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Hansa-Weg: Auf Schusters Rappen

Thema des Tages Hansa-Weg: Auf Schusters Rappen

„Hansa“ kennt man als Fußballklub oder Bier oder von der Schule. Hanse war ja ein Städtebund. „Hansa“ heißt auch der fast 80 Kilometer lange Wanderweg von Herford bis Hameln. Dieser trägt jetzt das Qualitätssiegel des Deutschen Wanderverbandes. Man folgt immer der Wegmarkierung X 9. Ein Weg mit vielen Ausblicken.

Landkreis. Man kann den X 9 über Bad Salzuflen, Lemgo und Aerzen auch so beschreiben: Er beginnt mit einem ausgedehnten Spaziergang durch eine parkähnliche Landschaft, gefolgt von einer Trainingsstrecke wie für eine Alpenüberquerung, in der dritten und vierten Etappe wandert man wie durch Gemälde der Romantik. Beim Endspurt lockt das kühle Bier im Waldgasthaus Finkenborn auf dem Klüt.
Es gibt sie tatsächlich noch die Traumpfade in lichten Buchenwäldern. Lipper Bergland ist wörtlich zu nehmen. Man muss jede besteigen. Jede Kuppe. Vor allem auf der Etappe von Lemgo bis Burg Sternberg geht es rauf und runter. „Knieschnacklergelände“ würde ein Bayer dazu sagen.
Doch ganz lässt sich die Zivilisation in der dicht besiedelten Landschaft nicht ausblenden. Man wandert eben von Stadt zu Stadt. Das hat einen Vorteil: Langweilig wird es nicht.
Es ist der beste 360-Grad-Rundumblick des X 9: die Hohe Asch (371 Meter). Der Aussichtsturm selbst hat den Charme einer Konservendose. Die bunten Bemalungen, die die zwölf Dörfer im Extertal symbolisieren sollen, verstärken diesen Eindruck noch. Oben drauf jede Menge Antennen-Technik. 70 Stufen führen auf eine Eisenplattform. Dafür ist der Ausblick grandios. Bei gutem Wetter geht der Blick bis zum Hermannsdenkmal und zur Porta Westalica.
Der Auftakt ab Herford ist schon Programm: Kultur plus Natur. Marta, das Museum in Herford ist Pflicht, die wilde Architektur des amerikanischen Star-Architekten Frank Gehry aus Edelstahl und Backstein lässt staunen. Eineinhalb Stunden flaniert der Wanderer durch die Stadt von Grünanlage zu Grünanlage.
Es ist auch ein Marsch die soziale Leiter hinab: von den Gründervillen, in denen die Rechtsanwälte und Ärzte wohnen, über im Wirtschaftswunder hochgezogenen Beamtenheime bis zu den Hartz-IV-Quartieren mit verrostetem Gestänge für Wäscheleinen. Erst ist links oder rechts der Fluss, die Werre, dann wird man von dem Plop-Plop auf Tennisplätzen begleitet. Am Ziel in Bad Salzuflen mit seinen sehenswerten Salinen mitten in der Stadt lockt müde Wanderbeine das Thermalbad Vitasol.
Wer montags auf der Etappe des X 9 von Bad Salzuflen nach Lemgo ohne Marschverpflegung loslegt, wird leiden: Die im Wanderprospekt avisierten Lokalitäten haben nämlich geschlossen. Den Wanderer erwartet ein Wegemix: Idyllische Pfade durch lichten Buchenwald wechseln mit Harvester-Pisten.
Grundsätzlich kann man den Hansa-Weg ab Herford mit etwas Orientierungssinn (immer nach Osten) nach den Markierungen laufen, wenn man auch an manchen Wegekreuzungen die X 9 auf schwarzem Grund erst nach Suchen entdeckt. Doch ernsthaft verirren kann sich niemand. Und wenn, ist es auch keine Katastrophe: Die rettende Zivilisation ist von keinem Wegpunkt weiter als 30 Gehminuten entfernt, gleichgültig in welche Richtung.
Es gibt mäandernde Bäche unter grünem Dach die für ein, zwei Stunden die Illusion vermitteln man sei da, wo man sich hin gewünscht hat, inmitten unberührter Natur. Und man hört auf vielen Kilometern nicht mehr als Vogelgezwitscher. Und das ist in der relativ dicht besiedelten Landschaft eine Leistung der Wegeplaner.
Da kann man die Berührungspunkte mit der Hardcore-Zivilisation ausblenden wie die Autobahnüberquerung (vor Bad Salzuflen) und den Übergang über die viel befahrene Extertalstraße vor Bösingfeld. Man wandert durch oder entlang etlicher „-trups“ wie Hillentrup, Schwelentrup und so weiter. Trup oder dröp steht dabei für Dorf und ist gleichzusetzen mit bäuerlicher Siedlung. Man trifft unterwegs auf fünf Türme, nicht immer sind sie offen.
Der Preis des „schön wandern“ sind Schleifen und Umwege. Viele lohnen. Manche nicht. Wie der Steinberg bei Schwelentrup (mit 395 Metern die höchste Erhebung der Strecke). Wer durch Hohlwege und Tannen die Steigung hochgekeucht ist, wird von einem Bagger zugedröhnt, irrt über staubige Wege und eine betonierte Plattform auf der Suche nach der nächsten vertrauten Wegemarkierung.
Hier war eine Wegmarke des Kalten Krieges, eine niederländische und amerikanische Raketenstation. Die letzten Gebäude sind 2010 abgerissen worden. 1998 hat der Nabu-Kreisverband Lippe das Gelände gekauft und begonnen, es wieder in Natur zu verwandeln. Man kann also hoffen. Wer hier bergauf seine Kinder bei Laune halten will, muss viele Smarties einstecken.
Der schönste Ausblick dieser Etappe von Lemgo nach Burg Sternberg tut sich dafür zwei Kilometer weiter am Waldesrand auf, in der Nähe von Alt Sternberg. Eine Wiese lädt zur Rast ein, und man kann Schäfchen auf der Weide zählen.
Ab Reine (dort verläuft die Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen) waren die Pfadfinder nicht immer erfolgreich auf der Suche nach dem besten aller Wege. Dort trottet man viel über Schotter, breite Forstwege und Asphalt. Die Etappe von Burg Sternberg zum Klütturm in Hameln (oder umgekehrt) kann man zwar am Stück laufen, muss man aber nicht. Man hätte dann nämlich 35 Kilometer auf dem Wandertacho, inklusive diverser Höhenmeter. Einem normalen Wanderer macht das keinen Spaß mehr. Die Wirtin auf Burg Sternberg berichtet von entnervten und entkräfteten X-9-lern aus Hameln, die spätabends im Hotel in der „Kutscherstube“ am Tresen nach ihrem zweiten Bier eingeschlafen sind. Außerdem lohnt ein Stopp in Aerzen. Die Terrasse der Waldquelle. Und hier gibt es auch eine Übernachtungsmöglichkeit, ab Juni sogar im Baumhotel.
Wer nach der „Waldquelle“ aus dem Wald tritt und vor sich einen präzise kurz geschnittenen Rasen erblickt, sollte bei dem Ruf „Fore!“ (hört sich „Foooor!“ an) stehen bleiben und in Deckung gehen. Denn da könnte gerade ein hart geschlagener Golfball etwas von der Ideallinie abgekommen sein und in die Büsche donnern: Der X 9 führt hier nämlich teilweise über den Golfplatz des Hamelner Golfklubs.
Schaut man hinter die Kulissen, wie ein Qualitätswanderweg wie der Hansa-Weg entwickelt wird, beantwortet sich manche Frage, die man sich unterwegs gestellt hat. Der Wanderweg führt durch zwei Länder (Niedersachsen und Nordrheinwestfalen), damit gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten. Bei einer Wegefindung reden auch viele mit: Grundeigentümer, Tourismusverbände, Gemeinden, Landkreise, Landwirte, der Waldbauernverband, Förster. Jeder mit seinen jeweils eigenen Interessen und Befindlichkeiten. So sind die Wegeplaner beim Waldbauernverband nicht immer auf Gegenliebe gestoßen, als sie die Route verändert wollten. Wie schwer die Wegefindung oft ist, macht Helmut Bangert, Wegewart des Teutoburgerwaldvereins (THW), an einem Beispiel deutlich: Reine. Dort hätten sich Grundstückseigentümer bereit erklärt, dass Wanderer über ihr Grundstück laufen dürfen, andere eben nicht. Deshalb muss man auch ein Stück die Kreisstraße entlang.
Viele Wegweiser stehen im Walde, die Hälfte sinnlos. Man muss nicht alle fünf Kilometer wissen, wie weit es noch bis zum Etappenziel ist. Eine Markierung tut es auch. Auch das weiß Bangert. Was eben daran liegt, dass hier viele Köche mitmischen.
Alle drei Jahre überprüft der Deutsche Wanderverband stichpunktartig, ob so ein Qualitätswanderweg noch die Kriterien erfüllt, sagt Jens Kuhr, Pressesprecher des Wanderverbandes in Kassel. Dabei gilt es, jeweils auf Vier-Kilometer-Etappen Pluspunkte zu sammeln. Wobei dem Wanderverband klar ist, dass sich der Wanderer auch auf einem „Qualitätswanderweg“ in einem dicht besiedelten Land bewegt, das bedeutet, man muss Kompromisse machen. So kann man beispielsweise eine Schotterpiste verschmerzen, wenn man links und rechts einen grandiosen Ausblick hat.

