Glücksspieler. Beweise dafür gibt es zuhauf – immer wieder finden Archäologen altertümliche Spielgegenstände auf Baustellen. Ein gut 2000 Jahre alter Metallwürfel, der im Rintelner Industriegebiet Süd entdeckt wurde, gibt auch Aufschluss über damalige Handelsbeziehungen verfeindeter Lager.

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Fünf Augen auf der einen Seite, zwei auf der anderen. Am Ende ergeben die gegenüberliegenden Seiten immer sieben Augen. Ein Würfel, wie man ihn auch heutzutage kennt, nur ist dieser gut 2000 Jahre alt.

Quelle: cok

Von Cornelia Kurth

Sie waren leidenschaftliche Glücksspieler, die alten Germanen, geradezu spielsüchtig, wenn man dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus glauben darf. Das Würfelspiel hatte es ihnen angetan, bei dem sie bereit waren, auf Sieg oder Niederlage all ihr Hab und Gut und sogar ihre Freiheit einzusetzen. So begehrt und geachtet war das Spiel, dass man in manchen germanischen Urnengräbern Würfel sogar als Grabbeigabe findet, auch in Frauengräbern übrigens.
 Der kleine Metallwürfel allerdings, den man bei Ausgrabungen einer wohl um die 2000 Jahre alten Germanensiedlung im Rintelner Industriegebiet Süd aufspürte, lag in einer Abfallgrube. Ob ein unglücklicher Verlierer ihn wohl in verzweifelter Wut dort hineingeschleudert hatte?
 Landesarchäologe Friedhelm Wulf muss lachen über diese Frage. „Auf was für Ideen Laien so kommen“, sagt er. Und dann: „Na ja, wer weiß. Tatsache ist: Der Würfel hat eine Kantenlänge von 1,2 Zentimetern und besteht zu 63 Prozent aus Blei, zu neunzehn Prozent aus Zinn. Zwölf Prozent des Materials sind Kupfer und den Rest konnte man nicht eindeutig analysieren. Damit ist klar, dass es sich um einen römischen Würfel handelt. Die Germanen hätten niemals so viel Blei verwendet.“
 So weit nüchterne Fakten, die beim Laien gleich neue Fragen aufwerfen. Germanen spielten mit römischen Würfeln? „Aber sicher“, so der Archäologe. „Römer und Germanen haben sich nicht nur bekämpft, sie handelten auch miteinander, das beweisen unter anderem römische Münzen, die sich ebenfalls in unserer Gegend finden lassen.“ Es sei mehr als wahrscheinlich, dass die Germanen sich das Würfeln von den Römern abgeschaut hätten. „Es gab ja enge Kontakte zwischen den Stammeseliten und den Römern. Jedenfalls ist es abwegig zu meinen, die Germanen, die keine eigene Schrift besaßen, hätten ohne Anregung von außen Würfel erfunden, die genau wie es heute auch üblich ist, sechs Seiten besitzen mit ,Augen‘, die sich so gegenüberliegen, dass sich jeweils die Summe Sieben ergibt.“
 Die Römer waren offensichtlich nicht viel weniger besessen vom Würfelspiel als die Germanen und natürlich schon sehr viel länger. Schon Cato hielt es für nötig, dem Volk zuzurufen: „Bürger, flieht das Glücksspiel!“ Cicero soll ebenfalls dem Würfeln verfallen gewesen sein, von Kaiser Nero ganz zu schweigen. Der Satiriker Juvenal berichtet empört, dass die Senatoren sogar während ihrer Sitzungen spielten. Und Dichter Horaz erzählt von einem Diener, dessen einzige Aufgabe darin bestand, für seinen Herrn zu würfeln, da dieser unbedingt spielen wollte, obwohl seine gichtkranken Hände den Würfelbecher nicht mehr halten konnten. Aus der Bibel weiß man, dass die römischen Soldaten um den Rock von Jesus Christus würfelten, und es kann gut sein, dass sie dabei ihre Stiefel als Würfelbecher benutzten, die man ja auch jetzt noch manchmal scherzhaft als „Knobelbecher“ bezeichnet.
 Überhaupt die Würfelbecher. Sie gehörten zumindest bei den Römern unbedingt zum Spiel, sollten sie doch Mogelei und Betrug verhindern oder wenigstens, dass jemand sich die Würfel so in die Hand legte, dass sie mit einem kurzen Wurf die gewünschten Augen zeigten. Sogar Würfeltürme setzte man ein, Kästchen aus Holz oder Metall, die im Inneren schiefe Ebenen oder Verstrebungen enthielten, damit der Wurf wirklich nur dem Zufall unterläge. Natürlich existierten manipulierte Würfel, wo die Seite mit der Sechs künstlich beschwert war. Vielleicht landete der in Rinteln gefundene, sehr gut erhaltene Würfel genau aus so einem Grund in der Abfallgrube?