Weitere Infos gibt es beim Touristikzentrum Westliches Weserbergland und im Internet unter Hansa-Weg.

Von Hans Weimann

Die Etappen des Hansa-Weges

Herford-Bad Salzuflen (15 Kilometer): Highlight: Marta, das Museum in Herford, muss man gesehen haben, die Salinen in Bad Salzuflen, die Vitasoltherme (zum Entspannen sehr zu empfehlen). Abtörnend: Autobahnüberquerung. Aber es geht nicht anders.
Bad Salzuflen-Lemgo (19 Kilometer): Highlight: der Aufstieg zum zweiten Bismarckturm, die Wege durch lichte Buchenwälder. Abtörnend: Wer in Lemgo übernachten will, muss noch zwei bis drei Kilometer hinab in die Stadt.
Lemgo-Burg Sternberg (25 Kilometer): Nix für Weicheier. Dafür tolle Ausblicke. Highlight: Burg Sternberg, Hausmannskost, Kutscherstube. Abtörnend: die Schleife über den Steinberg.
Burg-Sternberg-Waldquelle Aerzen (25 Kilometer): Highlight: viele schöne Ausblicke, der Aussicht vom Turm Hohe Asch. Abtörnend: viele Forst- und Wirtschaftswege
Aerzen-Hameln (11 Kilometer): Highlight: Blick vom Klütturm auf Hameln, ein Bier oder Kaffee im Finkenborn. Abtörnend: Diese Etappe fällt bei der Wegführung gegenüber den anderen ab.

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