 „Ich weiß noch ganz genau, wie es war, als ich den Würfel fand“, sagt Ronald Reimann, der als ehrenamtlicher Beauftragter für Archäologie im Landkreis Schaumburg zusammen mit Mitarbeitern der Firma ArchäoFirm und Ausgrabungsleiterin Freya Tröger im vergangenen Jahr die Überbleibsel der kleinen Germanensiedlung untersuchte. Es regnete, der Matsch klebte an den Stiefeln, es war mühsam, mit der Maurerkelle Bodenschichten abzutragen an einer Stelle, wo die Bodenverfärbung auf eine Abfallgrube hinwies. „Und da kam mir etwas entgegengerollt, ein Stein, an dem Erde haftete, dachte ich zuerst, bis ich die geglätteten Kanten bemerkte und dann die Kennzeichnungen, die kleinen runden ,Augen‘. Ich war so was von glücklich!“ Im ganzen Elbe-Weserdreieck wurden bisher weniger als 25 Würfel gefunden, und nun das.
 Da scheint es kaum von Belang zu sein, dass es sich bei diesem Blei-Bronze-Würfel nur um billige Massenware handelt, mit der die Römer wohl gute Geschäfte machen konnten, gab es doch bei ihnen bereits das Handwerk des Würfelmachers, die neben einfachen Knochenwürfeln, solchen aus Terrakotta und den Metallwürfeln auch wertvolle Exemplare aus Gold, Silber oder sogar Bergkristall herstellten. Letztere waren etwas ganz Besonderes, konnte man sie doch, weil sie durchsichtig waren, nicht leicht mit heimlichen Gewichten manipulieren. Knochenwürfel schnitzten sich die Spieler oftmals selbst. Allerdings ist anzunehmen, dass selbst gemachte Würfel noch leichter in den Verdacht geraten konnten, dass es bei ihnen eventuell nicht mit rechten Dingen zugehen könnte.
 „Für mich, für Archäologen, ist dieser Würfel ein sehr wertvoller Gegenstand“, sagt Ronald Reimann. „Auch Gewandfibeln, die wir fanden, können sehr schön sein, und es war auch spannend, mit dem Metalldetektor auf einige römische Münzen zu stoßen. Doch sind Würfel eben viel seltener. Mein Würfel wurde als Rarität von überregionaler Bedeutung eingestuft und sogar in der Zeitschrift ,Archäologie in Deutschland‘ beschrieben.“  Was ihn besonders fasziniert habe: dass die Germanen, die keinerlei Schriftzeichen kannten, durch die Würfel doch mit „Zeichen“ zu tun hatten, zumindest mit Symbolen für die Zahlen eins bis sechs.
 Auf Wandbildern in der einst von Vulkanasche verschütteten Stadt Pompeji sieht man immer wieder Gastgesellschaften beim Würfeln zusammensitzen. Welchen Spielregeln genau sie dabei folgten, weiß man nicht, aber meistens wird es wohl simpel darum gegangen sein, wer mit drei Würfeln die höchste Augenzahl erreichen konnte. Erfunden wurde das Würfeln aber nicht von den Römern, die sich selbst Gedanken darüber machten, wem sie das Spiel wohl zu verdanken hätten. Der Philosoph Platon meinte, es seien die Ägypter gewesen, diese zumindest besaßen recht absonderliche Würfel, darunter solche in Stab- oder Pyramidenform, dazu oftmals mit Buchstaben anstelle von Zahlen versehen.
 Andere Autoren tippen auf die Etrusker als Würfelspiel-Erfinder, wieder andere auf die Griechen. Letztere ersparten sich oftmals die handwerkliche Herstellung von Würfeln, indem sie mit Knöchelchen spielten, die aus den Sprunggelenken von Ziege, Schaf oder Kuh stammten, Astragale genannt. Die kleinen Knochen haben vier Seiten, auf die sie fallen können, wobei derjenige die meisten Punkte bekam, dem es gelang, die vier im Spiel eingesetzten Astragale auf ihre Schmalseiten fallen zu lassen. Nicht nur solche Knochen fanden Archäologen, sondern auch kostbare Nachahmungen aus Marmor, Elfenbein oder Gold.
 Es gibt Historiker, die bezweifeln, dass die Römer wirklich so spielsüchtig waren, wie es aus manchen Quellen hervorzugehen scheint. Schließlich durften sie ja eigentlich gar keine Glücksspiele machen. Außer zur Zeit der Saturnalien, dem mehrtägigen Fest im Dezember, welches dem heutigen Karneval insofern ähnelt, als dass gängige Regeln und Standesunterschiede aufgehoben wurden und man Dinge erlaubte, die sonst ein Tabu waren – darunter eben auch das Würfelspiel um Geld und Gut. Wo aber etwas bei Strafe verboten werden muss, da spielt die verbotene Sache gemeinhin eine große Rolle. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Tacitus nur von dem Alltags-Laster der Römer ablenken wollte, wenn er speziell die Germanen zu Würfelspiel-Verrückten erklärte.

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